Stehen Konjunktur und Geldpolitik am Wendepunkt – Wohin steuert die Wirtschaft in Europa und den USA?

Rede von Yves Mersch, Mitglied des Direktoriums der EZB, Diskussionsrunde beim Petersberger Sommerdialog, Königswinter, 30. Juni 2018

Wirtschaftlicher Ausblick

Die Wirtschaft im Euroraum bleibt auf Expansionskurs, wenngleich mit leicht abgeschwächter Dynamik.

So lag das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal 2018 bei 0,4%, nach jeweils 0,7% in den vergangenen vier Quartalen. Der leichte Rückgang der Expansionsdynamik lässt sich zum Teil als eine Folge aus dem ausgesprochen hohen Wachstums des vergangenen Jahres erklären sowie über einige vorrübergehende und angebotsseitige Faktoren. Zugleich könnten die Sorgen um den um sich greifenden Protektionismus die Stimmung und die Erwartungen von Unternehmen gedämpft haben.

Ungeachtet dessen hält die fundamentale Stärke der Wirtschaft des Euroraums an. Dabei wächst die Wirtschaft seit nunmehr als 21 Quartalen über Potenzial. Die inflationsneutrale Arbeitslosenquote oder NAIRU (Non-Accelerating Inflation Rate of Unemployment) sowie die Output-Lücke liegen im positiven Bereich. Und die Stimmungsindikatoren – wenngleich schwächer – liegen in den meisten Sektoren und Ländern immer noch über dem langfristigen Durchschnitt.

Die seit 2014 eingeleiteten geldpolitischen Maßnahmen haben eine zentrale Rolle bei der Förderung von Wachstum und Beschäftigung im Euroraum gespielt.

In der Eurozone sind inzwischen etwa 8,4 Millionen Menschen mehr beschäftigt als noch während der Talsohle Mitte 2013. Das bedeutet, dass alle während der Krise verlorenen gegangenen Arbeitsplätze ersetzt wurden. Außerdem liegt die Arbeitslosenquote auf dem niedrigsten Stand seit Dezember 2008, trotz eines Anstiegs der Erwerbsbevölkerung um mehr als 2 %.

Der private Konsum wird weiterhin von dieser günstigen Arbeitsmarktentwicklung sowie dem soliden Wachstum des verfügbaren Einkommens der privaten Haushalte, höheren Bewertungen der Vermögenswerte und einer akkommodierenden Geldpolitik gestützt. Letztere trug auch zu einer geringeren Schuldenlast der Kreditnehmer bei. Für die Zukunft wird ein weiterhin günstiges Wachstum des privaten Konsums erwartet, da die Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt auch das Verbrauchervertrauen stützen dürften.

Die Investitionsaussichten der Unternehmen haben sich weiter verbessert und werden durch die günstigen Finanzierungsbedingungen, eine verbesserte Rentabilität und eine solide Nachfrage unterstützt.

Der finanzpolitische Kurs des Euroraums wird voraussichtlich 2018 expansiv und 2019-20 sollte er weitgehend neutral sein, um Prozyklizität zu vermeiden.

Zudem wird erwartet, dass sich die breit angelegte Expansion der weltweiten Nachfrage fortsetzt, was die Exporte des Euroraums stützen dürfte. Insbesondere in den USA blieb das Wachstum mit einer jährlichen Wachstumsrate von 2 % im ersten Quartal 2018 robust, nachdem es im vierten Quartal 2017 um 2,9% gestiegen war. Das Wachstum im Jahr 2017 war das achte Jahr in Folge mit einem positiven Wachstum in den USA, verglichen mit vier Jahren in Folge mit einem positiven Wachstum im Euroraum. Mit Blick auf die Zukunft wird erwartet, dass sich das Wachstum in den USA aufgrund des soliden Investitions- und Konsumwachstums und erheblicher fiskalischer Impulse beschleunigen wird. Zugleich müssen wir den sukzessiven Anstieg der langfristigen Zinsen in den USA angesichts einer robusten wirtschaftlichen Entwicklung, einer expansiven defizit-finanzierten Fiskalpolitik und dem Rückzug der FED aus den Wertpapiermärkten im Auge behalten.

Diese Darstellung einer Fortsetzung des breit angelegten Wirtschaftswachstums findet sich weitgehend in den makroökonomischen Projektionen des Eurosystems für den Euroraum vom Juni 2018 wieder. Das reale BIP soll 2018 um 2,1%, 2019 um 1,9% und 2020 um 1,7% steigen.

Während die Risiken für das Wachstum im Großen und Ganzen ausgewogen bleiben, sind die Risiken im Zusammenhang mit globalen Faktoren, einschließlich der Gefahr eines verstärkten Protektionismus, stärker in den Vordergrund gerückt. Darüber hinaus ist das Risiko einer anhaltend hohen Volatilität der Finanzmärkte zu beobachten.

Was die nominale Seite betrifft, so stieg die jährliche HVPI-Inflation im Juni von 1,9% im Mai auf 2,0 %. Auf Basis der aktuellen Terminpreise für Öl wird für den Rest des Jahres mit einer Gesamt-Inflation in etwa auf dem aktuellen Niveau gerechnet.

Die Basisinflation bleibt gedämpft, liegt aber über der niedrigen Bandbreite, die zwischen Mitte 2014 und Mitte 2016 herrschte. Die Entwicklung des inländischen Inflationsdrucks und der Löhne deutet auf einen stärkeren Preisanstieg hin. Eine weitere Verstärkung des inländischen Kostendrucks dürfte die Hauptursache für die erwartete Belebung der zugrunde liegenden Inflation gegen Ende dieses Jahres und den mittelfristig weiteren schrittweisen Anstieg sein.

Diese Einschätzung der Inflation entspricht weitgehend den makroökonomischen Projektionen der Mitarbeiter des Eurosystems vom Juni 2018 für das Eurogebiet, die eine jährliche HVPI-Inflation von 1,7 % für 2018, 2019 und 2020 erwarten.

Dieser Ausblick stützt sich darauf, dass die umfangreiche geldpolitische Unterstützung bestehen bleibt, so dass der zugrunde liegende Inflationsdruck mittelfristig weiter zunimmt und Bestand hat.

Der EZB Rat hatte im Oktober 2017 des Ankaufprogramm um die Hälfte gekürzt, nach einer Rückführung von 80 auf 60 Mrd. Euro im Dezember 2016. Im Frühjahr haben wir den sogenannten Easing Bias aufgegeben, und auf der Juni-Tagung kam der EZB-Rat zu dem Schluss, dass die Fortschritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Anpassung der Inflation bisher beträchtlich waren und hat entschieden, dass die Nettokäufe nochmals um die Hälfte gekürzt werden, um im Dezember ganz aufzuhören.

Da die längerfristigen Inflationserwartungen solide verankert sind, geben die fundamentale Stärke der Wirtschaft des Euroraums und das anhaltend hohe Maß an monetärer Unterstützung Anlass zur Zuversicht, dass sich die anhaltende Konvergenz der Inflation in Richtung unseres Ziels in der nächsten Zeit fortsetzen und auch nach einer allmählichen Abschwächung unserer Nettoinventarkäufe beibehalten wird. Dennoch ist nach wie vor ein ausreichender geldpolitischer Stimulus erforderlich, damit sich der zugrunde liegende Inflationsdruck mittelfristig weiter aufbaut und die Entwicklung der Gesamtinflation unterstützt.

Mit Blick auf die Zukunft wird sich die Geldpolitik fest an den Aussichten für die Preisstabilität orientieren, und unsere Haltung wird sich datenabhängig und zeitkonsistent entwickeln. Schrittweise Normalisierung heißt, dass wir kurzfristig das Ende des Nettoaufkaufprogramms antizipieren, während wir mit Blick auf die Zinsen mittelfristig nur unsere Erwartungen kundgeben. Der Unterschied liegt bei einer angemessenen Flexibilität für unsere mittelfristige Reaktionsfunktion, also keine unkonditionierte Festlegung auf die langfristige Zukunft aufgrund der Fülle an Unkenntnis und unsicheren Entwicklungen.

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