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Piero Cipollone
Member of the ECB's Executive Board
  • DER EZB-BLOG

Europa muss handeln, um die Rolle seiner Währung zu stärken

2. Juni 2026

Von Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der EZB

Die internationale Verwendung des Euro hat in den letzten Jahren zugenommen, was jedoch eher auf die Umstände als auf bewusste Entscheidungen zurückzuführen ist. In einem stärker umkämpften globalen Währungssystem muss Europa bewusst handeln, um die Rolle seiner Währung zu stärken, indem es sich auf solide Grundlagen stützt, mit den globalen Veränderungen Schritt hält und seinen politischen Ambitionen konkrete Schritte folgen lässt.

Das internationale Währungssystem ist zunehmend härter umkämpft. Große Volkswirtschaften, die früher darauf vertrauten, dass das System von alleine funktioniert, gestalten nun aktiv die Nutzung ihrer Währungen. Europa stellt bislang eine Ausnahme dar. Die globale Rolle unserer Währung hat sich in den letzten Jahren allmählich weiterentwickelt. Dies war jedoch größtenteils den Umständen geschuldet und nicht einer bewussten Entscheidung. Dies reicht nun nicht mehr aus. In einem sich wandelnden globalen Umfeld sollte der Euro einem klareren Zweck für Europa dienen. Und Europa sollte bereit sein, in diesem Sinne zu handeln.

Die Ausgangslage ist günstig. Seit Mitte der 2010er Jahre ist die zusammengesetzte Messgröße für die internationale Rolle des Euro um rund 1,5 Prozentpunkte gestiegen. Der Anteil des Euro an den weltweiten Devisenreserven bewegt sich seit zwanzig Jahren fast durchgängig um 20 %. Internationale Schuldtitel, die in unserer Währung ausgegeben wurden, beliefen sich im vergangenen Jahr indes auf fast 1 Billion €. Das ist der höchste jährliche Stand seit Einführung der gemeinsamen Währung. Während mehrerer Phasen im Jahr 2025, als Anleger nach sicheren Investments suchten, kauften sie Euro und auf Euro lautende Vermögenswerte, während sie gleichzeitig US-Dollar und US-Staatsanleihen verkauften.

Dieser Fortschritt beruht auf zwei Grundlagen:

Die erste ist struktureller Natur. Europa ist die offenste große Volkswirtschaft der Welt, mit Ausfuhren im Wert von fast 4 Billionen € im vergangenen Jahr. Unsere Entschlossenheit, die Rechtsstaatlichkeit auch unter beispiellosem Druck zu aufrechtzuerhalten, die Unabhängigkeit unserer Zentralbank, unser solider finanzpolitischer Rahmen und die Offenheit unseres Binnenmarkts sind strukturelle Eigenschaften, die nicht mehr überall zu finden sind.

Die zweite ist, dass in den Bereichen, in denen Europa bewusst gehandelt hat, Ergebnisse erzielt wurden. Ein einheitlicher europäischer Rahmen für ein grünes und nachhaltiges Finanzwesen sorgte für eine marktführende Position: Der Euro hat den Dollar hinter sich gelassen und ist erstmals zur wichtigsten Währung auf dem globalen Markt für grüne Anleihen geworden. Und Sofortzahlungen verzeichnen dank der EU-Rechtsvorschriften und des vom Eurosystem betriebenen gesamteuropäischen schnellen Zahlungssystems ein exponentielles Wachstum.

Wo wir bewusst Entscheidungen getroffen haben, haben wir Fortschritte erzielt. Aber jetzt muss noch mehr getan werden.

Annähernd ein Drittel des chinesischen Außenhandels wird in Renminbi abgewickelt. Vor zehn Jahren lag dieser Wert fast bei null. Der Anteil dieser Währung an der Finanzierung des Welthandels hat 8 % erreicht und damit den Euro überholt. Und mehr als 20 % des Handels zwischen Frankreich und China werden nun in Renminbi fakturiert. Diese Entwicklungen spiegeln ein bewusstes politisches Handeln Chinas wider, die Rolle seiner Währung in den Bereichen auszuweiten, in denen das Land sein wirtschaftliches Gewicht zum Tragen bringen kann.

Und diese Verlagerung beschränkt sich nicht auf China. In den Vereinigten Staaten wird eine bewusste Anstrengung, das Netzwerk der Währung auf den digitalen Bereich auszuweiten, durch jüngst verabschiedete Rechtsvorschriften zu auf Dollar lautenden Stablecoins unterstützt. US-Dollar-Stablecoins spielen heute im internationalen Zahlungsverkehr kaum eine Rolle und machen nur den Bruchteil eines Prozents der grenzüberschreitenden Zahlungsströme aus. Doch mit der neuen Technologie soll die bereits dominierende Rolle dieser Währung weiter zementiert werden. Die größten Volkswirtschaften der Welt ergreifen gezielte Maßnahmen. Europa kann es sich nicht leisten, dies als einzige große Volkswirtschaft nicht zu tun.

Die EZB leistet im Rahmen ihres Mandats ihren Teil, indem sie zur makroökonomischen Stabilität – Preisstabilität, Finanzstabilität und ein solider Bankensektor – beiträgt und die Verfügbarkeit von Euro-Liquidität sicherstellt. Wir haben kürzlich beschlossen, EUREP (unsere Repo-Fazilität für Zentralbanken) auszuweiten, um die reibungslose Transmission unserer Geldpolitik zu unterstützen. So werden wir ab diesem Jahr gegen hochwertige auf Euro lautende Sicherheiten unbefristeten Zugang zu Euro-Liquidität gewähren. Wenn ein größerer Kreis von Zentralbanken weltweit dem Risiko von Euro-Liquiditätsengpässen rasch begegnen kann, wird das Vertrauen in die weltweite Verwendung des Euro gestärkt.

Wir sind auch führend, wenn es darum geht, Zentralbankgeld zukunftsfähig zu machen. Im September dieses Jahres werden wir mit der Ausgabe von tokenisiertem Zentralbankgeld für die Abwicklung von Großbetragszahlungen beginnen. Wir bereiten uns darauf vor, Bargeld mit seinem digitalen Äquivalent – dem digitalen Euro – für Alltagszahlungen zu ergänzen. Und für grenzüberschreitende Zahlungen arbeiten wir daran, unser eigenes schnelles Zahlungssystem mit denen anderer Länder zu verknüpfen und dabei deren Souveränität zu achten. Zusammen werden diese Initiativen dafür sorgen, dass der Euro stets dem neuesten Stand der Technik entspricht.

Die Stärkung der weiter gefassten Determinanten des Ansehens einer Währung – Wirtschaftskraft, geopolitisches Gewicht und Rechtssicherheit – liegt jedoch bei den EU-Gesetzgebern. Ein echter Binnenmarkt, eine Spar- und Investitionsunion, höhere Produktivität und die notwendige Fähigkeit, die äußere Sicherheit und die Energiesicherheit Europas zu schützen, würden das Vertrauen in sein Wachstumspotenzial und seine Widerstandsfähigkeit stärken. Die EU könnte zudem die Rolle des Euro bei der Fakturierung und der Handelsfinanzierung stärken, im Einklang mit ihrer führenden Rolle im Welthandel.

Eine stärkere internationale Rolle des Euro wird sich nicht von allein ergeben. Wir werden uns dafür entscheiden und unsere Worte in die Tat umsetzen müssen.

Dieser Beitrag wurde als Gastbeitrag in mehreren Medien in verschiedenen Ländern des Euroraums veröffentlicht.

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