"E-Economy: Brauchen wir künftig noch Banken?"

Rede von Dr. Willem F. Duisenberg, President der Europäischen Zentralbank, vor dem XVII. Deutschen Bankentag in Berlin am 4. April 2001

Sehr geehrte Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre, heute beim Deutschen Bankentag in Berlin zu einer so großen Anzahl führender Bankenvertreter zu sprechen. Sie alle arbeiten für und repräsentieren die deutsche - und somit auch die europäische - Wirtschaft.

Zu den erstaunlichsten wirtschaftlichen Ereignissen der letzten Jahre gehört der rasche und tief greifende Wandel in der Informations- und Telekommunikationstechnologie. Hierfür ist die Entwicklung des elektronischen Geldes ein gutes Beispiel. Es wird behauptet, dass diese Entwicklungen im Bereich der Informations- und Telekommunikationstechnologie die sogenannte New Economy ausgelöst haben. Zunächst möchte ich mich kurz zu den wirtschaftlichen Chancen äußern, die sich aus einer möglicherweise entwickelnden New Economy im Euroraum eröffnen. Im zweiten Teil werde ich insbesondere auf die Entwicklung der sogenannten "E-Finance" eingehen.

Eine unbestrittene und eindeutige Definition, was unter dem Begriff New Economy zu verstehen ist, gibt es nicht. Als Vertreter einer Zentralbank möchte ich sehr deutlich unterscheiden zwischen der weit verbreiteten, aber eher vereinfachenden Perspektive und der grundsätzlicheren Sicht der New Economy. Erstere, vor allem von der Presse verbreitete Vorstellung äußert sich in einem breiten Spektrum von Aussagen. Zum Beispiel wurde behauptet, dass die Kurse am Aktienmarkt einen dauerhaft höheren Stand erreicht hätten und dass mit weiteren außergewöhnlichen Kurssteigerungen zu rechnen sei. Andere sprachen vom Ende des Konjunkturzyklus oder - in einer realistischeren Version - davon, dass die Konjunkturschwankungen durch eine New Economy erheblich und dauerhaft gedämpft werden dürften. Im derzeitigen Stadium können wir dies nicht umfassend beurteilen. Und die Diskussion über die New Economy wurde durch die Ungewissheit über die weltwirtschaftliche Entwicklung mehr oder weniger in den Hintergrund gedrängt.

Daher werde ich in meinen Anmerkungen einen eher zurückhaltenden Standpunkt vertreten und mich mehr mit den fundamentalen Fragen der New Economy befassen. Nach meinem Verständnis der Debatte besteht die Vorstellung von der New Economy im Wesentlichen aus zwei Teilen. Sie beziehen sich erstens auf die Erscheinungsformen der New Economy und zweitens auf das Zusammentreffen bestimmter Ereignisse beim Entstehen der New Economy. Erstens, so hört man, manifestiere sich die New Economy vor allem in einem anhaltend höheren Produktionszuwachs, wobei die - von technologischen Innovationen bestimmten - Produktivitätsfortschritte die treibende Kraft hinter dem Wachstumsschub seien. Der Anstieg in der Wachstumsrate der Produktivität, der als Merkmal der New Economy gilt, wird in der Regel als Folge eines grundlegenden wirtschaftlichen Prozesses verstanden. Dieser wird erst nach einiger Zeit Früchte tragen und daher deutlich vor dem Zeitpunkt liegen, zu dem die Symptome der New Economy ihren Niederschlag in den makroökonomischen Zahlen finden. Verstärkte Investitionen in Computer, Software, Peripheriegeräte, die Netzwerkinfrastruktur und sonstige Informations- und Kommunikationstechnologien werden nun allgemein als die wichtigste Triebfeder für das gesehen, was als neuer Wachstumsverlauf verstanden wird.

Zweitens sieht man die New Economy in engem Zusammenhang mit den Deregulierungsprozessen, insbesondere an den Arbeitsmärkten und in den so genannten "network industries" wie der Telekommunikation, sowie den Globalisierungsprozessen, insbesondere an den Finanzmärkten.

Andere Begleitumstände wie verstärkter Wettbewerb und Flexibilität an den inländischen Güter- und Faktormärkten sowie stabile makroökonomische Rahmenbedingungen sind ebenfalls unverzichtbare Bestandteile desselben Bildes, wenn nicht sogar das Phänomen ebenso stark beeinflussende Faktoren. Sie ermöglichen die Nutzung des vollständigen technologischen Innovationspotenzials und gewährleisten, dass das höhere Wachstumstempo für Wirtschaft und Beschäftigung nachhaltiger und ohne destabilisierenden Inflationsdruck zu erreichen ist.

Die EZB kann mit ihrer Geldpolitik die New Economy jedoch nicht "erschaffen". Die New Economy beruht in erster Linie auf technologischem Fortschritt und der Liberalisierung der Märkte. Durch Wahrung der Preisstabilität kann die EZB jedoch einen positiven Beitrag für die Wachstums- und Beschäftigungsaussichten leisten. Die Gewährleistung der Preisstabilität ist das vorrangige Ziel der EZB. Leider wird dies oft übersehen. Langfristig wird die Verfolgung dieses Ziels der Wirtschaft zu größerem Wachstumspotenzial verhelfen. In diesem Zusammenhang bestätigte der EZB-Rat auf seiner Sitzung am letzten Donnerstag seine "wait and see" Haltung im Hinblick auf den geldpolitischen Kurs. In einem Umfeld erhöhter Ungewissheit hinsichtlich der Weltwirtschaft und ihrer Auswirkungen auf das Euro-Währungsgebiet schätzt der EZB-Rat sorgfältig ab, ob und in welchem Ausmaß Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität weiter abnehmen werden. Was die erste Säule der geldpolitischen Strategie betrifft, so deutet der Rückgang des Geldwachstums darauf hin, dass die Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität nachgelassen haben. Im Hinblick auf die zweite Säule könnte sich der binnenwirtschaftliche Preisauftrieb als Ergebnis eines niedrigeren Binnenwachstums als ursprünglich erwartet, verlangsamen. Aufgrund des Risikos von Zweitrundeneffekten aus ölpreiserhöhungen in der Vergangenheit werden wir die Lohnentwicklung sorgfältig beobachten, da diese einen Preisauftrieb zur Folge haben könnte.

Die Fortschritte in der Informations- und Telekommunikationstechnologie haben bereits Auswirkungen auf den Finanzbereich. Hier war dies sogar deutlicher zu erkennen als in anderen Bereichen.

Im Bankenbereich hat das Internet-Banking in den letzten Jahren erhebliche Aufmerksamkeit erregt. Bei den ersten über das Internet vertriebenen Finanzprodukten und -dienstleistungen handelte es sich eher um Standardprodukte in Bereichen wie dem Wertpapierkommissionsgeschäft und dem Zahlungsverkehr. Seit kurzem ist nun ein breiteres Angebot von Finanzprodukten und -dienstleistungen über das Internet zugänglich, das damit für eine Reihe von Banken zu einem wichtigen Vertriebskanal geworden ist. Im Euroraum haben viele Banken den Internetkanal bereits in unterschiedlichem Maß ausgebaut. Es gibt sogar einige Banken, die keine oder nur wenige Zweigstellen unterhalten und Internet und Telefon als wichtigste Kanäle für ihre Kommunikation mit Kunden einsetzen.

Die Entwicklung des Internet-Banking wird den Franchise-Wert von Banken wahrscheinlich allgemein verringern, da es den Wettbewerb im Bankenbereich verschärft. Manche Kommentatoren rechnen sogar damit, dass der Wettbewerbsdruck eine Trennung verschiedener Banktätigkeiten herbeiführen wird, die bislang unter einem Dach angeboten wurden. Nach Auffassung dieser Kommentatoren könnten Tätigkeiten wie die Hereinnahme von Einlagen, der Zahlungsverkehr und das Kreditgeschäft aufgeteilt werden, weil das Internet-Banking die traditionellen Synergien zwischen ihnen verringern würde.

Aus dieser Diskussion ergibt sich für mich vor allem ein Punkt: Die Geschäftsmethoden des Bankgewerbes werden sich mit den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien in nächster Zukunft voraussichtlich erheblich weiterentwickeln. Durch Fortschritte in der Datenverarbeitung sowie durch die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen könnten die Banken Informationen über die Geschäftsgewohnheiten von Kunden effizienter nutzen und beispielsweise in der Kreditwürdigkeitsbewertung neue Wege gehen und andere Analysemethoden anwenden.

Die Kunden werden von dieser Entwicklung wahrscheinlich in vielerlei Hinsicht profitieren. Durch den verschärften Wettbewerb werden ihnen voraussichtlich bessere und leistungsfähigere Finanzprodukte und -dienstleistungen geboten. Insbesondere neue Technologien wie das Home Banking dürften den Zeit- und Kraftaufwand der Kunden beim Erwerb von Finanzprodukten und -dienstleistungen verringern. Die Kunden können sich infolge der veränderten Bankpraxis Zugang zu einem größeren Spektrum von Finanzprodukten und -dienstleistungen verschaffen. Darüber hinaus können Produkte wegen der Effizienzgewinne zu niedrigeren Preisen angeboten werden. Im Euroraum verstärkt E-Finance somit die Auswirkungen der einheitlichen Währung, indem es der fortschreitenden Integration der Finanzmärkte im gesamten Euroraum mehr Schwung verleiht.

Die Geldpolitik muss diese Entwicklungen berücksichtigen. Insbesondere ist es wichtig, den sich daraus ergebenden Wandel in der Finanzierungsstruktur der Wirtschaft im Auge zu behalten, um Veränderungen des Anlegerverhaltens nicht zuletzt mit dem Ziel verfolgen zu können, die übertragungswege der Geldpolitik zu beurteilen.

Des Weiteren sollte in diesem Zusammenhang die Möglichkeit übermäßiger Risikobereitschaft im Bankenbereich nicht außer Acht gelassen werden. Angesichts verfallender Margen bei "alten Geschäften" wenden sich Banken womöglich durch eine geographischen Expansion oder durch Produktentwicklungen neuen Tätigkeitsbereichen in bislang noch nicht genutzten Gebieten zu. Unter diesen Umständen könnten einige Banken aus Mangel an Informationen, Kenntnissen oder Fähigkeiten die Risiken ihrer neuen Tätigkeitsbereiche falsch beurteilen. Dann kann die Einschätzung der Bankenaufsicht, ob die Kapitalpolster der Banken für den Bankenbereich als Ganzes noch ausreichen, hilfreich sein.

An den Finanzmärkten geht es im Großen und Ganzen um ähnliche Fragen. Dass die Finanzmärkte sich in den letzten Jahren durch das Entstehen von Online-Brokern und elektronischen Handelssystemen erheblich verändert haben, ist unbestritten. Diese Entwicklungen vermögen die Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte generell zu verbessern.

Online-Broker bieten ihren Kunden z. B. häufig genaue Informationen über Marktbedingungen und Auftragsabwicklung. Mehr Transparenz auf Seiten der Broker verringert die Informationsasymmetrie zwischen Brokern und Kunden. Kunden sind demzufolge in der Lage, bessere Ausführungskurse zu erzielen, nicht zuletzt weil sie die von verschiedenen Brokern gestellten Kurse leichter feststellen können.

Die elektronische Ausstattung der Finanzmärkte kann den Kunden zwar Vorteile bringen, doch sind damit auch einige Risiken verbunden. Ein erstes Risiko ist betriebsbedingt. Durch die Fortschritte der Informations- und Telekommunikationstechnologie ist die Einrichtung von Börsenplätzen für Finanzprodukte, z. B. im Internet, nun leichter denn je. Um ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleisten zu können, müssen die neuen Handelssysteme in ihren ersten Entwicklungsstadien gründlich getestet werden. Sie müssen unbedingt Marktturbulenzen standhalten können, insbesondere auch in Zeiten außerordentlich hoher Handelstätigkeit und Marktvolatilität. Eine zweite Risikoart entsteht aus der Möglichkeit einer nicht ordnungsgemäßen Segmentierung der Finanzmärkte. Mit der Entwicklung neuer Handelssysteme entsteht die Möglichkeit der Handelstätigkeiten an mehreren Börsen. Wettbewerb zwischen den Börsen ist grundsätzlich von Vorteil. Zumindest in einer übergangsphase könnten die Kunden jedoch gewisse Schwierigkeiten mit dem Zugang zu den neuen Börsen haben. Den Kunden ist es so bis zum Abschluss der Umstellung unter Umständen nicht möglich, stets die besten Ausführungskurse zu erhalten. Zur Lösung dieses Problems ist es wichtig, dass neue Börsen im Verlauf ihrer Inbetriebnahme möglichst rasch eindeutige Regeln für die Teilnahme und Kursstellung festlegen.

Lassen Sie mich abschließend einige Worte zum elektronischen Geld sagen. Die Entwicklung von E-Geld befindet sich noch in den allerersten Anfängen, birgt jedoch Entwicklungspotenzial. Im Euroraum gibt es mehrere E-Geld-Systeme. Zwar ist die Umlaufmenge von E-Geld im Euroraum derzeit noch sehr gering, doch die Zahl der bereits genutzten Datenträger lässt vermuten, dass sich deren Nutzung rasch ausweiten könnte. ("Fragen rund um den Einsatz von elektronischem Geld", Monatsbericht der EZB vom November 2000, S. 55-67).

In diesem Zusammenhang war es wichtig, zur Verringerung von Ungewissheiten bereits in einem frühen Stadium einen eindeutige Rahmenregelung vorzugeben. Sie wird nach meiner Auffassung Innovationen fördern. Ich freue mich sagen zu dürfen, dass die von der Europäischen Union verabschiedete Rahmenregelung den Vorteil hat, den Kunden insbesondere durch Schutzmaßnahmen gegen Fälschungen und Geldwäsche ein hohes Maß an Sicherheit zu gewährleisten.

Für die Geldpolitik wirft das Entstehen von elektronischem Geld drei wichtige Fragen auf. Erstens ist wichtig, dass das elektronische Geld die Funktion von Geld als Recheneinheit nicht gefährdet. Mit anderen Worten, auf einer Geldkarte müssen elektronisch gespeicherte Euro den gleichen Wert haben, unabhängig davon, wann und von wem die Karte ausgegeben wurde. Dieser wichtige Grundsatz wird in der europäischen Rechtsetzung durch die Einführung einer Rückerstattungspflicht für E-Geld sichergestellt.

Zweitens muss die Geldpolitik in der Lage bleiben, die Geldmarktsätze zu steuern. Dies ist meines Erachtens weiterhin der Fall, so lange die Geldmarktteilnehmer auf Zentralbankgeld als Verrechnungsmittel zurückgreifen müssen.

Drittens muss das elektronische Geld als unmittelbarer Ersatz für Banknoten und Münzen in die Definition der Geldmengenaggregate einbezogen werden. Daher hat die EZB damit begonnen, Daten über die Umlaufmenge von elektronischem Geld zu erheben, auch wenn das E-Geld derzeit noch in den Kinderschuhen steckt.

Lassen Sie mich, ohne diese Fragen weiter zu vertiefen, hervorheben, dass das elektronische Geld nach unserer überzeugung für die Erreichung der Ziele der EZB keine Gefahren birgt.

Zum Schluss meiner heutigen Ausführungen möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass insbesondere im Finanzbereich bereits bemerkenswerte Veränderungen stattgefunden haben. Die Banken haben neue Produkte und Dienstleistungen entwickelt und beschreiten bei deren Vermarktung neue Wege. Das Entstehen elektronischer Handelssysteme hat die Märkte neu gestaltet.

Aus diesen Entwicklungen können sich große Vorteile ergeben, da sie das Spektrum der Möglichkeiten für Kreditnehmer und Anleger generell eher erweitern. Dies könnte zu einer besseren Allokation der finanziellen Ressourcen in der Wirtschaft und damit letztendlich zu mehr Wirtschaftswachstum führen. Die sich derzeit vollziehenden Entwicklungen bergen, wie in allen Zeiten rascher Veränderungen, gewisse Risiken. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass diese Risiken zufrieden stellend in den Griff zu bekommen sind, so dass sich der Euroraum die Vorteile des E-Finance zunutze machen kann.

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