Überblick

Das reale BIP-Wachstum im ersten Quartal 2019 fiel zwar stärker aus als erwartet, doch deuten die jüngsten Indikatoren auf ein schwächeres Wachstum im zweiten Quartal und einen moderaten Anstieg im restlichen Jahresverlauf 2019 hin. Die Vertrauensindikatoren haben sich in den letzten Monaten in den Ländern des Euro-Währungsgebiets weiter verschlechtert, insbesondere in Sektoren, die vom weltweiten Handel abhängig sind. Verantwortlich hierfür ist die fortdauernde Schwäche des Welthandels vor dem Hintergrund anhaltender globaler Unsicherheiten wie etwa der Gefahr einer Verschärfung protektionistischer Maßnahmen und der Möglichkeit eines ungeordneten Brexit. Diese Faktoren belasten die Auftragslage im Exportgeschäft und die Produktionserwartungen des verarbeitenden Gewerbes und dürften die Konjunktur des Euro-Währungsgebiets auf kurze Sicht weiterhin bremsen. Im binnenwirtschaftlich orientierten Dienstleistungssektor und Baugewerbe war die Stimmung in den letzten Monaten unterdessen robuster, und die Arbeitsmarktlage hat sich weiter verbessert. Insgesamt sind die binnenwirtschaftlichen Fundamentalfaktoren, die das Wachstum im Euroraum unterstützen sollten, d. h. der ausgesprochen akkommodierende geldpolitische Kurs, die steigenden Löhne und eine leichte finanzpolitische Lockerung, im Großen und Ganzen weiterhin gegeben. Darüber hinaus dürfte sich die Auslandsnachfrage im Laufe des Jahres 2019 allmählich erholen und im weiteren Verlauf des Projektionszeitraums für einen stärkeren Impuls sorgen. Insgesamt wird das Wachstum des realen BIP von 1,8 % im Jahr 2018 auf 1,2 % im Jahr 2019 zurückgehen und dann in den Jahren 2020 und 2021 auf 1,4 % steigen. Gegenüber den Projektionen vom März 2019 wurde das Wachstum des realen BIP im Jahr 2019 leicht nach oben korrigiert, da die positiven Auswirkungen eines unerwartet starken ersten Quartals die Abwärtskorrekturen für die folgenden Quartale, die vor allem durch die länger anhaltende Schwäche des Welthandels bedingt sind, mehr als ausgleichen. Das bedeutet einen schwächeren statistischen Überhang für das Jahr 2020. Darüber hinaus wurden die mittelfristigen Projektionen geringfügig nach unten korrigiert.

Die HVPI-Inflation dürfte sich im laufenden Jahr abschwächen, danach aber wieder erholen und bis 2021 auf 1,6 % ansteigen. Die Teuerungsrate für Energie wird aufgrund abwärtsgerichteter Basiseffekte und der Annahme etwas niedrigerer Ölpreise auf kurze Sicht weiter zurückgehen und sich danach stabilisieren. Die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel wird, von dem erwarteten Wirtschaftswachstum getragen, allmählich anziehen. Gleichzeitig werden sich die in der Vergangenheit gestiegenen Arbeitskosten auf die Preise auswirken, und die Gewinnmargen werden sich erholen. Im Vergleich zu den Projektionen vom März 2019 wurde die HVPI-Inflation für 2019 aufgrund höherer Ölpreise geringfügig nach oben und für 2020 aufgrund der Annahme stärker sinkender Ölpreise leicht nach unten korrigiert. Angesichts schwächerer Daten wurde die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel auf kurze Sicht leicht nach unten korrigiert[1].


1 Realwirtschaft

Das reale BIP des Euroraums stieg im ersten Quartal 2019 wieder an, wofür unter anderem einige temporäre positive Faktoren ausschlaggebend waren (siehe Abbildung 1). Das höhere Wachstum des realen BIP, 0,4 % im ersten Quartal 2019 nach 0,2 % im Schlussquartal 2018 , hing zum Teil mit spezifischen Faktoren zusammen, die das Wachstum vorübergehend ankurbelten. Einige Länder profitierten von einem Anstieg der Auslandsnachfrage aufgrund der außergewöhnlich starken Importnachfrage aus dem Vereinigten Königreich im Vorfeld des ursprünglichen Brexit-Termins. In Deutschland zog darüber hinaus der private Verbrauch wieder kräftig an, da die privaten Pkw-Neuzulassungen nach Produktionsunterbrechungen in der Autoindustrie im zweiten Halbjahr 2018 merklich zulegten. Die privaten Konsumausgaben erhielten auch durch finanzpolitische Maßnahmen Auftrieb, die im ersten Quartal wirksam wurden und in diesem Quartal auch die größten Auswirkungen haben dürften. Ferner profitierte das Baugewerbe von der milden Witterung in einigen Ländern. In Italien spiegelte das stärkere Wachstum einen leichten Wiederanstieg der Produktion im verarbeitenden Gewerbe wider, nachdem diese Ende 2018 aufgrund der politischen Unsicherheit eingebrochen war.

Abbildung 1

Reales BIP des Euro-Währungsgebiets

(Veränderung gegen Vorquartal in %, saison- und arbeitstäglich bereinigte Quartalswerte)

Anmerkung: Die rund um den Projektionspfad dargestellten Bandbreiten basieren auf Differenzen zwischen den tatsächlichen Ergebnissen und früheren, über mehrere Jahre hinweg erstellten Projektionen. Die Bandbreiten entsprechen dem Durchschnitt des absoluten Werts dieser Differenzen, multipliziert mit zwei. Die zur Berechnung der Bandbreiten verwendete Methode, die auch eine Bereinigung um außergewöhnliche Ereignisse beinhaltet, wird in der EZB-Publikation New procedure for constructing Eurosystem and ECB staff projection ranges vom Dezember 2009 dargelegt, die auf der Website der EZB abrufbar ist.

Die Indikatoren weisen in der kurzen Frist auf eine Abschwächung des Wachstums hin, nach einer relativ starken Entwicklung im ersten Quartal. Der von der Europäischen Kommission erstellte Indikator der wirtschaftlichen Einschätzung ist in den letzten Monaten insgesamt weiter zurückgegangen, wobei diese Entwicklung über die Länder des Euroraums hinweg breit angelegt war und der Indikator sich seinem längerfristigen Durchschnitt näherte. Ausschlaggebend für diesen Rückgang war in erster Linie eine weitere Verschlechterung der Stimmung im verarbeitenden Gewerbe, die auf eine negativere Einschätzung der derzeitigen Auftragslage und weniger optimistische Produktionserwartungen zurückzuführen war. Dies scheint die anhaltende Schwäche des Welthandels sowie die Auswirkungen der weltweiten Unsicherheit widerzuspiegeln, die insbesondere im Zusammenhang mit globalen Handelskonflikten und dem Brexit besteht. Demgegenüber blieb die Stimmung im stärker binnenwirtschaftlich orientierten Dienstleistungssektor und Baugewerbe in den letzten Monaten weitgehend unverändert, und auch das Verbrauchervertrauen blieb relativ stabil. Diese Unterschiede zwischen den Sektoren werden von den jüngsten Entwicklungen der Einkaufsmanagerindizes bestätigt. So lagen die Werte für das verarbeitenden Gewerbe nach wie vor weit unterhalb der Wachstumsschwelle von 50 Punkten, die Indizes für den Dienstleistungssektor und den Bausektor indessen deutlich darüber. Insgesamt deuten die jüngsten Indikatoren auf eine Wachstumsverlangsamung im zweiten Quartal vor allem in Deutschland und Italien hin, die unter anderem auf das Abklingen der temporären Belebung im ersten Quartal zurückzuführen ist.

Auf mittlere Sicht wird im Basisszenario von einem allmählichen Abflauen der widrigen globalen Faktoren ausgegangen, wodurch wachstumsfördernde fundamentale Faktoren im Euroraum wieder an Dynamik gewinnen dürften (siehe Tabelle 1). Im Basisszenario wird unterstellt, dass es zu einem geordneten Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union kommen und sich der aktuelle Grad an Unsicherheit in Bezug auf die künftige Entwicklung des Welthandels allmählich normalisieren wird und insbesondere dass es abgesehen von den bereits angekündigten keine weiteren protektionistischen Maßnahmen geben wird. Das Abklingen dieser widrigen Faktoren schafft Raum für einige begünstigende fundamentale Faktoren. Es wird davon ausgegangen, dass der geldpolitische Kurs der EZB sehr akkommodierend bleiben und weiterhin auf die Wirtschaft durchwirken wird. Getragen von niedrigen Zinsen und günstigen Kreditvergabebedingungen sowohl für private Haushalte als auch für nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften dürfte die Kreditvergabe an den nichtfinanziellen privaten Sektor gegen Ende des Projektionszeitraums moderat zunehmen. Zudem wird die nachlassende Notwendigkeit des Abbaus von Schulden in den einzelnen Sektoren zu einer dynamischen Entwicklung der privaten Ausgaben beitragen. Steigende Löhne und das zunehmende Nettovermögen sowie der Rückgang der Arbeitslosigkeit sollten dem Wachstum der privaten Konsumausgaben und der Wohnungsbauinvestitionen zugutekommen. Die Ausfuhren des Euroraums dürften von der projizierten Erholung der Auslandsnachfrage profitieren. Der finanzpolitische Kurs wird den Erwartungen zufolge über den gesamten Projektionszeitraum leicht expansiv sein (siehe Abschnitt 3).

Allerdings dürfte das Abklingen einiger wachstumsfördernder Faktoren zu einem schwächeren Wachstum gegen Ende des Projektionszeitraums führen. Den technischen Annahmen zufolge werden die Nominalzinssätze niedrig bleiben, über den Projektionszeitraum jedoch leicht steigen. Nach einem längeren Zeitraum mit geringem Unternehmervertrauen und aufgrund des Auslaufens einiger Steueranreize wird eine deutliche Abschwächung der Unternehmensinvestitionen im Projektionszeitraum erwartet. Die zunehmend bremsende Wirkung des Arbeitskräftemangels in einigen Ländern sowie höhere Lohnkosten dürften auf mittlere Sicht das Beschäftigungswachstum verlangsamen.

Tabelle 1

Gesamtwirtschaftliche Projektionen für das Euro-Währungsgebiet)

(Veränderung gegen Vorjahr in %)

Anmerkung: Das reale BIP und seine Komponenten, die Lohnstückkosten, das Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer und die Arbeitsproduktivität beziehen sich auf saison- und arbeitstäglich bereinigte Daten.
1) Die bei der Darstellung der projizierten Werte verwendeten Bandbreiten basieren auf den Differenzen zwischen den tatsächlichen Ergebnissen und früheren, über mehrere Jahre hinweg erstellten Projektionen. Die Bandbreiten entsprechen dem Durchschnitt des absoluten Werts dieser Differenzen, multipliziert mit zwei. Die zur Berechnung der Bandbreiten verwendete Methode, die auch eine Bereinigung um außergewöhnliche Ereignisse beinhaltet, wird in der EZB-Publikation New procedure for constructing Eurosystem and ECB staff projection ranges vom Dezember 2009 dargelegt, die auf der Website der EZB abrufbar ist.
2) Einschließlich des Handels der Euro-Länder untereinander.
3) Der Teilindex basiert auf Schätzungen tatsächlicher Auswirkungen indirekter Steuern. Es könnten sich hier Unterschiede zu Eurostat-Daten ergeben, da diese auf der Annahme beruhen, dass steuerliche Effekte vollständig und unmittelbar auf den HVPI durchwirken.
4) Berechnet als öffentlicher Finanzierungssaldo, bereinigt um vorübergehende Effekte des Konjunkturzyklus und befristete staatliche Maßnahmen.

Das Wachstum des real verfügbaren Einkommens dürfte 2019 anziehen, bevor es sich 2020 und 2021 abschwächt. Maßgeblich für die Zunahme im Jahr 2019 sind ein Anstieg des nominal verfügbaren Einkommens und ein Rückgang der Verbraucherpreisinflation. Den Erwartungen zufolge werden sowohl das nachlassende Wachstum des nominalen Einkommens als auch die allmählich steigende Inflation das Wachstum des realen Einkommens in den Jahren 2020 und 2021 dämpfen. Der Beitrag der Bruttolöhne und -gehälter zum Wachstum des nominal verfügbaren Einkommens dürfte 2019 und 2020 (aufgrund der Auswirkungen eines schwächeren Beschäftigungszuwachses) etwas sinken und 2021 weitgehend unverändert bleiben. Die sonstigen privaten Einkünfte dürften über den Projektionszeitraum hinweg weitgehend im Einklang mit den (am Bruttobetriebsüberschuss gemessenen) Gewinnen moderat steigen. Vor dem Hintergrund der Senkung direkter Steuern bei einem gleichzeitigen Anstieg der Transferzahlungen an private Haushalte wird für 2019 erstmals seit 2010 wieder mit einem positiven Beitrag der Nettotransferleistungen gerechnet. Angesichts geringerer Transferzahlungen an private Haushalte und allmählich steigender Einnahmen aus direkten Steuern dürfte der Beitrag 2020 und 2021 weitgehend neutral ausfallen.

Die privaten Konsumausgaben dürften sich über den Projektionszeitraum hinweg solide entwickeln. Getragen von einem robusten Wachstum des real verfügbaren Einkommens hat sich ihr Wachstum den Schätzungen nach im ersten Quartal 2019 beschleunigt. Mit Blick auf die Zukunft deuten ein nach wie vor relativ starkes Verbrauchervertrauen, erwartete Verbesserungen der Arbeitsmarktlage sowie steigende Reallöhne je Arbeitnehmer auf ein kräftiges Konsumwachstum in den nächsten Quartalen hin, das durch den positiven Effekt einer finanzpolitischen Lockerung in einigen Ländern noch verstärkt wird. Es wird davon ausgegangen, dass der private Verbrauch im Anschluss hieran durch die erwartete allmähliche Verlangsamung des Beschäftigungswachstums und neutralere Finanztransfers belastet wird.

Die günstigen Finanzierungsbedingungen und das zunehmende Nettovermögen dürften das Wachstum der privaten Konsumausgaben fördern. Den Projektionen zufolge werden die nominalen Kreditzinsen der Banken über den Projektionszeitraum hinweg leicht ansteigen, aber auf niedrigem Niveau bleiben. Aufgrund der langen Laufzeit der Kredite an private Haushalte und des relativ geringen Anteils variabel verzinslicher Schuldtitel der privaten Haushalte dürften die Auswirkungen steigender Bankkreditzinsen auf die Bruttozinszahlungen begrenzt sein. Daher wird davon ausgegangen, dass die Bruttozinszahlungen auf einem niedrigen Niveau bleiben und somit weiterhin die privaten Konsumausgaben stützen werden. Gleichzeitig dürften die Bruttozinserträge vor allem aufgrund des weiterhin wachsenden Bestands an zinstragenden Vermögenswerten leicht steigen. Ferner wird wegen der anhaltend robusten Bewertungsgewinne aus dem Immobilienbestand eine weitere Zunahme des Nettovermögens projiziert. Zusammen mit den beim Verschuldungsabbau erzielten Fortschritten sollte sich das steigende Nettovermögen auch positiv auf die Konsumausgaben auswirken.

Kasten 1
Technische Annahmen im Hinblick auf Zinssätze, Wechselkurse und Rohstoffpreise

Im Vergleich zu den Projektionen vom März 2019 enthalten die technischen Annahmen höhere Ölpreise und niedrigere Zinssätze. Die technischen Annahmen zu den Zinssätzen und Rohstoffpreisen beruhen auf den Markterwartungen; Redaktionsschluss war der 15. Mai 2019. Die Kurzfristzinsen beziehen sich auf den Dreimonats-EURIBOR, wobei die Markterwartungen von den Zinssätzen für Terminkontrakte abgeleitet werden. Bei Anwendung dieser Methode ergibt sich für die Kurzfristzinsen ein Durchschnittsniveau von -0,3 % für 2019, -0,3 % für 2020 und -0,2 % für 2021. Die Markterwartungen bezüglich der nominalen Renditen zehnjähriger Staatsanleihen im Eurogebiet implizieren ein durchschnittliches Niveau von 0,8 % im Jahr 2019, 0,9 % im Jahr 2020 und 1,1 % im Jahr 2021.[2] Gegenüber den Projektionen vom März 2019 wurden die Markterwartungen hinsichtlich des Niveaus der Kurzfristzinsen für 2020 um etwa 10 Basispunkte und für 2021 um etwa 20 Basispunkte nach unten korrigiert, während die nominalen Renditen zehnjähriger Staatsanleihen im Euroraum für 2019 und 2020 um etwa 30 Basispunkte und für 2021 um etwa 40 Basispunkte nach unten korrigiert wurden.

Was die Rohstoffpreise betrifft, so wird anhand der von den Terminmärkten nach dem Durchschnitt der zwei Wochen bis zum Redaktionsschluss am 15. Mai 2019 abgeleiteten Entwicklung damit gerechnet, dass der Preis pro Barrel für Rohöl der Sorte Brent von 71,1 USD im Jahr 2018 auf 68,1 USD im Jahr 2019 sinkt und in der Folge weiter auf 62,7 USD im Jahr 2021 zurückgeht. Somit sind die auf US-Dollar lautenden Ölpreise gegenüber den Projektionen vom März 2019 über den gesamten Projektionszeitraum zwar höher, die rückläufige Tendenz ist aber viel stärker ausgeprägt. Die in US-Dollar gerechneten Preise für Rohstoffe ohne Energie dürften im Jahr 2019 niedriger ausfallen, in den folgenden Jahren des Projektionszeitraums aber wieder ansteigen.

Es wird angenommen, dass die bilateralen Wechselkurse über den Projektionshorizont hinweg unverändert auf dem durchschnittlichen Niveau bleiben, das im Zweiwochenzeitraum bis zum Redaktionsschluss am 15. Mai 2019 vorherrschte. Dies impliziert einen durchschnittlichen USD/EUR-Wechselkurs von 1,12 in den Jahren 2019 bis 2021, der damit 1,7 % niedriger ist als in den Projektionen vom März 2019 angenommen. Der effektive Wechselkurs des Euro (gegenüber 38 Handelspartnern) blieb im Vergleich zu den Projektionen vom März 2019 weitgehend unverändert.

Technische Annahmen

Das Wachstum der Wohnungsbauinvestitionen dürfte sich, wenn auch in einem moderateren Tempo, fortsetzen. Das robuste Vertrauen im Baugewerbe und eine steigende Zahl erteilter Baugenehmigungen deuten auf ein anhaltendes Wachstum der Wohnungsbauinvestitionen in den nächsten Quartalen hin. Dennoch dürfte die Dynamik nachlassen. Auf eine solche Verlangsamung deuten die jüngsten Umfragen hin, aus denen ein Rückgang des Anteils der Haushalte hervorgeht, die im kommenden Jahr Modernisierungsmaßnahmen planen. Die Abschwächung könnte auch die Folge einer zunehmend bremsenden Wirkung von Kapazitätsengpässen im Baugewerbe sowie ungünstiger demografischer Trends in einigen Ländern sein.

Die Unternehmensinvestitionen dürften über den Projektionszeitraum hinweg steigen, allerdings in einem eher verhaltenen Tempo. Die Unternehmensinvestitionen haben sich den Schätzungen zufolge im ersten Quartal 2019 verlangsamt und dürften auch im weiteren Jahresverlauf recht verhalten bleiben. Grund hierfür sind die relative Schwäche des Welthandels sowie anhaltende Bedenken im Zusammenhang mit der globalen Handelspolitik, einem ungeordneten Brexit und einem Hard-Landing-Szenario in China. Generell aber dürften mehrere günstige fundamentale Faktoren die Unternehmensinvestitionen im Euroraum weiter stützen. Erstens liegt die Kapazitätsauslastung nach wie vor über ihrem langfristigen Durchschnitt, und außergewöhnlich viele Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes führen Ausrüstungsmangel als produktionshemmenden Faktor an. Zweitens dürften die Finanzierungsbedingungen über den Projektionszeitraum hinweg vorteilhaft bleiben. Drittens dürften die Gewinne steigen, wodurch der von den Unternehmen in den letzten Jahren aufgebaute umfangreiche Überhang an liquiden Aktiva weiter wächst. Viertens erhöhen Unternehmen möglicherweise ihre Investitionen, um arbeitsbezogene angebotsseitige Beschränkungen zu kompensieren.

Kasten 2
Das außenwirtschaftliche Umfeld

Trotz positiver Überraschungen in einigen wichtigen fortgeschrittenen Volkswirtschaften schwächte sich die weltwirtschaftliche Grunddynamik im ersten Quartal 2019 etwas ab. In den Vereinigten Staaten übertraf das Wachstum die Erwartungen. Der positive Beitrag des Außenhandels und der Aufstockung der Lagerbestände glich zum Teil eine schwächere Binnennachfrage infolge des teilweisen Regierungsstillstands wieder aus. Da mit nachlassenden Auswirkungen dieser vorübergehenden Faktoren gerechnet wird, dürfte sich das Wachstum in den Vereinigten Staaten den Projektionen zufolge auf kurze Sicht verlangsamen. Ebenso spiegelt ein überraschend starkes Wachstum des realen BIP im Vereinigten Königreich die Auswirkungen vorübergehender Faktoren wider, die mit der umfangreichen Aufstockung von Lagerbeständen im Vorfeld des ursprünglichen Brexit-Termins zusammenhängen könnten. Im Einklang mit den Projektionen vom März kam es zu einer allmählichen konjunkturellen Abkühlung in China.

Die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass sich die weltweite Wachstumsdynamik zu Jahresbeginn etwas abschwächte. Der globale Einkaufsmanagerindex (EMI) für die Produktion in der Gesamtindustrie (ohne Euro-Währungsgebiet) gab im ersten Quartal nach und ging im April weiter zurück. Maßgeblich für die jüngsten Entwicklungen ist eine Verschlechterung im Dienstleistungssektor, der sich allerdings nach wie vor als relativ robust erweist, während im verarbeitenden Gewerbe eine gewisse Stabilisierung eingetreten ist, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Für das laufende Jahr wird angesichts zunehmend widriger Umstände ein geringeres globales Wachstum projiziert. Hierzu zählt unter anderem die weltweite Abkühlung im verarbeitenden Gewerbe und im Handel vor dem Hintergrund einer hohen und zunehmenden politischen Unsicherheit. Diese hat sich angesichts der jüngsten Eskalation des Handelsstreits zwischen den Vereinigten Staaten und China weiter erhöht und belastete die weltweiten Finanzierungsbedingungen besonders in den aufstrebenden Volkswirtschaften. Gleichwohl verleihen die beträchtlichen prozyklischen konjunkturpolitischen Impulse in den Vereinigten Staaten in Form von Steuersenkungen und höheren Staatsausgaben dem US-amerikanischen und dem weltweiten Wachstum im laufenden Jahr nach wie vor Auftrieb. In China geht die Inlandsnachfrage den Projektionen zufolge in der ersten Hälfte des laufenden Jahres weiter zurück, da es einige Zeit in Anspruch nehmen dürfte, bis die vor Kurzem angekündigten staatlichen Stützungsmaßnahmen ihre Wirkung entfalten.[3] Lässt man die kurzfristige Volatilität außer Acht, ist davon auszugehen, dass höhere Ölpreise das Wachstum in den ölexportierenden Ländern unterstützen, in den Einfuhrländern hingegen belasten dürften.

Das globale Wachstum wird sich den Projektionen zufolge auf mittlere Sicht bei rund 3,6 % stabilisieren. Dieser Pfad ist auf der Grundlage von drei wichtigen Entwicklungen gerechtfertigt, die für das projizierte globale Wachstum ausschlaggebend sind. Erstens sollte sich die konjunkturelle Dynamik in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften abschwächen, da Kapazitätsengpässe zunehmend eine hemmende Wirkung entfalten und öffentliche Stützungsmaßnahmen allmählich auslaufen. Dies geschieht vor dem Hintergrund positiver Produktionslücken und niedriger Arbeitslosenquoten in den wichtigsten fortgeschrittenen Volkswirtschaften und einer Belebung der Wirtschaftsaktivität infolge der konjunkturpolitischen Impulse in den Vereinigten Staaten, die 2019 ihren Höhepunkt erreicht. Zweitens wird erwartet, dass China seinen geordneten Übergang zu einem niedrigeren, weniger von Investitionen und Exporten abhängigen Wachstumspfad fortsetzt. Und drittens schließlich spiegelt der Pfad für die weltweite Konjunktur die erwartete Wachstumsbeschleunigung in mehreren wichtigen Schwellenländern wider. Insgesamt sollte sich das globale Expansionstempo im Einklang mit den jüngsten Schätzungen des Potenzialwachstums der verschiedenen Länder bei Wachstumsraten unterhalb des Vorkrisenniveaus einpendeln. Das globale Wirtschaftswachstum (ohne Euro-Währungsgebiet) wird den Projektionen zufolge von 3,8 % im Jahr 2018 auf 3,3 % im laufenden Jahr zurückgehen und für den Zeitraum 2020-2021 leicht auf 3,6 % ansteigen. Im Vergleich zu den Projektionen vom März wurden die globalen Wachstumsprojektionen für das laufende Jahr leicht nach unten korrigiert.

Das außenwirtschaftliche Umfeld

(Veränderung gegen Vorjahr in %)

1) Berechnet als gewichteter Durchschnitt der Importe.
2) Berechnet als gewichteter Durchschnitt der Importe von Handelspartnern des Eurogebiets.

Vor dem Hintergrund einer Abkühlung in der Industriekonjunktur und verschärfter Handelsspannungen hat sich die globale Handelsdynamik weiter abgeschwächt, dürfte sich über den Projektionszeitraum hinweg aber wieder erholen. Da die Auswirkungen der hohen politischen Unsicherheit allmählich nachlassen dürften, werden die weltweiten Importe den Projektionen zufolge im Einklang mit der weltwirtschaftlichen Aktivität auf mittlere Sicht steigen. Weitere Faktoren, die hinter der Erholung des Welthandels stehen, sind unter anderem eine durch die jüngsten politischen Maßnahmen geförderte Verbesserung der Binnennachfrage in China sowie eine erhöhte globale Investitionstätigkeit infolge der jüngsten Lockerung der Finanzierungsbedingungen besonders in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Insgesamt wird die Auslandsnachfrage nach Produkten des Euro-Währungsgebiets, die im letzten Jahr um 3,6 % zugenommen hatte, den Erwartungen zufolge auf 1,7 % im Jahr 2019 sinken, bevor sie sich allmählich wieder erholen und auf 2,6 % im Jahr 2020 und 3,1 % im Jahr 2021 ansteigen wird. Diese Projektionen wurden gegenüber den Projektionen vom März nach unten korrigiert. Die Abwärtskorrekturen sind auf den schwächeren Handel in Asien sowie die geringere Importdynamik einiger wichtiger Handelspartner zurückzuführen, zu denen auch europäische Länder außerhalb des Euro-Währungsgebiets zählen.

Die Ausfuhren in Länder außerhalb des Euroraums dürften den Projektionen zufolge im Jahresverlauf 2019 ein verhaltenes Wachstum aufweisen, bevor sie sich über den restlichen Projektionszeitraum hinweg weitgehend im Einklang mit der Auslandsnachfrage erholen. Nach schwachen Wachstumsraten und dem Verlust von Marktanteilen in den ersten drei Quartalen 2018 entwickelten sich die Ausfuhren in Länder außerhalb des Euroraums im Schlussquartal 2018 überraschend positiv und nahmen stärker zu als die Auslandsnachfrage. Da die Stärke der Exporte im vierten Quartal des vergangenen Jahres zu einem gewissen Grad auf idiosynkratische Faktoren zurückzuführen war und sich kurzfristige Indikatoren nach wie vor verhalten entwickeln, werden angesichts eines ungünstigen internationalen Umfelds und anhaltender globaler Unsicherheit die Ausfuhren in Länder außerhalb des Euroraums den Projektionen zufolge sinken und in der ersten Hälfte 2019 hinter das Wachstum der Auslandsnachfrage zurückfallen. Danach dürften sie sich auf mittlere Sicht erholen und weitgehend im Einklang mit der Auslandsnachfrage steigen. Eine gewisse Verbesserung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit würde zwar eine stärkere Zunahme der Exportmarktanteile begünstigen, allerdings wird dieser Effekt durch die Auswirkungen der Handelsunsicherheit wieder aufgehoben, da die Ausfuhren des Euroraums einen hohen Anteil investitionsbezogener Produkte enthalten, die besonders sensibel auf die nachteiligen Auswirkungen handelspolitischer Unsicherheiten reagieren. Unterdessen wird auf kurze Sicht davon ausgegangen, dass sich auch das Wachstum der Einfuhren aus Ländern außerhalb des Euroraums abschwächt. Das ist sowohl auf die Entwicklung der Ausfuhren an sich als auch auf die schwache Investitionstätigkeit und Konjunkturentwicklung in einigen Ländern des Euroraums zurückzuführen. Auf längere Sicht dürfte sich das Wachstum der Einfuhren aus Ländern außerhalb des Euroraums weitgehend im Gleichlauf mit der Gesamtnachfrage (Binnennachfrage plus Exporte) entwickeln. Insgesamt wird damit gerechnet, dass sich der Beitrag des Außenhandels zum Wachstum des realen BIP im restlichen Jahresverlauf 2019 ins Negative kehrt, bevor er ab 2020 neutral ausfällt.

Bei der Beschäftigung wird den Projektionen zufolge auf kurze Sicht, unter anderem aufgrund temporärer Faktoren, aber auch im weiteren Verlauf des Projektionszeitraums, wenn Engpässe beim Arbeitskräfteangebot zum Tragen kommen, ein verhaltenes Wachstum zu beobachten sein. Den Projektionen zufolge wird sich das Wachstum 2019 verlangsamen, bevor es 2020 wieder leicht anziehen wird. Der für 2019 erwartete Rückgang ist in erster Linie eine verzögerte Reaktion auf die in einigen Ländern schwache Konjunktur. 2020 dürfte sich das Beschäftigungswachstum getragen von einer stärkeren konjunkturellen Entwicklung etwas beschleunigen. 2021 wird es den Projektionen zufolge wieder zurückgehen, da das Arbeitskräfteangebot einem weiteren Beschäftigungswachstum Grenzen setzen dürfte. Gleichzeitig wird damit gerechnet, dass auch die Nachfrage nach Arbeitskräften im Einklang mit der konjunkturellen Abkühlung zurückgehen wird.

Das Wachstum der Erwerbsbevölkerung dürfte sich im Projektionszeitraum abschwächen. Es wird damit gerechnet, dass die Zahl der Erwerbspersonen durch die projizierte Nettozuwanderung von Arbeitskräften, die erwartete Integration von Flüchtlingen und einen anhaltenden Anstieg der Erwerbsbeteiligung weiter zunehmen wird. Diese Faktoren dürften sich allerdings im Projektionszeitraum abschwächen, und der für das Wachstum der Erwerbsbevölkerung nachteilige Effekt der Bevölkerungsalterung wird sich daher den Erwartungen zufolge verstärken, da mehr ältere Arbeitnehmer aus der Erwerbsbevölkerung ausscheiden, als junge Arbeitnehmer nachrücken.

Die Arbeitslosenquote dürfte 2021 auf 7,3 % zurückgehen. Im ersten Quartal 2019 sank sie mit 7,8 % auf den niedrigsten Stand seit dem dritten Quartal 2008. Auf längere Sicht dürfte sie den Projektionen zufolge 2019 weitgehend unverändert auf ihrem aktuellen Niveau bleiben und anschließend zurückgehen. Bis zum Ende des Projektionszeitraums wird die Zahl der Arbeitslosen voraussichtlich um etwa 0,8 Millionen auf 12,9 Millionen zurückgehen, damit jedoch immer noch leicht über dem Tiefstand vor der Krise (12,2 Millionen) bleiben. Der damit einhergehende Rückgang der Arbeitslosenquote dürfte sich zwar auf die einzelnen Länder verteilen, es wird aber immer noch mit erheblichen Unterschieden zwischen den Arbeitslosenquoten der einzelnen Länder gerechnet.

Die Arbeitsproduktivität dürfte sich im Projektionszeitraum wieder erholen. Nach einer starken Dynamik im Jahr 2017 verlangsamte sich das Wachstum der Arbeitsproduktivität je Beschäftigten im Jahr 2018, worin die unerwartete Konjunkturabschwächung zum Ausdruck kam. Im späteren Verlauf des Jahres 2019 ist vor dem Hintergrund einer konjunkturellen Wiederbelebung mit einem moderaten vierteljährlichen Anstieg des Produktivitätswachstums zu rechnen. Mittelfristig dürfte das Wachstum der Arbeitsproduktivität leicht unter dem vor der Krise verzeichneten Durchschnitt (von 1 %[4]) bleiben.

Verglichen mit den Projektionen vom März 2019 wurde die Wachstumsrate des realen BIP für 2019 nach oben und für die Jahre 2020 und 2021 nach unten korrigiert. 2019 gleicht die unerwartet positive Entwicklung im ersten Quartal die Abwärtskorrekturen für das restliche Jahr mehr als aus. Ausschlaggebend hierfür sind a) das Auslaufen temporärer wachstumsfördernder Faktoren aus dem ersten Quartal, b) eine eingetrübte Stimmungslage sowie Abwärtskorrekturen der Auslandsnachfrage, die in erster Linie auf länger anhaltende globale politische Unsicherheiten (z. B. Brexit und Handelskonflikte) zurückzuführen sind, und c) anhaltende politische Unsicherheiten in Italien. Diese Abwärtskorrekturen der kurzfristigen Aussichten führen zu einem schwächeren statistischen Überhang im Jahr 2020. Die mittelfristigen Aussichten wurden nur geringfügig nach unten korrigiert.


2 Preise und Kosten

Die am HVPI gemessene Inflation wird den Projektionen zufolge 2019 im Durchschnitt 1,3 % betragen und danach bis 2021 auf 1,6 % steigen (siehe Abbildung 2). Der Rückgang der Gesamtinflation im Jahr 2019 hängt vor allem mit einer deutlichen Abnahme der HVPI-Energiepreisinflation vor dem Hintergrund abwärtsgerichteter Basiseffekte und leicht rückläufiger in Euro gerechneter Rohölpreise zusammen. Für 2020 und 2021 wird mit einem verhaltenen HVPI-Energiepreisanstieg gerechnet, was zum Teil die leicht abwärtsgerichtete Terminkurve für Ölpreise widerspiegelt. Aufgrund des nachlassenden Preisauftriebs bei Nahrungsmittelrohstoffen dürfte die am HVPI gemessene Teuerung bei Nahrungsmitteln auf kurze Sicht zurückgehen und sich danach um eine Marke von 2 % bewegen. Die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel wird ab Ende dieses Jahres bis 2021 allmählich auf 1,6 % ansteigen. Den Erwartungen zufolge wird sie von der langsameren, aber anhaltenden konjunkturellen Erholung profitieren. Darüber hinaus wird das Lohnwachstum weiterhin von der angespannten Arbeitsmarktlage gestützt, während sich die Gewinne je BIP-Einheit vor dem Hintergrund einer wieder anziehenden Konjunktur und dem Durchwirken vergangener Zunahmen bei den Arbeitskosten auf die Preise erholen dürften. Der binnenwirtschaftliche Kostendruck würde dementsprechend zunehmen. Die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel dürfte ferner von Preissteigerungen bei Rohstoffen ohne Energie profitieren.

Abbildung 2

HVPI des Euro-Währungsgebiets

(Veränderung gegen Vorjahr in %)

Anmerkung: Die rund um den Projektionspfad dargestellten Bandbreiten basieren auf Differenzen zwischen den tatsächlichen Ergebnissen und früheren, über mehrere Jahre hinweg erstellten Projektionen. Die Bandbreiten entsprechen dem Durchschnitt des absoluten Werts dieser Differenzen, multipliziert mit zwei. Die zur Berechnung der Bandbreiten verwendete Methode, die auch eine Bereinigung um außergewöhnliche Ereignisse beinhaltet, wird in der EZB-Publikation New procedure for constructing Eurosystem and ECB staff projection ranges vom Dezember 2009 dargelegt, die auf der Website der EZB abrufbar ist.

Das Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer wird den Projektionen zufolge vor dem Hintergrund weiterer Engpässe an den Arbeitsmärkten von 2,2 % im Jahr 2018 auf 2,5 % im Jahr 2021 steigen. Nach einem sprunghaften Anstieg der Lohnstückkosten im Jahr 2018 im Zusammenhang mit einem konjunkturbedingten Produktivitätsrückgang sowie Einmalfaktoren, die sich auf das Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer auswirkten, dürfte sich das Wachstum der Lohnstückkosten über den Projektionszeitraum hinweg vor dem Hintergrund eines anziehenden Produktivitätswachstums etwas abschwächen, wobei aber höhere Werte zu beobachten sein dürften als in den vergangenen Jahren. Haupttriebfeder des Lohnwachstums ist die voraussichtliche Verknappung des Arbeitskräfteangebots in einigen Teilen des Eurogebiets. Blickt man über die Konjunkturdynamik hinaus, so dürfte auch die in den vergangenen zwei Jahren anziehende Gesamtinflation in den Euro-Ländern zu einem stärkeren Wachstum der nominalen Löhne beitragen, in denen der Lohnbildungsprozess vergangenheitsbezogene Elemente beinhaltet. Zudem haben einige Länder Mindestlohnerhöhungen beschlossen, die auf die Lohnverteilung durchwirken könnten.

Die Gewinnmargen dürften sich über den Projektionszeitraum hinweg besser entwickeln als 2018. Die Gewinnmargen wurden in den vergangenen Quartalen durch einen Anstieg der Lohnstückkosten und vergangene Ölpreissteigerungen geschmälert, die sich nachteilig auf die Terms of Trade auswirkten. Diese abwärtsgerichteten Faktoren dürften vor dem Hintergrund einer wieder anziehenden Konjunktur und erwarteter Verbesserungen bei den Terms of Trade nachlassen (siehe Kasten 3).

Der externe Preisdruck wird sich den Erwartungen zufolge 2019 abschwächen und im verbleibenden Projektionszeitraum geringfügig zunehmen. Die Jahreswachstumsrate des Importdeflators wird im Jahr 2019 verglichen mit 2018 voraussichtlich zurückgehen und anschließend leicht ansteigen. Dieses Verlaufsprofil wird in hohem Maße von der Ölpreisentwicklung bestimmt. Diese führte im Jahr 2018 zu höheren Einfuhrpreisen und dürfte im Jahr 2019 einen dämpfenden Einfluss haben. Zugleich dürfte der Preisauftrieb bei den Importen in gewissem, wenn auch geringerem Umfang von den höheren Preisen für Rohstoffe ohne Öl und dem zugrunde liegenden globalen Preisdruck gestützt werden.

Verglichen mit den Projektionen vom März 2019 wurde die HVPI-Inflation für 2019 nach oben und für 2020 nach unten korrigiert. Dies hängt in erster Linie mit der Energiepreiskomponente zusammen, die für 2019 aufgrund stärkerer Ölpreissteigerungen deutlich nach oben und für 2020 infolge eines größeren Preisrückgangs bei den Ölterminkontrakten nach unten korrigiert wurde. Darüber hinaus wurde die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel vor allem angesichts schwächerer Daten auf kurze Sicht leicht nach unten korrigiert.

Kasten 3
Die Rolle der Gewinne im Zusammenhang mit dem binnenwirtschaftlichen Preisdruck

Gewinne können einen wesentlichen Einfluss darauf haben, wie sich die Inflation entwickelt und wie stark der Lohndruck auf die Preise durchwirkt. Der BIP-Deflator, eine Messgröße des binnenwirtschaftlichen Preisdrucks, lässt sich in die Beiträge von Arbeitskosten, Gewinnen und Steuern zerlegen (siehe Abbildung A). Der gestiegene Beitrag der Gewinne je BIP-Einheit (Bruttobetriebsüberschuss geteilt durch reales BIP) ist für einen erheblichen Teil der höheren am BIP-Deflator gemessenen Inflation zwischen 2016 und 2017 verantwortlich; anhand des rückläufigen Beitrags der Gewinne je BIP-Einheit im Jahr 2018 lässt sich erklären, warum beim binnenwirtschaftlichen Preisdruck trotz eines kräftigen Anstiegs des Wachstums der Löhne und der Lohnstückkosten im Grunde genommen eine Seitwärtsbewegung festzustellen war. Das deutet auf eine Pufferfunktion der Gewinne je BIP-Einheit hin.

Abbildung A

Zerlegung des BIP-Deflators

(Veränderung gegen Vorjahr in %; Beiträge in Prozentpunkten)

Quellen: Eurostat und EZB-Berechnungen.

Die Entwicklung der Gewinne je BIP-Einheit ist eng mit der Konjunkturentwicklung verbunden und wird stellenweise auch erheblich von den Terms of Trade beeinflusst. Während der konjunkturellen Abschwächung im Jahr 2018 wurden die Gewinne geschmälert, da sie den Anstieg der Lohnstückkosten auffangen mussten, der zum Teil mit der Konjunkturabschwächung und der Produktivitätsentwicklung zusammenhing. Außerdem dürften seinerzeit auch die höheren Ölpreise und deren Auswirkungen auf die Terms of Trade die Gewinne in gewissem Umfang belastet haben, sofern die Unternehmen ihre Verkaufspreise weniger stark erhöht hatten als ihre Vorleistungspreise gestiegen waren (siehe Abbildung B). Entgegengesetzte, begünstigende Auswirkungen der Terms of Trade waren 2014 und 2015 zu beobachten, als die Ölpreise deutlich nachgaben und dieser Rückgang nur teilweise auf die Preisentwicklung durchwirkte. In den Projektionen vom Juni wird mit einer Rückkehr zu höheren Wachstumsraten für das reale BIP und die Produktivität gerechnet, während die Annahmen für die Ölpreisentwicklung ein allmähliches Ende der in der Vergangenheit verzeichneten negativen Wachstumsraten der Terms of Trade nahelegen. Insgesamt deuten diese Faktoren darauf hin, dass die Gewinne je BIP-Einheit über den Projektionszeitraum hinweg einen stärkeren Beitrag zu der am BIP-Deflator gemessenen Inflation leisten dürften. Zudem könnten sich in einem solchen Umfeld vergangene Lohnzuwächse und Arbeitskosten spürbarer auf die Preise durchschlagen.

Abbildung B

Bestimmungsfaktoren der Gewinne je BIP-Einheit

(Veränderung gegen Vorjahr in %; Beiträge in Prozentpunkten)

Quellen: Eurostat und EZB-Berechnungen.


3 Haushaltsaussichten

Der aggregierte finanzpolitische Kurs im Euroraum dürfte über den gesamten Projektionszeitraum hinweg leicht expansiv sein. Die Messgröße für den finanzpolitischen Kurs ist die Veränderung des konjunkturbereinigten Primärsaldos nach Abzug der staatlichen Stützungsmaßnahmen für den Finanzsektor. Nach einem neutralen finanzpolitischen Kurs im Jahr 2018 wird dieser den Projektionen zufolge 2019 leicht expansiv sein. Dies hängt in erster Linie mit der Senkung direkter Steuern und dem Anstieg der öffentlichen Ausgaben in einigen Ländern zusammen. Im Jahr 2020 werden vor allem weitere Senkungen von direkten Steuern und Sozialbeiträgen sowie höhere Transferzahlungen für die erwartete zusätzliche Lockerung des finanzpolitischen Kurses sorgen. Eine abermalige leichte Lockerung im Jahr 2021 wird sich vor allem aus dem Anstieg der Ausgaben und der Senkung direkter Steuern in einigen Ländern ergeben.

Der Finanzierungssaldo des Eurogebiets wird sich den Projektionen zufolge 2019 verschlechtern und in den folgenden Jahren weitgehend unverändert bleiben. Die Schuldenquote geht unterdessen weiter zurück. Die Ausweitung des Defizits der öffentlichen Haushalte ist auf einen Rückgang des konjunkturbereinigten Primärsaldos infolge des erwarteten expansiven finanzpolitischen Kurses zurückzuführen. Dies wird teilweise durch einen leichten Rückgang der Zinsausgaben ausgeglichen, der auf eine Substitution alter kostenintensiver Schulden durch neue Schulden zu niedrigeren Zinsen zurückzuführen ist. Die rückläufige öffentliche Schuldenquote wird von einem zunehmend günstigen Zins-Wachstums-Differenzial und anhaltend positiven Primärsalden gestützt, die jedoch mit der Zeit abnehmen.

Gegenüber den Projektionen vom März 2019 wird von einer geringfügig günstigeren Entwicklung des Defizits im Euroraum ausgegangen. Die etwas niedrigeren Haushaltsdefizite spiegeln den im Vergleich zu den Projektionen vom März 2019 nicht ganz so expansiven finanzpolitischen Kurs wider, ohne dass sich hierdurch jedoch das Gesamtbild eines leicht expansiven finanzpolitischen Kurses ändert. Die Projektion der Schuldenquote bleibt weitgehend unverändert, da nur geringfügige Korrekturen am Defizit vorgenommen wurden.

Kasten 4
Sensitivitätsanalysen

Die Projektionen stützen sich maßgeblich auf technische Annahmen hinsichtlich der Entwicklung bestimmter Schlüsselgrößen. Da Letztere zum Teil einen großen Einfluss auf die Projektionen für das Eurogebiet haben können, lassen sich aus einer Untersuchung der Sensitivität der Projektionen in Bezug auf divergierende Entwicklungen der zugrunde liegenden Annahmen Aussagen über die Risiken gewinnen, mit denen die Projektionen behaftet sind. In diesem Kasten werden die Unwägbarkeiten einiger wesentlicher zugrunde liegender Annahmen und die Sensitivität der Projektionen in Bezug auf diese Annahmen erörtert.

1) Divergierende Entwicklungen des Ölpreises

Mit der Sensitivitätsanalyse sollen die Implikationen divergierender Entwicklungen des Ölpreises beurteilt werden. Die den Basisprojektionen zugrunde liegenden technischen Annahmen für die Ölpreisentwicklung prognostizieren auf Basis der Ölterminmärkte einen Rückgang der Ölpreise. Demnach dürfte der Preis für Rohöl der Sorte Brent bis Ende des Jahres 2021 bei rund 62 USD pro Barrel liegen. Zwei divergierende Entwicklungen des Ölpreises werden analysiert. Die erste basiert auf dem 25. Perzentil der Verteilung der Dichten, die aus Optionen für den Ölpreis am 15. Mai 2019 gewonnen wurde. Diese Entwicklung impliziert einen allmählichen Rückgang des Ölpreises auf 47 USD pro Barrel im Jahr 2021, was 25 % unter der im Basisszenario für jenes Jahr geltenden Annahme liegt. Verwendet man den Durchschnitt der Ergebnisse einer Reihe von makroökonomischen Modellen, die von Experten entwickelt wurden, hätte diese Entwicklung geringfügige positive Auswirkungen auf das Wachstum des realen BIP (etwa 0,1 Prozentpunkte in den Jahren 2020 und 2021), während die am HVPI gemessene Inflation um 0,1 Prozentpunkte (2019), 0,6 Prozentpunkte (2020) und 0,4 Prozentpunkte (2021) niedriger ausfiele. Die zweite Entwicklung basiert auf dem 75. Perzentil derselben Verteilung und impliziert einen Anstieg des Ölpreises auf rund 78 USD pro Barrel im Jahr 2021, was 24,5 % über der im Basisszenario für jenes Jahr geltenden Annahme liegt. Diese Entwicklung wäre mit einem rascheren Anstieg der HVPI-Inflation verbunden. Sie würde um 0,1 Prozentpunkte (2019), 0,5 Prozentpunkte (2020) und 0,3 Prozentpunkte (2021) höher ausfallen, während das reale BIP-Wachstum geringfügig (um 0,1 Prozentpunkte in den Jahren 2020 und 2021) niedriger wäre.

2) Divergierende Entwicklung des Wechselkurses

Diese Sensitivitätsanalyse untersucht die Auswirkungen eines Anstiegs des Euro-Wechselkurses. Dieses Szenario entspricht der Verteilung der risikoneutralen Dichten, die aus Optionen für den USD/EUR-Wechselkurs am 15. Mai 2019 gewonnen wurde und eine starke Schiefe in Richtung einer Aufwertung des Euro aufweist. Das 75. Perzentil dieser Verteilung impliziert eine Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar auf einen Wechselkurs von 1,27 USD/EUR im Jahr 2021, was 13,5 % über der im Basisszenario für jenes Jahr geltenden Annahme liegt. Die entsprechende Annahme für den nominalen effektiven Wechselkurs des Euro spiegelt historische Regelmäßigkeiten wider. Danach entsprechen Änderungen des USD/EUR-Wechselkurses Änderungen des effektiven Wechselkurses mit einer Elastizität von knapp über 50 %. In diesem Szenario deuten die Ergebnisse mehrerer von Experten entwickelter makroökonomischer Modelle im Durchschnitt darauf hin, dass sowohl das Wachstum des realen BIP als auch die HVPI-Inflation um 0,5 Prozentpunkte (2020) und 0,4 Prozentpunkte (2021) niedriger ausfallen.

Kasten 5
Prognosen anderer Institutionen

Sowohl von internationalen als auch von privatwirtschaftlichen Organisationen liegt eine Reihe von Prognosen für das Euro-Währungsgebiet vor. Diese Prognosen sind jedoch untereinander bzw. mit den von Experten der EZB bzw. des Eurosystems erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen nicht vollständig vergleichbar, da sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten fertiggestellt wurden. Darüber hinaus verwenden sie unterschiedliche (teilweise nicht spezifizierte) Methoden zur Ableitung von Annahmen über fiskalische, finanzielle und außenwirtschaftliche Variablen (einschließlich Öl- und sonstiger Rohstoffpreise). Schließlich werden bei den verschiedenen Prognosen auch unterschiedliche Methoden der Kalenderbereinigung angewandt (siehe nachfolgende Tabelle).

Wie aus der Tabelle hervorgeht, liegen die derzeit verfügbaren Projektionen anderer Institutionen zum Wachstum des realen BIP und zur HVPI-Inflation weitgehend innerhalb der Bandbreiten der von Experten des Eurosystems erstellten Projektionen (siehe die in eckigen Klammern angegebenen Werte in der Tabelle).

Vergleich aktueller Prognosen zum Wachstum des realen BIP und zur HVPI-Inflation im Euro-Währungsgebiet

(Veränderung gegen Vorjahr in %)

Quellen: OECD, Wirtschaftsausblick, Mai 2019; MJEconomics, Euro Zone Barometer, Umfrage vom Mai 2019 für 2019 und 2020 sowie Umfrage vom April 2019 für 2021; Consensus Economics Forecasts, Umfrage vom Mai 2019 für 2019 und 2020 sowie Umfrage vom April 2019 für 2021; Europäische Kommission, Frühjahrsprognose 2019; EZB, Survey of Professional Forecasters, zweites Quartal 2019; IWF, World Economic Outlook, April 2019.
Anmerkung: Sowohl die von Experten des Eurosystems und der EZB erstellten gesamtwirtschaftlichen Projektionen als auch die OECD-Prognosen verwenden arbeitstäglich bereinigte Jahreswachstumsraten, während die Europäische Kommission und der IWF jährliche Zuwachsraten heranziehen, die nicht um die Zahl der Arbeitstage pro Jahr bereinigt wurden. Andere Prognosen enthalten keine Angaben dazu, ob arbeitstäglich bereinigte oder nicht arbeitstäglich bereinigte Daten ausgewiesen werden.

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Informationen zur Fachterminologie finden sich im EZB-Glossar (nur auf Englisch verfügbar).

HTML ISSN 2529-4652, QB-CF-19-001-DE-Q


[1]Redaktionsschluss für technische Annahmen, beispielsweise zu den Ölpreisen und Wechselkursen, war der 15. Mai 2019 (siehe Kasten 1). Redaktionsschluss für die in den vorliegenden Projektionen enthaltenen sonstigen Daten war der 22. Mai 2019. Die aktuellen gesamtwirtschaftlichen Projektionen beziehen sich auf den Zeitraum von 2019 bis 2021. Bei ihrer Interpretation ist zu berücksichtigen, dass Projektionen für einen so langen Zeitraum mit einer sehr hohen Unsicherheit behaftet sind. Siehe EZB, Von Experten des Eurosystems erstellte gesamtwirtschaftliche Projektionen für das Euro-Währungsgebiet – eine Bewertung, Monatsbericht Mai 2013. Die den ausgewählten Tabellen und Abbildungen zugrunde liegenden Daten sind unter www.ecb.europa.eu/pub/projections/html/index.en.html abrufbar.
[2]Die Annahme im Hinblick auf die nominalen Renditen zehnjähriger Staatsanleihen im Euroraum beruht auf dem gewichteten Durchschnitt der Renditen der zehnjährigen Benchmark-Anleihen der Länder. Diese Renditen werden mit den jährlichen BIP-Zahlen gewichtet und anhand eines Zukunftsprofils fortgeschrieben, das aus der Zinsstrukturkurve der EZB für die Zehnjahres-Pari-Rendite aller Anleihen des Euroraums abgeleitet wird. Dabei wird die anfängliche Abweichung zwischen den beiden Reihen über den Projektionszeitraum hinweg konstant gehalten. Die Abstände zwischen länderspezifischen Staatsanleiherenditen und dem entsprechenden Euroraum-Durchschnitt werden über den Projektionszeitraum hinweg als konstant angenommen.
[3]China hat für dieses Jahr ein Konjunkturpaket im Umfang von 2-3 % des BIP angekündigt. Bislang sind jedoch nur einige Elemente dieses Pakets umgesetzt und im Detail bekannt gegeben worden. Dazu zählen eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes ab dem 1. April, die erst in der zweiten Jahreshälfte 2019 eine stärkere Wirkung entfalten dürfte, sowie eine Erhöhung der Quote für die Aufnahme von Krediten durch regionale und kommunale Gebietskörperschaften ab Anfang dieses Jahres, die in Infrastrukturausgaben dieser Gebietskörperschaften fließen dürften.
[4]Durchschnittswert von 1999 bis 2007.