European Central Bank - eurosystem
Suchoptionen
Startseite Medien Wissenswertes Forschung und Publikationen Statistiken Geldpolitik Der Euro Zahlungsverkehr und Märkte Karriere
Vorschläge
Sortieren nach

Die aktuelle Lage des Bankensektors der EU

Rede von Jean-Claude Trichet, Präsident der EZB
Deutscher Sparkassentag
Frankfurt am Main, 5. Mai 2004

Meine Damen und Herren,

es ist mir eine Freude und eine Ehre, heute anlässlich des Deutschen Sparkassentages zu Ihnen zu sprechen. Vor so distinguierten Vertretern der Finanzwelt möchte ich verschiedene Standpunkte zur gegenwärtigen Situation des europäischen Bankensektors erläutern. Ich werde insbesondere die Faktoren untersuchen, die in den letzten Jahren zu seiner Widerstandsfähigkeit beigetragen haben.

Seit dem Jahr 2000 sahen sich die Kreditinstitute der EU mit einer außergewöhnlichen Kombination aus negativen Schocks an den Finanzmärkten in einem Umfeld des konjunkturellen Abschwungs konfrontiert. Einige Kommentatoren waren sogar überrascht, wie wenig Probleme während dieser Zeit bei Kreditinstituten im Euroraum auftraten, nachdem frühere Episoden konjunktureller Schwäche oft mit gravierenden Problemen in diesem Sektor einhergegangen waren. Für die Zentralbanken und die Bankenaufsicht ist die Widerstandsfähigkeit des Bankensektors in der EU natürlich eine sehr erfreuliche Nachricht. Dennoch wirft sie einige Fragen auf: Was ist für die Kreditinstitute jetzt so anders als in früheren Zeiten der Belastung, und welche Faktoren haben zu dieser Widerstandsfähigkeit beigetragen?

Eine turbulente Zeit für die Kreditinstitute der EU

Ehe ich jedoch auf diese Fragen eingehe, möchte ich zunächst kurz daran erinnern, wie schwierig das Umfeld für EU-Kreditinstitute in den letzten Jahren tatsächlich war. Die wichtigste technische und strategische Herausforderung war ohne Zweifel die Einführung der gemeinsamen Währung vor inzwischen mehr als fünf Jahren. Angesichts des wirklich reibungslosen Übergangs nach der Einführung des Euro vergisst man fast die Unsicherheiten, und manchmal sogar Sorgen, die vor dem Jahr 1999 im Hinblick auf die möglichen strukturellen Folgen für den Bankensektor des Euroraums geäußert wurden.

Die zweite Herausforderung der letzten Jahre für die Kreditinstitute bestand darin, dass nicht lange nachdem sie sich darauf eingestellt hatten, mit einer neuen Währung zu arbeiten – einschließlich all der damit verbundenen Anstrengungen – kurz hintereinander eine außergewöhnliche Häufung negativer Ereignisse eintrat. Nach einem fast ununterbrochenen Boom der Aktienmärkte seit dem Jahr 1995 setzte im März 2000 eine drastische Marktkorrektur ein, und die Anleger verzeichneten in drei aufeinander folgenden Jahren negative Renditen. Zusätzlich erschütterten Rechtsbrüche durch Konzerne in beispiellosem Ausmaß das Vertrauen der Anleger. Zwar wurden diese Verstöße hauptsächlich im Ausland begangen, doch auch Europa blieb nicht verschont.

Im Lauf der Jahre hatten die Kreditinstitute zunehmend in Wertpapierhandel, Investment Banking und Vermögensverwaltung diversifiziert. Von dieser Strategie der Diversifizierung hatte man sich viel versprochen, doch die Marktkorrektur erinnerte daran, dass diese Geschäfte neben Courtagen auch Risiken bringen. Rückblickend kann man wohl sagen, dass einige Banken diese Geschäfte zu spät und zu einem zu hohen Preis aufnahmen. Auch die Konzernskandale, die mit dem Abschwung zusammentrafen, warfen weitere Fragen über Bankpraktiken auf, und nicht immer erwiesen sich Informationsschranken (so genannte Chinese walls) als so undurchdringlich wie vielleicht erwartet.

In meiner Liste belastender Ereignisse dürfen das erneute Auftreten von Problemen mit Länderrisiken und die Folgeschäden der Terrorangriffe in den USA nicht fehlen. Länderrisiken wurden wieder relevant, als sich die Türkei und Argentinien in Währungs- und Bankenkrisen verstrickten. Für den EU-Bankensektor insgesamt hatten diese Krisen zwar nur begrenzte Folgen, doch einzelne Kreditinstitute erlitten empfindliche Verluste. Die tragischen Ereignisse in den USA hatten unmittelbare Auswirkungen auf das Funktionieren der Finanzinfrastrukturen und -märkte, die jedoch von den zuständigen Stellen – auch hier in Europa – rasch und effizient aufgefangen wurden. Mittelfristig haben die Angriffe das Vertrauen der Anleger und Verbraucher dennoch zusätzlich erschüttert.

Die dritte Herausforderung, mit der ich meinen kurzen Überblick abschließe, besteht darin, dass diese ungewöhnliche Konstellation von Ereignissen mit dem einsetzenden Konjunkturabschwung in der zweiten Jahreshälfte 2000 zusammentraf. Da die Verschuldung der Unternehmen während der Jahre des Börsenbooms signifikant gestiegen war, machten sich rasch Anzeichen finanzieller Schwierigkeiten bemerkbar, als die Gewinne der Unternehmen hinter ihren Erwartungen zurückblieben.

Insgesamt gute Widerstandsfähigkeit trotz vereinzelter Schwächen

Doch trotz der Umstände, die ich hier schildere, blieb die Finanzlage des EU-Bankensektors insgesamt robust. Die Eigenkapitalrendite erreichte im Jahr 2000 einen Höchststand von 12 %. In den beiden folgenden Jahren ging die Rentabilität des Sektors zurück; bis 2002 fiel sie auf 8,6 %. Höhere Wertberichtigungen für Firmenkredite sowie geringere Provisionen und Erträge aus Kapitalmarktgeschäften waren die Hauptursachen dieses Rückgangs. Dieser war erheblich, und dennoch blieb die Rentabilität insgesamt deutlich höher als in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre. Im Lauf des Jahres 2003 begann die Rentabilität wieder zu steigen.

Auf die Liquidität der Kreditinstitute hatten die negativen Ereignisse relativ wenig Einfluss. Dank ihrer ausreichenden Finanzpolster konnten die Banken die Schocks in ihrem Geschäftsumfeld auffangen. Die aggregierte aufsichtsrechtliche Eigenkapitalquote bewegte sich auch nach dem Jahr 2000 um 12 % und blieb damit deutlich oberhalb der Untergrenze von 8 % für die einzelnen Institute.

Zwar fiel das Gesamtbild sehr beruhigend aus, doch muss ich dies etwas einschränken, denn einzelne Institute gerieten durchaus in ernste Schwierigkeiten. Häufig lag dies an Problemdarlehen in bestimmten Sektoren, zum Beispiel Immobilien, oder an den enttäuschenden Ergebnissen marktbasierter Geschäfte. In einigen Fällen mussten die öffentliche Hand oder private Banken eingreifen, um Finanzinstitute vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren.

Mögliche Ursachen der Widerstandsfähigkeit des EU-Bankensektors

Meine Damen und Herren, ich komme nun zum Kern meiner Fragestellung – nämlich den Faktoren, denen die Widerstandsfähigkeit des EU-Bankensektors in den letzten Jahren zu verdanken ist. Meiner Meinung nach hat die günstige Kombination aus konjunkturellen und strukturellen Faktoren zur Widerstandskraft des EU-Bankensektors beigetragen.

Beginnen wir mit den konjunkturellen Faktoren. Zwar setzte im Jahr 2000 ein Abschwung ein, doch war ihm eine Periode boomender Finanzmärkte und starken Wachstums vorausgegangen. Diese expansive Phase half den Kreditinstituten, Finanzpolster zu bilden, die ausreichten, um den dann folgenden Abschwung zu überstehen. Obwohl die wirtschaftlichen Bedingungen über einen langen Zeitraum ungünstig blieben, war der Abschwung an sich relativ leicht.

Makroökonomische Instabilität, die so oft mit Bankenkrisen einhergeht, war in der EU nach dem Jahr 2000 nicht zu beobachten. Ich bin überzeugt, dass die Wirtschafts- und Währungsunion wesentlich zu diesem günstigen Umfeld beigetragen hat. Erstens wurden durch den Wegfall der Wechselkurse zwischen den früheren Währungen des Euroraums Wechselkursturbulenzen vermieden. Zweitens wirkte sich die Einführung eines gemeinsamen wirtschaftspolitischen Rahmens auf der Grundlage von Preisstabilität, Haushaltsdisziplin und der Durchführung von Strukturreformen positiv aus. Die niedrigen Teuerungsraten und Zinsen, aber auch die stabilen Immobilienpreise kamen einigen Geschäftssparten der Kreditinstitute zugute. Das Privatkundengeschäft florierte, und angesichts der rückläufigen Finanzierungskosten und des Wertanstiegs von Immobilien verlief das Hypothekengeschäft dynamisch. Dies trug dazu bei, die Schwäche des Firmenkreditgeschäfts und der marktbasierten Geschäfte der Banken auszugleichen.

Ich komme nun zu den strukturellen Faktoren, die zur Widerstandskraft des EU-Bankensektors beitragen. Hier scheint mir, dass sich die Anstrengungen sowohl der Behörden als auch der Kreditinstitute, aber auch die Entwicklungen an den Finanzmärkten ausgezahlt haben. Als Zentralbanker möchte ich zunächst die Rolle der Behörden ansprechen. In den letzten Jahren ist der regulatorische und aufsichtsrechtliche Rahmen für Banken stark ausgebaut worden. Anerkennung gebührt hier dem Fortschritt, der unter dem Einfluss der umfangreichen Leitlinien des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht erzielt wurde. Auch auf EU-Ebene wurde viel erreicht, und man konnte sich auf entscheidende Elemente eines soliden gemeinsamen Regelwerks verständigen. Hier beziehe ich mich auf die Regeln für den Zugang zu Bankgeschäften, Eigenkapitalanforderungen, Großkredite und konzernweite Bankenaufsicht.

Eine weitere positive Entwicklung sehe ich in der breiten internationalen Zusammenarbeit und dem Informationsaustausch zwischen Behörden, die dadurch in die Lage versetzt werden, die Herausforderungen des zunehmend grenzüberschreitenden Bankgeschäfts zu bewältigen. In diesem Zusammenhang muss ich die wertvolle Arbeit hervorheben, die der ESZB-Ausschuss für Bankenaufsicht leistet. Dieser Ausschuss, der sich aus Vertretern der nationalen Zentralbanken und Bankenaufsichtsinstanzen der EU zusammensetzt, erbringt umfangreiche Leistungen bei der Überwachung der Stabilität des Finanzsektors. Im Rahmen dieser Arbeit beobachtet er sowohl konjunkturelle als auch strukturelle Entwicklungen, die sich auf die Widerstandsfähigkeit des EU-Bankensektors auswirken könnten.

Ebenso möchte ich die Anstrengungen der Kreditinstitute hervorheben. Das Risikomanagement hat an Bedeutung gewonnen und wird stärker in die Entscheidungsprozesse der Banken integriert. Dank der Innovationen an den Finanzmärkten und der Fortschritte in der Quantifizierung von Risiken haben sich die Praktiken des Risikomanagements deutlich verbessert. Das spektakuläre Wachstum der Kreditderivate gab zwar Anlass zu Bedenken, erlaubte den Banken jedoch auch eine bessere Gestaltung ihres Risikoprofils. Risikomodelle, die zunehmend eingesetzt werden, um Kreditrisiken und operationelle Risiken abzubilden, ermöglichen ein empirisch fundiertes Risikomanagement. Durch Gemeinschaftsprojekte wie das einiger Sparkassenverbände zur Entwicklung von Risiko-Know-how und -Managementsystemen bekommen auch kleinere Institute Zugang zu einem hoch entwickelten Instrumentarium für ihr Risikomanagement. Outsourcing und Zentralisierung im Bereich der Zahlungs- und Verrechnungssysteme der einzelnen Banken sind weitere Beispiele für solche Gemeinschaftsprojekte, die in mehreren EU-Ländern gleichzeitig durchgeführt werden.

Der oben beschriebene Rentabilitätsdruck hat die Kreditinstitute nicht gelähmt; sie reagierten vielmehr recht zügig mit Korrekturmaßnahmen, indem sie die Bedingungen der Kreditvergabe verschärften und mehr risikobasierte Preisfindungsstrategien anwandten. Darüber hinaus veräußerten sie Vermögenswerte, die nicht zu ihrem Kerngeschäft gehörten, und verringerten die Anzahl ihrer Zweigstellen und Mitarbeiter. Besonders deutlich ist dies in den nationalen Bankensektoren, die weiterer tief greifender Umstrukturierungen bedurften.

Zum Schluss meines Überblicks möchte ich die Entwicklungen an den Finanzmärkten Europas ansprechen. Auch hier war die Gemeinschaftswährung ein günstiger Faktor. Das anschaulichste Beispiel hierfür ist der ungesicherte Geldmarkt. Ein sehr gut integrierter, im gesamten Euroraum auf das Brutto-Zahlungssystem TARGET gestützter Geldmarkt erlaubt es nun, Liquidität innerhalb des europäischen Bankensektors schnell aus Regionen mit Überschüssen in Regionen mit Liquiditätsengpässen zu leiten. Auch dadurch ist das Bankensystem robuster geworden. Darüber hinaus hat das Aufkommen hoch liquider, in Euro denominierter Devisenkontrakte das Risikomanagement der Kreditinstitute erleichtert.

Schlussfolgerungen

Meine Damen und Herren, ich komme nun zu einigen kurzen Schlussfolgerungen. Ich habe ausgeführt, wie der Bankensektor der EU dank einer günstigen Kombination konjunktureller und struktureller Faktoren unter den schwierigen Bedingungen der letzten Jahre seine Widerstandsfähigkeit bewahrte. Dennoch haben Kreditinstitute sowie Behörden noch einige Herausforderungen zu bewältigen, insbesondere im strukturellen Bereich. Mehrere Länder der EU haben noch immer Überkapazitäten in ihren Bankensystemen, die sie schrittweise weiter abbauen müssen. Die grenzüberschreitende Konsolidierung könnte sich beschleunigen, wenn nach der Verbesserung der Marktbedingungen Fusionen und Übernahmen wieder häufiger werden. Für die Regulierung und die Bankenaufsicht wird derzeit auf EU-Ebene ein neuer Ausschuss geschaffen, um die Festlegung und Umsetzung von Vorschriften zu verbessern. Seine Aufgabenstellung ist sehr anspruchsvoll. Weitere wichtige Herausforderungen für die Zukunft sind die neue Eigenkapitalvereinbarung und die Internationalen Rechnungslegungsgrundsätze, deren potenzielle strukturelle Auswirkungen auf den EU-Bankensektor noch ungewiss sind. Schließlich bedeutet auch der kürzlich erfolgte Beitritt der neuen Mitgliedstaaten zur EU, wie bereits erwähnt, eine signifikante Veränderung für den EU-Bankensektor. Die Bankensysteme dieser Länder sind jedoch bereits weitgehend in das Bankensystem der EU integriert, und dies dürfte einen reibungslosen Übergang begünstigen. Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

KONTAKT

Europäische Zentralbank

Generaldirektion Kommunikation

Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.

Ansprechpartner für Medienvertreter