- REDE
Europa hat die Wahl
Rede von Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, beim Galadinner der Deutschen Bundesbank in Berlin, Deutschland
Berlin, 9. September 2026
Ich freue mich sehr, heute mit Ihnen hier im Bode-Museum in Berlin zu sein.
„Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt“, sagte der Dichter Johann Paul Friedrich Richter vor mehr als 200 Jahren.[1] Die Geschichte sollte ihm recht geben.
Berlin wurde zum Sinnbild der Umbrüche, die Deutschland, Europa und die Welt geprägt haben – von den Zerstörungen des Kriegs bis zu ihrer jahrzehntelangen Teilung im Zentrum des Kalten Kriegs.
In dieser Zeit mussten Westdeutsche wie auch Europäerinnen und Europäer immer wieder richtungsweisende Entscheidungen treffen. Eine Bindung musste gegenüber einer anderen den Vorzug erhalten.
1949 trafen die Westdeutschen bei den ersten Wahlen der Nachkriegszeit eine solche Entscheidung. Konrad Adenauer wurde zum Bundeskanzler gewählt und verfolgte das klare Ziel, die Bundesrepublik fest im Westen zu verankern.
Die Wahl Adenauers hatte Auswirkungen auf ganz Europa. Mit seiner Politik der Westbindung trug er dazu bei, dass in den Anfangsjahren der europäischen Integration wichtige Weichen gestellt wurden. So wurden Grundlagen gelegt, die für die folgenden Jahrzehnte prägend waren.
Mit dem Fall der Berliner Mauer konnten schließlich auch die Ostdeutschen ihre Entscheidung treffen. Sie wählten die Freiheit und eine gemeinsame Zukunft mit ihren Landsleuten im Westen.
Danach schien es eine Zeit lang so, als würde die Geschichte keine Entscheidungen mehr verlangen. Die Geschichte schien an ihr Ende gekommen zu sein, um es mit den Worten von Francis Fukuyama zu sagen.
Die Menschen in Europa mussten sich nicht mehr so sehr für die eine oder andere Bindung entscheiden, denn diese Partnerschaften waren letztlich miteinander vereinbar.
Es war möglich, die europäische Integration zu vertiefen und gleichzeitig Wirtschaftsbeziehungen zur ganzen Welt aufzubauen. Energie konnte aus Russland bezogen werden, die Nachfrage kam aus China und die Sicherheit aus den Vereinigten Staaten.
Heute jedoch holt uns die Geschichte unbarmherzig wieder ein.
Europa sieht sich einer härteren und weniger nachsichtigen Welt gegenüber. Diese ist zunehmend von Großmächten geprägt, die ihr wirtschaftliches und geopolitisches Gewicht zu ihrem eigenen Vorteil einsetzen.
Die Mitgliedstaaten der EU und ganz Europa müssen sich daher entscheiden: Wer wollen wir als Europäer sein, und auf wen wollen wir uns verlassen. Es gibt drei Wege, die wir einschlagen können.
Der erste wäre, zu akzeptieren, dass Europas Zeit auf der Weltbühne abgelaufen und sein Niedergang besiegelt ist.
Das sei gar nicht so schlimm, sagen manche: Wir könnten mit Anstand und Stil abtreten, indem wir Technologien von anderen importieren und so das Wachstum erzielen, das wir zur Finanzierung unseres Gesellschaftsmodells benötigen. Europa würde zwar zu einem Museum werden. Aber immerhin zu einem schönen Museum, so wie dieses hier.
Dieser Weg ist ein Trugbild. In Wirklichkeit stünde Europa am Ende mit geringerem Wachstum und einem Gesellschaftsmodell da, das wir nicht mehr finanzieren könnten.
Wir würden zwischen denen zerrieben, von deren Technologien wir abhängig geworden sind. Wenn uns die Geschichte dieser Stadt eines gelehrt hat, dann, dass wir unsere Freiheit nicht leichtfertig aufgeben sollten.
Der zweite Weg bestünde darin, dass jedes Land seinen jeweils vermeintlichen nationalen Interessen folgt, sei es beim Handel, bei der Industriepolitik oder im Energiebereich.
Solche Rufe werden lauter. Doch auch dieser Weg ist ein Trugbild. Wohin wir auch blicken, alle „Mittelmächte“ ringen mit der Frage, wie sie gemeinsam mehr Gewicht entfalten und dem Druck größerer Akteure standhalten können.
Europa verfügt hier jedoch über einen Vorteil: Mit der Europäischen Union haben wir bereits die Strukturen geschaffen, die es uns ermöglichen, gemeinsam zu handeln – und das vergleichsweise schnell.
Warum sollte Europa seinen größten Trumpf aus der Hand geben und zulassen, dass 27 Länder nur noch ihren eigenen Kurs verfolgen?
Wie Adenauer einst sagte: „Die politischen und die wirtschaftlichen Kräfte in jedem europäischen Land bedeuten verzettelt wenig im Weltgeschehen, sie werden aber zusammengefasst wirtschaftlich und politisch im Weltgeschehen eine große Rolle spielen können.“[2]
Damit komme ich zum dritten Weg, nämlich dem, uns füreinander zu entscheiden und das europäische Einigungswerk fortzuführen.
Wir wissen, dass dies keine einfache Entscheidung ist. Wir wissen, dass dazu mühsame, langwierige Verhandlungen und schwierige Kompromisse erforderlich sind. Doch wir sind jetzt sozusagen gemeinsam auf uns allein gestellt. Wir können uns nur auf uns selbst verlassen.
Wenn unsere Stärken in einem Bereich, etwa im Binnenmarkt, durch Schwächen in anderen Bereichen untergraben werden, beispielsweise in der Verteidigung oder durch fragmentierte und kostspielige Energiemärkte, werden wir leicht zu spalten sein.
Wenn wir aber überall dort, wo es sinnvoll ist, gemeinsam handeln, können wir die Vorteile unserer Größe nutzen und werden weniger anfällig gegenüber Druck von außen. Das würde uns mehr Souveränität und stärkeres Wachstum ermöglichen.
Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist der richtige.
Die Spar- und Investitionsunion kann dazu beitragen, die umfangreichen Ersparnisse in Europa zu mobilisieren und als Investitionen in die Bereiche zu lenken, in denen wir stärker werden müssen.
Gleichzeitig wird der digitale Euro dazu beitragen, unsere Währungssouveränität in einer Welt zu wahren, in der wir es uns nicht länger leisten können, so stark von anderen abhängig zu sein.
Das Thema Geld eignet sich vielleicht gut für ein Schlusswort. Mit dem Münzkabinett beherbergt das Bode-Museum eine Sammlung von Weltrang, die die Entwicklung des Geldes über Jahrhunderte hinweg nachzeichnet.
Zu den Beständen gehört auch eine Medaille mit dem Bildnis Alexander von Humboldts, die von den Zuhörern seiner berühmten Kosmos-Vorlesungen hier in Berlin gestiftet worden war.[3]
Humboldt schrieb einst: „Schwieriges erscheint mir nie unmöglich“. Das ist die Einstellung, die Europa heute braucht. Die Entscheidung für Europa und seinen weiteren Aufbau ist keine leichte. Doch sie ist alles andere als unmöglich. Nutzen wir die Chance, diesen Weg gemeinsam weiterzugehen.
Vielen Dank.
Johann Paul Friedrich Richter ist auch unter dem Künstlernamen Jean Paul bekannt.
Adenauer, K., Ausführungen vor dem Gemeinschaftsausschuss der hessischen gewerblichen Wirtschaft, Offenbach, 24. September 1954, Zitat von der Website Online-Portal zum Leben und Werk Konrad Adenauers.
Gemeint ist die von Henri François (Heinrich Franz) geschaffene Silbermedaille von 1828, nicht die goldene Kosmosmedaille zu Ehren Humboldts aus dem Jahr 1847, die ebenfalls im Münzkabinett zu sehen ist. Siehe Münzkabinett, „Alexander von Humboldt“.
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