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Einleitende Bemerkungen

Dr. Willem F. Duisenberg, President der Europäischen Zentralbank, Christian Noyer, Vizepräsident der Europäischen Zentralbank Wien, Donnerstag, 11. Oktober 2001

Sehr geehrte Damen und Herren,

der EZB-Rat tagte heute zum vierten Mal außerhalb Frankfurts. Deshalb möchte ich zunächst unserem Gastgeber, Gouverneur Liebscher, und den Mitarbeitern der Oesterreichischen Nationalbank für die Einladung nach Wien und die großzügige Gastfreundschaft danken.

Wie üblich hat der EZB-Rat seine Beurteilung der monetären und wirtschaftlichen Entwicklungen und ihrer Auswirkungen auf die Gewährleistung der Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet vorgenommen. Auf der Grundlage seiner Beurteilung im Rahmen der ersten und der zweiten Säule beschloss der EZB-Rat, die EZB-Leitzinsen unverändert zu lassen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird das Niveau der EZB-Leitzinsen somit als vereinbar mit der Gewährleistung der Preisstabilität auf mittlere Sicht erachtet. Angesichts der großen Unsicherheit im internationalen Umfeld werden wir die Entwicklungen weiterhin sehr genau beobachten und neue Informationen im Rahmen unserer mittelfristig ausgerichteten geldpolitischen Strategie, die auf die Gewährleistung von Preisstabilität im Eurogebiet abzielt, bewerten.

Ich möchte nun die Beurteilung auf der Grundlage der beiden Säulen der geldpolitischen Strategie der EZB näher erläutern.

Was die erste Säule betrifft, so war beim M3-Wachstum in den vergangenen Monaten ein kräftiger Anstieg zu beobachten. Eine Reihe von temporären Faktoren spielt jedoch eine wichtige Rolle bei der Erklärung der jüngsten monetären Entwicklungen. Insbesondere die Unsicherheit an den Aktienmärkten und die relativ flache Zinsstrukturkurve bis August haben zu Portfolioumschichtungen von längerfristigen Anlagen zu in M3 enthaltenen kurzfristigen Anlageformen seitens privater Anleger geführt. Darüber hinaus verlangsamte sich das Wachstum der Kreditvergabe an den privaten Sektor im August weiter. Aus diesen Gründen sind wir nicht der Ansicht, dass die monetären Entwicklungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt Risiken für die Preisstabilität signalisieren. Gleichwohl muss die Entwicklung von M3 in den kommenden Monaten sorgfältig beobachtet werden.

Was die zweite Säule angeht, so ist die Beurteilung derzeit mit besonders großer Unsicherheit behaftet. Dies gilt insbesondere für das internationale Umfeld. Die Terroranschläge des letzten Monats wirkten sich negativ auf die Wirtschaftstätigkeit und das Vertrauen aus, was die Wiederaufnahme eines stärkeren Wirtschaftswachstums verzögern könnte. Vor diesem Hintergrund war es wichtig, dass die Entscheidungsträger in den Vereinigten Staaten, im Eurogebiet und in anderen Ländern weltweit Maßnahmen zur Förderung des Vertrauens ergriffen haben. Ein weiterer positiver Faktor ist der jüngste Rückgang der Ölpreise, der zur Eindämmung des Inflationsdrucks und zu einem Anstieg des real verfügbaren Einkommens der Haushalte und somit zur Stützung der Konsumausgaben in vielen Ländern beitragen dürfte.

Was das wirtschaftliche Wachstum im Eurogebiet angeht, so ist es zu früh, um eine eindeutige Beurteilung der makroökonomischen Auswirkungen der tragischen Ereignisse in den Vereinigten Staaten und der derzeitigen Aktivitäten zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus abzugeben. Zurzeit gibt es im Eurogebiet keine größeren Ungleichgewichte, die einen längerfristigen Anpassungsprozess erfordern würden. Die Fundamentaldaten im Eurogebiet sind aufgrund von Politiken, die auf Preisstabilität, eine Konsolidierung der öffentlichen Finanzen, Lohnzurückhaltung und strukturelle Reformen abzielen, weiterhin sehr positiv. Die Finanzierungsbedingungen sind günstig, und die Inflation ist rückläufig. Die bloße Existenz des Euro hat die Länder des Eurogebiets vor nachteiligen innereuropäischen Wechselkursspannungen bewahrt, denen viele Länder beim Auftreten von externen Schocks in der Vergangenheit normalerweise ausgesetzt waren. Insgesamt gesehen sollten diese Elemente, nach Absorption des anfänglichen Schocks, eine viel bessere Grundlage für eine Erholung im Laufe des nächsten Jahres darstellen, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Trotz dieser positiven Aspekte werden wir jedoch die Abwärtsrisiken hinsichtlich der gegenwärtigen Lage weiterhin beobachten.

Vor diesem Hintergrund sind wir zuversichtlich, dass die Inflation im Eurogebiet weiter auf ein Niveau zurückgehen wird, das mit Preisstabilität vereinbar ist. Der nachlassende externe Preisdruck zusammen mit der erwarteten Fortsetzung der Lohnzurückhaltung stützen diese Erwartung.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehen wir somit unsere frühere Beurteilung bestätigt, die uns dazu veranlasste, die EZB-Leitzinsen am 17. September um 50 Basispunkte zu senken. In der Tat verstärkten die jüngsten Ereignisse die bereits bestehende Tendenz zu niedrigeren Inflationsraten. Die Terroranschläge erforderten aufgrund ihres Wesens und angesichts der erwarteten wirtschaftlichen Folgen zweifelsohne eine prompte, flexible und angemessene Reaktion seitens des EZB-Rats im Rahmen der mittelfristig ausgerichteten geldpolitischen Strategie der EZB.

Was die Finanzpolitik betrifft, so gab es in den letzten Jahren in einer beträchtlichen Anzahl von Mitgliedstaaten des Eurogebiets sehr ermutigende Anzeichen einer entschlossenen Konsolidierung der öffentlichen Finanzen, während in einigen anderen Ländern die Fortschritte auf dem Weg zu ausgeglichenen Haushaltspositionen langsamer vonstatten gingen. Es ist normal, dass sich eine wirtschaftliche Verlangsamung nachteilig auf die Haushaltspositionen der Mitgliedsländer auswirkt, und es ist nicht notwendig, sofortige Gegenmaßnahmen zu treffen. Eine kurzlebige Verlangsamung sollte aber den Spielraum für das Erreichen der in den Stabilitätsprogrammen der einzelnen Länder gesetzten Ziele nicht wesentlich verändern. Für Länder, deren Haushaltspositionen noch nicht nahezu ausgeglichen sind oder einen Überschuss aufweisen, ist es wichtig, ihre mittelfristigen Konsolidierungspläne einzuhalten.

Was die langfristigen Aussichten angeht, so müssen die strukturellen Reformen hinsichtlich des Umfangs und der Zusammensetzung der öffentlichen Einnahmen und Ausgaben sowie die strukturellen Reformen an den Güter- und Arbeitsmärkten fortgesetzt werden, damit das Potenzialwachstum im Eurogebiet gesteigert wird. In Zeiten eines hohen realen BIP-Wachstums wurden hier Fortschritte erzielt, obwohl auf vielen Gebieten, einschließlich den Arbeitsmärkten, mehr hätte erreicht werden können. Da ein Anpassungsbedarf in Zeiten weniger kräftigen Wirtschaftswachstums deutlicher sichtbar werden dürfte, müssen die Entscheidungsträger jetzt die Beschleunigung der Reformen vorantreiben und dürfen nicht zulassen, dass die Reformbemühungen nachlassen. Ein entschiedenes Vorantreiben der Reformvorhaben wird es der Wirtschaft des Eurogebiets ermöglichen, in Zukunft flexibel zu reagieren, und somit das Vertrauen darin stärken, dass externe Schocks künftig leichter aufgefangen werden können, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Wir sind nun gern bereit, Ihre Fragen zu beantworten.

Der Wortlaut, auf den sich der EZB-Rat verständigt hat, ist der englischen Originalfassung zu entnehmen.

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