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Interview mit Focus

Interview mit Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der EZB, geführt von Carla Neuhaus am 17. August und veröffentlicht am 20. August 2021

21 August 2021

Frau Schnabel, wenn Sie die Bilder von der Hochwasserkatastrophe in Deutschland oder den Waldbränden in Griechenland sehen: Ist das für Sie ein Zeichen, dass auch die EZB etwas gegen den Klimawandel tun sollte?

Für mich waren die jüngsten Ereignisse eine Bestätigung, dass wir mit unserer neuen Strategie das Richtige tun. Wir haben erst kürzlich entschieden, den Klimaschutz stärker in unserer Geldpolitik zu berücksichtigen. Der Klimawandel ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Extremwetterereignisse, wie wir sie zuletzt erlebt haben, werden wir in Zukunft leider noch häufiger sehen.

Warum aber ist das ein Thema für eine Zentralbank?

Der Klimawandel hat tiefgreifende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung und damit auf die Preisstabilität – das ist also unser Kerngebiet. Beispielsweise setzt er die Wirtschaft häufiger makroökonomischen Schocks aus, dies beeinflusst das Wachstum und die Inflation.

Kritiker sagen, darauf zu reagieren, ist Aufgabe der Politik, nicht der EZB...

Natürlich muss an erster Stelle die Politik agieren. Dennoch können wir als Zentralbank nicht danebenstehen und nichts tun. Unser Ziel ist es, für stabile Preise im Euroraum zu sorgen. Und der Klimawandel hat massive Auswirkungen auf die Preisstabilität. Deshalb sind wir aufgrund unseres Mandats gezwungen zu handeln.

Lässt der Klimawandel die Preise steigen?

Das kann eine Folge sein, wenn Unternehmen höhere Kosten an ihre Kunden weitergeben, wenn sie umweltfreundlicher werden müssen oder ihr Geschäftsmodell angepasst werden muss. Denken Sie an den Übergang vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität oder den Umbau der Energiewirtschaft hin zu erneuerbaren Energieträgern. Hinzu kommt die ansteigende CO2-Bepreisung. Auch Lebensmittelpreise können steigen, wenn es in Zukunft häufiger zu Dürren oder Überflutungen kommt. Trotzdem kann man nicht pauschal sagen, dass der Klimawandel und der Umbau hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu einer höheren Inflation führen.

Sondern?

Vorstellbar sind auch gegenläufige Effekte. So könnten etwa die Preise für klimafreundliche Energieträger fallen, wenn effizientere Technologien entwickelt werden. Dann kann es womöglich günstiger werden, Strom aus Erneuerbaren zu gewinnen. Deshalb müssen wir schauen, welcher Effekt am Ende überwiegt.

Was bedeutet das für die Arbeit der EZB?

Wir müssen künftig bei allem, was wir tun, den Klimawandel mitdenken. Das fängt damit an, dass wir unsere Modelle überarbeiten müssen, die entscheidend sind für unsere Prognosen und die Geldpolitik. Dafür brauchen wir neue Daten, die wir erst einmal erheben müssen. In der Bankenaufsicht wird der Klimawandel in Zukunft ebenso eine Rolle spielen wie bei unseren geldpolitischen Maßnahmen, etwa bei den Anleihekäufen.

Noch kauft die EZB besonders viele Anleihen von Firmen mit einem hohen CO2-Ausstoß.

Das stimmt. Wenn wir Unternehmensanleihen erwerben, orientieren wir uns bislang an den am Markt verfügbaren Anleihen. Das führt automatisch dazu, dass wir in unserem Portfolio relativ viele Anleihen von Unternehmen mit einem hohen CO2-Ausstoß haben. Denn diese Firmen haben meist einen besonders hohen Finanzierungsbedarf und geben viele Anleihen aus. Deshalb müssen wir das bisherige Kriterium der Marktneutralität überdenken. Allerdings wäre es nicht sinnvoll, Klimasünder vollständig auszuschließen.

Warum nicht?

Es muss darum gehen, den Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu beschleunigen. Bestimmte Branchen oder Unternehmen von unserem Anleihekaufprogramm auszuschließen, wäre kontraproduktiv. Um die Emissionen zu senken, sind Firmen mit hohem CO2-Ausstoß besonders wichtig, denn hier lassen sich die größten Fortschritte erzielen. Wenn diese Unternehmen klimaneutral werden wollen, sind sie auf günstige Finanzierungen am Kapitalmarkt angewiesen.

Wie aber wollen Sie sicherstellen, dass die Firmen das Geld, das sie über Anleihen einsammeln, tatsächlich nutzen, um ihr Geschäftsmodell umzubauen?

Dafür müssen wir neue Kriterien für die Auswahl der Anleihen entwickeln. Zum Beispiel könnten wir in Zukunft verstärkt Anleihen von Unternehmen kaufen, die sich den Zielen des Pariser Klimaabkommens verpflichten und damit zeigen, dass sie bereit sind, ihr Geschäftsmodell anzupassen.

Nur grüne Anleihen zu kaufen, ist also keine Option?

Nein, ein rein grünes Anleihekaufprogramm wäre derzeit ohnehin unrealistisch. Auch wenn der Markt rasant wächst, gäbe es noch immer viel zu wenig grüne Anleihen. Und man darf nicht vergessen: Schon heute kaufen wir fast ein Viertel der ausstehenden grünen Anleihen an.

Als Zentralbanker müssen Sie auch die Finanzstabilität im Blick haben. Kann aus der Klimakrise eine Finanzkrise werden?

Der Klimawandel ist auch für das Finanzsystem ein beispielloses Risiko – allein schon, weil er auf kein Land begrenzt ist, sondern global wirkt. Wir sprechen in einem solchen Fall von einem systemischen Risiko.

Was heißt das konkret?

Rund ein Drittel der Kredite, die die Banken der Eurozone an Unternehmen ausgereicht haben, sind Klimarisiken aus Extremwetterereignissen in hohem oder steigendem Maße ausgesetzt. Das hat unser makroökonomischer Stresstest ergeben, für den wir zuletzt Daten von 2000 Banken und vier Millionen Unternehmen ausgewertet haben. Berücksichtigt haben wir dabei die Folgen von Naturkatastrophen wie Hochwasser, Waldbränden und Dürren. Denn sie sorgen bei Unternehmen und damit auch bei Banken und Versicherungen für enorme Verluste. Hinzu kommt, dass die Maßnahmen zur Klimawende das Geschäftsmodell vieler Firmen gefährden.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Wir lernen daraus vor allem eins: Je früher wir reagieren, desto besser. Denn dann können wir den Übergang hin zur Klimaneutralität noch so gestalten, dass die Unternehmen sich anpassen können. Je länger wir warten, desto schneller und drastischer muss man reagieren. Kommt der Wandel zu spät und zu schnell, könnten viele Firmen zahlungsunfähig werden und Kredite bei den Banken ausfallen.

Sind diese Klimarisiken denn bislang auch nur annähernd eingepreist? Berücksichtigen Ratingagenturen sie zum Beispiel, wenn sie die Bonität von Firmen einschätzen?

Bislang müssen wir davon ausgehen, dass die Klimarisiken noch nicht angemessen in den Preisen berücksichtigt sind. Den Ratingagenturen ist die Problematik aber bewusst. Sie arbeiten intensiv daran, Klimarisiken in der Bewertung von Kreditwürdigkeit genauer zu erfassen.

Und wie sieht es bei den Banken aus?

Die EZB als europäische Bankenaufseherin hat den Instituten bereits sehr deutlich gemacht, dass sie sich mit den Klimarisiken beschäftigen müssen. Erste Analysen zeigen jedoch, dass bislang kein einziges Institut die Anforderungen vollständig erfüllt. Wie weit die Geldhäuser im Einzelnen sind, ist dabei sehr unterschiedlich: Manche haben schon große Fortschritte gemacht, andere haben noch einen sehr weiten Weg vor sich. Das muss sich ändern.

Dabei müsste es doch im Eigeninteresse der Banken sein, ihre Risiken zu kennen?

Ja, deshalb ist die Bereitschaft der Banken auch groß, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Schon im nächsten Jahr wird es eine umfassende aufsichtliche Überprüfung der Erfassung von Klimarisiken durch die Banken geben.

Spielt das Klima künftig also auch eine Rolle bei der Kreditvergabe der Banken?

Ja, davon kann man ausgehen. Die Klimarisiken werden künftig stärker in die Entscheidung einfließen, ob zum Beispiel eine Firma einen Kredit bekommt und wenn ja zu welchen Konditionen. Auch bei Immobilienkrediten kann das Klima künftig eine Rolle spielen: Dann könnte es leichter werden, einen Immobilienkredit für den Bau eines energieeffizienten Gebäudes zu bekommen. Und das hat dann eine Lenkungswirkung: Der Anreiz, energieeffizient zu bauen, steigt. Deshalb spielen Banken eine entscheidende Rolle bei der grünen Wende.

Und welche Folgen hat die Klimapolitik bislang auf die Inflation, etwa die Einführung der CO2-Abgabe in Deutschland?

Anfang des Jahres sind die Preise nach der Einführung der CO2-Abgabe in Deutschland gestiegen. Das sind allerdings zunächst Einmal-Effekte. Eine graduell ansteigende CO2-Bepreisung dürfte in den nächsten Jahren aber durchaus zu höheren Inflationsraten führen.

Bei der Inflation sind wir in Deutschland allerdings schon bei 3,8 Prozent. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?

Wir sind in einer sehr außergewöhnlichen Situation und die derzeit hohen Inflationsraten basieren zu einem guten Teil auf vorübergehenden Effekten. Zu Beginn der Pandemie ist die Inflation im Zuge des ersten Lockdowns sehr stark zurückgegangen. Das hatte vor allem mit dem Rückgang der Energiepreise zu tun und mit den politischen Reaktionen auf die Krise – in Deutschland mit der Senkung der Mehrwertsteuer. Jetzt, da wir eine Öffnung der Wirtschaft sehen, kehren sich diese Effekte um. Die Energiepreise steigen, die Mehrwertsteuer ist wieder auf dem alten Niveau – und das führt dann automatisch dazu, dass die Inflation sehr viel höher ausfällt. Das liegt zum Teil schlicht daran, dass die hohen Preise heute mit den sehr niedrigen Preisen im vergangenen Jahr verglichen werden. Denn die Inflationsrate zeigt immer die Veränderung der Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahr an.

Sie bleiben also trotz hoher Inflationsrate entspannt?

Ja, auch wenn ich die Sorgen der Menschen verstehe. Aber wenn Sie das Preisniveau heute mit dem Niveau der Zeit vor der Pandemie vergleichen, sieht das schon sehr viel weniger dramatisch aus. Wir rechnen zwar damit, dass die Inflation in diesem Jahr zunächst weiter steigen wird –gerade in Deutschland. Aber ab Beginn des nächsten Jahres gehen wir von einem deutlichen Rückgang der Inflation aus.

Also sehen Sie auch keinen Grund, so schnell etwas an der lockeren Geldpolitik zu ändern?

Nein, für die Geldpolitik ist entscheidend, wie sich die Inflation auf mittlere Sicht entwickelt. Und da werden wir im Euroraum voraussichtlich weiterhin unter unserem Inflationsziel von zwei Prozent liegen. So überraschend das für manchen klingen mag: Wir sorgen uns eher darum, dass die Inflationsrate auf mittlere Sicht zu niedrig ausfällt statt zu hoch. Das kann sich natürlich ändern, wenn zum Beispiel die Gewerkschaften höhere Löhne durchsetzen. Aber auch angemessene Lohnerhöhungen wären aus unserer Sicht erst einmal ein gutes Zeichen. Denn eine kräftigere Nachfrage durch höhere Reallöhne würde uns unserem Inflationsziel näherbringen – nachdem wir jahrelang darunterlagen – und uns helfen, die Niedrigzinsphase hinter uns zu lassen.

Warum genau hat die EZB gerade ihr Inflationsziel angepasst? Früher lautete es „unter, aber nahe zwei Prozent“, nun kann der Wert auch leicht darüber liegen.

Die alte Formulierung war weniger klar und ist deshalb zuweilen fehlinterpretiert worden. Manche haben sie als Obergrenze verstanden, die die Inflation nicht überschreiten sollte, während eine zu niedrige Inflation kein Problem sei. Deshalb haben wir deutlich gemacht: Die zwei Prozent sind das Inflationsziel, das wir anstreben. Und dieses Ziel ist symmetrisch. Das heißt, wir wenden uns genauso entschieden gegen eine zu geringe Inflation wie gegen eine zu hohe.

Wie geht es mit der Wirtschaft weiter? Wird es die erhoffte kräftige Erholung geben?

Wir gehen nach wie vor von einer kräftigen Erholung aus. Angesichts der inzwischen hohen Impfquoten ist es unwahrscheinlich, dass es trotz steigender Inzidenzen noch einmal zu einem strengen Lockdown kommt. Einschränkend wirken derzeit vor allem die Lieferengpässe bei einigen Gütern, wie Mikrochips. Gerade die deutsche Industrie ist hiervon stark betroffen. Um dieses Problem zu beheben, wäre es wichtig, dass die internationale Gemeinschaft die weniger entwickelten Länder unterstützt, um auch dort höhere Impfquoten zu erreichen und das Virus wirksam einzudämmen.

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