Aus Herausforderungen werden Chancen – Neustart für den europäischen Finanzsektor

Rede von Benoît Cœuré, Mitglied des Direktoriums der EZB, beim SZ-Finanztag 2016, Frankfurt am Main, 2. März 2016

Sehr geehrte Damen und Herren!

Für diejenigen unter Ihnen, die im Finanzsektor tätig sind, ist die Fähigkeit zu Risikobewertung und -management von zentraler Bedeutung. Und möglich ist dies nur, weil viele Risiken greifbar sind – Risiken können durch Analysen bestimmt, mit Modellen gemessen und durch Finanzinstrumente abgesichert werden. Das Risiko an sich steht Entscheidungen nicht im Wege, es gibt lediglich die Parameter für Entscheidungen vor.

Anders sieht es jedoch aus, wenn Risiko zu Unsicherheit wird. [1] Unsicherheit ist per Definition weder vorhersehbar noch quantifizierbar und stellt daher ein erheblich größeres Hindernis für Entscheidungen dar. Mit Unsicherheit sind wirtschaftliche Kosten verbunden: Unternehmen verschieben Investitionen in die Zukunft, Haushalte stellen Konsumausgaben zurück und sparen mehr.

Die europäische Wirtschaft sieht sich heute mit einer Reihe von Unsicherheitsfaktoren konfrontiert. Es besteht Unsicherheit über die Aussichten für die Weltwirtschaft. Es besteht Unsicherheit über den künftigen Kurs Europas und in Bezug auf seine Widerstandsfähigkeit gegenüber neuen Schocks – das Referendum im Vereinigten Königreich, die nächste Migrationswelle. Und – passend zum Thema dieser Konferenz – es besteht Unsicherheit, was die weitere Entwicklung des europäischen Finanzsektors betrifft.

Diese Unsicherheit liegt maßgeblich darin begründet, dass wir uns acht Jahre nach der Krise noch in einer Übergangsphase befinden. Die Finanzinstitute stehen wesentlich besser da als im Jahr 2008, der Prozess der Anpassung ihrer Geschäftsmodelle an die Situation nach der Krise ist jedoch noch im Gange. Wir haben einen neuen regulatorischen Rahmen, dessen Konturen noch nicht vollständig festgelegt sind. Und dieser neue Rahmen wird einem Finanzsektor auferlegt, der zum Teil noch erhebliche Altlasten zu bewältigen hat. Da bleiben Spannungen nicht aus.

Aber Unsicherheit kann auch hausgemacht sein, und dabei können politische Entscheidungen eine Rolle spielen. Im dem nach wie vor fragilen aktuellen Umfeld kommt es entscheidend darauf an, dass die Politik auf eine Verringerung der Unsicherheit hinarbeitet – sie darf nicht selbst zu einer Quelle von Unsicherheit werden.

Zugleich darf die Politik den Finanzunternehmen nicht als Ausrede dafür dienen, die Überarbeitung ihrer Geschäftsmodelle und die technologische Erneuerung hinauszuschieben. Um Vertrauen in den europäischen Finanzsektor aufzubauen, müssen alle Beteiligten ihren Beitrag leisten. Das Umfeld nach der Krise stellt eine Herausforderung dar, es bietet aber auch die Chance, profitabler, effizienter und solider zu werden.

In meinen Ausführungen heute möchte ich die aktuellen Quellen von Unsicherheit genauer untersuchen und ich möchte darauf eingehen, wie politische Entscheidungsträger und private Wirtschaftsakteure mit ihnen umgehen können. Hierbei möchte ich mich besonders auf die folgenden drei Bereiche konzentrieren: das Geschäftsumfeld, das regulatorische Umfeld und das technologische Umfeld.

Geschäftsumfeld

Es ist offensichtlich, dass das derzeitige Geschäftsumfeld für den europäischen Finanzsektor eine Herausforderung darstellt.

Die Gewinne der Banken im Euroraum sind weiterhin schwach, wobei ihre Eigenkapitalrendite sich seit der Krise zwar deutlich verbessert hat, [2] aber nach wie vor unter den Eigenkapitalkosten liegt. Die Tatsache, dass seit 2008 Maßnahmen zur Kostensenkung und Rationalisierung umgesetzt werden, erschwert weitere Einsparungen. Die geringe Ertragskraft wirkt sich nachteilig auf die Fähigkeit der Banken zur internen Kapitalbildung aus. Nicht zuletzt bringen die unsicheren wirtschaftlichen Aussichten, insbesondere angesichts der Konjunkturschwäche in aufstrebenden Volkswirtschaften und der Flaute in den rohstofffördernden Sektoren, neue Herausforderungen mit sich.

Können politische Entscheidungsträger diese Unsicherheit verringern?

Ein aktuelles Thema ist natürlich die Frage, ob die Geldpolitik mitverantwortlich ist für die geringe Ertragskraft. Angesichts der Zinssenkungen der Zentralbanken bis in den negativen Bereich wurde insbesondere die Sorge geäußert, dass sich die Geldpolitik in zunehmendem Maß nachteilig auf die Banken auswirken könnte. Da der Rückgang der Bankkreditzinsen einen linearen Verlauf aufweist, die Finanzierungskosten der Banken angesichts der trägen Zinsentwicklung bei Privatkundeneinlagen aber nicht linear sind, baut sich Druck auf die Nettozinsmargen auf.

Ich möchte betonen, dass wir uns dieser Problematik durchaus bewusst sind. Wir beobachten die Entwicklung kontinuierlich und sehen uns die in anderen Wirtschaftsräumen verwendeten Maßnahmen genau an, um mögliche negative Folgen für den Bankkreditkanal zu reduzieren. Meiner Ansicht nach ist aber auch der Eindruck zu relativieren, dass die Herausforderungen der Banken zum Großteil auf unsere Geldpolitik zurückgehen.

Bislang konnten viele Banken rückläufige Zinserträge mit einer höheren Kreditvergabe, niedrigeren Zinsaufwendungen, einer geringeren Risikovorsorge und Kapitalerträgen mehr als ausgleichen. Im letzten Jahr beispielsweise stieg der aggregierte Nettozinsertrag der Banken im Euroraum, vor allem weil von der Krise betroffene Banken eine Refinanzierung fällig werdender hochverzinslicher Verbindlichkeiten vornahmen. Des Weiteren sind negative Zinsen als Ergänzung unseres Programms zum Ankauf von Vermögenswerten zu sehen, das eindeutig positive Auswirkungen auf Vermögenspreise, Kreditrisiko und Intermediationsvolumen hatte. Diese Effekte sind den direkten Kosten unserer Maßnahmen im Hinblick auf Nettozinsmargen gegenüberzustellen.

Und welche Kosten wären dem Finanzsektor erst entstanden, wenn die Geldpolitik in einem Umfeld zunehmender globaler Unsicherheit nicht reagiert hätte. Der jüngste Einbruch der Kurse von Bankaktien hat gezeigt, dass der Sektor höchst sensibel auf unerwartet schwache Wirtschaftsaussichten reagiert. In diesem Zusammenhang ist unsere Verpflichtung auf das Preisstabilitätsmandat unerlässlich, um die Erwartungen hinsichtlich des Nominalwachstums zu verankern. Wer eine weniger akkommodierende Geldpolitik fordert, muss sich fragen, welche Auswirkungen eine stagnierende Produktion und sinkende Preise auf die Kreditvolumina der Banken und Rückstellungen für Kreditausfälle haben würden.

Ganz allgemein standen Banken im Mittelpunkt der Marktturbulenzen, bei denen noch Schwachstellen vermutet wurden, und zwar insbesondere Banken mit hohen Beständen an notleidenden Krediten und Banken, deren Geschäftsmodelle als nicht nachhaltig wahrgenommen wurden. Diese Herausforderungen haben wenig mit der Zentralbank zu tun. Um die Unsicherheit in diesem Zusammenhang zu verringern, müssen andere politische Entscheidungsträger und private Wirtschaftsakteure aktiv werden.

Zwei Prioritäten zeichnen sich deutlich ab. Erstens muss entschiedener mit Altlasten umgegangen werden. Die Abwicklung notleidender Kredite schreitet nach wie vor nur langsam voran, wenn man sich den Umfang der Problemkredite vor Augen führt. In den am stärksten von der Krise in Mitleidenschaft gezogenen Ländern [3] beläuft sich das Verhältnis von notleidenden Krediten zu Tangible Equity und Wertberichtigungen für Kreditausfälle bei vielen Banken derzeit auf etwa 100 %. Dieser Umstand untergräbt das Vertrauen in die Fähigkeit der Banken, weitere Verluste zu absorbieren. Im Fall von schlechten Konjunkturdaten führt dies zu Volatilität, außerdem wird das Wachstum der Kredite an die Realwirtschaft beeinträchtigt.

Alle Voraussetzungen für eine beschleunigte Abwicklung notleidender Kredite sind nun geschaffen: Der Umfang an notleidenden Krediten und die Risikovorsorge sind von der Bankenaufsicht der EZB im Rahmen der Prüfung der Aktiva-Qualität untersucht worden. Die Herausforderung besteht nun darin, das Tempo beim Prozess der Abschreibung und/oder Veräußerung zu forcieren. Eine Reihe von Maßnahmen können dabei helfen.

Eine bestünde in besseren Insolvenzregelungen, die bei der Unterscheidung zwischen zahlungsfähigen und nicht zahlungsfähigen Kreditnehmern helfen und die Bewertung von zu veräußernden Vermögenswerten vereinfachen. Eine andere bestünde in einer höheren Effizienz der Justizsysteme, sodass Sicherheiten, die Portfolios notleidender Kredite zugrunde liegen, schneller im Zuge einer Zwangsvollstreckung verwertet werden können. Und meiner Ansicht nach spricht auch einiges für eine vereinfachte Ausgliederung größerer Teile von Bankbilanzen. Voraussetzung sind natürlich praktikable Lösungen für die Übertragung von Altlasten zu vernünftigen Preisen an Investoren, die in der Lage und bereit sind, diese Altlasten zu verwalten. Außerdem müssten zunächst entschlossene Maßnahmen ergriffen werden, um den Markt für Kredite in den Ländern mit den höchsten Quoten an notleidenden Krediten anzukurbeln – also in Zypern und in Griechenland.

Zweitens müssen Banken mit wahrgenommenen Geschäftsmodellrisiken stärker auf eine Reduzierung der Unsicherheit hinarbeiten, indem sie die Zusammensetzung ihrer Geschäftstätigkeit und ihre operativen Modelle neu gestalten. Die Ausgliederung von Vermögenswerten könnte auch hier eine Katalysatorfunktion haben: Die Straffung der Bilanzen durch Veräußerung von Vermögenswerten kann Banken dabei helfen, sich auf den Ausbau des Neugeschäfts zu konzentrieren statt Altlasten zu verwalten. Mit anderen Worten: Es lässt sich so vermeiden, dass Kreditinstitute zu Zombiebanken werden. Ferner müssen ertragsschwache Banken Wege zur Steigerung ihrer zinsunabhängigen Erträge und, soweit möglich, zur weiteren Senkung ihrer Betriebskosten finden. Auch hier scheint das Potenzial noch nicht ausgeschöpft. [4]

Auf der Ertragsseite ist beispielsweise bereits der Trend festzustellen, dass Banken niedrigere Zinserträge durch höhere Gebühren und Provisionen ausgleichen. Es gibt Hinweise darauf, dass Banken ihren Kunden gebührenbasierte statt zinsbasierter Produkte anbieten. Auf der Kostenseite sind Einsparungen angesichts der weitreichenden Rationalisierungsanstrengungen der vergangenen Jahre schwieriger, dennoch bleibt noch eine offensichtliche, leicht realisierbare Maßnahme: Konsolidierung innerhalb des Sektors.

Indikatoren der Marktkonzentration deuten auf gewisse Überkapazitäten im europäischen Bankensektor hin, insbesondere in Ländern mit eher fragmentierten Bankensystemen. So ist der Herfindahl-Hirschman-Index für das Euro-Währungsgebiet in den vergangenen Jahren zwar gestiegen, liegt aber weiterhin unter einem Wert von 750. In der Regel deutet ein Wert von unter 1 000 auf eine geringe Konzentration hin. [5] Die Aufwand-Ertrags-Relation in einigen Bankensektoren bleibt ebenfalls hoch. Aus einer Konsolidierung würden sich folglich Effizienzsteigerungen ergeben, ohne dass sich dadurch die „Too-big-to-fail“-Problematik verschärft.

Mit den europäischen Aufsichts- und Abwicklungsstrukturen besteht inzwischen ein ideales Umfeld, in dem Banken neue Gelegenheiten zu grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen nutzen können. Unsere Wirtschaft braucht europäische Banken, die in einem europäischen Markt agieren: groß genug, um grenzüberschreitend tätig zu sein und Risiken zu streuen, aber klein genug, um mit den Ressourcen des Einheitlichen Abwicklungsfonds abgewickelt werden zu können. So könnte die Bankenunion ihren vollen Nutzen entfalten, und der Zielkonflikt zwischen Finanzstabilität und ökonomischer Effizienz würde sich verringern. [6]

Damit dies gelingt, müssen wir jedoch sämtliche Überreste des regulatorischen Rahmenwerks beseitigen, die den Home Bias implizit begünstigen. Wie groß ist der nationale Ermessensspielraum bei der Umsetzung von Vorschriften? Wie fungibel sind Liquidität und Kapital im grenzüberschreitenden Geschäft? Wie stark beeinflusst die Regulierung die Entscheidung für Tochtergesellschaften oder Niederlassungen? Alle diese Fragen werden sich maßgeblich auf die Anreize für Banken auswirken, ihr Geschäft europäisch auszurichten. Wenn wir nicht die richtigen Antworten finden, erfolgt die Konsolidierung womöglich auf dem schmerzhafteren Weg der Abwicklung.

Regulatorisches Umfeld

Dies bringt mich zum zweiten Teil meiner Ausführungen: dem regulatorischen Umfeld. Der europäische Finanzsektor sieht sich nach der Finanzkrise zweifellos einem völlig neuen regulatorischen Umfeld gegenüber. Das gilt für die Quantität und Qualität des Kapitals, den Verschuldungsgrad, die Finanzierungsprofile, die bail-in-fähigen Schuldtitel und die Praxis des Risikomanagements. Auch in Bezug auf Derivatemärkte und Marktinfrastrukturen gab es eine umfassende Reformagenda.

Ergibt sich aus dieser Regulierung Unsicherheit? Langfristig kann ich mir das nur schwer vorstellen. Dank regulatorischer Initiativen sind die Eigenkapitalquoten der Banken im Euroraum von rund 8 % im Jahr 2008 auf aktuell knapp 14 % gestiegen. Der Verschuldungsgrad ist in den meisten Ländern gesunken. Die Finanzierung ist stabiler geworden: der Median des Verhältnisses von Krediten zu Einlagen ist von über 140 % im Jahr 2008 auf zuletzt rund 110 % zurückgegangen. Durch die Pflicht zum zentralen Clearing von außerbörslich gehandelten Derivaten wird das Kontrahentenrisiko weitgehend ausgeschaltet, und die Unsicherheit über die Eigentumsverhältnisse in einer Krise wird reduziert.

All dies trägt zu einem robusteren Finanzsektor bei, der Schocks besser verkraften kann. Und obgleich mit der Regulierung stets Kosten einhergehen, deuten die meisten Untersuchungen darauf hin, dass in der langen Frist die gesamtwirtschaftlichen Vorteile überwiegen. So kommt die Kommission in Simulationen zu dem Schluss, dass sich die gesamtwirtschaftlichen Vorteile des neuen regulatorischen Rahmens auf jährlich rund 0,6 % bis 1,1 % des BIP der EU belaufen werden, verglichen mit langfristigen Kosten pro Jahr von rund 0,3 % des BIP der EU. [7]

In zweierlei Hinsicht kann Regulierung allerdings zu Unsicherheit führen. Zum einen, wenn die Sichtbarkeit der Ausgestaltung des künftigen regulatorischen Rahmens zu wünschen übrig lässt. Zum anderen, wenn Unsicherheit dahingehend besteht, wie die neuen Vorschriften angewandt werden.

Der Umfang an neuer Regulierung hat in den vergangen Jahren zu Unsicherheit im Finanzsektor geführt. Ich meine jedoch, dass die Konturen des neuen Rahmens heute klarer sind als zuvor. Die zentralen noch nicht abgeschlossenen Teile der Basel-III-Agenda wie Verschuldungsquote, Reduzierungen der Variabilität von risikogewichteten Aktiva, Verlustabsorptionsfähigkeit (TLAC) und die sogenannte „Fundamental Review of the Trading Book“ werden in Europa aller Voraussicht nach bis Ende des laufenden Jahres zum Abschluss gebracht. Das sollte dabei helfen, Klarheit über den Gleichgewichtszustand nach der Krise zu schaffen. Bei ihrem Treffen in Schanghai bestätigten die Finanzminister und Zentralbankpräsidenten der G 20, dass es nun um die wirksame Umsetzung von Basel III gehe, ohne die aufsichtsrechtlichen Eigenkapitalanforderungen weiter zu verschärfen. [8]

Es gibt jedoch noch einige Bereiche, in denen meiner Ansicht nach eine größere Sichtbarkeit von Vorteil wäre. Hierzu zählt beispielsweise der Zeitplan für die Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente, der sich vor Kurzem verschoben hat. Die Regulierungsbehörden stehen zweifellos vor einem schwer zu lösenden Zielkonflikt zwischen der Dringlichkeit von Reformen und dem Erfordernis, dass solch ein grundlegender Wandel in der Regulierung der technischen und logistischen Wirklichkeit gerecht werden muss. Es ist jedoch auch wichtig, dass der Prozess nicht ins Stocken gerät, denn die entsprechenden Gesetze bilden das Rückgrat einer künftigen Kapitalmarktunion.

Ein weiterer Bereich ist die Widerstandsfähigkeit, Sanierung und Abwicklung von Clearinghäusern. Hierzu wird die Kommission im weiteren Jahresverlauf einen Vorschlag unterbreiten, sobald die globalen Rahmenbedingungen feststehen. Der Ausschuss für Zahlungsverkehr und Marktinfrastrukturen (CPMI), die Internationale Organisation der Wertpapieraufsichtsbehörden (IOSCO) und der Finanzstabilitätsrat (FSB) verzeichnen in diesem Zusammenhang große Fortschritte und werden im Vorfeld des G-20-Gipfels in Hangzhou entsprechende Empfehlungen vorlegen. [9]

Auch im Hinblick auf die Anwendung der Regulierung ist, vielleicht zwangsläufig, im Zuge der Einführung des neuen Rahmens eine gewisse Unsicherheit festzustellen. So scheint die jüngste Volatilität der Kurse von Bankaktien zu einem gewissen Grad mit Unsicherheit in Bezug auf die praktische Anwendung der Anforderungen aus Säule 2 zusammengetroffen zu sein. Inzwischen konnten, so meine ich, durch die jüngsten Klarstellungen der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) [10] und zusätzliche Kommunikationsaktivitäten des Einheitlichen Aufsichtsmechanismus (SSM) [11], viele Bedenken ausgeräumt werden. Unter sonst unveränderten Bedingungen werden sich auch die Aufsichtsanforderungen nicht weiter verschärfen.

Zu klären wäre vielleicht noch, wie genau der neue Abwicklungsrahmen funktionieren wird. Im Zuge der Abwicklungsfälle im vergangenen Jahr in Portugal und Italien kamen Sorgen über die Gleichbehandlung auf. Dabei muss jedoch betont werden, dass nicht das Bail-in-Instrument der Richtlinie zur Sanierung und Abwicklung von Kreditinstituten, sondern EU-Vorschriften über staatliche Beihilfen angewandt wurden. Wichtig ist, dass Gläubiger Klarheit darüber haben, wo sie in der neuen Forderungsrangfolge im Rahmen einer Abwicklung stehen.

Dies ließe sich meiner Ansicht nach teilweise erreichen, indem die Mindestanforderungen an Eigenmittel und berücksichtigungsfähige Verbindlichkeiten (MREL) in der gesamten EU einheitlich umgesetzt werden, einschließlich eines gemeinsamen Rahmens der EU zum Grad der Nachrangigkeit vorrangiger unbesicherter Bankanleihen. [12] Es wäre zudem vorteilhaft, wenn mehr Klarheit herrschen könnte, was das Zusammenspiel von MREL und TLAC betrifft, insbesondere in Bezug auf die Unterschiede bei der Nachrangigkeit und die Behandlung zusätzlicher Kapitalpuffer. Die derzeitige Überarbeitung der MREL, in deren Rahmen auch die TLAC berücksichtigt wird, muss sich mit allen verbleibenden Unstimmigkeiten und Unsicherheiten befassen. Es muss Klarheit für die Banken bestehen, damit sie mit der Emission bail-in-fähiger Schuldtitel beginnen können, durch die der neue Abwicklungsrahmen vollständig wirksam wird.

Ich bin mir sicher, dass viele dieser Fragen im Verlauf des Jahres 2016 in Angriff genommen und zu einem Abschluss gebracht werden.

Technologisches Umfeld

Abschließend möchte ich auf die dritte und meines Erachtens wichtigste Quelle potenzieller Unsicherheit im Finanzsektor eingehen: das sich wandelnde technologische Umfeld. Ich spreche von disruptiven neuen Technologien – den sogenannten Finanztechnologien, kurz „FinTech“. Sie dürften die Struktur der Finanzintermediation tiefgreifend verändern.

FinTech breitet sich gegenwärtig über die Finanzmarktsegmente hinweg und entlang der gesamten Wertschöpfungskette aus. FinTech-Lösungen sind, wenngleich noch in einem frühen Entwicklungsstadium, im Zahlungsverkehr ebenso präsent wie in der Kreditvergabe, in der Anlage- und Finanzberatung sowie im Versicherungsgeschäft. Sie erfassen alle Prozesse vom Frontoffice bis zum Backoffice. Und FinTech-Innovationen dringen zunehmend in neue Bereiche vor. So hat beispielsweise die Entwicklung von Echtzeit-Zahlungsinfrastrukturen dazu beigetragen, neue Märkte für mobile P2P-, E-Commerce- oder Point-of-Sale-Bezahllösungen zu erschließen, die in einigen Bereichen zum neuen Standard werden könnten.

Dies ist auf den ersten Blick sicherlich eine positive Entwicklung für den Finanzsektor. Sie führt zu höherer Effizienz, besseren Produkten und günstigeren Preisen für die Verbraucher. Darüber hinaus kann sie die finanzielle Inklusion fördern. Kurzum, FinTech kann Teil der Lösung für die grundlegenden Probleme sein, vor denen unsere Volkswirtschaften stehen: mangelnde Produktivität und wachsende Ungleichheit.

Deshalb unterstützt die Regulierung generell die Öffnung des Marktzugangs, indem sie Rechtssicherheit für zuvor unregulierte Dienstleistungen schafft. So wurde beispielsweise in der überarbeiteten Richtlinie über Zahlungsdienste die Liste der Tätigkeiten erweitert, die Zahlungsdienstleister ausführen dürfen; sie umfasst nun auch die Auslösung von Zahlungsvorgängen und Kontoinformationsdienste. Mit Unsicherheit behaftet ist jedoch die Frage, was dies für bestehende Anbieter bedeutet.

FinTech bietet neuen Start-ups die Möglichkeit, bei bestimmten Finanzdienstleistungen mit etablierten Finanzinstituten zu konkurrieren, allerdings ohne die mit den bestehenden IT-Systemen und einer Compliance-Kultur verbundenen Kosten. FinTech öffnet den Markt auch für große Technologiekonzerne wie Apple, Google und Amazon, die naturgemäß einen Vorteil auf dem Gebiet der digitalen Technologie haben. Dies könnte Banken, die traditionell ein Bündel an Dienstleistungen anbieten, Geschäftsanteile kosten und möglicherweise deren Geschäftsmodelle schwächen.

Hinzu kommt, dass längerfristig Innovationen wie Distributed-Ledger-Technologien (DLTs) gravierende Folgen für die Finanzintermediation haben könnten. DLTs könnten die Abstimmungskosten für Marktteilnehmer erheblich reduzieren, etablierte Anbieter als Intermediäre aus der Wertschöpfungskette von Finanzdienstleistungen verdrängen und einen effizienteren Einsatz von Sicherheiten ermöglichen. Durch die dezentrale Aktualisierung und Validierung von Aufzeichnungen werden sie vielleicht sogar die grundlegenden Geschäftsmodelle von Intermediären oder zentralen Marktinfrastrukturen gefährden.

Sollten die politischen Entscheidungsträger darüber besorgt sein?

Grundsätzlich ist es Aufgabe der etablierten Akteure am Markt, dieser Herausforderung zu begegnen. Insbesondere sollten Banken, die ihre Geschäftsmodelle infrage gestellt sehen, die neue Innovationswelle als Chance begreifen – als Chance, neue Kunden anzusprechen, die Effizienz zu steigern und ihre Geschäftsmodelle zu modernisieren. Immerhin haben sie nach wie vor Größenvorteile gegenüber kleinen Start-ups und verfügen über intellektuelles Kapital, auf das marktfremde Wettbewerber nicht zugreifen können. FinTech ist vielleicht genau der Schock, den der Sektor zur Neuordnung nach der Krise braucht.

Gleichwohl müssen die politischen Entscheidungsträger Entwicklungen auch genau beobachten. Wenn weitere Unternehmen in den Markt eintreten, ist dafür zu sorgen, dass für Wettbewerber, die ähnliche Finanzdienstleistungen anbieten, gleiche Bedingungen herrschen. Überdies könnte die Fragmentierung des Marktes den europäischen Binnenmarkt vor neue Herausforderungen stellen. Innovative Marktakteure neigen nämlich dazu, Closed-Loop-Lösungen oder „Silos“ zu schaffen, und gefährden damit die bestehenden Ansätze zur Eindämmung systemischer Risiken. Beispielsweise könnte es die im Kontext von SEPA bereits erreichte Marktintegration aushöhlen, wenn sich in einzelnen Ländern neue Massenzahlungsplattformen erfolgreich durchsetzen.

Wir werden beobachten müssen, wie sich der Markt entwickelt. Erst dann können wir beurteilen, ob durch Regulierung in die eine oder andere Richtung gesteuert werden sollte, ob die neuen Ansätze den Marktteilnehmern volle Rechtssicherheit bieten und ob regulatorischer Spielraum gewährt werden kann, sodass sich Innovationen ohne Gefahr für die Finanzstabilität entwickeln können. Aber wir befinden uns bereits auf einer steilen Lernkurve. So analysiert der CPMI in einem Gemeinschaftsprojekt mit der IOSCO und anderen normgebenden Gremien die Auswirkungen der Distributed-Ledger-Technologie und damit verbundener digitaler Innovationen auf den Zahlungsverkehr und Marktinfrastrukturen.

Fazit

Lassen Sie mich nun zum Schluss kommen.

Der Euroraum ist noch immer dabei, sich von einer epochalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu erholen, die tiefe Spuren in der Wirtschaft hinterlassen hat. Er braucht dringend ein stärkeres Wachstum, damit die Arbeitslosigkeit sinkt, Schulden in der Wirtschaft abgebaut werden und die Inflation sich wieder unserem Preisstabilitätsziel annähert. Unsicherheit im Finanzsektor steht dem nur im Wege.

Deshalb müssen sowohl die politischen Entscheidungsträger als auch die Finanzinstitute ihren Teil dazu beitragen, dass die Unsicherheit schwindet. Sie müssen dafür sorgen, dass das Finanzsystem seinen Zweck erfüllt und in der Lage ist, die Erholung zu finanzieren. Und zwar sofort, nicht erst später.

Wir sollten aber nicht außer Acht lassen, dass die Herausforderungen für den Finanzsektor auch eine Chance darstellen. Ein schwieriges Geschäftsumfeld kann Banken veranlassen, ihre Effizienz zu steigern. Ein neues, stabiles regulatorisches Umfeld wird das Finanzsystem sicherer machen. Und ein disruptives technologisches Umfeld kann neue Geschäftsmodelle und bessere Finanzdienstleistungen hervorbringen.

Es liegt in unser aller Interesse, dass wir uns dieser Herausforderung stellen.



[1]Siehe F. Knight (1921). Risk, Uncertainty and Profit, Boston: Hart, Schaffner & Marx.

[2]Die annualisierte Eigenkapitalrendite für den Bankensektor des Euroraums belief sich für die ersten drei Quartale 2015 auf 5,7 % gegenüber 3,4 % im Jahr 2010.

[3]Siehe EZB, Financial Stability Review, November 2015. Die Analyse basiert auf öffentlich zugänglichen Daten für eine Stichprobe von 60 bedeutenden Bankengruppen. Zu den am stärksten von der Krise betroffenen Ländern zählen Griechenland, Irland, Italien, Portugal, Slowenien, Spanien und Zypern.

[4]Siehe D. Nouy, Risks and resilience – the European banking sector in 2016, Rede im Rahmen des Deutsche Bank – Bank Capital Forum, London, 23. Februar 2016.

[5]Siehe ECB Report on financial structures, Oktober 2015. Der Herfindahl-Hirschmann-Index (HHI) ist die Summe der quadrierten Marktanteile aller Unternehmen einer Branche, wobei die Marktanteile als Brüche dargestellt werden. In der Regel deutet ein HHI von unter 1 000 auf eine geringe Konzentration und ein HHI von über 1 800 auf eine hohe Konzentration hin. Werte zwischen 1 000 und 1 800 zeigen eine gemäßigte Konzentration der Branche an. Der Wertebereich des Index reicht von 0 bis 10 000.

[6]Siehe B. Cœuré, On the optimal size of the financial sector, Rede im Rahmen der EZB-Konferenz „Optimal size of the financial sector“, Frankfurt, 2. September 2014.

[7]Siehe Europäische Kommission, Überprüfung der Agenda für die Finanzregulierung aus wirtschaftlicher Sicht, Mai 2014.

[9]Noch ein weiteres Thema sind die Auswirkungen auf Pensionsfonds durch die Umstellung auf das zentrale Clearing von außerbörslich gehandelten Derivaten. Zentrale Kontrahenten akzeptieren in der Regel ausschließlich Sicherheitsleistungen in bar, während Pensionsfonds meist nur in geringem Umfang über liquide Vermögenswerte verfügen. Aus diesem Grund stimmte die Kommission im Juni des vergangenen Jahres einer zweijährigen Ausnahmeregelung für Pensionsfonds zu, um eine technische Lösung für dieses Problem zu finden. Bis eine Lösung gefunden ist, kann es aber Unsicherheit unter den Anlegern geben, inwieweit Pensionsfonds in der Lage sind, ihre Sicherheitsleistungen beim Clearing zu erbringen, ohne dafür profitable Vermögenswerte abstoßen zu müssen.

[12]Siehe EZB, Stellungnahme der Europäischen Zentralbank vom 2. September 2015 zur Bankenabwicklung (CON/2015/31).

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