Banking Supervision
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Geldpolitik: gestern, heute und morgen

Rede von Mario Draghi, Präsident der EZB,
beim Frankfurt European Banking Congress,
20. November 2015

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Die geldpolitischen Maßnahmen der EZB haben eindeutig gegriffen, wahrscheinlich sind sie sogar die treibende Kraft der Erholung. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, den Deflationsdruck, der den Euro vor einem Jahr traf, zum Stillstand zu bringen und eine Umkehr zu bewirken. Die Wachstumsdynamik ist jedoch weiterhin schwach, und die Inflation liegt nach wie vor deutlich unter unserem Zielwert von unter, aber nahe 2 %.

Zwischen Juni 2014 und heute sind die Kreditzinsaggregate für nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften im Eurogebiet insgesamt um mehr als 70 Basispunkte und in finanziell angeschlagenen Volkswirtschaften um 110 bis 120 Basispunkte zurückgegangen. Das ist eine exzellente Transmission. Zudem melden kleine Unternehmen Verbesserungen beim Zugang zu externen Finanzmitteln.

Drei Risiken sind hervorzuheben: Das globale Wachstum wird in diesem Jahr den niedrigsten Wert seit 2009 erreichen, im Eurogebiet ist der schwächste Aufschwung seit 1998 zu verzeichnen, und im historischen Vergleich verläuft die Erholung äußerst schleppend.

Wir können nicht mit Zuversicht behaupten, dass der Prozess der wirtschaftlichen Gesundung im Eurogebiet abgeschlossen ist. Bei der Sitzung des EZB-Rats im Dezember werden wir gründlich beurteilen, wie ausgeprägt und konstant die Faktoren sind, welche die Rückkehr der Inflation auf ein Niveau von 2 % bremsen. Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass auf mittlere Sicht Abwärtsrisiken für die Preisstabilität bestehen, werden wir unter Nutzung aller innerhalb unseres Mandats verfügbaren Instrumente handeln. Wir betrachten das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten als leistungsfähiges und flexibles Instrument, da sein Umfang, seine Zusammensetzung oder seine Dauer angepasst werden können, um einen expansiveren Kurs zu erreichen. Die Höhe des Zinssatzes für die Einlagefazilität kann ebenfalls die Transmission des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten stärken, und dies nicht zuletzt durch Steigerung der Umlaufgeschwindigkeit von Bankreserven. Sollten wir zu dem Schluss kommen, dass unser derzeitiger geldpolitischer Kurs nicht ausreicht, um unser Ziel zu erreichen, werden wir das Nötige tun, um die Inflationsrate so schnell wie möglich anzuheben. Das ist das, was unser Mandat zur Gewährleistung von Preisstabilität von uns verlangt.

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Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Feldmann,

sehr geehrte Exzellenzen,

sehr geehrte Zentralbankpräsidenten,

sehr geehrter Herr Fitschen und sehr geehrter Herr Blessing (Gastgeber),

meine sehr verehrten Damen und Herren,

vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle gesagt, dass es unbedingt notwendig ist, die Inflation unverzüglich zu unserem Zielwert zurückzuführen, und dass die Geldpolitik ihren Teil dazu beitragen wird. In den darauf folgenden Monaten haben wir beschlossen, unsere Kreditlockerungsmaßnahmen zu stärken und unser Programm zum Ankauf von Vermögenswerten zu erweitern.

Dieser Beschluss spiegelte die äußerst schwierige Situation wider, in der sich das Euro-Währungsgebiet Ende letzten Jahres befand. Nach einem vielversprechenden Beginn im Frühjahr 2014 geriet die konjunkturelle Erholung im Sommer ins Stocken, und gegen Ende des Jahres befürchteten wir ein erneutes Abgleiten in die Rezession. Dies wäre zu einem Zeitpunkt eingetreten, als die Inflation sank und die Inflationserwartungen bereits deutlich destabilisiert waren. Unser Preisstabilitätsziel war gefährdet.

Derzeit steht die konjunkturelle Erholung auf festeren Füßen. Die Binnennachfrage zieht allmählich an und rückt als Wachstumsmotor an die Stelle der Exporte. Der Konsum ist weiterhin die wichtigste Triebfeder der realen Wirtschaftstätigkeit. Und während der Welthandel in der ersten Jahreshälfte 2015 auffallend zurückging, behauptete sich das Exportwachstum im Euroraum vergleichsweise gut.

Unsere Maßnahmen haben somit eindeutig gegriffen – sie sind wahrscheinlich sogar die treibende Kraft der aktuell anziehenden Erholung. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, den Deflationsdruck, der das Eurogebiet vor einem Jahr traf, zum Stillstand zu bringen und eine Umkehr zu bewirken.

Dennoch ist dieses positive Bild der Wirtschaft in einem weiter gefassten Kontext zu sehen, in dem weiterhin Risiken bestehen. Wenn sich die Erholung auch als widerstandsfähig gegenüber Schocks erwiesen hat, so bleibt die Wachstumsdynamik für eine Wirtschaft, die sich erst aus einer tiefen Rezession gelöst hat, doch schwach, und der Gegenwind aus der Weltwirtschaft hat zugenommen. Die sich belebende Entwicklung des Realwachstums spiegelt sich auch noch nicht im Inflationsverlauf wider, da die Inflation nach wie vor deutlich unter unserer Zielmarke von unter, aber nahe 2 % liegt.

In meinen Ausführungen möchte ich deshalb heute darlegen, wie und warum unsere geldpolitischen Maßnahmen wirksam sind, und ob sie angesichts bestehender Risiken noch immer eine ausreichende geldpolitische Akkommodierung bieten, um unser Mandat zur Gewährleistung von Preisstabilität zu erfüllen.

Wirksamkeit des Ankaufs von Vermögenswerten

Es gibt viele Gründe, weshalb Ankäufe von Vermögenswerten eine starke Wirkung auf die Konjunktur und die Inflation haben sollten. Ankäufe drücken Renditen und verringern die Finanzierungskosten in der Volkswirtschaft durch direkte Weitergabe- und Portfolioumschichtungseffekte. Für Banken wird die Kreditvergabe an die Realwirtschaft dadurch attraktiver als der Ankauf von Staatsanleihen. Höhere Preise für Finanz- und Immobilienvermögen können durch Vermögenseffekte auch die Nachfrage erhöhen und die Eigenkapitalkosten von Unternehmen senken.

Als wir das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten einführten, geschah dies jedoch in einem Umfeld, in dem es – zumindest in den Augen mancher Beobachter – fraglich war, wie wirksam diese konventionellen Transmissionskanäle sind.

Es bestand unter anderem die Sorge, dass die Interventionen kaum greifen könnten, da die Renditen schon bei Programmbeginn sehr niedrig waren. Sparer, die Wertpapiere an die EZB verkaufen, könnten sich demzufolge nicht bedeutend reicher fühlen und würden somit auch nicht mehr ausgeben, und Kreditnehmer könnten im Gegenzug keine wesentliche Lockerung ihrer Finanzierungskosten bemerken und würden folglich keine weiteren Kredite aufnehmen. Bei Einführung des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten waren die nominalen Kreditbedingungen in der Tat für nahezu alle staatlichen Emittenten die günstigsten in der Nachkriegsgeschichte.

Die niedrigen Renditen vom Januar waren hingegen kein limitierender Faktor für unser Programm; sie waren der Beweis, dass es bereits funktionierte. Nach unseren Äußerungen zu unserer Reaktionsfunktion in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres [1] waren die Zinssätze in den Monaten vor Beginn des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten tatsächlich durchgehend gesunken, da die Märkte begannen, unsere wahrscheinliche Reaktion auf eine lang anhaltende Phase zu niedriger Inflation einzukalkulieren. Die BIP-gewichteten Durchschnittsrenditen zehnjähriger Staatsanleihen des Eurogebiets sanken beispielsweise zwischen Anfang Juni 2014 und Anfang März 2015 um rund 150 Basispunkte.

Dies übertrug sich durch Portfolioumschichtungen außerdem auf die Marktfinanzierungskosten in der Gesamtwirtschaft. Die Renditen von Bankschuldverschreibungen gingen zwischen Anfang Juni 2014 und dem Beginn des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten durchschnittlich um 75 Basispunkte zurück. Auch die Renditen von Investment-Grade-Unternehmensanleihen sanken im selben Zeitraum um rund 100 Basispunkte. Studien von Experten der EZB zufolge ist ein beträchtlicher Anteil dieser Rückgänge auf das Maßnahmenpaket zur Förderung der Kreditvergabe und die Ankündigung des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten zurückzuführen.

Damit Ankäufe von Vermögenswerten die Konjunktur und die Inflation ankurbeln, müssen diese Verbesserungen jedoch an den Finanzmärkten auf die Kreditbedingungen für die Realwirtschaft durchwirken. Diesbezüglich bestand eine weitere Sorge hinsichtlich der Wirksamkeit unserer Politik, und zwar dass angesichts des Fremdkapitalabbaus der Banken der Versuch, sie als Werkzeug der Geldpolitik einzusetzen, vergebens sein könnte, da die Banken den Impuls nicht weitergeben könnten und versuchen würden, ihre Verschuldung abzubauen anstatt mehr Kredite zu vergeben. Die Transmission durch das Bankensystem hat allerdings über die Laufzeit unseres Programms an Stärke gewonnen.

Zwischen Juni 2014 und heute sind die Kreditzinsaggregate für nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften im Eurogebiet insgesamt um mehr als 70 Basispunkte und in finanziell angeschlagenen Volkswirtschaften der Peripherieländer des Euroraums um 110 bis 120 Basispunkte zurückgegangen. Das ist eine exzellente Transmission. Zum Vergleich: Wir gehen davon aus, dass unser Leitzins in normalen Zeiten unmittelbar um 100 Basispunkte gesenkt werden müsste, um innerhalb so kurzer Zeit eine ähnliche Wirkung auf die Kreditzinsen zu erzielen. In der Regel verläuft der Zinsgestaltungsprozess bei den Banken langsam, dieses Mal jedoch nicht.

Und wir erkennen diesen Transmissionseffekt nicht nur bei größeren, sondern auch bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs). Vergessen Sie nicht, dass auf dem Höhepunkt der Krise im Jahr 2012 die Zinssätze für sehr kleine Unternehmenskredite, die normalerweise KMUs gewährt werden, rund 2,5 Prozentpunkte höher waren als die Zinssätze für Großkredite. Auch andere Kreditkonditionen, wie zum Beispiel die Hinterlegung von Sicherheiten, waren strikter. Wie unsere Umfrage über den Zugang von KMUs zu Finanzmitteln belegt, war der Zugang zu Finanzmitteln zu diesem Zeitpunkt eines der Hauptanliegen von kleinen Unternehmen und wurde direkt nach der Kundenakquise genannt.

Unsere Maßnahmen verändern dieses Bild allmählich. Seit der ersten Umfragerunde im April dieses Jahres ist der Zugang zu Finanzmitteln zu den am wenigsten wichtigen Anliegen von KMUs geworden. Sie melden vielmehr eine Verbesserung der Verfügbarkeit von externen Finanzmitteln und der Bereitschaft der Banken zur Kreditvergabe. Die Kreditkonditionen haben sich auch stark denen angenähert, die großen Unternehmen gewährt werden.

Warum hat sich also die Transmission dermaßen beschleunigt?

Hierfür gibt es zwei Gründe. Zum einen wurde unser Programm zum Ankauf von Vermögenswerten vor dem Hintergrund des Abschlusses unserer umfassenden Bewertung von Bankbilanzen eingeführt, die gewährleistete, dass Banken sich in der bestmöglichen Position befanden, um den Impuls auf die Kreditvergabe zu übertragen. Zum anderen, und das ist noch entscheidender, reagieren die Kreditvergabeprozesse der Banken auf gesamtwirtschaftliche Bedingungen, und zwar mittels einer Rückkopplung. In der Krise war dieser Rückkopplungseffekt zum großen Teil schädlich. Durch unsere Maßnahmen konnte dieser Effekt jedoch ins Positive gekehrt werden.

Als die Wirtschaft schwach war, tendierten die Banken dazu, ihre Kreditzinsen zu erhöhen, da sie befürchteten, dass die Ausfallwahrscheinlichkeit der Kredite zunehmen würde. Diese höheren Zinsen führten dazu, dass die gute Kreditnachfrage sank und die wirtschaftliche Lage sich weiter verschlechterte. Durch den sich verschärfenden Wirtschaftsabschwung wurde es für Unternehmen und Privathaushalte mit ausstehenden Krediten immer schwieriger, ihre Kredite zu bedienen, was dazu führte, dass immer mehr Kreditnehmer in Zahlungsverzug gerieten. Der Kreislauf begann dann wieder von vorn, da die ursprüngliche Erhöhung der Kreditzinsen der Banken nachträglich validiert wurde.

Ab dem Sommer 2014 stieg jedoch durch unsere Maßnahmen der Wettbewerbsdruck auf die Banken zur Senkung ihrer Kreditmargen. Dank der umfassenden Bewertung waren mehr Banken in der Lage, von niedrigeren Refinanzierungskosten zu profitieren und Kredite zu vergeben, wobei ihnen die GLRGs stärkere Anreize boten, dies zu tun. Bankkredite wurden somit erschwinglicher, was wiederum eine höhere Nachfrage nach Krediten zur Folge hatte. Und da sich dies in einem verbesserten gesamtwirtschaftlichen Umfeld niederschlug, sind auch die Ausfälle zurückgegangen. Seit dem zweiten Quartal des laufenden Jahres sind notleidende Kredite rückläufig, und dies sogar in jenen Volkswirtschaften, in denen Banken hohe Bestände an Risikoaktiva aufgebaut hatten.

Dies unterstreicht, dass Maßnahmen, die für die Wirtschaft gut sind, auch für Banken gut sind. Wenn niedrige Zinssätze auch Druck auf die Bankmargen pro Einheit ausüben, was durch Volumeneffekte ausgeglichen wird, so ist doch im Bankensektor insgesamt eine größere Aktivität zu verzeichnen, weil die Geldpolitik die Erholung stützt. Da ein Rückgang der notleidenden Kredite eingesetzt hat, konnten die Banken darüber hinaus ihre Rückstellungen verringern, was die Ertragskraft ebenfalls fördert. Die Ergebnisse unserer Umfrage zum Kreditgeschäft weisen darauf hin, dass die Nettoauswirkungen unserer Maßnahmen auf die Ertragskraft der Banken für das Eurogebiet insgesamt weitgehend neutral sind.

Die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen unserer Maßnahmen auf kleine Unternehmen sind bereits deutlich geworden. Bei der jüngsten Umfragerunde im Oktober war der Anteil der KMUs, die eine Umsatzsteigerung meldeten, um beinahe 20 % höher als der Anteil jener, die einen Rückgang zu verzeichnen hatten. Die Verbesserung war auch in den meisten Ländern verbreitet zu spüren, mit Griechenland als nennenswerter Ausnahme. Erstmals seit 2009 ist der prozentuale Anteil der Unternehmen, die eine Verbesserung ihrer Geschäftstätigkeit melden, bei Unternehmen aller Unterkategorien jeglicher Größe positiv, so auch bei den Kleinstunternehmen, die in der Vergangenheit am stärksten beeinträchtigt waren.

Die Belebung der Kreditversorgung dieser Unternehmen hat auch dazu beigetragen, das Fundament für eine gesamtwirtschaftliche Erholung von Investitionen, Wirtschaftstätigkeit und Beschäftigung zu schaffen. Es sei daran erinnert, dass es sich bei 99 von 100 Unternehmen in Europa um KMUs handelt, dass diese KMUs 58 % der Wertschöpfung generieren und zwei Drittel aller Arbeitnehmer beschäftigen. Und diese Vorteile kommen nicht nur Ländern mit einer hohen Konzentration von KMUs, wie zum Beispiel den Peripherieländern des Euroraums, zugute. Die Beseitigung von Hindernissen, die das Wachstum in diesen Volkswirtschaften unterdrückten, wirkt sich im ganzen Euroraum positiv aus.

Insbesondere die jetzt aufkeimende Erholung in anfälligen Ländern bietet für Exporteure in Kernländern teilweise einen Puffer und schützt vor dem Rückgang der Nachfrage aus aufstrebenden Volkswirtschaften. Von 2011 bis zum Ende des letzten Jahres waren die Ausfuhren dieser Länder in Länder außerhalb des Eurogebiets höher als die Ausfuhren innerhalb des Euroraums. Als in jüngster Zeit die Exporte von Waren und Dienstleistungen nach China, Russland und Brasilien zurückgingen, haben allerdings Substitutionsexporte in anfällige Länder diesen Schock teilweise aufgefangen.

Dies zeigt jedoch nicht nur, dass unsere Politik wirksam ist. Es beweist auch, dass Bedenken, Ankäufe von Vermögenswerten würden nur zu einer Inflation von Vermögenspreisen führen und nur wohlhabenderen Gruppen nützen, unangebracht waren. Es stimmt, dass unsere Ankäufe den Marktwert von Finanzanlagen erhöhen. Für die Wirtschaft ist jedoch gerade der Spiegeleffekt von Bedeutung: geringere Kapitalkosten für Unternehmen und ein damit verbundener Anstieg ihrer für Ausgaben verfügbaren Mittel. Das hat sehr viel weitgehendere Auswirkungen auf die Produktion und die Inflation und letztlich auf die Beschäftigung und die Einkommen, was Einkommensunterschiede verringert.

Müssen wir mehr tun?

Die Wirtschaft reagiert so auf unsere Maßnahmen, wie wir es vorhergesehen hatten, und heute können wir mit verhaltener Zuversicht in die Zukunft blicken. Es stellt sich uns jetzt daher nicht die Frage, ob wir über die Instrumente verfügen, um die angemessenen geldpolitischen Impulse zu schaffen. Das haben wir bereits bewiesen. Die Frage ist die der Kalibrierung: ob nämlich angesichts des seit den Sommermonaten zunehmenden Gegenwinds und seiner Auswirkungen auf die Risikobilanz der Inflationsentwicklung die Kalibrierung des im Januar beschlossenen geldpolitischen Kurses jetzt immer noch ausreicht, um eine Rückkehr der Inflationsrate zu unserer Zielmarke, und dies ohne ungebührliche Verzögerung, herbeizuführen.

Gestatten Sie, dass ich insbesondere drei Risiken beleuchte, die für diese Kalibrierung relevant sind.

Zum einen haben sich die Abwärtsrisiken unseres Basisszenarios für die Wirtschaft des Eurogebiets aufgrund der Verschlechterung des außenwirtschaftlichen Umfelds in den letzten Monaten erhöht. Die Aussichten für die weltweite Nachfrage, insbesondere an den aufstrebenden Märkten, haben sich merklich verschlechtert, während die Unsicherheit an den Finanzmärkten zugenommen hat. Das globale Wachstum wird dieses Jahr den niedrigsten Wert seit 2009 erreichen.

Zum anderen ist, auch bei Berücksichtigung dieses Gegenwinds, die Stärke der zugrunde liegenden Erholung moderat. Gemessen am Einkaufsmanagerindex ist der derzeitige Aufschwung, der 2013 begann, der schwächste im Eurogebiet seit 1998. Angesichts dessen, dass wir uns in einer frühen Erholungsphase befinden, in der eine sehr viel kräftigere Zunahme zu erwarten wäre, ist dies auffällig. Aufgeschobene Käufe werden normalerweise schubweise aufgeholt, was durch günstigere Finanzierungsbedingungen gestützt wird.

Bemerkenswert ist dies auch angesichts des bedeutenden, die Wirtschaft stützenden Rückenwinds, der nicht nur durch unsere geldpolitischen Impulse, sondern auch durch niedrigere Energiepreise generiert wird. In keiner früheren Aufschwungphase seit 1998 konnte die Wirtschaft von einem Rückgang der Energiepreise profitieren: Die Ölpreise waren in früheren Erholungsphasen vielmehr ein konstanter Gegenwind. Darüber hinaus war in keiner früheren Aufschwungphase die Geldpolitik, gemessen an den realen EONIA-Sätzen, so förderlich wie heute.

Und letztlich zieht sich die Erholung im historischen Vergleich schon sehr lange hin. In den Ländern, die derzeit das Euro-Währungsgebiet bilden, wurde nach den Konjunktureinbrüchen der 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahre das Vorkrisenniveau des realen Produktionswachstums nach fünf bis acht Quartalen erreicht. Während der jüngsten Rezession, die zugegebenermaßen die ausgeprägteste seit den 1930er-Jahren war, erreichte die US-amerikanische Wirtschaft das Vorkrisenniveau erst nach 14 Quartalen. Wenn unsere aktuelle Beurteilung korrekt ist, wird das Produktionswachstum im Eurogebiet erst nach 31 Quartalen, d. h. im ersten Quartal 2016, wieder das vor der Krise verzeichnete Niveau erreichen.

Dies ist nicht nur aufgrund der Produktionseinbußen in dieser Zeit von Bedeutung. Ein so lange andauernder Abschwung wirkt sich auch unweigerlich darauf aus, wie Unternehmen und Sozialpartner Löhne und Preise festsetzen. Dies wiederum zieht nach wie vor die Erholung der Inflation in Mitleidenschaft. Wenn auch die volatilsten Komponenten – in der Hauptsache die Energiepreise – zu einem großen Teil für den jüngsten Rückgang der Inflation verantwortlich sind, so liegen doch auch die Indikatoren der Kerninflation auf einem niedrigen Niveau. Dies könnte einen relativ schwachen künftigen Preisdruck implizieren.

Wir verzeichnen ein verhaltenes Lohnwachstum im Eurogebiet, was darauf hindeutet, dass die Produktionslücke noch immer einen Abwärtsdruck auf die Löhne ausübt. Die sogenannten Messgrößen für die Kernrate der Inflation – bei denen volatile Komponenten ausgeklammert werden – sind ebenfalls seit Mitte des Jahres 2012, als die Eurokrise ihren Höhepunkt erreichte, gesunken und bewegen sich seit beinahe zwei Jahren um einen Wert von rund 1 %. Der Anstieg auf 1,1 % im Oktober ist zwar ermutigend, reicht aber nicht aus, um dieses Bild nachhaltig zu ändern.

Eine niedrige Kerninflation ist nicht etwas, das uns nicht zu kümmern braucht, da sie in der Vergangenheit stets ein guter Indikator dafür war, auf welchem Niveau sich die Inflation auf mittlere Sicht stabilisiert. Wenn auch Kernindustrieerzeugnisse durch die Abwertung des Euro gestützt werden, so hängt doch der Preisauftrieb bei den Kerndienstleistungen – der heute in der Nähe des Allzeittiefs liegt – von Nominallohnzuwächsen ab. Damit es hier zu einem Anstieg kommt, muss die Wirtschaft so schnell wie möglich volle Fahrt aufnehmen.

Insgesamt gesehen befinden wir uns in einer Situation, in der wir noch nicht mit Zuversicht sagen können, dass der Prozess der wirtschaftlichen Gesundung im Eurogebiet abgeschlossen ist. Die moderate Wachstums- und Preisentwicklung bedeutet, dass wir genau beobachten müssen, ob die Wirtschaft – wenn sie auf sich alleine gestellt ist – unter Wahrung von Preisstabilität einen selbsttragenden Wachstumspfad erreichen kann. Wenn dies nicht der Fall ist, sind weitere monetäre Impulse notwendig, die die EZB ohne Zögern geben wird.

Bei der Sitzung des EZB-Rats im Dezember werden wir gründlich beurteilen, wie ausgeprägt und konstant die Faktoren sind, welche die Rückkehr der Inflation auf ein Niveau von 2 % bremsen. Dieser Beurteilung legen wir unter anderem die von Experten des Eurosystems erstellten Projektionen zugrunde. Eine weitere Eingangsgröße stellt die in Abstimmung mit den Ausschüssen des Eurosystems durchgeführte Arbeit unserer Experten zu den bislang erzielten geldpolitischen Impulsen dar, sowie das Instrumentarium, das zur Verfügung steht, wenn eine stärkere Akkommodierung als notwendig erachtet wird.

Wenn wir zu dem Schluss kommen, dass auf mittlere Sicht Abwärtsrisiken für die Preisstabilität bestehen, werden wir unter Nutzung aller innerhalb unseres Mandats verfügbaren Instrumente handeln. Insbesondere betrachten wir das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten als leistungsfähiges und flexibles Instrument, da sein Umfang, seine Zusammensetzung oder seine Dauer angepasst werden können, um einen expansiveren Kurs zu erreichen. Die Höhe des Zinssatzes für die Einlagefazilität kann ebenfalls die Transmission des Programms zum Ankauf von Vermögenswerten stärken, und dies nicht zuletzt durch Steigerung der Umlaufgeschwindigkeit von Bankreserven.

Bei der Beurteilung der Risiken für die Preisstabilität werden wir nicht die Tatsache außer Acht lassen, dass die Inflation bereits seit einiger Zeit niedrig ist. Mit Blick auf die Zukunft wird der akkommodierende geldpolitische Kurs so lange wie nötig beibehalten, um eine nachhaltige Korrektur der Inflationsentwicklung sicherzustellen. Das bedeutet, dass wir hinreichend sicher sein wollen, dass die Inflation sich nicht nur der Zielmarke von 2 % annähert, sondern sich auch auf einem Niveau von nahe 2 % auf mittlere Sicht stabilisiert.

Lassen Sie mich somit wiederholen, was ich bereits letztes Jahr an dieser Stelle gesagt habe: Sollten wir zu dem Schluss kommen, dass unser derzeitiger geldpolitischer Kurs nicht ausreicht, um dieses Ziel zu erreichen, werden wir das Nötige tun, um die Inflationsrate so schnell wie möglich anzuheben. Das ist das, was unser Mandat zur Gewährleistung von Preisstabilität von uns verlangt.



[1]Siehe die Rede von Mario Draghi Kommunikation von Geldpolitik in turbulenten Zeiten anlässlich der „Conference De Nederlandsche Bank 200 years: Central banking in the next two decades“, Amsterdam, 24. April 2014.

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