Kommunikation als Instrument der Geldpolitik

4. August 2014

Gastbeitrag von Mario Draghi, Präsident der EZB,
veröffentlicht im Handelsblatt vom 4. August 2014

Redigierte Niederschrift einer Rede von Mario Draghi anlässlich der Verleihung des Preises „PR‑Manager des Jahres“ (15.7.2014)

Die Kommunikation einer Zentralbank ist heute ein Kernelement der Geldpolitik, und eigentlich ist sie selbst ein geldpolitisches Instrument. Selbst diejenigen, die sich wenig für das Zentralbankwesen interessieren, stoßen ständig auf Äußerungen des einen oder anderen Notenbankers in den Zeitungen. Am Ende lesen sie vielleicht sogar den ganzen Artikel, und sei es auch nur, weil Aussagen von Zentralbankern beträchtliche Auswirkungen auf Finanzmärkte und somit auf ihre Ersparnisse haben können.

Die Kommunikation der Zentralbanken war nicht immer so umfangreich. Es gab Zeiten, da veröffentlichte etwa die wichtigste Zentralbank der Welt – die Federal Reserve Bank (Fed) –ihre Zinsbeschlüsse nicht einmal. Der Rest der Welt musste aus den Marktreaktionen Rückschlüsse auf die Zinspolitik ziehen. So etwas ist heute kaum vorstellbar. Die Fed hat tatsächlich aber erst 1994 entschieden, ihre Zinsbeschlüsse zeitnah zu veröffentlichen.

Die zwischen 1994 und 1998 aufgebaute Europäische Zentralbank (EZB) wurde zu Beginn einer neuen Ära des Zentralbankwesens errichtet. In dieser Zeit verstärkten zwei Entwicklungen die Bedeutung der Kommunikation: Zum einen wurde es durch die zunehmende Unabhängigkeit der Zentralbanken wichtiger, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren und ihr gegenüber Rechenschaft abzulegen. Zum anderen hing – vor dem Hintergrund der Liberalisierung der Finanzmärkte – die Wirksamkeit der Geldpolitik immer mehr von der Steuerung der Erwartungen hinsichtlich künftiger Zinsbeschlüsse ab.

Im ersten Fall bestand die größte Herausforderung für die EZB darin, drei Zentralbankmerkmale, die nicht unmittelbar zusammenpassen – d.h. mächtig und unabhängig, jedoch nicht direkt vom Wähler legitimiert – auf einen Nenner zu bringen. Am besten war dies Deutschland gelungen. Dort hatte man sich entschieden, die Unabhängigkeit der Bundesbank festzuschreiben und zugleich ihre Befugnisse mittels eines eng gefassten Mandats zu beschränken. Der Rahmen dieses Mandats wurde dabei nicht von der Zentralbank, sondern vom Gesetzgeber und somit von demokratisch gewählten Abgeordneten festgelegt.

Das Modell hat funktioniert, weil die Bundesbank durch das strikte Einhalten ihres Mandats das Vertrauen der Menschen gewonnen hat. Dieses Vertrauen hat sie gepflegt, indem sie die Grundlagen ihres Mandats und ihre Pläne, wie sie dieses umzusetzen gedenkt, aktiv erläutert hat. Die Gründerväter der EZB hat dies dazu inspiriert, der EZB ein ebenso klar und eng definiertes Mandat zu erteilen, das auf Preisstabilität ausgerichtet ist. Und Vertrauen haben wir aufgebaut, indem wir dieses Mandat deutlich zum Ausdruck gebracht haben und natürlich, indem wir es erfüllt haben.

Für die EZB ist die Aufgabe jedoch komplexer als damals für die Bundesbank oder heute für die Fed. Das Vertrauen der 335 Millionen Bürgerinnen und Bürger im Eurogebiet aufzubauen, ist eine große Herausforderung für die Kommunikationspolitik. Wir kommunizieren in 18 Ländern in 15 verschiedenen Sprachen. Und in all diesen Ländern sind die Erwartungen der Bürger unterschiedlich. Mein Vorgänger im Amt des EZB-Präsidenten erzählte mir beispielsweise, dass er bei Spaziergängen in Frankfurt oftmals gefragt wurde, wann er die Leitzinsen endlich erhöhen würde. Bei Spaziergängen in anderen Großstädten nur wenige Tage später hingegen wurde die Frage laut, wann er denn die Leitzinsen senken würde. Diese Unterschiede gehen wir an, indem wir den inhärenten Vorteil des Eurosystems mit 18 nationalen Zentralbanken nutzen. Diese haben nämlich Kommunikationsabteilungen in jedem Land, die dafür Sorge tragen, dass die Botschaft im jeweiligen lokalen Kontext gehört und verstanden wird. Dennoch bleibt dies für uns eine ständige Herausforderung.

Die EZB trägt auch zur Vertrauensbildung bei, indem sie sich öffnet. Von Anfang an war die EZB in Sachen Transparenz führend. So waren wir beispielsweise die erste große Zentralbank, die monatliche Pressekonferenzen gab. In der aktuellen, von neuen Herausforderungen geprägten Zeit, in der die Geldpolitik unkonventioneller geworden ist, können wir es jedoch nicht dabei belassen. Deshalb haben wir beschlossen, noch einen Schritt weiterzugehen: Ab Anfang des nächsten Jahres werden wir Zusammenfassungen der geldpolitischen Sitzungen des EZB-Rats veröffentlichen. Dies ist ein weiterer Weg, um unsere Maßnahmen und die ihnen zugrunde liegenden Erörterungen zu erläutern.

Derzeit arbeiten wir in Testläufen daran, das richtige Format dafür zu finden. Schließlich wollen wir, dass diese Zusammenfassungen für die interessierte Öffentlichkeit verständlich sind. Nur so können sie ihre Wirkung voll entfalten.

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