Warum betreibt die EZB Forschung?

28. September 2016

Die EZB beschäftigt sich, wie andere wichtige Zentralbanken auch, vor allem aus zwei Gründen mit der Erforschung gewisser Themen: Erstens bildet eine gründliche Analyse die Basis unserer Entscheidungen in allen Aufgabenbereichen – sei es Geldpolitik, Finanzstabilität, Bankenaufsicht oder makroprudenzielle Politik, also die Regulierung des Finanzsystems als Ganzes.

Zweitens kommen unsere im Forschungsbereich tätigen Mitarbeiter durch die Veröffentlichung ihrer Ergebnisse in Kontakt mit wissenschaftlichen Kreisen und stoßen Diskussionen sowie Debatten zu EZB-relevanten Themen an. Dieser Austausch mit externen Experten fließt wiederum in die Forschungsarbeiten der EZB-Mitarbeiter ein, was die Grundlage für künftige Entscheidungen der EZB weiter festigt.

Da komplexe und neue Themen solider analystischer Arbeit bedürfen, ist dies von umso größerer Bedeutung. Zu den Themen der jüngsten Zeit zählt die Frage nach der Wirksamkeit der geldpolitischen Sondermaßnahmen und der Wechselwirkung zwischen der Geldpolitik und anderen (fiskalischen und strukturellen) Maßnahmen. Dies verdeutlicht, dass der Stellenwert solider Forschungsarbeit eher gestiegen ist.

Wie hängen Forschung und Geldpolitik zusammen?

Die geldpolitischen Beschlüsse der EZB schaffen es oft auf die Titelseiten der Zeitungen. Die Forschung gibt uns sowohl die Analysen als auch die Instrumente an die Hand, um die Optionen hinter diesen Beschlüssen auszuloten. Dabei muss man aber darauf achten, einzelne Forschungsarbeiten nicht als Hinweis auf die künftige Geldpolitik einer Zentralbank auszulegen. Es liegt in der Natur der Dinge, dass die Forschung oft unorthodoxe Ansätze vorschlägt oder verfolgt, um eine Auseinandersetzung mit dem Thema anzuregen. Es kann jedoch sein, dass diese Ansätze sich niemals in tatsächlichen geldpolitischen Beschlüssen niederschlagen.

Unsere Forscher liefern dem EZB-Rat die Informationen, die dessen Mitglieder benötigen, um ihre Aufgabe so effektiv wie möglich zu erfüllen. Mit anderen Worten: je besser die Forschungsarbeit, desto besser sind auch die Entscheidungen der EZB und somit ihre Fähigkeit, bei der Gewährleistung von Preisstabilität effektiv zu handeln. Daher ist eine qualitativ hochwertige Forschung mit einer in konzeptioneller und empirischer Hinsicht starken Basis unerlässlich, denn sie gibt der EZB die Instrumente an die Hand, die sie benötigt, um ihre einheitliche Geldpolitik für die Menschen in den 19 Euro-Ländern durchzuführen.

Bei der Entwicklung neuer Arten von ökonometrischen Modellen beispielsweise zählt die EZB zu den Vorreitern. Diese Modelle ermöglichen es ihr, Prognosen zur Wirtschaft anzustellen und die Auswirkungen verschiedener Szenarien zu analysieren. Derartige Modelle wurden anschließend auch von allen großen Zentralbanken übernommen.

Seit der Finanzkrise ist es noch wichtiger als zuvor, dass die Forschung ihren Teil dazu beiträgt, neue Lösungen für neue Herausforderungen zu finden. Ein Beispiel hierfür ist, wie die Forschung zu niedrigen Zinsen das geldpolitische Instrument der Forward Guidance geprägt hat. Dabei versucht eine Zentralbank, das Verhalten von privaten Haushalten und Unternehmen dadurch zu beeinflussen, dass sie ihnen die voraussichtliche Entwicklung der Zinsen kommuniziert. Alle großen Zentralbanken setzen dieses Instrument ein.

Warum sind unsere Forschungsarbeiten mit einem Hinweis versehen?

Die Forschungsergebnisse der EZB beruhen auf dem Fachwissen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Für die EZB ist es äußerst wichtig – vor allem im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld – , dass ihre Forscher neue und innovative Methoden ausloten und ihren Gedanken freien Lauf lassen können. Studien, die bei der EZB durchgeführt wurden, werden daher stets unter dem Namen der Autorin bzw. des Autoren veröffentlicht, denn ihre Forschungsergebnisse decken sich nicht zwangsläufig mit der Meinung der EZB als Institution oder mit den Ansichten des EZB-Rats. Die Publikationen enthalten auch nicht alle Forschungsergebnisse, die in die Entscheidungen einfließen, da einige Erkenntnisse nicht veröffentlicht werden und die Entscheidungsträger natürlich auch ihre eigenen Analysen und ihre Sachkompetenz mit einbringen.

Wie wird die Themenauswahl getroffen?

Da die Forschungsergebnisse in die Entscheidungen der EZB einfließen, sind die bearbeiteten Themen eng mit aktuellen Wirtschaftsentwicklungen verknüpft. Dieser Ansatz sorgt dafür, dass unsere Forscher Ergebnisse liefern, welche die EZB bei der Analyse des wirtschaftlichen Umfelds unterstützen und die bei der Erarbeitung angemessener Reaktionen hilfreich sind. Beispielsweise befassen sich die Forscher mit der Frage, warum und wie die Transmission unserer Geldpolitik durch die Finanzkrise beeinträchtigt wurde.

Neben aktuellen Themen untersuchen sie aber auch grundlegendere Fragen, wie: In welcher Beziehung stehen die Geldpolitik und die makroprudenzielle Politik zueinander? Wie gelangen die Finanzmärkte, privaten Haushalte und Unternehmen zu ihren Erwartungen bezüglich der künftigen Schritte der Zentralbank und der Inflationsentwicklung? Warum ist das weltweite Wirtschaftswachstum schwach und wie lange wird diese Situation andauern? Antworten auf theoretische Fragen wie diese helfen der EZB dabei, die Ursachen und Auswirkungen von wirtschaftlichen Interaktionen besser zu verstehen und die zur Erfüllung ihres Mandats richtigen Entscheidungen zu treffen.

Neue Forschungsprojekte werden also sowohl von Managern, die nach Antworten suchen, als auch von den Mitarbeitern selbst vorgeschlagen.

Unsere Produkte im Bereich Forschung

Für alle Publikationen gibt es eine Redaktion, die dafür sorgt, dass die Forschung hohen Qualitätsstandards entspricht. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter reichen ihre Forschungsarbeiten ein, und diejenigen, die den Ansprüchen genügen, werden veröffentlicht.

Research Bulletin Diese an die breite Öffentlichkeit gerichtete Publikation erscheint jeden Monat und enthält eine Auswahl von Beiträgen von EZB-Ökonomen, die für die Arbeit der EZB relevant sind.
Working Papers In dieser Reihe werden volkswirtschaftliche Forschungsergebnisse veröffentlicht, die für die verschiedenen Aufgaben und Funktionen der EZB relevant sind. Sie bildet eine konzeptionelle und empirische Basis für wirtschaftspolitische Entscheidungen. Die Papers sind Vorbereitungsarbeiten und richten sich an Experten. Der Leser sollte sich also in volkswirtschaftlichen Themen auskennen.
Die sogenannten Discussion Papers unterscheiden sich insofern von regulären Working Papers, dass die Themen zugänglicher aufbereitet sind und eine allgemeinere Perspektive bieten. Teilweise basieren sie auf den ursprünglichen Forschungsergebnissen, betten die Analyse dann aber in den breiten Kontext der Fachliteratur ein und berücksichtigen auch ausdrücklich die politische Perspektive.
Occasional Papers Hierbei handelt es sich um eine Reihe zu Themen im Zusammenhang mit den wichtigsten Aufgaben und Funktionen der EZB und des Europäischen Systems der Zentralbanken. Die Papiere richten sich an ein breites Publikum, erfordern jedoch unter Umständen ein gewisses thematisches Vorwissen.
Legal Working Papers Diese Reihe befasst sich mit Rechtsforschung und -lehre zu Themen, die für die Aufgaben und Funktionen der EZB und des Europäischen Systems der Zentralbanken relevant sind. Die Papers sind Vorbereitungsarbeiten und richten sich an Experten. Der Leser sollte sich also in Rechtsthemen auskennen.
Statistics Papers In dieser Reihe können Statistiker, Volkswirtschaftler und andere Experten innovative Arbeiten im Bereich Statistik und einschlägige Methodiken veröffentlichen, die für Zentralbanken von Interesse sind.