Welches sind die Vorteile dergemeinsamen Währung für denWettbewerb und dasWachstum imEuro-Währungsgebiet?

Frau Sirkka Hämäläinen Mitglied des DirektoriumsHerbsttagung der Deutsch-Finnischen HandelskammerHannover, 7. Oktober2000

Zu Beginn möchte ich mich herzlich bei den Organisatoren bedanken, die mich eingeladen haben, heute hier zu sprechen. Ich freue mich sehr über diese Gelegenheit, einige Gedanken darüber vorzutragen, wie sich die Einheitswährung auf den Wettbewerb und das Wachstum im Euroraum auswirken kann.

Inzwischen sind fast zwei Jahre vergangen, seit elf europäische Länder den historischen Schritt vollzogen haben, ihre nationalen Währungen durch den Euro zu ersetzen. Mit Beginn des nächsten Jahres wird Griechenland als 12. Land den Euro einführen.

Ich möchte gleich eingangs betonen, dass die Einführung einer einheitlichen Währung ein sehr langfristiges Projekt ist und dass ihre Vorteile hauptsächlich struktureller Natur sein werden. Eine abschließende Beurteilung ihrer Gesamtwirkung auf die Wirtschaft des Euroraums wäre deshalb vollkommen verfrüht. Die Einführung der neuen Währung ist ja noch nicht einmal abgeschlossen. Die Euro-Banknoten und -Münzen werden im Jahr 2002 eingeführt werden, und erst dann werden wir einige der wichtigsten Wirkungen des Euro sehen können, zum Beispiel volle Preistransparenz über die Landesgrenzen hinweg, die Stärkung des Wettbewerbs zum Vorteil der Verbraucher sowie den Wegfall des kostspieligen und unbequemen Geldumtauschs bei Reisen in andere Länder des Eurogebiets.

Dennoch erlauben die bisher gewonnenen Erfahrungen mit der einheitlichen Währung einige Schlüsse hinsichtlich ihrer Zukunftsaussichten und der Herausforderungen, denen sich politische Entscheidungsträger in dem neuen Umfeld einer gemeinsamen Währung und einer einheitlichen Geldpolitik für einen 11 (bald 12) Länder umfassenden Wirtschaftsraum stellen müssen.

In der öffentlichen Diskussion wird manchmal die Meinung geäußert, der Euro hätte die Erwartungen nicht erfüllt. Diese Meinung wird meistens allein mit dem Wechselkurs des Euro - insbesondere gegenüber dem US-Dollar - begründet. Aus der Sicht der EZB haben

wir wiederholt deutlich gemacht, dass wir mit der anhaltenden Schwäche des Euro-Wechselkurses nicht zufrieden sind. Wir sind der festen Überzeugung, dass der gegenwärtige Wechselkurs die fundamentalen Stärken der Wirtschaft des Euroraums nicht angemessen reflektiert. Die konzertierten Maßnahmen, die die EZB vor einigen Wochen gemeinsam mit anderen wichtigen Zentralbanken im Devisenmarkt getroffen hat, haben den Marktteilnehmern - und der breiten Öffentlichkeit - gezeigt, dass wir die möglichen Folgen eines übermäßig schwachen Euro-Wechselkurses für die Weltwirtschaft mit Sorge sehen.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Entwicklung des Euro-Wechselkurses im richtigen Verhältnis darstellen. Als Erstes möchte ich wiederholen, dass der Euro eine Währung mit frei schwankendem Wechselkurs ist. Dies bedeutet, dass die EZB kein spezifisches Wechselkursziel hat. Der Wechselkurs wird vielmehr bei der Beurteilung der Aussichten für die künftige inländische Preisentwicklung und der Risiken für die Preisstabilität berücksichtigt. So hat die Abschwächung des Wechselkurses als ein wichtiger Faktor neben anderen Faktoren - hier ist insbesondere der steile Anstieg der Ölpreise zu nennen - zu den Beschlüssen des EZB-Rats beigetragen, die Leitzinsen im Laufe des vergangenen Jahres stufenweise um insgesamt 2,25 Prozentpunkte anzuheben.

Bekanntlich reflektieren die Bewegungen freier Wechselkurse nicht immer die makroökonomischen Fundamentaldaten, jedenfalls nicht kurzfristig. Es ist oft schwierig, die Faktoren zu identifizieren, die solche Bewegungen auslösen. Sehr kurzfristig orientierte Erwartungen und die Psychologie des Marktes können sich stark auf die Wechselkurse auswirken. Die Abschwächung des Euro-Wechselkurses um etwa 25 % gegenüber dem US-Dollar seit Anfang 1999 ist, historisch betrachtet, keineswegs eine Ausnahme. Wie die Grafiken zeigen, sind die jüngsten Kursbewegungen im Vergleich mit den ausgeprägten Schwankungen des USD/DEM-Wechselkurses in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre recht moderat - und im Vergleich zu den heftigen Schwankungen, die der USD/FIM-Wechselkurs schon erlebt hat, nicht außergewöhnlich. Trotzdem gibt der gegenwärtige Stand des Euro-Wechselkurses unserer Ansicht nach Anlass zur Sorge, da er nicht im Einklang mit den Fundamentaldaten steht.

Als Zweites möchte ich betonen, dass die meisten Faktoren, die gemeinhin als Hauptursachen der Euro-Schwäche bezeichnet werden, in keinem direkten Zusammenhang mit dem Euro selbst stehen. Die gängigste Erklärung der Beobachter lautet, die Schwäche des Euro spiegele die im Vergleich mit den Vereinigten Staaten weniger günstige Entwicklung des Wachstums und der Produktivität im Eurogebiet wider. Dies wiederum wird strukturellen Rigiditäten in der Wirtschaft des Euroraums angelastet. Meiner Ansicht nach hat der Euro den notwendigen Prozess der strukturellen Entwicklung in den Ländern des Eurogebiets positiv beeinflusst. Deshalb ist es wahrscheinlich, dass die gegenüber den Vereinigten Staaten schwächere Entwicklung des Wachstums und der Produktivität auch dann einen Einfluss auf die Wechselkurse in Europa gehabt hätte, wenn die gemeinsame Währung nicht eingeführt worden wäre. Wir können nur spekulieren, welche Entwicklungen diese Faktoren zwischen den nationalen Währungen ausgelöst hätten, wenn die Währungsunion nicht stattgefunden hätte.

Es ist sehr bedauerlich, dass die öffentliche Aufmerksamkeit so auf die kurzfristigen Entwicklungen des Euro-Wechselkurses fixiert ist. Dabei wird oft übersehen, dass die Einführung der einheitlichen Währung bereits in allen Bereichen - und besonders in den Finanzmärkten - sehr positive, langfristige strukturelle Prozesse in Gang gebracht hat. Diese Entwicklungen werden für die Wettbewerbs- und Wachstumsaussichten des Euroraums überaus weit reichende Folgen haben. Der begonnene und nicht mehr umkehrbare Prozess der Umgestaltung der europäischen Wirtschaft von einer Gruppe kleiner, segmentierter, nationaler Märkte zu einem europaweiten Markt führt zu größerer Effizienz und wird Verbrauchern und Anlegern - also der Öffentlichkeit insgesamt - bedeutende Wohlfahrtsgewinne bringen.

Es ist zu erwarten, dass die gemeinsame Währung das Funktionieren der Volkswirtschaften im Euroraum verbessern wird; ich möchte dies anhand der folgenden drei Aspekte erläutern: 1.) makroökonomische Politik, 2.) mikroökonomische Effizienz und 3.) Entwicklungen in den Finanzmärkten.

Beginnen wir mit den Folgen der einheitlichen Währung für die makroökonomische Politik. Das Projekt einer Wirtschafts- und Währungsunion in Europa kann als eine Erscheinung des zunehmenden Trends zur Globalisierung gesehen werden - oder als eine spezifische Art, auf ihn zu reagieren. Globalisierung bedeutet mehr Wettbewerb in allen Bereichen - auch

solchen, die traditionell unter der direkten Kontrolle staatlicher Politik standen. Die Globalisierung hat in der Tat enorme Konsequenzen für das politische Geschäft, nicht zuletzt das der Zentralbanken. Die Träger politischer Entscheidungen müssen berücksichtigen, wie diese von den internationalen Märkten aufgenommen werden. Kurzfristig orientierte, prozyklische oder undisziplinierte wirtschaftspolitische Maßnahmen werden von den Märkten unverzüglich „bestraft". So wird der tatsächliche Freiraum für eine nationale Wirtschaftspolitik - einschließlich der Geldpolitik - in der Praxis immer enger.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts ist ein breiter internationaler Konsens über die Vorzüge einer stabilitätsorientierten Politik gewachsen, d. h. einer Geldpolitik, die auf den Erhalt der Preisstabilität ausgerichtet ist, einer vernünftigen Finanzpolitik und einer Strukturpolitik, die dem Ziel dient, die Flexibilität und das Wachstumspotenzial der Wirtschaft zu verbessern. Der zur Gründung der Wirtschafts- und Währungsunion erforderliche Konvergenzprozess war zweifellos sehr förderlich dabei, diesen Konsens innerhalb Europas zu bilden und eine breite Unterstützung dieser stabilitätsorientierten Politik zu erreichen. Die im Vertrag über die Europäische Union („Maastrichter Vertrag") festgelegten Konvergenzkriterien geben einen Mindeststandard für eine stabilitätsorientierte Politik vor. Diese Kriterien haben sich als sehr nützlich erwiesen, um stabilitätsorientierte Maßnahmen der Öffentlichkeit zu vermitteln und deren Unterstützung zu gewinnen.

Die makroökonomische Politik, die heute im Eurogebiet verfolgt wird, ist für die Preisstabilität, die haushaltspolitische Umsicht und eine bessere Strukturpolitik insgesamt förderlicher als die der Siebziger-, Achtziger- oder frühen Neunzigerjahre. Doch auch außerhalb des Euroraums haben die Konvergenzkriterien ihre Bedeutung als eine Art Standard, vor allem in den vier EU-Mitgliedstaaten, die den Euro noch nicht eingeführt haben, und in den 12 Ländern, die zurzeit Anwärter auf die Mitgliedschaft in der Europäischen Union sind.

Während die Konvergenzkriterien hilfreich waren, weil sie einen Standard für den Prozess setzten, der zur Errichtung der Wirtschafts- und Währungsunion führte, soll die institutionelle Architektur der Europäischen Union auch in Zukunft eine stabilitätsorientierte Politik gewährleisten.

In der Finanzpolitik sollen die im Vertrag über die Europäische Union vereinbarten Verfahren für die multilaterale Überwachung zusammen mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt für Haushaltsdisziplin sorgen. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt macht eine klare Zielvorgabe, nämlich dass die Haushalte nahezu ausgeglichen sein oder einen Überschuss aufweisen sollen. Es gibt strenge Regeln, die unter anderem vorsehen, dass im Fall eines Haushaltsdefizits von mehr als 3 % des BIP Sanktionen zu verhängen sind. Die Tatsache, dass die Entwicklung der öffentlichen Finanzen in den Mitgliedstaaten ständig und in allen Einzelheiten überwacht wird, erzeugt einen gewissen Gruppendruck, der hilfreich ist, weil er die Regierungen davon abhält, der Versuchung zu erliegen, sich auf allzu expansive oder unhaltbare Politiken einzulassen.

Was die Strukturpolitik betrifft, so können wir sehen, dass die Regierungen nach der Einführung des Euro größere Bereitschaft zeigen, notwendige und zum Teil längst überfällige Maßnahmen in Angriff zu nehmen. Offenbar haben der aus einem verstärkten globalen Wettbewerb resultierende Druck sowie der Gruppendruck innerhalb der Europäischen Union in Kombination mit mehr Zusammenarbeit und Kontakten in wirtschaftlichen Belangen zwischen den Regierungen allgemein neue Anreize geschaffen, von dem Beispiel bereits durchgeführter, erfolgreicher Reformen in anderen Ländern zu lernen. Vielleicht hat dies zur politischen Akzeptanz von Strukturreformen beigetragen.

Einige der kleineren Länder in der Europäischen Union haben bereits bedeutende Arbeitsmarktreformen durchgeführt, die die Flexibilität an den Arbeitsmärkten und die Beschäftigungsaussichten verbessert haben. In Deutschland und Frankreich und auch in einigen kleineren Mitgliedstaaten liegen Pläne für tief greifende Steuerreformen vor. Diese Steuerreformen sind wichtige Schritte in die richtige Richtung. In mehreren Ländern gibt es darüber hinaus Diskussionen über Reformen der Renten- und Sozialversicherungssysteme, und man ist bestrebt, Lösungen zu finden, die diese Systeme langfristig tragfähig machen -auch angesichts der erwarteten ungünstigen demographischen Entwicklungen. Wie es scheint, war das durch die einheitliche Währung entstandene, neue Umfeld ein wichtiger Katalysator für den Beginn des strukturellen Reformprozesses. Natürlich stehen wir erst am Anfang dieses Prozesses, und es bleibt noch viel zu tun; doch es ist ermutigend, dass die Unterstützung der Strukturreformen und die Erkenntnis ihrer Notwendigkeit offenbar immer mehr zunimmt.

Für die Festlegung der Geldpolitik hat der EZB-Rat die alleinige Verantwortung von den nationalen Zentralbanken übernommen. Die Beschlüsse über EZB-Zinssätze und andere Fragen im Zusammenhang mit der Festlegung der Geldpolitik werden vom EZB-Rat gefasst, dem die sechs Mitglieder des Direktoriums der EZB und die Präsidenten der 1 1 - bald 12 -Zentralbanken des Euroraums angehören. Dabei verfügt jedes Mitglied im EZB-Rat über eine Stimme. Der Vertrag über die Europäische Union setzt der EZB ausdrücklich das vorrangige Ziel, die Preisstabilität zu gewährleisten. Darüber hinaus garantiert der Vertrag, dass die EZB in völliger Unabhängigkeit handeln kann, um dieses Ziel zu erreichen.

Ich bin stolz darauf, was wir im EZB-Rat bisher erreicht haben. Die meisten Beobachter würden mir wahrscheinlich zustimmen, dass die geldpolitischen Beschlüsse in der jeweiligen Wirtschaftslage angemessen waren. Die einheitliche Geldpolitik hat die Preisstabilität gewährleistet und gleichzeitig den wirtschaftlichen Aufschwung im Euroraum unterstützt. Parallel zum Aufkommen von Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität und zum Konjunkturaufschwung im Euroraum im letzten Jahr wurde eine restriktivere Geldpolitik durchgeführt - vorsichtig und ohne überzogene Reaktionen. Die EZB-Zinssätze blieben im historischen wie im internationalen Vergleich niedrig.

Der EZB-Rat hat nicht mechanistisch auf kurzfristige inflationäre Entwicklungen oder vorübergehende Entwicklungen bei Geldmengenaggregaten oder Schlüsselindikatoren reagiert. Im Mittelpunkt des Entscheidungsprozesses steht die Gesamtbewertung der Preisentwicklung auf mittlere Sicht.

Der zweite Aspekt der erheblichen Vorteile, die die Einführung des Euro für die Wachstumsaussichten im Eurogebiet bringen dürfte, betrifft ihre mikroökonomischen Wirkungen. Die offensichtlichsten sind niedrigere Transaktionskosten und grenzübergreifende Preistransparenz. Natürlich werden sich Verbraucher ebenso wie professionelle Einkäufer fragen, warum sie zu Hause einen höheren Preis zahlen sollen, wenn sie die gleichen Produkte weit billiger in einem benachbarten Markt erhalten können. Hersteller werden es schwerer haben, ihre Preise je nach Markt zu differenzieren. In dieser Hinsicht ist eine gemeinsame Währung entscheidend dafür, dass Verbraucher und Anleger ungeschmälert von dem Binnenmarkt für Waren und Dienstleistungen in der Europäischen Union profitieren.

Darüber hinaus bietet der Euro Exporteuren, Importeuren und Anlegern, die im gesamten Euroraum aktiv sind, die dringend benötigte Gewissheit stabiler Wechselkurse und erspart ihnen die Kosten für die Deckung von Wechselkursrisiken zwischen den Ländern des Euroraums. Der Abbau von Beschränkungen für grenzüberschreitenden Handel und Investitionen dürfte immer mehr kleine und mittlere Unternehmen, die bisher nur in den Binnenmärkten tätig waren, ermutigen, in die Märkte der Nachbarländer einzutreten. Es ist zu erwarten, dass diese mikroökonomischen Faktoren zu einer Verbesserung des Wettbewerbs und der Ressourcenallokation innerhalb des Euroraums beitragen werden. Darüber hinaus dürften sie den Kosten- und Preisdruck dämpfen, das Investitionsklima verbessern und auf diese Weise zu einem höheren Potenzial für langfristiges Wachstum im Euroraum beitragen.

Der dritte Aspekt der sehr weit reichenden Folgen, die die Einheitswährung meiner Ansicht nach für die Wirtschaft des Eurogebiets haben wird, betrifft die Entwicklung der europäischen Finanzmärkte. Von Anfang an hat sich der Euro als eine der weltweit führenden Handels- und Anlagewährungen etabliert. Angesichts der Größe des Euro-Wirtschaftsraums - die mit der der Vereinigten Staaten vergleichbar ist - war es nur natürlich, dass der Euro nach dem US-Dollar eine führende Rolle in den globalen Finanzmärkten spielen würde. In manchen Bereichen war der Fortschritt sogar schneller, als wir zu träumen gewagt hätten. Insbesondere die Beliebtheit des Euro als internationale Anleihe-Emissionswährung ist bemerkenswert; global gesehen entspricht sie der Beliebtheit des US-Dollars.

Die Entwicklung eines tiefen und liquiden Anleihemarkts in Euro ist sehr zu begrüßen, weil sie den Unternehmen größere Chancen eröffnet, Finanzierungen selbst für risikoreichere Projekte in einem „inländischen" Kapitalmarkt zu finden, ohne Wechselkursrisiken einzugehen. Die Erfahrung der Vereinigten Staaten hat gezeigt, dass das Vorhandensein eines sehr aktiven Markts für Unternehmensanleihen - einschließlich der Märkte für risikoreiche Junk Bonds - entscheidend für die Finanzierung der wachstumsintensiven Unternehmen in der IT-Branche war. Der rasante Umstrukturierungsprozess, der zurzeit im Unternehmenssektor in Europa stattfindet - mit einer beispiellosen Fusions- und Übernahmewelle sowie Verbesserungen der Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit - wird durch die Einführung des Euro und die Entwicklung des Marktes für Unternehmensanleihen unterstützt. Auf die gleiche Weise haben auch Integrationsbestrebungen u. a. in den Aktienmärkten, Derivatemärkten, Zahlungs- und Abrechnungssystemen durch die Einführung der gemeinsamen Währung zusätzlichen Schwung bekommen.

Es ist klar, dass alle diese gegenwärtigen Entwicklungen in den Finanzmärkten, die durch die Einführung des Euro begünstigt worden sind, zu einem dynamischeren Funktionieren der Volkswirtschaften im Euroraum und zum Wachstumspotenzial des Euroraums beitragen.

Das doch recht rosige Gesamtbild von den Aussichten für die Wirtschaft des Eurogebiets, das ich Ihnen heute präsentiert habe, mag im Widerspruch zu der konventionellen Weisheit stehen, dass Europa an chronischen Unzulänglichkeiten leidet, die zur Folge haben, dass sein Wachstum, seine Beschäftigung und Produktivität auf Dauer niedriger sind als die der Vereinigten Staaten. Ich finde diese konventionelle Weisheit in der Tat verwirrend, denn sie scheint die Tatsachen zu ignorieren - oder wenigstens zu unterschätzen -, die darauf hinweisen, dass Europa einen Weg des starken und stetigen Fortschritts und Wandels eingeschlagen hat.

Der Binnenmarkt hat eindeutig schon jetzt zu einer Stärkung des Wettbewerbs auf den Produktmärkten wie auch im Dienstleistungssektor geführt. Die rasche Integration der Finanzmärkte im Euroraum trägt zu einem beispiellosen Umstrukturierungsprozess der Unternehmen bei, und dieser geht mit einem recht deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit einher. Tatsächlich werden Arbeitsplätze von den wachstumsschwachen zu den wachstumsstärkeren Sektoren der europäischen Wirtschaft verlagert. Der europäische IT-Sektor entwickelt sich rasant, und in einigen Segmenten hat Europa schon die weltweite Führung übernommen.

Es ist durchaus möglich, dass Europa heute in der gleichen Lage ist wie die Vereinigten Staaten vor fünf bis sechs Jahren: am Anfang einer langen Periode starken Wachstums, großer Produktivitätssteigerungen und verbesserter Arbeitsmarktbedingungen. Hierfür sind zwei wichtige Bausteine oder Voraussetzungen notwendig: erstens Preisstabilität, um ein stabiles Umfeld für effiziente Unternehmensführung und Investitionsplanung zu schaffen, und zweitens die Flexibilität der Finanz- und Arbeitsmärkte. Die erste Voraussetzung wird durch die Geldpolitik des Eurosystems gewährleistet, und hinsichtlich der zweiten sind schon erhebliche Fortschritte bezüglich der Flexibilität der Finanzmärkte erzielt worden. Was Europa nun vor allem braucht, ist eine breitere und engagiertere Unterstützung der Entwicklung flexiblerer Arbeitsmärkte.

Es ist wichtig, die Strukturreformen beispielsweise der Steuersysteme, Rentensysteme und Arbeitsmärkte weiter voranzutreiben und auch den Wettbewerb in bestimmten Sektoren weiter zu stärken. Zentralbanker sind nicht von Natur aus optimistisch, doch ich glaube, dass dieser Prozess bereits in vollem Gange ist.

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