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Globale und binnenwirtschaftliche Inflation

Rede von Mario Draghi, Präsident der EZB,
Economic Club of New York, 4. Dezember 2015

In den letzten Jahren haben die Zentralbanken in den Industrieländern unsere Volkswirtschaften in beispiellosem Umfang gestützt. Die Ergebnisse dieser Maßnahmen zeigen sich nun: Mit der Produktion geht es wieder aufwärts, und das Wachstum festigt sich. Die Produktionslücke schließt sich allmählich – etwa im Euroraum –, in einigen Ländern ist sie bereits geschlossen. Insoweit die Geldpolitik der Stabilisierung der Gesamtwirtschaft dienen soll, ist sie erfolgreich.

Maßstab unseres Handelns ist unserem Mandat zufolge jedoch nicht das Wachstum der Realwirtschaft, sondern Preisstabilität. Und in dieser Hinsicht haben wir das Ziel noch nicht erreicht. Die Inflation ist überall weiterhin niedrig und liegt unter unserer diesbezüglichen Zielvorgabe. Die mittel- bis langfristigen Inflationserwartungen sind seit einiger Zeit weniger konstant und bleiben im Allgemeinen ebenfalls hinter unseren Zielen zurück.

Bis zu einem gewissen Grad ist diese augenscheinliche Entkopplung der Entwicklung von Wachstum und Inflation Ausdruck von Wirkungsverzögerungen im Transmissionsprozess. Dies hat jedoch auch zu Mutmaßungen geführt, dass Zentralbanken den Inflationstrend möglicherweise nicht umfassend steuern können – entweder, weil sie nicht über die geeigneten Instrumente verfügen, oder weil die in einer Volkswirtschaft vorherrschende Inflation zu einem großen Teil durch globale Faktoren bestimmt wird, die sich dem Einfluss der Zentralbanken entziehen.

Energisch widersprechen möchte ich der Ansicht, dass wir nicht imstande sind, unser Ziel zu erreichen. Die uns vorliegenden Daten zeigen das Gegenteil – nämlich, dass die derzeit von uns eingesetzten Instrumente die gewünschte Wirkung erzielen.

Vor diesem Hintergrund möchte ich mich heute Morgen einerseits mit der Art der globalen Faktoren befassen, welche die Inflationsdynamik derzeit beeinflussen, und andererseits jene Entwicklungen der Kerninflation beleuchten, die eher von binnenwirtschaftlichen Faktoren bestimmt werden.

Unabhängig davon, ob die geringe Inflation auf einen globalen oder einen binnenwirtschaftlichen Faktor zurückzuführen ist: Die Zentralbank kann proaktiv handeln, um Risiken für die Preisstabilität entgegenzuwirken und die Verankerung der Inflationserwartungen zu bewahren. Im Eurogebiet haben wir den Beweis geliefert, dass unsere geldpolitischen Instrumente funktionieren. Wenn sie richtig kalibriert werden, ist ihre Wirkungskraft auf die Wirtschaft ausreichend, um unser mittelfristiges Mandat zu erfüllen.

Dies kam auch im gestrigen Beschluss des EZB-Rats zum Ausdruck, unseren geldpolitischen Kurs zu lockern.

Die Rolle der globalen Inflation

Dem Konzept der „globalen Inflation“ wird in den letzten zehn Jahren vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt. Es herrscht die Auffassung, dass die Inflation in einer globalisierten Welt immer weniger auf binnenwirtschaftliche Bedingungen reagiert und stattdessen in zunehmendem Maß durch globale Faktoren bestimmt wird. [1]

Bei einer Betrachtung der aktuellen Inflationsfaktoren in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften zeigt sich in der Tat, dass die niedrige Inflation starke globale Komponenten aufweist. Schlüsselt man die Teuerungsrate eines durchschnittlichen OECD-Landes auf, so stellt man fest, dass binnenwirtschaftliche Schocks, die zu einer Disinflation führen, seit Mitte 2014 merklich abgenommen haben, globale Schocks hingegen verstärkt auftreten. Diese globalen Schocks sind jedoch fast ausschließlich auf Rückgänge bei den Öl- und Rohstoffpreisen zurückzuführen (Abbildung 1).

Bekanntermaßen sollten globale Faktoren, die mit Öl und Rohstoffen in Zusammenhang stehen, grundsätzlich keine Auswirkungen auf die Preisstabilität auf mittlere Sicht haben. Sie können sich dauerhaft auf das Preis niveau auswirken, jedoch nicht auf die Änderungsrate der Preise. Ceteris paribus sollte der niedrigere Ölpreis im Laufe der Zeit zu höheren Preisen bei anderen Gütern führen, da das verfügbare Einkommen steigt und die aus dem Verbrauch und den Investitionen resultierende Gesamtnachfrage zunimmt.

Angesichts dieser Tatsache lassen Zentralbanken derartige globale Kräfte in der Regel außer Acht, bis ihr Effekt auf die Inflation nachlässt oder eine Preiswende stattfindet. Da Preisschwankungen bei Öl und Rohstoffen gegenläufige Effekte auf Produktion und Inflation haben, liegt es für gewöhnlich nicht im Interesse der Geldpolitik, über Gebühr zu reagieren und den Effekt auf das Wachstum nach oben oder unten zu verstärken.

Preisrückgänge bei Öl und Rohstoffen können jedoch längere Zeit auf die Teuerungsrate durchwirken und dadurch für die Geldpolitik bedeutsam werden, nämlich, wenn sie auf die Kerninflation durchschlagen. Das kann unter zwei Umständen geschehen:

Zum einen, wenn die Preisrückgänge Ausdruck einer nachlassenden weltweiten Nachfrage und nicht eines größeren globalen Angebots sind. Dann gehen die niedrigeren Ölpreise möglicherweise mit einem Rückgang der Nettoexporte einher, was wiederum dazu führen könnte, dass die Unternehmen ihre Investitionen zurückfahren und die Kerninflation sinkt. Dies mindert den wachstumsfördernden Effekt niedrigerer Rohstoffpreise. Eine importierte Inflation wird eventuell auch gedämpft, wenn ausländische Hersteller ihre Preise als Reaktion auf das schwächer werdende globale Wachstum senken.

Und zum anderen bei mehreren Angebotsschocks in Folge. Dadurch bleibt die Inflation lange Zeit niedrig und Unternehmen sowie private Haushalte korrigieren ihre Inflationserwartungen nach unten. In dieser Situation können niedrige Öl- und Rohstoffpreise zu Zweitrundeneffekten führen, da die geringeren Erwartungen in Tarifverhandlungen und die Preissetzung einfließen und somit die Kerninflation beeinflussen. Dann gleichen sich die Auswirkungen von Angebots- und Nachfrageschocks stärker aneinander an.

In beiden Fällen sind Zentralbanken letztlich mit einer Situation konfrontiert, in der kein positiver Angebotsschock herrscht, sondern ein adverser Nachfrageschock. Wird diesem Nachfrageschock nicht mit entsprechenden Maßnahmen begegnet, so könnte er die Preisstabilität mittelfristig gefährden. Dann wäre eine entschlossenere Reaktion seitens der Geldpolitik vonnöten. Hier ist anzumerken, dass es in der Vergangenheit im Euroraum Anzeichen für derartige Umstände gab.

Die Bestimmung des relativen Beitrags von Angebot und Nachfrage bei der Entwicklung der Öl- und Rohstoffpreise ist immer komplex. Aber wenn man die Informationen aus mehreren unterschiedlichen Quellen zusammen betrachtet, so scheinen beide Effekte eine Rolle gespielt zu haben. Während die Ölpreisentwicklung im letzten Jahr zum Großteil durch Angebotsschocks zu erklären ist, haben aufgrund des weltweiten Abschwungs auch die adversen Nachfrageschocks zugenommen (Abbildung 2).

In diesem Zusammenhang haben wir auch beobachtet, dass die Abwertung des Euro zwar zu höheren Importpreisen in Euro beigetragen hat, die Exportpreisinflation unserer wichtigsten Handelspartner jedoch gedämpft geblieben ist, woraus sich ein geringer Druck auf die Erzeugerpreise ergibt. Das wiederum hat die Erholung der Preissteigerungsrate der Industrieerzeugnisse belastet, die auf die globale Inflation reagiert und etwa ein Viertel des Warenkorbs im Euroraum ausmacht.

Gleichzeitig haben die aufeinanderfolgenden Ölpreisschocks in den letzten Jahren zu einer lang anhaltenden Phase niedriger Inflation im Eurogebiet geführt. Die Messgrößen der Inflationserwartungen spiegelten dies zuweilen durch rückläufige Werte wider. Vor diesem Hintergrund bestand unserer Einschätzung nach ein höheres Risiko, dass eine anhaltende Phase geringer Inflation – auch wenn sie angebotsbedingt ist – zu Zweitrundeneffekten führen und in die Kerninflation einfließen könnte.

Die Faktoren, welche die globale Disinflation bestimmen, sollten die Fähigkeit der Zentralbanken, Preisstabilität auf mittlere Sicht zu gewährleisten, im Allgemeinen nicht beeinträchtigen. Im Euroraum allerdings war das Risiko höher, dass diese Faktoren im Zeitverlauf nicht nachlassen und sich stattdessen in der Kerninflation niederschlagen würden. Aus diesem Grund wurden sie für die Geldpolitik der EZB relevant.

Die Rolle der binnenwirtschaftlichen Inflation

Diese globalen Faktoren sind jedoch keineswegs allein verantwortlich für die Disinflation im Euro-Währungsgebiet. Zerlegt man die Inflation im Euroraum und in den Vereinigten Staaten in ihre Komponenten, so zeigt sich ein bemerkenswerter Unterschied: Zumindest bis zu Beginn dieses Jahres lässt sich ein weitaus bedeutenderer Teil des bei uns festzustellenden disinflationären Trends auf binnenwirtschaftliche Faktoren zurückführen (Abbildung 3). Diese wichtigere Rolle binnenwirtschaftlicher Faktoren im Eurogebiet hat dazu beigetragen, dass die Kerninflation einen anderen Pfad eingeschlagen hat als in einigen anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Seit Mitte 2013 hat sie sich durchgängig um einen Wert von 1 % bewegt (Abbildung 4).

Das Ziel der EZB bezieht sich auf die Gesamtinflation. Hierfür gibt es gute Gründe, nicht zuletzt die Gewährleistung einer stabilen Kaufkraft. Die Gesamtinflation ist zudem ein besserer Vorlaufindikator der kurzfristigen Inflationsentwicklung. Doch die Kerninflation muss berücksichtigt werden, da sie eine engere Beziehung zu den mittelfristigen Inflationstrends aufweist. Analysen von Experten der EZB zeigen, dass die Kerninflation über eine bessere Prognosekraft hinsichtlich der mittelfristigen Gesamtinflation verfügt als die Gesamtinflation selbst. Eine anhaltend niedrige Kerninflation stellt deshalb ein Risiko für unser Mandat dar.

Warum haben sich also im Euroraum binnenwirtschaftliche Faktoren stärker auf die Inflation ausgewirkt?

Maßgeblich hierfür waren die Staatsschuldenkrise und eine Double-Dip-Rezession, die ab 2011 im Eurogebiet zu verzeichnen waren, während es gleichzeitig in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu einer Erholung kam (Abbildung 5). Im Ergebnis führte dies zu einem sehr lang anhaltenden Abschwung, mit dem ein Beschäftigungsrückgang, ein schwaches Lohnwachstum und ein geringes Unternehmer- und Verbrauchervertrauen einhergingen. Schätzungen der EZB zufolge lässt sich die Disinflation in diesem Zeitraum klar auf eine sehr große Produktionslücke zurückführen. [2] In der Abweichung zwischen der Kerninflation im Euroraum und in anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften kommt also mit anderen Worten eine binnenwirtschaftliche Schwäche zum Ausdruck.

Dies zeigt sich insbesondere in der schwachen Teuerung bei den Dienstleistungen, die stärker durch die Binnenwirtschaft und binnenwirtschaftlichen Lohndruck geprägt ist als andere Komponenten der Inflation. Da die Dienstleistungen 43,5 % des Warenkorbs ausmachen, ergibt sich so ein starker Dämpfer für die Inflation insgesamt. Dienstleistungen sind zudem wichtige Vorleistungen im verarbeitenden Gewerbe, sodass niedrigere Dienstleistungspreise Ansteckungseffekte bei den Preisen inländischer Industrieerzeugnisse nach sich ziehen.

Betrachtet man die aktuelle Situation, so lassen sich im Zuge einer allmählichen Konjunkturerholung einige Verbesserungen feststellen. Vor dem Hintergrund einer sich festigenden Binnennachfrage hat die Inflation die Talsohle durchschritten und ist wieder angestiegen. In den vergangenen Monaten hat sich der Anteil der im Warenkorb enthaltenen Güter mit einer Inflationsrate von weniger als 1 % leicht verringert. Vor allem ist der Anteil mit einer Inflationsrate von weniger als 0 % deutlich von 33 % zu Jahresbeginn auf zuletzt 21 % zurückgegangen. Das zeigt, dass dank unserer geldpolitischen Maßnahmen das Risiko einer Deflation im Eurogebiet ganz klar nicht mehr gegeben ist.

Doch trotz dieser positiven Zeichen weist der Preisauftrieb bei den Dienstleistungen nach wie vor einen vergleichsweise schwachen Trend auf. Während disinflationärer Druck bei den Industrieerzeugnissen teilweise durch den Wechselkurs ausgeglichen werden kann, ist für eine höhere Teuerung der Dienstleistungen ein stärkeres Lohnwachstum erforderlich. Sämtliche Messgrößen des Lohnwachstums verharren jedoch auf einem Niveau weit unter dem historischen Durchschnitt. Und obgleich die Arbeitslosenquote im Euroraum zurückgeht – und zwar um nahezu 1,5 Prozentpunkte seit dem Höchststand im Jahr 2013 –, ist am Arbeitsmarkt nach wie vor eine erhebliche Unterauslastung zu beobachten.

Wenn sich der Rückgang der Arbeitslosigkeit nicht beschleunigt, könnte es noch Jahre dauern, bis das Eurogebiet wieder zu den im Vorfeld der Krise verzeichneten Arbeitslosenquoten zurückkehrt. Und wie am Beispiel des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten zu sehen ist, kann es selbst an diesem Punkt – wenn die inflationsstabile Arbeitslosenquote, die sogenannte „NAIRU“ erreicht worden ist – noch eine ganze Weile dauern, bis aufgrund einer angespannten Arbeitsmarktlage das Lohnwachstum anzieht. Dies deutet darauf hin, dass die Produktionslücke im Euroraum rascher geschlossen und die Vollbeschäftigung schneller wieder erreicht werden muss, damit die Teuerung bei den Dienstleistungspreisen auf mittlere Sicht ansteigt.

Die geldpolitische Reaktion der EZB

Insgesamt betrachtet haben wir es also mit zwei Faktoren zu tun, die die mittelfristige Preisstabilität im Eurogebiet gefährden könnten und eine geldpolitische Reaktion erfordern: Ein globales Umfeld mit volatilen Öl- und Rohstoffpreisen, die sich in den Erwartungen niederschlagen könnten, und ein binnenwirtschaftliches Umfeld, in dem der Preisdruck durch eine anhaltende wirtschaftliche Unterauslastung weiterhin begrenzt ist.

Und wie wir gezeigt haben, gibt es selbst bei Zinssätzen von null eine breite Palette konventioneller und unkonventioneller Maßnahmen für diese geldpolitische Reaktion. Seit dem Sommer des vergangenen Jahres sind wir mit unseren Leitzinsen bis in den negativen Bereich gegangen, wir haben ein Maßnahmenpaket zur Förderung der Kreditvergabe auf den Weg gebracht und damit begonnen, im Rahmen des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten (Asset Purchase Programme, kurz APP) Wertpapiere des privaten und öffentlichen Sektors zu erwerben. Seither gibt es zahlreiche Belege dafür, dass unsere Instrumente Wirkung zeigen. Und diese Belege haben es uns ermöglicht, unsere Kenntnisse darüber zu verfeinern, wie stark der Anreiz sein muss, um die Inflation alsbald auf einen Wert von 2 % zurückzuführen.

So sind, seitdem wir unser Maßnahmenpaket zur Förderung der Kreditvergabe im Juni 2014 auf den Weg gebracht haben, die Kreditzinsaggregate für Unternehmen im Eurogebiet insgesamt um mehr als 80 Basispunkte und in finanziell angeschlagenen Volkswirtschaften um 110 bis 140 Basispunkte zurückgegangen. Das ist eine exzellente Transmission. Schätzungen von EZB-Experten zufolge hätten wir die Leitzinsen im Juni 2014 um rund 100 Basispunkte senken müssen, um einen vergleichbaren Effekt auf die Kreditzinsen der Banken zu erreichen.

Bessere Finanzierungsbedingungen haben zudem zu besseren gesamtwirtschaftlichen Bedingungen geführt. Laut Einschätzungen von Experten des Eurosystems werden unsere Maßnahmen zwischen 2015 und 2017 nahezu 1 % zum BIP beitragen. Und wir sehen selbst bei kleineren Unternehmen, die für die Geldpolitik in der Regel nicht so leicht zu erreichen sind, einen Effekt. In unserer jüngsten Umfrage zu kleineren Unternehmen im Euroraum war der prozentuale Saldo kleiner Unternehmen, die eine Verbesserung der Geschäftstätigkeit meldeten, erstmals seit 2009 positiv, und zwar über alle erfassten Unternehmensgrößen hinweg.

Vor allem schlagen unsere Maßnahmen allmählich auch auf die Inflation durch. Ohne sie wäre die Inflation dieses Jahr wohl negativ gewesen. Und den Einschätzungen von Experten des Eurosystems zufolge läge die Inflation ohne unsere Maßnahmen 2016 mindestens einen halben Prozentpunkt und 2017 1/4 bis 1/3 Prozentpunkt tiefer.

Bei der Beurteilung, wie auf die Risiken für die Preisstabilität zu reagieren sei, war die Frage also nicht, ob unsere Instrumente Wirkung zeigen, denn es handelt sich bei ihnen wohl um die wichtigste Triebfeder der derzeitigen Erholung. Die Frage war vielmehr, ob die Kalibrierung unserer Maßnahmen angesichts der Entwicklung dieser Risiken noch ausreichend war.

Mit dieser Frage hat sich der EZB-Rat gestern beschäftigt.

Was die Realwirtschaft betrifft, kamen wir zu der Einschätzung, dass sich die Erholung fortsetzt und die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft gegenüber Volatilität in der Weltwirtschaft erhalten bleibt. Die Binnennachfrage tritt als Wachstumsmotor an die Stelle der Außennachfrage, und unser Ausblick für die kommenden Jahre ist weitgehend unverändert. Was die nominale Entwicklung betrifft, so nahmen wir jedoch zunehmende Abwärtsrisiken für die Inflationsaussichten wahr, insbesondere angesichts anhaltender Ölpreisrückgänge und einer großen Produktionslücke. Ohne weitere geldpolitische Maßnahmen hätte sich das Datum, an dem die Teuerung zu unserer Zielmarke zurückkehrt, erneut in die Zukunft verschoben.

Der EZB-Rat beschloss daher, dass die Kalibrierung unserer bestehenden geldpolitischen Maßnahmen angepasst werden muss, um die Rückkehr der Inflation in Richtung von 2 % sicherzustellen.

Im Einzelnen beschlossen wir, den Zinssatz für die Einlagefazilität um 10 Basispunkte auf ‑0,30 % zu senken und das APP zu verlängern. Die Ankäufe im Umfang von monatlich 60 Mrd € im Rahmen des APP sollen nun bis Ende März 2017 oder erforderlichenfalls darüber hinaus und in jedem Fall so lange fortgeführt werden, bis der EZB-Rat eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung erkennt, die mit seinem Ziel im Einklang steht, mittelfristig Inflationsraten von unter, aber nahe 2 % zu erreichen. Außerdem werden wir so lange wie erforderlich die Tilgungsbeträge der im Rahmen des APP erworbenen Wertpapiere bei Fälligkeit wieder anlegen.

Die Bedeutung der allgemeinen Rekalibrierung unseres Programms zum Ankauf von Vermögenswerten wird ersichtlich, wenn man sich vor Augen führt, dass dem System durch die Verlängerung unserer Nettokäufe bis mindestens März 2017 und durch den Beschluss, die Tilgungsbeträge von fällig werdenden Wertpapieren so lange wie erforderlich wieder anzulegen, im Vergleich zu der Situation, die bei den bisherigen Maßnahmen vorgeherrscht hätte, bis 2019 Liquidität im Umfang von 680 Mrd € zugeführt wird – was rund 6,5 % des BIP im Eurogebiet entspricht. Dies wird unsere Forward Guidance im Hinblick auf die Zinssätze stärken und auf lange Sicht für eine sehr reichliche Liquiditätsausstattung sorgen.

Die Rekalibrierung unserer Instrumente mit dem Ziel, den Inflationstrend wieder auf einen Pfad hin zu 2 % zu führen, wie bei Auflage unseres Ankaufprogramms intendiert, fand sehr breite Zustimmung unter den Mitgliedern des EZB-Rats.

Sehr breiter Konsens bestand auch hinsichtlich des Umfangs der Rekalibrierung, der auf technischen Arbeiten von Experten des gesamten Eurosystems in unseren Ausschüssen basierte. Die von uns vor Einführung des Ankaufprogramms durchgeführte Analyse und die seither neu eingegangenen Daten stimmen uns zuversichtlich, dass die gestern bekannt gegebenen zusätzlichen Maßnahmen einen kräftigen Aufwärtsdruck auf die Preisdynamik ausüben, sodass wir unser ursprünglich vorgesehenes Ziel erreichen.

Der einzige Unterschied zwischen der Situation, in der wir uns gegenwärtig befinden, und einer eher herkömmlichen Situation besteht wohl darin, dass sich unser geldpolitischer Kurs nicht in erster Linie auf ein einziges Instrument – die Zinssätze – stützt, sondern auf eine Reihe von Maßnahmen, zu denen auch das Tempo des Ankaufs von Vermögenswerten sowie die Forward Guidance hinsichtlich der Zinssätze und des Ankaufs von Vermögenswerten zählen.

Aber ähnlich wie in Zeiten, in denen unsere Geldpolitik hauptsächlich über die Zinssätze erfolgte, beobachten wir kontinuierlich die Wirtschafts- und Finanzierungsbedingungen, von denen unsere Maßnahmen stets abhängen. Sollten sich diese Bedingungen in eine Richtung entwickeln, die eine erneute Reaktion erforderlich macht, sind wir natürlich jederzeit bereit, dieses Instrumentarium anzupassen, um eine möglichst baldige Rückkehr der Inflation zu unserer Zielmarke sicherzustellen.

Die Art und Weise, in der wir unsere Instrumente einsetzen, unterliegt keinen besonderen Einschränkungen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, sich zu vergegenwärtigen, dass wir innerhalb eines klar definierten Rahmens geldpolitischer Dominanz handeln – letztlich sind wir an unseren Auftrag gebunden, Preisstabilität zu gewährleisten.

Der Einsatz unkonventioneller Maßnahmen, von negativen Zinssätzen bis hin zum Ankauf einer breiten Palette an Vermögenswerten, kann unweigerlich unbeabsichtigte Allokations- und Verteilungseffekte nach sich ziehen. Bei der Auswahl unserer geldpolitischen Instrumente versuchen wir, den Umfang solcher Verzerrungen zu minimieren. Deshalb konzentriert sich beispielsweise unser Ankauf von Vermögenswerten bislang nach Möglichkeit auf die liquidesten und am stärksten standardisierten Anlageklassen.

Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass wir erforderlichenfalls den Einsatz unserer Instrumente intensivieren würden, um sicherzustellen, dass wir unser Ziel der Preisstabilität erreichen. Unsere Bereitschaft, unsere Instrumente im Rahmen unseres Mandats und im Sinne der Erfüllung unseres Mandats einzusetzen, darf keiner Einschränkung unterliegen. Und tatsächlich hat der Europäische Gerichtshof darauf hingewiesen, dass der EZB bei der „Ausarbeitung und Durchführung eines Programms für Offenmarktgeschäfte“ ein „weites Ermessen“ eingeräumt werden muss.

Ich kann daher mit Gewissheit und ganz ohne Selbstgefälligkeit sagen, dass wir eine baldmögliche Rückkehr zu einer Inflationsrate von 2 % sicherstellen werden, da wir gegenwärtig Instrumente einsetzen, mit denen dies unserer Ansicht nach erreicht wird, und da wir in jedem Fall unsere Instrumente weiter einsetzen können, wenn dies erforderlich sein sollte.



[1]Mit dem Thema Inflation als globales Phänomen befassen sich z. B. M. Ciccarelli und B. Mojon (2010) in „Global Inflation“, The Review of Economics and Statistics, 92:524-535. Messgrößen der weltwirtschaftlichen Unterauslastung sind gute Prädiktoren nationaler Teuerungsraten in fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Empirisch belegt wurde dies z. B. von C. Borio und A. Filardo (2007), „Globalisation and inflation: New cross-country evidence on the global determinants of domestic inflation“, Working Paper der BIZ Nr. 227, und in neokeynesianischen Modellen offener Volkswirtschaften, siehe z. B. R. Clarida, J. Gali und M. Gertler, (2002) „A Simple Framework for International Monetary Policy Analysis“, Journal of Monetary Economics 49: 879-904.

[2]Understanding Inflation Dynamics and Monetary Policy, Beitrag zur Podiumsdiskussion von Vítor Constâncio, Vizepräsident der EZB, Jackson Hole Economic Policy Symposium, Federal Reserve Bank of Kansas City, 29. August 2015.

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