Bankenrestrukturierung und wirtschaftliche Erholung

Rede von Mario Draghi, Präsident der EZB,
anlässlich der Verleihung des Schumpeter-Preises,
Oesterreichische Nationalbank, Wien, 13. März 2014

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

als Erstes möchte ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen und betonen, wie geehrt ich mich fühle, dass ich heute als Träger des Schumpeter-Preises zu Ihnen sprechen darf.

Die Ehre, die mir heute zuteilwird, könnte man als Auszeichnung für eine gute Leistung betrachten. Ich sehe sie jedoch eher als Ansporn und Inspiration, um unsere Aufgabe mit derselben Entschlossenheit und Zielstrebigkeit fortzusetzen, die wir bereits in den letzten Jahren gezeigt haben.

Nach fünf Jahren der Krise und Unsicherheit stabilisierte sich das Eurogebiet 2012 und 2013. Das Vertrauen in die Zukunft unserer Union kehrte zurück.

2014 und 2015 wird sich die Wirtschaft erholen. Diese konjunkturelle Belebung ist jedoch nach wie vor an verschiedene Bedingungen geknüpft. Sie hängt davon ab, dass wir jene Maßnahmen weiterverfolgen, die die Rückkehr des Vertrauens ermöglichten: die wachstumsfreundliche Haushaltskonsolidierung, Strukturreformen zur Steigerung von Investitionen und Produktivität, die entschlossene geldpolitische Absicherung gegen Bedrohungen der Integrität unserer Währung ‒ insbesondere das Risiko einer zu hohen oder, aktuell noch relevanter, einer zu niedrigen Inflation.

Voraussetzung für die Erholung sind jedoch auch andere Maßnahmen, mit denen ich mich heute Abend passenderweise befasse, da sie maßgeblich auf den Lehren und Gedanken von Joseph Schumpeter beruhen. Ich beziehe mich hier auf die Maßnahmen, die für den „Neustart“ des Finanzsystems ergriffen wurden, insbesondere auf die sogenannte umfassende Bewertung ‒ den aktuellen Gesundheitscheck des Bankensystems im Euroraum. Letztere wird durchgeführt, bevor der einheitliche Aufsichtsmechanismus (Single Supervisory Mechanism ‒ SSM) seine Tätigkeit im November des laufenden Jahres aufnimmt.

Die Gründe für unser Handeln stehen nämlich im Zusammenhang mit zwei der bedeutendsten und am stärksten verbreiteten Erkenntnisse Schumpeters. Zum einen berufen wir uns auf die Bedeutung eines gut funktionierenden Finanzsektors für die effiziente Allokation von Kapital und Kredit. Und zum anderen wird ein Beitrag zur schöpferischen Zerstörung im Schumpeterschen Sinne geleistet, die Innovationen und Produktivitätswachstum fördert.

Indem wir Bankbilanzen sanieren, schaffen wir also kurz gesagt die Voraussetzungen dafür, dass die Ressourcen wieder jenen Unternehmen zufließen, die sie am produktivsten einsetzen. Und in diesem Sinne können wir durch die schöpferische Zerstörung im Bankensektor die schöpferische Zerstörung in der Wirtschaft insgesamt erleichtern und die Erholung stützen.

Abbau des Fremdkapitalanteils und Realwirtschaft

Zunächst möchte ich auf die Herausforderungen eingehen, die sich Entscheidungsträgern bei der Sanierung des Bankensektors stellen.

Im Rückblick gibt es keinen Zweifel daran, dass sich die Geschäftsmodelle und die Struktur der Passiva der Banken im Eurogebiet weiterentwickeln mussten. Vor der Krise hatten zahlreiche Banken ihre Geschäfte über einen zu hohen Fremdkapitalanteil und einen zu niedrigen Eigenkapitalanteil finanziert. Beim Fremdkapital war zudem der Anteil der großvolumigen Finanzierung im Verhältnis zu den Einlagen zu hoch.

Dieses Modell konnte nur deshalb entstehen, weil man von einer impliziten staatlichen Garantie für Bankverbindlichkeiten ausging ‒ eine Einschätzung, die vielleicht die markanteste Komponente der Verbindung zwischen Banken- und Länderrisiken ist. Sowohl die Bonitätsverschlechterung der Länder als auch die Klarstellung der Regeln für das Bail-in im Hinblick auf Bankverbindlichkeiten haben dazu beigetragen, einem Refinanzierungsmodell, das weder wünschenswert noch tragfähig war, ein Ende zu bereiten. Infolgedessen hat das Bankensystem des Euroraums einen trendmäßigen Prozess der Restrukturierung und der Stärkung der Eigenmittelquote eingeleitet.

Aus geldpolitischer Sicht stellt sich uns nicht die Frage, ob wir diesen Abbau des Fremdkapitalanteils vermeiden können. Es ist allgemein anerkannt, dass Regierungen, nichtfinanzielle Gesellschaften, private Haushalte und Banken vor der Krise zu hohe Schulden angehäuft haben und wir uns jetzt mit den Auswirkungen des darauf folgenden Schuldenüberhangs auseinandersetzen müssen.

Meiner Ansicht nach sollte man vielmehr fragen, in welcher Form dieser Abbau von Fremdkapital erfolgen und welches Tempo hierfür erlaubt oder empfohlen werden sollte.

Wir wollen eindeutig keinen übermäßig schnellen Abbau des Fremdkapitalanteils, der einen ungeordneten Notverkauf von Vermögenswerten beinhaltet. Deshalb hat die EZB auch vor zwei Jahren im Zusammenhang mit einem Engpass bei der Bankenrefinanzierung langfristige Refinanzierungsgeschäfte durchgeführt. In Anlehnung an Schumpeters Begrifflichkeiten wäre dies eine „zerstörerische Zerstörung“ gewesen.

Gleichzeitig wollen wir aber auch nicht einen übermäßig lang anhaltenden Abbau des Fremdfinanzierungsanteils, in dessen Rahmen Banken ihr Kreditportfolio reduzieren, indem sie die Neukreditvergabe einschränken, und zugleich hoffen, dass ihre sich unterdurchschnittlich entwickelnden Vermögenswerte wieder an Wert zulegen.

Zugespitzt kann man sagen, dass dies zu schwer angeschlagenen Banken führen würde, die keine Kredite vergeben. Und je länger diese Situation anhält, desto länger wirken sich die Kreditkonditionen auf die von Schumpeter beschriebene schöpferische Zerstörung aus. Das Kommen und Gehen der Unternehmen am Markt ‒ eine bedeutende Triebkraft des Produktivitätswachstums ‒ würde unterbrochen werden.

Es gibt Hinweise darauf, dass es bereits solche Fehlallokationen bei der Kreditvergabe im Eurogebiet gibt, was ‒ selbst wenn es sich um ein vorübergehendes Phänomen handelt ‒ zu einer unerwünschten Verzerrung zu Lasten kleiner Unternehmen führt. Anders als große Unternehmen können KMUs die Bankfinanzierung nicht einfach durch Kapitalmarktfinanzierung ersetzen. Banken spielen bei der Verringerung von Informationsasymmetrien in Bezug auf die Bonität kleinerer Kreditnehmer eine grundlegende Rolle.

Wenn kleine, innovative Unternehmen keinen Zugang zu Finanzierungsquellen haben, so hat dies bedeutende Auswirkungen auf Beschäftigung und Investitionen. Studien aus den Vereinigten Staaten zeigen, dass neue Arbeitsplätze hauptsächlich von jungen Unternehmen geschaffen werden. Gleichzeitig ging aus diesen Studien hervor, dass junge Unternehmen viel sensibler auf Veränderungen der Investitionsmöglichkeiten reagieren als ältere Unternehmen. Demnach würden weniger Unternehmensneugründungen wahrscheinlich zu einem geringeren trendmäßigen Produktivitätswachstum führen.

Ein „guter“ Abbau des Fremdkapitalanteils – die umfassende Bewertung

Was wir erreichen möchten, ist eine „gute“ Form des Abbaus des Fremdkapitalanteils der Banken – und damit meine ich den Aufbau von Eigenkapital entweder anhand einbehaltener Gewinne oder durch Direktemissionen, die Erhöhung der Einlagen sowie Bilanzreduzierungen durch Ausgliederung von Aktiva und weniger durch geringere Kreditvergabe.

Unsere umfassende Bewertung der Bankbilanzen schafft meines Erachtens das Umfeld wie auch die Anreize dafür, dass dies erreicht wird. Mit dieser Bewertung werden die Aktiva der Banken durchleuchtet, und es wird gewährleistet, dass Risikoaktiva vollständig in der Bilanz ausgewiesen werden. Außerdem wird die Bewertung zu zeitnahen Korrekturmaßnahmen in Form von Bankenrestrukturierungen und Kapitalaufstockungen führen.

Eine dadurch erfolgende raschere Sanierung des Bankensektors sollte ihrerseits in der gesamten Wirtschaft die schöpferische Zerstörung im Schumpeterschen Sinne beschleunigen – indem nämlich nicht nur die Kreditvergabe an jüngere Unternehmen, sondern auch die Restrukturierung von Krediten älterer Unternehmen erleichtert wird.

Firmen, deren Geschäftsmodell nicht mehr tragfähig ist, sollten in Insolvenz gehen. Offenbar gibt es im Eurogebiet aber auch Unternehmen, die nicht in neue Wachstumsmöglichkeiten investieren können, weil sie überschuldet sind. Banken mit einer guten Eigenkapitalausstattung sind eher in der Lage, die Kreditvergabe an Firmen mit schlechter Bonität einzustellen oder deren Kredite zu restrukturieren. Dies wiederum sollte bei der Auslese derjenigen Unternehmen helfen, die es aufgrund ihrer Erfolgsaussichten verdienen, weiterzubestehen.

Selbstverständlich sind die Kreditbedingungen nicht das einzige Hindernis, das Innovation im Weg steht. Herauszustellen ist auch die Rolle, die Struktur- und Steuerreformen dabei spielen, ein für Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen gedeihliches Geschäftsklima zu schaffen. Das Sanieren der Banken ist allein keine ausreichende Grundlage für die Rückkehr zu dauerhaftem Wachstum – es ist jedoch eine notwendige Grundlage.

Es gibt einen zweiten Anreiz für ein rascheres Angehen von Bankenrestrukturierungen und Bilanzkorrekturen, und dieser ist direkter mit der Geldpolitik verknüpft. Banken, die sich rekapitalisieren müssen, geben das niedrige Niveau unserer Leitzinsen in der Regel nicht über ihre Kreditzinsen weiter. Beleg dafür waren eine Zeit lang die Heterogenität der Zinssätze im Euroraum und die – vor allem in den finanziell angeschlagenen Staaten – verhaltene Reaktion der Zinssätze auf unsere sukzessiven Schritte geldpolitischer Lockerung.

In dem Maß, wie der Abbau des Fremdkapitalanteils in den Bankbilanzen voranschreitet, sollten wir erwarten dürfen – und in der Tat gibt es erste Anzeichen dafür –, dass sich die Transmission unserer derzeit lockeren Geldpolitik verbessert. Dies gilt umso mehr, als sich die Einlagensätze niedrigeren Niveaus annähern. Wir gehen im Übrigen davon aus, dass sich diese verbesserte Transmission im Laufe des Jahres immer stärker bemerkbar macht.

Rolle der Geldpolitik

In diesem Zusammenhang bekräftigte der EZB-Rat am vergangenen Donnerstag ausdrücklich seine Forward Guidance, der zufolge er die EZB-Leitzinsen für längere Zeit auf dem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau belassen wird. Die Absicht, einen akkommodierenden geldpolitischen Kurs so lange wie nötig beizubehalten, stützt sich auf die auch mittelfristig insgesamt gedämpften Inflationsaussichten. Dieser akkommodierende Kurs unterstützt den Prozess des Abbaus des Fremdkapitalanteils über verschiedene Bilanzkanäle.

Allerdings hat unsere Forward Guidance auch einen weiteren Effekt: Wenn sich die gegenwärtige konjunkturelle Belebung im Einklang mit unseren Projektionen entwickelt, so wird die erhebliche Unterauslastung der Wirtschaft allmählich aufgefangen, und die Inflation wird schrittweise auf ein Niveau steigen, das näher an 2 % liegt. Somit führt unsere Forward Guidance zu einer De‑facto-Lockerung des geldpolitischen Kurses, da die Realzinsen über den Projektionszeitraum hinweg fallen dürften. Dies findet beispielsweise seinen Niederschlag in niedrigeren realen Terminzinssätzen in der Zinsstruktur von Nominalzinsen und inflationsindexierten Swaps.

Inwieweit das hilfreich ist? Während sich im Zuge der Sanierung des Bankensektors das Kreditangebot verbessern sollte, dürften sinkende Realzinsen die Kreditnachfrage stützen, indem die Investitionsfreude der Unternehmen stimuliert und dadurch eine positive Spirale aus höheren Ausgaben, höherem Wachstum und höherer Inflation angetrieben wird. Gleichzeitig werden sich die Abstände zwischen den Realzinsen im Euroraum und jenen der übrigen Welt voraussichtlich verringern, sodass ceteris paribus Abwärtsdruck auf den Wechselkurs ausgeübt wird. Die Stärkung des effektiven Euro-Wechselkurses in den vergangenen anderthalb Jahren hat gewiss einen erheblichen Einfluss auf unsere niedrige Inflationsrate gehabt.

Dies ist einer der Gründe, warum derzeit das Risiko für eine Deflation – die selbstverständlich den Abbau des Fremdkapitalanteils erschweren würde – eher begrenzt ist. Tatsächlich ist die Inflationsrate ohne Energie und Nahrungsmittel von 0,7 % im Dezember auf 0,8 % im Januar und 1,0 % im Februar leicht angestiegen. Je länger die Inflation jedoch niedrig bleibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass solche Risiken entstehen. Deshalb hat die EZB zusätzliche geldpolitische Sondermaßnahmen entwickelt, um diesem Eventualfall vorzubeugen, und deshalb ist sie auch bereit, bei Bedarf weitere entschiedene Maßnahmen zu ergreifen. Die mittel- bis längerfristigen Inflationserwartungen sind nach wie vor auf einem Niveau verankert, das mit unserem Ziel im Einklang steht, die Teuerungsrate unter, aber nahe 2 % zu halten. Jeglichem wesentlichen Risiko, dass die Inflationserwartungen ihre Verankerung verlieren, werden wir mit zusätzlichen konventionellen geldpolitischen Maßnahmen wie auch mit Sondermaßnahmen entgegenwirken. Darüber hinaus gewinnt die Stärkung des Wechselkurses unter den Faktoren, die wir bei der Bewertung der Aussichten für die Preisstabilität heranziehen, immer mehr an Bedeutung.

Anders gesagt: der akkommodierende geldpolitische Kurs der EZB und ihre strikte Verpflichtung zur Wahrung von Preisstabilität werden den Prozess des Abbaus des Fremdkapitalanteils unterstützen. Zugleich wird die Gesundung des Bankensektors die Transmission unseres geldpolitischen Kurses beschleunigen und dessen Einfluss auf die Wirtschaft festigen. Dies wird zusammen genommen die gegenwärtige Erholung unterstützen.

Fazit

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich meine heutigen Ausführungen rekapitulieren: Die umfassende Bewertung der Bankenbilanzen, die wir im vergangenen Jahr eingeleitet haben, ist eine Aufsichtsmaßnahme auf Ebene der Banken, bevor der einheitliche Aufsichtsmechanismus seine Arbeit aufnimmt. Sie hat aber auch beträchtliche Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und ist somit integraler Bestandteil der Strategie für die wirtschaftliche Erholung des Eurogebiets.

So hat allein die Ankündigung der umfassenden Bewertung dazu geführt, dass Banken neues Kapital aufgenommen und sich von Exposures getrennt haben, die nicht zum Kerngeschäft gehörten bzw. nicht rentabel waren. Dies ist sehr begrüßenswert: Korrekturmaßnahmen müssen nicht aufgeschoben werden, bis wir unsere umfassende Bewertung abgeschlossen haben. Es liegt vielmehr im Interesse aller, dass dies vorsorglich geschieht.

In diesem Sinne scheint mir, dass wir bereits erste positive Effekte einer vorgezogenen Sanierung der Bankenbilanzen sehen können. Ich gehe davon aus, dass wir beobachten können werden, wie sich diese Effekte im Lauf des Jahres nach und nach verstärken, unter anderem auch in Form einer besseren Transmission unserer geldpolitischen Impulse. Andererseits nehme ich an, dass der nötige Prozess der schöpferischen Zerstörung Fahrt aufnimmt.

Ich denke, wir können nun von der Wirtschaft des Euroraums behaupten, was Galileo einst über die Erde sagte: eppur si muove – und sie dreht sich doch!

Die Arbeit ist noch längst nicht getan. Es mehren sich jedoch die Anzeichen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir letztlich den Preis verdient haben werden, den Sie mir heute Abend großzügigerweise verliehen haben.

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