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INTERVIEW

Interview mit ARD „plusminus“

Mitschrift des Interviews von Isabel Schnabel, Mitglied des EZB-Direktoriums, mit ARD „plusminus“, geführt von Markus Gürne am 8. Juli 2020

13 July 2020

Zum ersten Mal haben wir jemanden aus der Führungsetage der Europäischen Zentralbank zu Gast im Studio: Professorin Isabel Schnabel, seit Anfang des Jahres Mitglied des Direktoriums der EZB. Frühere Wirtschaftsweise und Professorin für Finanzmarktökonomie. Guten Abend Frau Schnabel.

Guten Abend, Herr Gürne.

Haben Sie jetzt einen anderen Blick auf die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank seit sie im neuen Amt sind? Früher waren Sie ja durchaus selbst auch kritisch.

Mir scheint, dass der Blick auf die EZB sich in den letzten Wochen und Monaten generell verbessert hat. Und das hat vermutlich damit zu tun, dass viele Menschen froh sind, dass die EZB in dieser Krise so entschieden reagiert hat, dass wir im März verhindert haben, dass es zu einer schweren Finanzkrise kommt. Insofern habe ich im Moment eigentlich den Eindruck, dass die Kritik etwas zurückgegangen ist. Aber ich kann Ihnen versichern: wir nehmen diese Kritik sehr ernst. Wir tragen eine große Verantwortung und machen uns natürlich sehr genau Gedanken darüber, welche Maßnahmen wir ergreifen.

Wir haben es ja im Film auch gerade gehört, da gibt es durchaus noch kritische Stimmen, auch in den sozialen Medien. Wie wollen Sie die Deutschen, die EZB-kritischen Deutschen, für sich gewinnen?

Ich möchte zuhören. Und ich möchte erklären. Das ist mir ganz wichtig. Das habe ich mir auf meine Fahnen geschrieben. Die Zentralbanken haben in den vergangenen Jahren sehr häufig mit Experten kommuniziert, und zwar in einer Sprache, die die normale Bürgerin oder der normale Bürger vielleicht überhaupt nicht versteht. Ich glaube, da müssen wir einiges tun. Wir müssen unsere Kommunikation verbessern und mehr erklären. Und das möchte ich tun.

Die Urangst der Deutschen ist die Inflation, die Geldentwertung. Und in der Tat ist die gefühlte Inflation viel höher als die gemessene. 0,3 Prozent Inflation, Frau Professorin Schnabel, ist so eine nackte Zahl. Gefühlt, haben wir gerade gehört, ist sie aber viel höher. Wie passt das zusammen?

Ja, Sie haben vollkommen Recht. Man weiß, dass die gefühlte Inflation häufig von der abweicht, die wir messen. Und das hat damit zu tun, dass wir die Inflationsrate ja über einen Warenkorb messen. Und der enthält Hunderte von Gütern. Aber wenn es um die gefühlte Inflation geht, dann ist es so, dass man die Preise von Gütern besonders gut beobachtet, die man häufig konsumiert. Das sind dann zum Beispiel Lebensmittel. Und die sind tatsächlich in den letzten Monaten vergleichsweise stark im Preis gestiegen. Aber andere Güter wie langlebige Konsumgüter haben sich tatsächlich im Preis nach unten entwickelt. Aber das nehmen wir nicht so wahr, weil wir sie nicht so häufig konsumieren.

Das ist der berühmte Warenkorb mit der Waschmaschine, die man eben nicht pausenlos kauft, sondern die man nur einmal hat. Jetzt hat ja die Europäische Zentralbank immer fast wie eine Monstranz vor sich hergetragen: Die Inflation soll nahe 2 Prozent sein. Diese Marke wackelt jetzt. Warum ist das so?

Ich weiß gar nicht, ob die wackelt. Was ich sagen kann ist, dass wir uns vorgenommen haben, unsere gesamte geldpolitische Strategie sehr sorgfältig zu überprüfen. Und da werden wir uns natürlich auch die Frage stellen, ob diese zwei Prozent noch angemessen sind. Aber viele der Gründe, die im Jahr 2003 dazu geführt haben, dass man sich auf diesen Wert von zwei Prozent geeinigt hat, gibt es nach wie vor. Insofern ist noch gar nicht klar, dass wir am Ende von dieser Zahl abweichen werden.

„Wie kann die EZB mir entgegenkommen als kleiner Mensch, um mir die Verluste wiedergutzumachen, die ich in dieser Zeit erlitten habe?“ Das könnte ich nicht besser fragen, deshalb gebe ich die Frage gleich so weiter.

Ich habe viel Verständnis dafür, dass die Menschen sich Sorgen machen, dass sie sich Sorgen machen, weil der Vermögensaufbau in Zeiten niedriger Zinsen sehr schwierig ist. Aber man muss bedenken: Wir sind ja nicht nur Sparer. Wir sind auch Kreditnehmer, wir sind Steuerzahler, wir sind Arbeitnehmer. Und während die Sparer gelitten haben unter den niedrigen Zinsen, haben die Menschen, die sich vielleicht ein Häuschen gekauft haben und Kredite aufgenommen haben, profitiert. Der Staat hat ebenfalls massiv profitiert, weil er sich so günstig verschulden konnte, und vor allen Dingen haben die Arbeitnehmer profitiert, weil die Geldpolitik der EZB in den vergangenen Jahren sehr positive Effekte auf den Arbeitsmarkt gehabt hat. Das heißt: Menschen haben heute einen Job, die ihn vielleicht sonst nicht hätten.

Aber noch einmal ganz kurz, Frau Professorin Schnabel, die Nachfrage: Wie sollen die Leute, die sparen, anders sparen?

Ja, auch in einem Umfeld niedriger Zinsen muss man natürlich Geld zurücklegen für die Altersvorsorge. Was das richtige Format ist, hängt sehr stark von den individuellen Bedürfnissen ab, von Risikopräferenzen und so weiter. In jedem Fall sollte man sein Geld nicht allein einfach auf dem Sparkonto liegen lassen, sondern auch mal über andere Sparformen nachdenken.

Spätestens mit der Corona-Pandemie ist die Hoffnung dahin, dass es in den kommenden Jahren wieder Zinsen geben könnte. Dafür gibt die EZB gigantische Summen für Rettungspakete gegen Corona aus. Das sind Summen, die man sich überhaupt nicht vorstellen kann. Wer zahlt das zurück? Und wann?

Zunächst einmal möchte ich etwas gerne klarstellen. Die EZB schnürt keine Rettungspakete. Die Rettungspakete werden geschnürt von der Politik, von der Fiskalpolitik. Die Zentralbank kümmert sich um die Preisstabilität, und das macht sie in normalen Zeiten über die Zinspolitik. Und in Zeiten wie den jetzigen, in denen das allgemeine Zinsniveau sehr niedrig ist, darüber, dass Anleihen gekauft werden, also Wertpapiere von Staaten und auch von Unternehmen. Das Ziel ist, dass man die Finanzierungskonditionen verbessert, sodass die Unternehmen mehr investieren, dass die Haushalte mehr konsumieren und dass dadurch der ganze wirtschaftliche Prozess in Schwung kommt und die Preise wieder steigen.

Und trotzdem gibt es einen Zusammenhang zwischen Politik und Geldpolitik. Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe hat ja in einem durchaus beachtenswerten Urteil gesagt: So wie ihr das bislang macht in der EZB, geht es nicht. Es hat Ihnen einen engeren Rahmen gesetzt. Wie gehen Sie damit um?

Tatsächlich ist es so, dass das Bundesverfassungsgericht an dem Programm selbst gar nichts auszusetzen hatte. Was kritisiert wurde, ist, dass wir nicht hinreichend dargelegt haben, warum das die richtigen Instrumente sind, warum das, was wir tun, angemessen ist. Und wir haben ja inzwischen Unterlagen bereitgestellt, und sowohl der Bundestag als auch die Bundesregierung haben sich davon überzeugen können, dass wir tatsächlich die Verhältnismäßigkeit unserer Programme immer sehr sorgfältig überprüfen. Woran wir sicher arbeiten müssen – und damit sind wir wieder am Anfang unseres Gesprächs – ist die Kommunikation.

Herzlichen Dank, Frau Professorin Schnabel, für den Besuch in unserem Studio.

Es war mir ein Vergnügen.

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