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Rede anlässlich der Zeremonie zum zehnjährigen Bestehen der EZB und des Europäische Systems der ZentralbankenRede anlässlich der Zeremonie zum zehnjährigen Bestehen der EZB und des Europäische Systems der Zentralbanken

Jean-Claude Trichet, Präsident der EZB
Frankfurt am Main, 2. Juni 2008

Sehr geehrter Herr Staatspräsident,

sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

sehr geehrter Herr Präsident des Europäischen Parlaments,

sehr geehrter Herr Präsident der Europäischen Union,

sehr geehrter Herr Präsident der Europäischen Kommission,

sehr geehrter Herr Präsident der Eurogruppe,

sehr geehrte Minister, Exzellenzen und Zentralbankpräsidenten,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

vor zehn Jahren, am 1. Juni 1998, wurde die Europäische Zentralbank (EZB) gegründet und mit ihr das Europäische System der Zentralbanken (ESZB). Der vorrangige Auftrag der EZB und des ESZB war und ist die Gewährleistung von Preisstabilität und die Wahrung der Glaubwürdigkeit der einheitlichen Währung Europas, des Euro, der sieben Monate später geschaffen wurde.

Es war der Willen der Demokratien Europas, der zur Schaffung der EZB führte. Ihr Auftrag und ihre Unabhängigkeit bei der Erfüllung dieses Auftrags wurden ihr von den Menschen in Europa auf einer multinationalen und parteiübergreifenden Grundlage verliehen. Wir stehen treu zu unserem Auftrag, weil wir treu zum demokratischen Willen der Mitgliedstaaten stehen.

Jean Monnet schreibt in seinen „Mémoires“: „Rien n’est possible sans les hommes. Rien n’est durable sans les institutions“. [Ohne Menschen ist nichts möglich. Ohne Institutionen ist nichts von Dauer.] In meinen Augen veranschaulicht die EZB die Weitsicht des geistigen Gründervaters der Gemeinschaft auf bemerkenswerte Weise: Das institutionelle Gebilde ist solide und hat seine ausgesprochene Effektivität beim Erreichen seiner Ziele unter Beweis gestellt.

Zehn Jahre sind nicht lang, wenn man sie mit dem Zeitraum der Vertiefung der Europäischen Union, einer historischen Aufgabe, vergleicht. Diese relativ kurze Zeitspanne war jedoch reich an Erfolgen, die Anlass zum Feiern, zum Nachdenken und auch zu kontinuierlichen Bemühungen im Hinblick auf die Zukunft bieten.

Zunächst einmal zur heutigen Feier

Mein Vorgänger, unser lieber Wim Duisenberg, wies in seiner Rede anlässlich der Errichtung des ESZB vor zehn Jahren auf den Weg hin, den wir künftig beschreiten müssen, damit der Euro ein Erfolg, das heißt eine stabile Währung, wird. [„… the road we have to travel in the future to make the euro a success, which means to make it a stable currency.“] Welche Zwischenbilanz können wir jetzt, nach zehn Jahren, ziehen?

Ich kann dies in fünf Sätzen zusammenfassen.

Seit dem ersten Tag seines Bestehens wurden dem Euro die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen, das die glaubwürdigsten nationalen Währungen vor Einführung der einheitlichen Währung genossen hatten, in vollem Umfang übertragen. Die Glaubwürdigkeit war so stark, dass die mittel- und langfristigen Geldmarktsätze des Euro auf demselben niedrigen Niveau lagen wie die der verlässlichsten Vorgängerwährungen. Trotz einiger globaler Schocks aufgrund der Preise für Öl und andere Rohstoffe beträgt die jährliche Inflationsrate seit dem 1. Januar 1999 im Durchschnitt 2,1 %. Preisstabilität auf mittlere Sicht ist von zentraler Bedeutung; nicht nur, weil sie das Einkommen aller unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger – und besonders das der sozial Schwächsten mit dem geringsten Einkommen – schützt, sondern auch, da sie eine der Voraussetzungen für Wachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen ist. Seit der Einführung des Euro wurden 15,7 Millionen Arbeitsplätze neu geschaffen, das sind über eine Million mehr als auf der anderen Seite des Atlantiks.

Der Euro ist zu einem bemerkenswerten Erfolg geworden. Ich werde jetzt nicht die Namen derer anführen, die damals sagten, dass die einheitliche europäische Währung nicht möglich und ihre Einführung zum Scheitern verurteilt sei oder die der Auffassung waren, dass in keinem Fall der Grad an Glaubwürdigkeit der zuvor besten nationalen Währungen auf den Euro übergehen würde oder dass Spannungslinien in seinem Aufbau zu einer dauerhaft schwachen Währung führen würden. Der Euro ist in der Tat ein Erfolg. Die Europäer haben das scheinbar Unmögliche erreicht; etwas, das niemals zuvor versucht worden war. Wie Tocqueville sagte: „L’histoire est une galerie de tableaux dans laquelle il y a peu d’originaux et beaucoup de copies“. [Die Geschichte ist eine Gemäldegalerie, in der es wenige Originale und viele Kopien gibt.] Die einheitliche Währung Europas ist in der Tat ein Original nach der Definition Tocquevilles. Es ist also an der Zeit, dies zu feiern.

Es ist auch an der Zeit, nachzudenken.

Die ersten zehn Jahre waren für das Direktorium, den EZB-Rat, die EZB und das Eurosystem eine äußerst arbeitsreiche Zeit. Die außergewöhnliche hohe Motivation unserer Mitarbeiter ist meiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass sie sich dessen bewusst sind, Geschichte zu schreiben, und dass sie dies mit Stolz erfüllt. Erlauben Sie mir einige Anmerkungen zum Thema Geschichte.

Die einheitliche europäische Währung ist tief in der Geschichte verwurzelt. Neben der einheitlichen Währung des Römischen Reichs vor 2000 Jahren könnte ich auch den böhmischen König Georg von Podiebrad anführen, der im 15. Jahrhundert lebte und eine einheitliche Währung für Europa forderte, oder den Ruf Victor Hugos nach einem Binnenmarkt mit einer einheitlichen Währung in Europa im 19. Jahrhundert erwähnen. Durch die Umsetzung der Wirtschafts- und Währungsunion, die vor 38 Jahren im Werner-Bericht verankert wurde, haben wir gleichzeitig einen weitaus älteren Plan verwirklicht, eine viel weiter zurückliegende Vision eines vereinten Kontinents mit einer Währungsunion.

Diese historische Vision war schon immer eng mit dem Streben nach Wohlstand und der Wahrung von Frieden verbunden. Aus der Sicht der Mitte des 20. Jahrhunderts könnte der Ausspruch Voltaires: „En effet l’histoire n’est que le tableau des crimes et des malheurs“ [In der Tat ist die Geschichte nicht mehr als eine Darstellung von Verbrechen und Unglück] nicht zutreffender sein. Und so überrascht es nicht, dass sich die Europäer genau in dieser Zeit entschlossen, schneller auf dem Weg zur europäischen Einheit voranzukommen.

Die einheitliche Währung ist das fortschrittlichste Merkmal der Einheit Europas und in vielerlei Hinsicht auch ihr Wahrzeichen. Wir verdanken dies der Weitsicht der Gründerväter und der Entschlossenheit einer Reihe von visionären Führungspersönlichkeiten. Wir haben diese Gründerväter vor wenigen Augenblicken auf der Leinwand gesehen. Ihnen sind wir zu tiefer Dankbarkeit verpflichtet. Unser Dank gebührt auch den Führungspersönlichkeiten, die in den Neunzigerjahren vor der Einführung des Euro in einem sehr schwierigen Umfeld eine ruhige Hand bewiesen.

Dieses Jubiläum ist kein Anlass für Selbstgefälligkeit, sondern für kontinuierliche Bemühungen, da die Herausforderungen, die vor der Währungsunion liegen, zahlreich und anspruchsvoll sein werden. Als eine der großen Zentralbanken der industrialisierten Welt müssen wir – ebenso wie die anderen Zentralbanken – bei der Gestaltung unserer Geldpolitik drei sehr wichtige Herausforderungen meistern: den rasanten technologischen Fortschritt, die Globalisierung mit all ihren Dimensionen – einschließlich der Veränderung der Finanzwelt – sowie die Alterung der Bevölkerung.

Zusätzlich zu diesen drei großen Herausforderungen müssen die EZB und das Eurosystem zwei weitere bedeutende, selbst auferlegte Herausforderungen bewältigen. Die erste besteht in der Vertiefung der wirtschaftlichen und finanziellen Integration auf der Ebene des Kontinents, der fortlaufenden Vollendung eines Binnenmarkts mit einer einheitlichen Währung; wir sind die einzige Zentralbank, die aktiv zu einer größeren strukturellen Umgestaltung ihrer eigenen Volkswirtschaft beiträgt. Die zweite Herausforderung ist die Erweiterung: unsere Aufgabe ist, das Euro-Währungsgebiet nach und nach auf die Größe der gesamten Europäischen Union auszudehnen; wir sind auch die einzige Zentralbank, die sich einem solch einzigartigen Unterfangen stellt.

Die Wirtschaftsunion hat ihre eigenen Herausforderungen. Meiner Meinung nach stellen sich für die Eurogruppe, die Regierungen des Euroraums und für die Europäische Kommission drei große Herausforderungen: Die vollständige und umfassende Umsetzung des Stabilitäts- und Wachstumspakts, die in Ermangelung eines gemeinsamen Haushalts ein wesentlicher Bestandteil der Wirtschafts- und Währungsunion ist. Die entschlossene Verfolgung von Strukturreformen im Einklang mit dem Lissabon-Prozess; diese Reformen sind von entscheidender Bedeutung, um das langfristige Wachstumspotenzial Europas zu steigern. Und schließlich die weitsichtige Überwachung der nationalen Indikatoren in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit, darunter auch die Lohnstückkosten.

Sehr geehrter Herr Präsident des Europäischen Parlaments,

sehr geehrter Herr Präsident der Europäischen Union,

sehr geehrter Herr Präsident der Europäischen Kommission,

sehr geehrter Herr Präsident der Eurogruppe,

Europa kann darauf zählen, dass die EZB und das Eurosystem in diesem Jahrhundert die historische Aufgabe erfüllen werden, die uns Ende des vergangenen Jahrhunderts übertragen wurde. Wir bleiben dem vorrangigen Auftrag treu, der uns durch den EG-Vertrag vorgegeben wurde. Uns ist bewusst, dass unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger erwarten, dass wir für Preisstabilität sorgen. Wir wissen auch, dass diese eine Voraussetzung für finanzielle Stabilität ist – gegenwärtig ein sehr wichtiges Ziel. Alle Mitglieder des EZB‑Rats berücksichtigen bei ihren Entscheidungen die Interessen des gesamten Euro‑Währungsgebiets mit seinen 15 Ländern. Wir betrachten nicht ein bestimmtes Land allein, sondern alle 15 Staaten.

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

als Ihnen dieses Jahr in Aachen der Karlspreis verliehen wurde, zitierten Sie Konrad Adenauer:

„Gerade in Aachen wird man die Mahnung verstehen, dass Europa uns heute Schicksalsgemeinschaft ist. Dieses Schicksal zu gestalten ist uns übergeben“.

Eine „Schicksalsgemeinschaft“. Dies sind die Worte des Mannes, mit dem General de Gaulle nach so vielen Konflikten die Versöhnung herbeiführte. Und diese Worte treffen sogar in noch größerem Maße auf die Länder des Euroraums zu. Innerhalb der EZB und des Eurosystems sind wir selbst fest davon überzeugt, dass wir mit unseren 320 Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürgern dasselbe Schicksal teilen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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