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Begrüßungsansprache anlässlich der Einweihung der Kunstwerke bei der EZB

Begrüßungsansprache von Mario Draghi, Präsident der EZB,
anlässlich der Einweihung der Kunstwerke auf dem Gelände der EZB,
Frankfurt am Main, 6. Oktober 2015

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie heute Abend hier begrüßen zu dürfen. Anlass für die heutige Feier ist zum einen der erfolgreiche Abschluss unseres Wettbewerbs für standortspezifische Kunstwerke, den wir im Februar 2014 ausgelobt haben, und zum anderen die Fertigstellung unseres neuen Gebäudes.

Lassen Sie mich zunächst die Gewinner unseres Wettbewerbs willkommen heißen: Liam Gillick, Giuseppe Penone und Nedko Solakov. Sie alle haben sich mit den vorgegebenen Themen „Stabilität und Unabhängigkeit“ sowie „In Vielfalt geeint“ auseinandergesetzt und Werke geschaffen, die das Leben einer Gemeinschaft im Aufbau in all seinem Facettenreichtum widerspiegeln.

Herzlichen Glückwunsch!

„Wenn ich noch einmal anfangen müsste, dann würde ich mit der Kultur beginnen.“

Dieses Zitat wird oft Jean Monnet zugeschrieben, einem der Gründungsväter der Europäischen Union. Allerdings ist umstritten, ob dieser Satz wirklich von ihm stammt. Doch in jedem Fall ist an dieser Aussage viel Wahres dran. Die Kunst kannte keine Grenzen mehr, lange bevor diese dank des europäischen Projekts von den Landkarten zu verschwinden begannen.

Die europäische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts zeigt, dass gemeinsame Ideen von Künstlern aus verschiedenen Ländern (wie den künstlerischen Avantgardisten des „Bauhaus“ oder der CoBrA-Bewegung, die 1948 und damit zwei Jahre vor der Schuman-Erklärung ins Leben gerufen wurde) sich überall in Europa durchsetzen können und selbst in den schwierigsten Zeiten einem Gemeinschaftsgefühl Vorschub leisten.

Künstler sind oft ihrer Zeit voraus. Ihre Werke neigen dazu, sich politischen Restriktionen zu entziehen, Nationalismus anzuprangern und Kriege zu überwinden. Ein gutes Beispiel ist die documenta in Kassel, die erstmals 1955 stattfand. Aufgrund der Ausrichtung in unmittelbarer Nähe des Eisernen Vorhangs galt sie lange als ein Vorzeigeprojekt für die Demokratie und die Überzeugung, dass Europa nicht für alle Zeiten in Ost und West geteilt bleiben würde.

Auch wenn sich die Künstler dessen nicht immer bewusst sind, so sind sie doch häufig die besten Botschafter Europas. Sie sorgen dafür, dass sich die Menschen in Europa besser kennenlernen und dadurch auch besser verstehen. Aspekte, ohne die das europäische Projekt und eine gemeinsame Zukunft nicht funktionieren werden.

Kunst ist Teil der Geschichte unseres Kontinents, sie zählt zum europäischen Erbe par excellence. Und sie erinnert uns daran, dass Werte nicht nur monetärer Natur sind.

Aus diesem Grund verfügt die EZB, wie die meisten Zentralbanken weltweit, über eine Kunstsammlung. Von Anfang an lag der Schwerpunkt dabei auf zeitgenössischen Werken. Heute umfasst unsere Sammlung 320 Arbeiten von 170 Künstlerinnen und Künstlern aus 20 Ländern: u. a. Malereien, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und Objektkunst.

Einer der jüngsten Neuzugänge unserer Sammlung ist die Installation „Frankfurters, 1980“ in der Großmarkthalle von Thomas Bayrle, den ich hiermit ebenfalls herzlich begrüßen möchte.

Kunst verbindet. Sich mit Kunst auseinanderzusetzen bedeutet jedoch auch, andere Sichtweisen zu akzeptieren und der Tatsache offen gegenüberzutreten, dass es unterschiedliche und manchmal sogar inkohärente Sichtweisen gibt. So gesehen steht Kunst für Toleranz, für ein Grundverständnis, dass Unterschiede eine Bereicherung sind – und sie ist Ausdruck des europäischen Leitspruchs „In Vielfalt geeint“.

Etwas, das wir von Künstlern lernen können, ist das Zusammenbringen verschiedener Systeme und Kulturen, damit diese Seite an Seite existieren können, und die Förderung von Synergien zwischen ihnen, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen.

Kunst bedeutet, dass man Fragen stellt, nachdenkt und Gedanken austauscht – genau dazu möchte ich Sie alle bei unserer Führung später am heutigen Abend einladen. Dieser Austausch findet zwischen einzelnen Menschen statt, aber auch zwischen dem Kunstwerk und dem Betrachter, da die Rezeption eines Werks von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Der heute Abend hier anwesende Kunstexperte Rein Wolfs wird Ihnen seine Interpretation der drei im Wettbewerb ausgewählten Arbeiten sicherlich gerne erläutern.

Die drei Künstler, die wir heute Abend feiern wollen, waren alle sowohl in Wirklichkeit als auch im Geiste grenzüberschreitend tätig. Die von ihnen geschaffenen Kunstwerke geben dem Gedanken Ausdruck, der hinter dem europäischen Leitspruch „In Vielfalt geeint“ steht.

Bevor ich nun Herrn Wolfs das Wort erteile, möchte ich den Mitgliedern des Auswahlgremiums und der Jury für ihre Arbeit danken. Einige von ihnen sind heute Abend hier: Susanne Gaensheimer, Sirje Helme, Mária Hlavajová, Enrique Juncosa, Erkki Liikanen, Frank Stepper, Werner Studener, Rein Wolfs und der Vorsitzende der Jury, Benoît Cœuré. Dank gebührt darüber hinaus den Kolleginnen und Kollegen, die die Durchführung des Wettbewerbs betreut und die Installation der Kunstwerke hier bei uns unterstützt haben.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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