Neubau der Europäischen Zentralbank: Feier anlässlich der Grundsteinlegung

Rede von Jean-Claude Trichet, Präsident der EZB, Frankfurt am Main, 19. Mai 2010

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen im EZB-Rat und im Erweiterten Rat,

sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin,

sehr geehrter Herr Professor Prix,

mit der heutigen Feier beginnt ein neues Kapitel – aus Planung wird Realität.

Einige von uns begleiten dieses Projekt schon von Anfang an und waren dabei, als die EZB nach einem geeigneten Standort für ihr neues Gebäude suchte. Andere – wie z. B. der Architekt des Neubaus und die Planer – haben Jahre mit der Planung unseres Neubaus verbracht. Zunächst arbeiteten sie am Konzept für den internationalen Architekturwettbewerb, später an den Details für die Ausführungsplanung. Und nun wird der Kreis der Beteiligten erneut erweitert, nämlich um die Bauunternehmen und ihre Mitarbeiter – ich heiße Sie alle herzlich willkommen im Neubau-Team!

Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die sehr gute Zusammenarbeit aller Beteiligten fortführen werden, durch die sich das Projekt bis jetzt auszeichnet. Unser gemeinsames Ziel besteht darin, sicherzustellen, dass der neue Gebäudekomplex wie geplant gebaut wird, um für die EZB einen Sitz mit einem gesunden und funktionalen Arbeitsumfeld zu bieten. Gleichzeitig muss gewährleistet werden, dass die Baukosten innerhalb des veranschlagten Budgets bleiben und unsere Mittel verantwortungsvoll eingesetzt werden. Unser Neubau wird funktional sein und die komplexen Anforderungen einer europäischen Institution erfüllen, die sehr eng mit den nationalen Zentralbanken zusammenarbeitet und somit im Hinblick auf Analysen und die Entscheidungsfindung die zentrale Rolle für das Eurosystem und das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) spielt, und die wirksam und effizient an der Spitze des europäischen Währungsteams steht, das den Auftrag hat, das vorrangige Ziel der Wahrung der Preisstabilität zu verfolgen. Preisstabilität ist nicht nur das vorrangige Ziel im Vertrag, sondern auch genau das, was unsere Demokratien, die Menschen in Europa, von uns fordern.

Unser Neubau verfügt über die notwendige Flexibilität, um Interaktion und Kommunikation sowohl zwischen unseren Mitarbeitern als auch innerhalb des Eurosystems und des ESZB zu fördern. Gleichzeitig wird unser neuer Sitz jene Werte widerspiegeln, die für die Erfüllung unserer Aufgaben von entscheidender Bedeutung sind, nämlich Integrität, Exzellenz, Wirtschaftlichkeit und Transparenz. Wir fühlen uns auch der ökologischen Nachhaltigkeit verpflichtet. Daher wird unser neues Gebäude umweltfreundlich und energieeffizient sein.

Ich freue mich sehr, heute hier mit Ihnen die Grundsteinlegung zu feiern. Ich wünsche uns allen viel Glück mit unserem Neubau sowie einen reibungslosen Verlauf der Bauphase.

Mit der Grundsteinlegung erfolgt der Startschuss für die Hauptbauarbeiten zur Errichtung des neuen Sitzes der Europäischen Zentralbank. Gestatten Sie mir, kurz die verschiedenen Schritte auf dem Weg hin zu unserem Neubau zu rekapitulieren und dabei einige unserer wichtigsten bisherigen Wegbegleiter bei diesem Prozess zu nennen.

Initiiert wurde das Projekt im Jahr 1998 vom EZB-Rat während der Präsidentschaft meines verehrten Kollegen Wim Duisenberg; es schmerzt uns, dass er die heutige Feier nicht miterleben kann. Damals, als die EZB gerade gegründet worden war, hatte keiner von uns eine Vorstellung davon, wie viel Zeit und Arbeit ein solches Projekt in Anspruch nehmen würde.

Ausschlaggebend bei der Entscheidung für diesen Standort waren verschiedene Kriterien, wie z. B. die Größe des Areals, seine Lage am Ufer des Mains sowie die Tatsache, dass es sich beim Ostend um ein lebendiges Stadtviertel mit guter Infrastruktur handelt, das nicht weit von der Frankfurter Innenstadt entfernt ist. Wie gesagt war die Größe des Geländes von Bedeutung. Auch beim Neubau spielte sie eine Rolle, da alle Mitarbeiter der EZB in ihm Platz finden sollen. Außerdem galt es, eventuelle Erweiterungen des Eurosystems, das derzeit 16 Länder mit rund 330 Millionen Einwohnern umfasst, sowie der Europäischen Union zu berücksichtigen.

Ich kann mich noch an die Präsentation der Entwürfe des internationalen (städte- und hochbaulichen) Architekturwettbewerbs erinnern, im Rahmen dessen Beiträge aus aller Welt mit einer Fülle von Ideen für die Gestaltung einer europäischen Institution und einer modernen Zentralbank eingingen. Die Entwürfe zeigten ferner, wie die Großmarkthalle, ein bemerkenswertes Baudenkmal, in den Neubau integriert und somit Teil dieser Institution werden könnte. Als wir uns im Jahr 2001 für den Standort entschieden, wollten wir damit auch ein Gebäude erhalten, das in seiner Epoche etwas Besonderes war.

Ich möchte den Beratern von ANP danken, die den internationalen Architekturwettbewerb vorbereitet und organisiert haben, der so viele Ideen hervorgebracht hat. Die internationale Jury unter dem Vorsitz des Vizepräsidenten der EZB, Lucas Papademos, war das erste Gremium, das vor der großen Aufgabe stand, die Preise für die am besten geeigneten Entwürfe zu vergeben. Mein Dank geht an die Jury für ihre Arbeit und ihre Bemühungen bei der Suche nach dem richtigen Entwurf für den gegebenen Zweck und den ausgewählten Standort.

Es ist nicht einfach, die Entscheidung für ein Gebäude zu fällen, das die Anforderungen einer modernen Zentralbank erfüllen soll. Ich kann mich noch daran erinnern, wie meine Kollegen im EZB-Rat und ich uns am Ende der Überarbeitungsphase ausgiebig mit Detailfragen beschäftigten, als es darum ging, eine Entscheidung für den endgültigen Entwurf zu treffen.

Erst dann begann die eigentliche Arbeit für den Architekten, die Ingenieure und Planer. Nun ging es an die Optimierung und Überarbeitung des Entwurfs, wobei Monat für Monat und mit jeder neuen Phase immer mehr Detailfragen geklärt werden mussten. Ich möchte dem Architekten des Gebäudes, Herrn Professor Wolf Prix, seinen Mitarbeitern von COOP HIMMELB(L)AU sowie allen Planern und Ingenieuren dafür danken, dass sie niemals aufgegeben haben, immer leidenschaftlich für ihren Entwurf gekämpft und stets eine Möglichkeit zur Verbesserung der verschiedenen Gebäudeaspekte gefunden haben.

Mein Dank geht auch an unsere externen Projektsteuerer Drees & Sommer für die Unterstützung unseres internen Projektteams bei der Koordinierung aller Detailfragen, die es zu berücksichtigen galt und für die Lösungen gefunden werden mussten. Eine neue Herausforderung ergab sich, als sich herausstellte, dass die ursprüngliche Ausschreibungsstrategie nicht das gewünschte Ergebnis brachte und eine neue Strategie entwickelt und umgesetzt werden musste, die den sich ändernden Marktgegebenheiten besser entsprach. Mit dem heutigen Tag – dem Beginn der eigentlichen Bauarbeiten – geht die Hauptverantwortung für die Baustelle auf unser Bauleitungsunternehmen Gassmann + Grossmann über.

In den letzten Jahren haben alle beteiligten Parteien mit unermüdlicher Tatkraft, Entschlossenheit und Überzeugung eng zusammengearbeitet, um schließlich das heutige Ereignis Realität werden zu lassen.

Die Großmarkthalle selbst stellt eine weitere Herausforderung dar: Gemeinsam mit den Denkmalschutzbehörden der Stadt Frankfurt am Main und des Landes Hessen haben unser Projektteam, die Architekten und Planer, die Statiker sowie die Sanierungsexperten jeden Millimeter der Großmarkthalle bearbeitet, um einen Eindruck über den derzeitigen Zustand der Halle zu gewinnen und alle Einzelheiten und Aspekte der dringend notwendigen Sanierung zu erörtern. Ein weiteres Thema war auch, wie man einen solchen Bau zu einem integralen Bestandteil des EZB-Neubaus machen könnte. Bei einem unserer Baustellenbesuche zeigte Thomas Rinderspacher, der Projektleiter der EZB für den Neubau, meinen Kollegen und mir die neuen Fenster. Diese wurden zur Verbesserung der Isolierung der Fassade entwickelt, erhalten aber zugleich das Erscheinungsbild der alten Fensterrahmen.

Ich bin stolz auf alle durchgeführten Arbeiten. Die Mitglieder des EZB-Rats wurden und werden regelmäßig über die Entwicklung und den Fortschritt des Projekts informiert. Uns ist bewusst, dass wir ein anspruchsvoller Bauherr sind, da wir ein perfektes Gebäude sowie einen ordnungsgemäßen und transparenten Prozess hin zur Erstellung dieses Gebäudes verlangen. Wir möchten ganz einfach das bestmögliche Gebäude im Hinblick auf ein gesundes und sicheres (Arbeits-)Umfeld für unsere Mitarbeiter und Besucher. Gleichzeitig wollen wir sicherstellen, dass unsere Institution effizient und effektiv arbeiten kann. Ich freue mich über das bislang Erreichte.

Ein Projekt wie das unsere kann nur dann Realität werden, wenn auch die städtischen Behörden Ihr Engagement zeigen. Daher gebührt mein Dank auch der Oberbürgermeisterin, Frau Petra Roth, und den verschiedenen Ämtern der Stadt Frankfurt – insbesondere dem Stadtplanungsamt – für die unermüdliche Arbeit und die großartige Unterstützung, die uns seit dem Grundstückserwerb, während des Architekturwettbewerbs, im Rahmen der Arbeit am Bebauungsplan – der parallel zu unserer eigenen Planung entwickelt wurde – und mit der Erteilung der Baugenehmigung im Mai 2008 zuteil wurde.

Wir dürfen uns nicht selbstgefällig zurücklehnen. Es liegen noch viele Herausforderungen vor uns, und wir müssen sicherstellen, dass die Bauarbeiten reibungslos verlaufen. Ich freue mich darauf, die Sanierung der Großmarkthalle und das Entstehen der Bürotürme mitzuerleben. Ich habe vollstes Vertrauen in alle Beteiligten des Projekts zur Errichtung unseres neuen Sitzes. Durch Ihre Expertise und Ihr Wissen wird die erfolgreiche Fertigstellung unseres Gebäudes innerhalb des Zeitplans und natürlich auch innerhalb des Budgets gewährleistet. Letztgenannter Punkt ist wichtig, da wir die Verantwortung für die effektive und effiziente Verwendung unserer Mittel tragen. Ich habe unser Team, das Projektbüro für den EZB-Neubau, dazu aufgefordert, die Arbeiten genau zu überwachen und dabei ein besonderes Augenmerk auf die Qualität, den Zeitplan und die Kosten des Projekts zu legen. Das Budget muss eingehalten werden – das ist von grundlegender Bedeutung.

Ich möchte mich heute bei meinem verehrten Direktoriumskollegen Lorenzo Bini Smaghi bedanken, der das Projekt in den letzten Jahren im Namen des Direktoriums hervorragend überwacht hat. Ebenso danke ich Gerald Grisse, dem Projektkoordinator, und Thomas Rinderspacher, dem Projektleiter, und dem gesamten Team für die bislang geleistete ausgezeichnete Arbeit, für die Entwicklung des Projekts in der erwarteten und erforderlichen Qualität innerhalb des Kostenrahmens und für die erfolgreiche Vergabe der Bauarbeiten.

Ich wünsche allen, die ihre Arbeit an unserem Neubau fortsetzen oder jetzt gerade aufnehmen, alles Gute und viel Erfolg!

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