Vortrag

des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Dr. Willem F. Duisenberg, anläßlich des Schweizer Bankiertags in Zürich, 10 September 1999

Sehr geehrte Damen und Herren!

Gerne bin ich Ihrer Einladung gefolgt, an diesem Ort der Preisstabilität zwischen Bodensee und Dufourspitze über erste Erfahrungen mit dem Euro zu berichten. Kein anderes Land in Europa kann auf größere Erfolge bei der Inflationsbekämpfung verweisen als die Schweiz, und Sie können stolz darauf sein.

Mit der Schaffung einer einheitlichen Währung in Europa hat die europäische Integration einen neuen Gipfel bestiegen. Seit Beginn dieses Jahres trägt der EZB-Rat die Verantwortung für die Stabilität des Euro. Währungsunion heißt, daß für das gesamte Euro-Währungsgebiet nur noch eine einheitliche Geldpolitik durchgeführt wird. Ziel dieser Politik ist die Preisstabilität im Euroraum als Ganzes. Das heißt, eine auf die Bedürfnisse einzelner Mitgliedstaaten ausgerichtete Geldpolitik kann es nicht mehr geben. Damit wird es noch notwendiger als vorher, daß die einzelnen Länder entschieden die Haushaltskonsolidierung vorantreiben und Strukturreformen durchführen, mit dem Ziel, die Flexibilität der Güter- und Arbeitsmärkte zu erhöhen und die Anreize zur Schaffung und zur Annahme von Arbeitsplätzen zu verbessern.

Der EZB-Rat legt zentral die gemeinsame Geldpolitik fest. Der Rat besteht aus dem EZB-Direktorium und den Präsidenten der Zentralbanken des Euro-Währungsraums. Die geldpolitischen Beschlüsse werden vom Eurosystem umgesetzt, das sich aus der EZB und den nationalen Zentralbanken der 11 teilnehmenden EU-Mitgliedstaaten zusammensetzt. Die nationalen Zentralbanken sind vor allem mit der dezentralen Umsetzung der einheitlichen Geldpolitik und den damit verbundenen Operationen in ihrem Land betraut.

Lassen Sie es mich vorweg sagen: Der Start und die ersten Monate der gemeinsamen Währung sind aus unserer Sicht gut gelaufen. Die ersten Erfahrungen mit dem Euro und der einheitlichen Geldpolitik sind positiv und ermutigend. Wir haben zur Zeit Preisstabilität erreicht, und die Chancen sind gut, daß dies auch in den kommenden Jahren der Fall bleibt.

Der EZB-Rat ist zu einem echten supranationalen Gremium geworden. Die Mitglieder des EZB-Rates fühlen sich eindeutig der gemeinsamen Sache verpflichtet. Sie haben den gesamten Währungsraum im Blick, wenn geldpolitische Entscheidungen beraten und getroffen werden.

Die Anstrengungen vor dem und zum Umstellungswochenende zu Anfang dieses Jahres sind bereits Geschichte. Seit Anfang dieses Jahres notiert der Euro an den internationalen Finanzmärkten und wird im unbaren Zahlungsverkehr eingesetzt. Obwohl der Euro erst in gut zwei Jahren in Form von neuen Banknoten und Münzen greifbar sein wird, ist es bereits heute spürbar, daß der Euro von der breiten Bevölkerung akzeptiert wird und die mit ihm verbundenen Vorteile geschätzt werden. Wie Sie in der Schweiz bestens erfahren können, spielt der Euro nicht nur innerhalb des Europäischen Währungsraumes, sondern auch darüber hinaus eine zunehmende Rolle.

Geldpolitik im Dienste der Preisstabilität

Die europäische Währungsunion birgt die große Chance, das Ziel der Preisstabilität in Europa umfassend und dauerhaft zu verwirklichen. Geldwertstabilität ist der beste Beitrag der Geldpolitik zu anhaltendem Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum. Stabile Preise fördern die effiziente Allokation knapper Ressourcen und helfen auch, die Erwartungsbildung zu stabilisieren.

Aus diesen guten Gründen weist der EG-Vertrag dem Europäischen System der Zentralbanken (ESZB) - und damit dem Eurosystem - die Gewährleistung der Preisstabilität als vorrangiges Ziel zu.

Der EZB-Rat setzt alles daran, diesen Auftrag zu erfüllen. Hierbei versucht er, seine Geldpolitik der Öffentlichkeit in verständlicher Weise zu erläutern. Insbesondere hat der EZB-Rat eine quantitative Definition seines vorrangigen Ziels, der Preisstabilität, veröffentlicht. Dadurch wird den Wirtschaftssubjekten eine klare Orientierungshilfe für die Erwartungen bezüglich der künftigen Preisentwicklung gegeben. Die Veröffentlichung dieser Definition gibt aber auch der Öffentlichkeit und dem Europäischen Parlament einen klaren Maßstab für die Beurteilung des Erfolgs der einheitlichen Geldpolitik und macht damit das Eurosystem und seine Politik transparent und nachprüfbar.

Das Eurosystem definiert Preisstabilität als mittelfristigen Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex für das Euro-Währungsgebiet von unter 2 % gegenüber dem Vorjahr. Die Formulierung "unter 2 %" gibt eindeutig die Obergrenze für die gemessene Inflationsrate an, die mit Preisstabilität vereinbar ist. Gleichzeitig beinhaltet die Formulierung "Anstieg" in diesem Zusammenhang, daß Deflation - also ein anhaltender Rückgang des Preisniveaus - mit Preisstabilität nicht vereinbar ist.

Das Ziel der Preisstabilität muß mittelfristig und vorausschauend erreicht werden. Diese Orientierung ergibt sich zum einen aus den variablen und teilweise schwer voraussagbaren Wirkungsverzögerungen der Geldpolitik. Zum anderen reflektiert sie auch das mögliche Auftreten einer kurzfristigen Volatilität der Preise aufgrund nichtmonetärer Schocks, die nicht durch die Geldpolitik kontrolliert werden können.

Die stabilitätsorientierte geldpolitische Strategie des Eurosystems

Diegeldpolitische Strategie des Eurosystems ist auf die Erhaltung der Preisstabilität im einheitlichen Währungsraum zugeschnitten, und sie läßt sich im wesentlichen als 2-Säulen-Strategie umschreiben.

Die erste Säule der geldpolitischen Strategie weist der Geldmenge in der breiten Abgrenzung M3 eine herausragende Rolle zu. Es besteht ein breiter Konsens, daß Inflation auf mittlere Frist letztendlich ein monetäres Phänomen ist. Daher stellt die Geldmenge einen natürlichen "nominalen Anker" für eine auf die Sicherung der Preisstabilität ausgerichtete Geldpolitik dar. Um diese herausragende Rolle der Geldmenge zu unterstreichen, hat der EZB-Rat einen quantitativen Referenzwert für das Geldmengenwachstum in der breiten Abgrenzung M3 bekanntgegeben.

Die zweite Säule der geldpolitischen Strategie fußt auf einer breit fundierten Beurteilung der Aussichten für die Preisentwicklung im gesamten Euro-Währungsgebiet. Diese Einschätzung stützt sich auf eine breite Palette von Indikatoren. Dabei werden insbesondere solche Variablen eingehend analysiert, die Informationen über zukünftige Preisentwicklungen enthalten können. Diese Analysen sollen nicht nur Aufschluß über die Risiken für die Preisentwicklung geben, sondern auch die Ursache von unerwarteten Änderungen wichtiger ökonomischer Größen identifizieren helfen.

Mit dieser Ausrichtung und der veröffentlichten Definition von Preisstabilität weist die geldpolitische Strategie des Eurosystems einige Gemeinsamkeiten mit derjenigen der Schweizerischen Nationalbank auf. Lassen Sie mich den Präsidenten der Schweizerischen Nationalbank zitieren, der die Strategie der Schweizerischen Nationalbank wie folgt umschreibt: "Wir versuchen, das Ziel der Preisstabilität dadurch zu erreichen, dass wir uns wohl an der Entwicklung der monetären Aggregate orientieren, gleichzeitig aber auch andere Indikatoren berücksichtigen." [Siehe Meyer, Hans, "Zur Geldpolitik im neuen Jahr", Referat gehalten am 21. Januar 1999 an der Universität St. Gallen.]

Allerdings waren die Beweggründe, die zur jeweiligen Strategie geführt haben, unterschiedlich. Während in der Schweiz vor allem Störungen in der Nachfrage nach Notenbankgeld aus "noch immer ungeklärten Gründen" in den letzten Jahren zugenommen haben [siehe Meyer, Hans, a.a.O.], sieht sich die EZB zu Beginn der Währungsunion zusätzlichen Unsicherheiten hinsichtlich der Auswirkungen des Regimewechsels auf eine einheitliche Geldpolitik in Europa gegenüber. Es ist schwierig abzuschätzen, ob sich gewohnte und bisher verläßliche makroökonomische Beziehungen durch die Einführung des Euro verändern. Mit Blick auf diese Unsicherheit, aber auch generell, ist es problematisch, sich bei den geldpolitischen Entscheidungen nur auf einige wenige oder gar einen einzigen Indikator zu verlassen. Allerdings haben unsere bisherigen Untersuchungen ergeben, daß die Geldmenge M3 durchaus klare Zeichen von Stabilität sowie gute Indikatoreigenschaften aufweist. Die Zuweisung einer prominenten Rolle für die Geldmenge M3 ist somit wohl fundiert.

Die geldpolitischen Instrumente und der operative Rahmen des Eurosystems

Der operative Handlungsrahmen des Eurosystems hat sich als ein effektives Instrumentarium zur Steuerung der Geldmarktsätze und zur Begrenzung ihrer Schwankungen herausgestellt. Über die Bereitstellung oder den Entzug von Liquidität im Bankensystem steuert das Eurosystem die Geldmarktzinsen. Im Rahmen der geldpolitischen Strategie spielen die Offenmarktgeschäfte eine wichtige Rolle. Die wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäfte zeigen den geldpolitischen Kurs des Eurosystems an und stellen den größten Teil der Liquidität zur Verfügung. Über die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte wird das Bankensystem mit dauerhafterer Liquidität (3 Monate) versorgt. Das Instrument der (verzinslichen) Mindestreserve hat zur Glättung der täglichen Liquiditätsschwankungen im Geldmarkt beigetragen, während die "ständigen Fazilitäten" Ausschläge im Geldmarktzins nach oben und unten effektiv begrenzen.

Die Leistungsfähigkeit dieses Instrumentariums kann dadurch verdeutlicht werden, daß es dem Eurosystem gelungen ist, bislang ohne eine einzige Feinsteuerungsoperation am Geldmarkt auszukommen. Tatsächlich waren die Entwicklungen der kurzfristigen Geldmarktzinsen bislang außerordentlich stabil, und die Geldmarktzinsen lagen relativ eng an den Zinsen, zu denen die EZB Liquidität im Rahmen ihrer wöchentlichen Refinanzierungsgeschäfte bereitstellte. Dies ist ein bemerkenswerter Erfolg, ebenso wie die außerordentlich schnelle Integration der Geldmärkte im Eurogebiet, auf denen seit Januar temporäre Zinsdifferenzen im Laufe des Tages mit hoher Geschwindigkeit von den handelnden Marktteilnehmern durch Arbitragegeschäfte ausgeglichen werden.

Erste geldpolitische Entscheidungen

Die Startbedingungen für die Einführung des Euro waren günstig angesichts einer Inflationsrate von unter 2 % (gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex) und moderater Geldmengenwachstumsraten in den zwei Jahren vor Beginn der Währungsunion. Allerdings hatten sich in der zweiten Jahreshälfte 1998 im Gefolge der Asien- und der Rußlandkrisen die Wachstumsaussichten für den Euroraum zunehmend eingetrübt, und damit hat sich der inflationäre Druck weiter abgeschwächt. Die Notenbanken der teilnehmenden Länder hatten darauf mit einer Senkung der kurzfristigen Zinsen reagiert. Damit wurde das durchschnittliche Zinsniveau in den Ländern des künftigen Währungsraumes bereits vor Beginn der Währungsunion deutlich zurückgeführt.

Die Zusammenarbeit der europäischen Zentralbanken, die in der Vergangenheit bereits sehr eng war, wurde in den letzten Monaten des Jahres 1998 zwischen den Teilnehmern an der dritten Stufe der Währungsunion zunehmend vertieft. Die koordinierte Senkung der Leitzinsen im Dezember 1998 auf das Niveau von 3 % hat klar gezeigt, daß die Währungsunion de facto schon vor dem Beginn der dritten Stufe begonnen hatte.

Mit Blick auf die Wirtschaftsentwicklung gab es dann in den ersten Monaten dieses Jahres zunehmend Hinweise darauf, daß die negativen Rückwirkungen der Krisen in Asien und Rußland auf Wachstum und Beschäftigung im Euroraum stärker sein könnten als zuvor angenommen. Mit der sich abzeichnenden Verlangsamung des Wirtschaftswachstums im Euroraum schwanden damit auch die Risiken, daß die Obergrenze von 2 % für die tolerierbare Inflationsrate auf absehbare Zeit nach oben überschritten wird. Diese Einschätzung spiegelte sich auch in den Revisionen der Inflationsprognosen internationaler Organisationen wider.

Anfang April 1999 beschloß der EZB-Rat daher, die Zinsen für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte um 50 Basispunkte auf 2,5 % zu senken sowie die Zinsen für die ständigen Fazilitäten auf 1,5 % bzw. 3,5 % zu reduzieren. Die Geldmenge M3 expandierte zwar Anfang 1999 etwas oberhalb des Referenzwerts. Aber es war zu diesem Zeitpunkt unklar, ob es sich bei dem starken Anstieg zu Jahresbeginn um einen Sondereffekt im Zusammenhang mit dem Start der einheitlichen Währung handelte, der sich möglicherweise bald zurückbilden würde. Mit Blick auf diese Unsicherheiten sah der EZB-Rat in der M3-Entwicklung im Frühling dieses Jahres keinen Hinderungsgrund für eine Zinssenkung.

Aktuelle Beurteilung der monetären, finanziellen und wirtschaftlichen Situation

Lassen Sie mich kurz erläutern, wie der EZB-Rat die monetäre, finanzielle und wirtschaftliche Situation im Euroraum gegenwärtig beurteilt.

Seit Jahresbeginn liegt die Jahresinflationsrate des Harmonisierten Verbraucherpreisindex für das gesamte Euro-Währungsgebiet bei etwa 1 %, also im Rahmen unserer Definition von Preisstabilität. Während die Preissteigerungsraten für Nahrungsmittel seit Jahresanfang rückläufig sind, haben sich die Energiepreise aufgrund des ausgeprägten Anstiegs der Ölpreise in den letzten Monaten stark erhöht. Insgesamt gesehen fiel der Preisauftrieb jedoch moderat aus, vielleicht sogar moderater als erwartet, was den verstärkten Wettbewerbsdruck im Dienstleistungsbereich und Deregulierungserfolge auf einigen Märkten widerspiegelt. Da sich aber durch einen Anstieg der Energiepreise mit Verzögerung auch die Produktionskosten verteuern können, trägt der Anstieg der Ölpreise zu gewissen Risiken für die Preisstabilität bei. Allerdings sollten diese nicht zu dauerhaft höheren Inflationsraten führen, sofern die Tarifparteien die höheren Energiepreise nicht zum Anlaß für zusätzliche Lohnerhöhungen nehmen.

Das Geldmengenaggregat M3 ist im Juli um 5,6 %, verglichen mit 5,3 % im Juni, gestiegen. Die Geldmengenzahlen sind in letzter Zeit etwas nach oben korrigiert worden, und wir müssen die Faktoren für diese Revisionen noch gründlich prüfen. Gemessen an ihrem gleitenden Durchschnitt über die jeweils letzten drei Monate hinweg, d. h. Mai, Juni und Juli, hat sich das Wachstum von M3 mit 5,4 % seit Anfang des Jahres weiter von dem vom EZB-Rat festgelegten Referenzwert von 4 ½ % entfernt. Diese Zunahme läßt sich weitgehend durch die niedrigen Opportunitätskosten der Geldhaltung erklären. Zum Teil spielen aber wahrscheinlich auch die sich allmählich verbessernden Konjunkturaussichten eine Rolle. Die Kreditentwicklung an den privaten Sektor ist zur Zeit ebenfalls nicht restriktiv. Jährliche Wachstumsraten von etwas über 10 % deuten jedenfalls nicht darauf hin, daß die Bedingungen für Kredite zur Zeit ungünstig sind.

Wie bereits erwähnt, hat die Geldmengenentwicklung von M3 in unserer Strategie eine prominente Rolle. Jedoch sollten kurzfristige Schwankungen der Geldmenge vorsichtig beurteilt werden, nicht zuletzt wegen der mit der kurzen Periode der Währungsunion verbundenen Unsicherheiten sowie aufgrund der jüngsten statistischen Revisionen der Geldmengenzahlen. Die jüngsten Zahlen erfordern jedoch erhöhte Wachsamkeit.

Parallel dazu haben sich die Aussichten für eine in diesem Jahr beginnende und sich bis ins nächste Jahr fortsetzende Konjunkturerholung in Europa mittlerweile deutlich verbessert. Neben den sich aufhellenden Tendenzen in der Weltwirtschaft trägt die Stabilisierung des Produktionswachstums im Euroraum dazu wesentlich bei. Aber auch jüngste Branchen- und Verbraucherumfragen deuten auf positive Anzeichen hinsichtlich der Wirtschaftstätigkeit im Euroraum hin. Demzufolge dürfte sich die Wirtschaftstätigkeit in der zweiten Jahreshälfte 1999 sowie im Jahr 2000 beschleunigen.

Bei der Beurteilung der Gefahren für die Preisstabilität gilt das Augenmerk der EZB unter anderem auch dem Außenwert des Euro. Die Abschwächung des effektiven Außenwerts des Euro, die seit Jahresbeginn bis Anfang September rund 8 % betrug, hat für sich genommen zu einer Erhöhung der Einfuhrpreise in Euro gerechnet beigetragen.

Unter Berücksichtigung aller verfügbaren Informationen bleiben die Aussichten für die Beibehaltung der Preisstabilität günstig. Allerdings haben sich jüngst die Inflationsrisiken etwas erhöht. In den kommenden Monaten wird es deshalb erforderlich sein, die Entwicklung der Geldmengen- und Kreditaggregate sorgfältig zu beobachten. Zudem müssen die kurzfristigen Effekte des Ölpreisanstiegs und der Wechselkursentwicklung auf die Konsumentenpreise berücksichtigt werden. Die letzteren Faktoren sollten, solange der Lohnanstieg moderat bleibt, nicht die Aussichten für die Preisstabilität gefährden. Die Lohnabschlüsse für das Jahr 2000 werden jedoch eine wichtige Rolle für die zukünftige Preisentwicklung spielen.

Aufgrund dieser aktuellen Beurteilung der monetären, finanziellen und wirtschaftlichen Situation ließ der EZB-Rat bei seiner gestrigen Sitzung die Notenbankzinssätze unverändert.

Wirtschaftspolitisches Umfeld: Fiskalpolitik und Arbeitsmärkte

Für den Erfolg der Währungsunion und für die Zukunft Europas kommt es auch darauf an, daß die Fiskal- und Strukturpolitiken in den Mitgliedsländern die strukturellen Bedingungen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung, und insbesondere die Beschäftigungsentwicklung, deutlich verbessern. Wie die nachlassenden Konsolidierungsanstrengungen nach Beginn der Währungsunion und die weiterhin bestehende hohe Arbeitslosigkeit verdeutlichen, waren die ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet insgesamt gesehen eher enttäuschend.

Die meisten Mitgliedsländer sind zur Zeit immer noch weit davon entfernt, den im Stabilitäts- und Wachstumspakt festgehaltenen Budgetausgleich auf mittlere Frist zu erreichen. Die gegenwärtig geplanten Maßnahmen sind zumeist nicht ausreichend, um die langfristigen strukturellen Defizite anhaltend zu verringern. Diese Problematik wird besonders deutlich angesichts der derzeit niedrigen Zinsen im Euroraum, die für sich genommen den Spielraum für Haushaltskonsolidierungen in der Tendenz vergrößert haben. In Anbetracht relativ positiver Wirtschaftsaussichten für den Euroraum sollte die Fiskalpolitik den Spielraum zu Ausgabenkürzungen jetzt nutzen, um die fiskalpolitische Solidität mittelfristig zu verbessern.

Die hohe Arbeitslosigkeit in Europa hat vor allem strukturelle Gründe, wie sich auch am Vergleich mit den USA ablesen läßt. Während dort die Arbeitslosigkeit in den letzten zwei Jahrzehnten im Gefolge einer erfolgreichen Disinflations- und Stabilitätspolitik der Fed während der Konjunkturzyklen deutlich zurückging, ist die Arbeitslosigkeit in Europa in diesem Zeitraum weiter gestiegen. Seit Anfang des Jahres hat sich die Arbeitslosenrate im Euroraum bei rund 10 % stabilisiert. Die Mitgliedstaaten mit flexibleren Arbeitsmärkten und stärkerer Lohnzurückhaltung weisen dabei im allgemeinen deutlich bessere Beschäftigungserfolge als der EU-Durchschnitt auf.

Es bleibt zu hoffen, daß der sich abzeichnende Aufschwung nicht durch übertriebene Lohnforderungen gebremst wird und zu entschlossenen strukturpolitischen Reformen genutzt wird. Die Flexibilisierung der Arbeits- und Gütermärkte erscheint dabei besonders dringlich.

Wie Sie wissen, rief der Europäische Rat auf dem Gipfel in Köln einen Beschäftigungspakt ins Leben, mit dem Ziel, die Arbeitslosigkeit nachhaltig zu reduzieren. Der Pakt unterstreicht die Notwendigkeit, Strukturreformen in Europa durchzuführen. Es ist zu hoffen, daß der Pakt dieses Ziel erreicht. Neben den nationalen Fiskalpolitikern, den Tarifpartnern und der Kommission nimmt auch das Eurosystem an dem makroökonomischen Dialog teil. Wir werden diesen Dialog nutzen, um den anderen Parteien unmißverständlich klar zu machen, daß die strukturelle Arbeitslosigkeit ohne entschlossene Reformen nicht verringert werden kann. Ein kurzfristig orientierter Aktivismus zur Stimulierung der Beschäftigung kann die strukturelle Komponente des Problems jedenfalls nicht lösen und das Eurosystem wird darauf dringen, daß alle Maßnahmen, die von den anderen Parteien anvisiert werden, mit dem Postulat der Wahrung der Preisstabilität vereinbar bleiben.

Die internationale Dimension des Euro

Lassen Sie mich schließlich auch auf die internationale Dimension des Euro eingehen. Der Euro ist die Währung eines Wirtschaftsraums mit knapp 300 Millionen Einwohnern und einem Anteil von rund einem Sechstel am Welt-Bruttoinlandsprodukt. Nach dem US-Dollar und vor dem japanischen Yen wird der Euro international am zweithäufigsten verwendet. Darin spiegelt sich sowohl die bisherige Bedeutung der nationalen Währungen wider, die der Euro abgelöst hat, als auch der Stellenwert, der dem Euroraum in der Weltwirtschaft zukommt.

Die Fähigkeit des Eurosystems, Preisstabilität zu wahren, wurde durch die beginnende Internationalisierung des Euro nicht beeinträchtigt. Die ersten Erfahrungen haben gezeigt, daß die Entwicklung des Euro als internationale Währung sich vor allem an den internationalen Finanzmärkten entscheidet. Dabei ist seine Verwendung im privaten Wirtschaftssektor als Anlage- und Emissionswährung sowie als Fakturierungswährung von entscheidender Bedeutung.

Das internationale Interesse am Euro läßt sich beispielsweise an den internationalen Neuemissionen ablesen. Das Neuemissionsvolumen in Euro (brutto gerechnet) verdoppelte sich nach Angaben der Bank für internationalen Zahlungsausgleich nahezu im ersten Halbjahr 1999 gegenüber dem gleichen Vorjahrszeitraum. Demgegenüber fiel der Anstieg für Neuemissionen in US-Dollar mit rund 10 % deutlich schwächer aus. Neuemissionen in Yen oder Schweizer Franken stagnierten oder waren teilweise sogar rückläufig.

Was nun die Rolle der Wechselkurse zwischen dem Euro und anderen wichtigen Währungen außerhalb der EU betrifft, allen voran dem US-Dollar, hat das Eurosystem mit der Ausgestaltung seiner geldpolitischen Strategie eine unzweideutige Wahl getroffen. Diese Strategie schließt explizite oder implizite Ziele oder Zielzonen für den Euro-Wechselkurs eindeutig aus. Die Verfolgung eines Wechselkursziels könnte leicht die Einhaltung des Preisstabilitätsziels gefährden und damit auch die reale Wirtschaftsentwicklung beeinträchtigen.

Es gilt auch zu beachten, daß Wechselkursausschläge häufig von der Struktur- oder Fiskalpolitik sowie von divergierenden Konjunkturentwicklungen verursacht sind. Die Geldpolitik wäre eindeutig überfordert und ihre Glaubwürdigkeit gefährdet, wenn sie solche Wechselkursänderungen verhindern müßte. Das Fehlen eines Wechselkursziels läßt nicht darauf schließen, daß die EZB den Außenwert des Euro mit Gleichmut betrachtet oder ignoriert. Im Gegenteil, der Wechselkurs wird als ein potentiell wichtiger geldpolitischer Indikator beobachtet und analysiert.

Der Erfolg des Euro in seiner noch jungen Geschichte hat vielerorts außerhalb der EU zu Vorschlägen geführt, denen zufolge die heimische Geldpolitik stärker an diejenige des Eurosystems angebunden werden solle. Vorschläge reichen von der Anbindung des Wechselkurses an den Euro bis zur Einführung des Euro als Parallelwährung oder sogar als Ersatzwährung. Die EZB verhält sich derartigen Entwicklungen gegenüber grundsätzlich neutral. Wir werden weder Anstrengungen unternehmen, um die internationale Rolle des Euro zu stärken, noch werden wir derartige Entwicklungen unterbinden.

In dieser Hinsicht möchte ich betonen, daß der EZB-Rat bei der Formulierung der Geldpolitik an das Mandat des Maastrichter Vertrags gebunden ist, die Preisstabilität im Euroraum zu sichern. Dies bedeutet, daß Entwicklungen in unseren europäischen Nachbarstaaten zwar in gewissem Maße Berücksichtigung finden, insofern sie die Aussichten für die Preisentwicklung im Euro-Währungsgebiet beeinflussen. Jedoch kann und darf die EZB keine Verpflichtungen für die monetären oder volkswirtschaftlichen Rahmendaten anderer Länder übernehmen, unabhängig von der Rolle, die der Euro dort spielt, und unabhängig von der Größe dieser Volkswirtschaften.

Erlauben Sie mir auch den Hinweis, daß der Maastrichter Vertrag ein klares und transparentes Verfahren vorsieht, unter welchen Voraussetzungen ein Land dem Euroraum beitreten kann. Man kann hier drei Stufen unterscheiden. Als Grundvoraussetzung gilt die Mitgliedschaft in der EU, die an bestimmte Kriterien geknüpft ist. Außerdem wird erwartet, daß das Land dann auch dem Wechselkursmechanismus II beitritt, wofür es ebenfalls bestimmte ökonomische Voraussetzungen erfüllen muß. Schließlich müssen die Konvergenzkriterien eingehalten werden, die sicherstellen sollen, daß ein Beitrittskandidat eine hinreichend konvergente Wirtschaftsentwicklung gegenüber dem Euroraum aufweist. Neben soliden Staatsfinanzen und einem hohen Grad von Preisstabilität gehören dazu relativ niedrige langfristige Zinsen und stabile Wechselkurse. Die Entscheidung über den Beitritt zur Währungsunion liegt beim Europäischen Rat, der die EZB und die Kommission zur Stellungnahme auffordert.

Schluß

Lassen Sie mich zum Schluß kommen. Die EZB ist nun seit neun Monaten für die Geldpolitik im Euroraum verantwortlich. Bislang haben wir den Eindruck, daß die Geldpolitik der EZB, die neue geldpolitische Strategie und das neue Instrumentarium ihre ersten Bewährungsproben hervorragend überstanden haben. Diese Ansicht wird auch von vielen internationalen Beobachtern geteilt.

Die hohe Kunst der Geldpolitik wird es weiterhin sein, die Preisstabilität im Euroraum vorausschauend zu erhalten. Vertrauen in eine Währung läßt sich dabei weder durch einen nationalen noch durch einen internationalen Rechtsakt verordnen. Vielmehr muß die EZB das Vertrauen in den Euro praktisch täglich neu erwerben, so daß sich im Laufe der Zeit ein Vertrauenskapital aufbaut. Dieses Kapital gilt es zu mehren, damit die Geldpolitik der EZB auch für schwierige Phasen in der Zukunft ausreichend gerüstet ist.

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