Der Sparer ist kein Verlierer

11. November 2013

Beitrag von Benoît Cœuré, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, veröffentlicht im Handelsblatt vom 11. November 2013.

Immer lauter werden derzeit Klagen, die Europäische Zentralbank (EZB) bevorzuge mit ihrer Politik der niedrigen Zinsen bewusst Kreditnehmer auf Kosten von Sparern. In Ländern wie Deutschland wird sogar von „kalter Enteignung“ derjenigen gesprochen, die Geld für das Alter zurücklegen. Ich halte diese Schlussfolgerung nicht für angemessen. Die aktuell niedrigen Renditen für Sparer sind vor allem eine anhaltende Folge der jüngsten, tiefen Rezession und der Fragmentierung des Finanzmarktes im Euroraum.
In diesem Umfeld sind niedrige Leitzinsen ein Instrument, das mit dem Ziel eingesetzt wird, die Preisstabilität zu wahren. Und Preisstabilität ist eine Grundvoraussetzung, um die Konjunktur wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu bringen. Höhere Leitzinsen hätten die Rezession verschärft, das Einsetzen einer Erholung verzögert und zu deflationären Risiken beigetragen. Höhere Leitzinsen würden also dem Sparer schaden. Er ist demnach kein Verlierer der EZB-Geldpolitik, wie viele behaupten.

Richtig ist: Noch nie waren die Zinssätze der EZB so niedrig wie heute. Der Hauptfinanzierungssatz, zu dem sich Banken kurzfristig Geld bei der Notenbank leihen können und der in der Öffentlichkeit als „der Leitzins“ wahrgenommen wird, steht jetzt bei 0,25 Prozent. Entscheidender für die deutschen Sparer ist jedoch, dass die Zinsen, die man für langfristige, als sicher geltende Anlagen erhält, auf den niedrigsten Stand seit Gründung der Währungsunion gesunken sind. So erhalten Sparer für Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit der Bundesrepublik Deutschland einen Zins von derzeit rund 1,76 Prozent. Der Hauptgrund dafür: Als Folge der europäischen Staatsschuldenkrise bevorzugen Investoren immer noch Anlagen, die sie als besonders sicher einschätzen. Unter dem Strich kann man sagen, dass die EZB mit ihrer Geldpolitik vor allem die Zinsen für sehr kurzfristige Kredite niedrig gehalten hat. Die Rendite für als sicher geltende langfristigere Investments fiel aber vor allem als Folge der erhöhten Nachfrage so stark.

Es bleibt die Frage, ob die Leitzinsen in der Eurozone unangemessen niedrig sind. Wie wäre also das Zinsniveau, wenn sich die Zinsen frei am Markt und ohne Eingreifen der Geldpolitik bilden könnten? Dieser sogenannte „natürliche“ Zins würde in einer über längere Zeit schrumpfenden Wirtschaft fallen und im Rahmen einer Erholung wieder steigen. Denn: Eine Rezession lässt die zu erwartenden Erträge aus Investitionen zurückgehen, entsprechend sinken die Renditen aus nahezu allen Anlageformen. Gleichzeitig steigt in unsicheren Zeiten der Drang der Menschen zu sparen. Dadurch steht insgesamt deutlich mehr Liquidität zur Verfügung als für Investitionen nachgefragt wird. Die Zinsen kommen also unter Druck. Mit anderen Worten: In einem solchen Umfeld würden die verbliebenen investitionswilligen Kreditnehmer von der Situation profitieren, während Sparer unter den fallenden Zinsen leiden würden.
Dieser Befund entspricht in bemerkenswerter Weise der Entwicklung, die wir in den vergangenen Jahren beobachtet haben. Mit höheren Leitzinsen hätte man den Sparern also keinen Gefallen getan, da diese zu Abwärtsrisiken für die Preisstabilität beigetragen, die Rezession vertieft und Arbeitsplätze auch in Deutschland gefährdet hätten. Und wer keinen Job hat, kann kaum für das Alter sparen.

Im aktuellen Umfeld ist eine expansivere Geldpolitik daher die notwendige Reaktion der Zentralbank, um Preisstabilität zu gewährleisten. Die Geldpolitik der EZB, die zu hohe oder zu niedrige Inflation immer rigoros bekämpfen wird, ist also angemessen.

Der Wohlstand der Sparer in Deutschland hängt in der Zukunft in erster Linie von dem Erfolg der Reformbemühungen der Politik im gesamten Euroraum ab. 
Denn – wie beschrieben – liegen die Zinsen der Sparer in Deutschland zum Teil deshalb so niedrig, weil deutsche Staatsanleihen als Anlageobjekte gefragt sind. Im Gegenzug können andere Ländern im Euroraum ihre Papiere nur mit relativ hohen Zinsen bei Investoren platzieren. Die Geldpolitik kann zwar diese Fragmentierung der Märkte innerhalb des Euroraumes mindern, aber nicht vollständig beseitigen. Das kann nur die Politik. Europa muss eine funktionierende Bankenunion errichten, die das Vertrauen der Märkte und der Sparer in alle Kreditinstitute wiederherstellt. Die Staaten müssen zu einer nachhaltigen Finanzpolitik zurückkehren und Anstrengungen unternehmen, um Wachstum zu erzeugen. Und dann werden die Ersparnisse der Deutschen auch wieder höher verzinst.

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