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Piero Cipollone
Member of the ECB's Executive Board
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Von der Vision zur Umsetzung: Aufbau eines tokenisierten Finanzmarkts in Europa

Rede von Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der EZB, auf dem Zahlungsverkehrssymposium 2026 der Deutschen Bundesbank „Innovationen im Zahlungsverkehr: Wege in eine vernetzte Zukunft“.[1]

Frankfurt am Main, 26. August 2026

Vor zwei Jahren habe ich auf diesem Symposium die Auffassung vertreten, dass sich Europa eine nie dagewesene Chance bietet.[2]

Damals begannen Tokenisierung und Distributed-Ledger-Technologie (DLT), die Finanzmärkte grundlegend zu verändern. Vermögenswerte wurden in Form von programmierbaren Datensätzen – sogenannten Token – abgebildet und übertragen und eröffneten damit die Aussicht auf ein effizienteres Finanzwesen mit höherem Automatisierungsgrad, weniger Intermediären und Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Im Kern dieser Transformation steht eine kopernikanische Wende: Tokenisierte Vermögenswerte werden zum Mittelpunkt eines neuen digitalen Finanzökosystems, das es Emittenten, Anlegern und Intermediären ermöglicht, Bestehendes neu zu denken und Innovationen voranzutreiben.

Diese Transformation birgt jedoch auch Risiken: eine Verbreitung untereinander nicht kompatibler Plattformen könnte dazu führen, dass die derzeitige Fragmentierung der europäischen Kapitalmärkte bestehen bleibt oder sich sogar noch verfestigt.

Daher habe ich die Vision entworfen, von Anfang an ein integriertes und dynamisches europäisches Ökosystem für digitale Vermögenswerte aufzubauen, in dessen Mittelpunkt Zentralbankgeld steht. In der Zwischenzeit haben wir den Schritt von der Vision zur Umsetzung vollzogen. Und heute möchte ich die nächsten Schritte erläutern, mit denen diese Vision Wirklichkeit werden kann.

Zunächst werde ich noch einmal auf die Ziele eingehen, die wir uns gesetzt haben, und erläutern, warum sie uns weiterhin als Richtschnur dienen. Anschließend werde ich die Fortschritte erläutern, die wir insbesondere im Rahmen unserer Projekte Pontes und Appia erzielt haben. Zum Schluss werde ich darlegen, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit wir Erfolg haben, das heißt, damit der technologische Wandel eine echte Transformation des Finanzwesens in Europa bewirkt.

Die Vision: ein integrierter europäischer Markt für digitale Vermögenswerte

Das Versprechen der Tokenisierung besteht nicht nur darin, dass bestehende Prozesse schneller werden, sondern in der Möglichkeit, die Architektur des Finanzwesens an sich zu vereinfachen.

Dies ist besonders in Europa von Bedeutung, denn hier sind die Kapitalmärkte nach wie vor stark fragmentiert, trotz einiger Integrationsfortschritte in jüngster Zeit[3]. In der EU gibt es heute 31 Zentralverwahrer, 14 zentrale Gegenparteien (Central Counterparties – CCPs) und 323 Handelsplätze.[4] Ein paar größere Gruppen decken die Wertschöpfungskette – Handel, Clearing, Abwicklung und Asset-Servicing – ab, doch die grenzüberschreitende Abwicklung ist nach wie vor begrenzt. Wertpapiere werden immer noch überwiegend bei inländischen Zentralverwahrern gehalten und auch dort verrechnet. Selbst bei Zentralverwahrern, die derselben Gruppe angehören, findet der Großteil der Transaktionen innerhalb der jeweiligen einzelnen Zentralverwahrer statt. Grenzüberschreitende Geschäfte machen nur einen begrenzten Anteil aus. Im Jahr 2023 wurden sowohl gemessen am Volumen als auch am Wert mehr als 95 % der Transaktionen zwischen Parteien innerhalb desselben einzelnen Zentralverwahrers durchgeführt.[5]

Wie kann Tokenisierung also dazu beitragen, unser Finanzökosystem zu vereinfachen und effizienter zu machen?

Der Lebenszyklus eines finanziellen Vermögenswerts umfasst heute häufig mehrere aufeinanderfolgende Infrastrukturen und Ledgersysteme. Emission, Handel, Clearing, Abwicklung, Verwahrung und Asset Servicing von Vermögenswerten können alle in verschiedenen Systemen erfolgen. In jedem Schritt müssen Informationen übermittelt, verifiziert und abgeglichen werden.

Die Tokenisierung könnte mehrere dieser Funktionen künftig in einer gemeinsamen digitalen Umgebung vereinen. Transaktionen könnten als bedingte und atomare Operationen ausgeführt werden. Das bedeutet, dass die Geld- und die Wertpapierseite entweder gleichzeitig vollzogen werden oder gar nicht. Durch Smart Contracts ließen sich Prozesse – von Kuponzahlungen über die Besicherung bis hin zu Compliance-Prüfungen – automatisieren.

Die Tokenisierung ist daher nicht bloß eine schrittweise Optimierung eines einzelnen Abschnitts einer Finanztransaktion. Vielmehr eröffnet sie die Möglichkeit, den gesamten Transaktionsprozess neu zu gestalten.

Diese Neugestaltung ist eine Chance für Europa. Wenn wir von Anfang an einen integrierten europäischen Markt für tokenisierte Vermögenswerte konzipieren und aufbauen, werden wir dank der digitalen Transformation des Finanzwesens die Fragmentierung der bestehenden Altsysteme hinter uns lassen können.

Doch was am Ende herauskommt, wird nicht allein durch die Technologie bestimmt.

Dieselbe Technologie kann einen integrierten Markt oder eine Vielzahl abgeschotteter Plattformen hervorbringen. Sie kann Markteintrittsbarrieren senken oder neue Gatekeeper entstehen lassen. Sie kann den Wettbewerb fördern oder technologische Abhängigkeiten verfestigen.

Dies ist keine rein hypothetische Frage mehr. Weltweit befindet sich das tokenisierte Finanzwesen im Übergang von der Erprobung zu einer frühen Anwendungsphase, da sich institutionelle Marktakteure zunehmend auf eine Tokenisierung traditioneller Finanzinstrumente konzentrieren.

Die Zahlen sind zwar noch niedrig, weisen aber auf eine spürbare Dynamik hin.

Weltweit hat sich das Volumen tokenisierter traditioneller Vermögenswerte, die auf öffentlichen Blockchains erfasst sind, zwischen März 2025 und März 2026 etwa verfünffacht.[6] In einigen Marktsegmenten hat die Aktivität bereits eine bedeutende operative Größenordnung erreicht. In den Vereinigten Staaten wickelte eine private Plattform im März 2026 täglich durchschnittlich 354 Milliarden US-Dollar an tokenisierten Repogeschäften ab. Das entsprach dem Vierfachen des durchschnittlichen Tagesvolumens, das noch ein Jahr zuvor verzeichnet worden war.[7]

In Europa schreitet die Anwendung dieser Technologien voran, und europäische Institutionen entwickeln tokenisierte Anleihen, Einlagen, Sicherheiten und Lösungen für die Abwicklung von Transaktionen. Zudem haben europäische Zentralverwahrer weitreichende Initiativen angekündigt, um Wertpapiere in großem Umfang zu tokenisieren, was mit vergleichbaren Entwicklungen in den Vereinigten Staaten im Einklang steht. Im März haben wir begonnen, marktfähige Vermögenswerte, die bei Zentralverwahrern unter Verwendung DLT-basierter Dienste begeben werden, als notenbankfähige Sicherheiten des Eurosystems zu akzeptieren.[8]

Gemessen an der Größe der globalen Finanzmärkte nimmt der Markt für tokenisierte „Real World Assets“ nach wie vor nur einen sehr geringen Umfang ein. Auch die Liquidität und die Aktivität am Sekundärmarkt sind noch begrenzt. Gleichwohl befinden wir uns an einem entscheidenden Wendepunkt. Der Markt ist inzwischen weit genug entwickelt, dass die damit verbundenen Chancen greifbar geworden sind. Zugleich ist er noch jung genug, dass Europa seine Architektur mitgestalten und bestehende Koordinierungsprobleme überwinden kann.

Dabei gilt es, drei Risiken zu vermeiden.

Das erste Risiko ist die Fragmentierung. Nicht miteinander kompatible Netzwerke könnten Vermögenswerte, Liquidität und Marktteilnehmer in voneinander getrennte Ökosysteme aufspalten. Dies hätte zur Folge, dass sich die Aktivität auf Plattformen verteilt, die möglicherweise nicht miteinander kommunizieren, wodurch die Liquidität weiter fragmentiert würde.

Das zweite Risiko ist der Verlust des monetären Ankers. Ohne Zugang zu Zentralbankgeld könnten tokenisierte Märkte auf private Abwicklungsmedien (Settlement Assets) angewiesen sein. Diese sind mit Kredit- und Liquiditätsrisiken verbunden und lassen sich nicht in gleicher Weise flexibel ausweiten.

Das dritte Risiko sind Abhängigkeiten gegenüber dem außereuropäischen Ausland. Europa könnte von Infrastrukturen, Technologien, Governance-Regelungen oder Settlement Assets abhängig werden, die außerhalb Europas kontrolliert werden.

Die Frage lautet daher nicht mehr, ob das tokenisierte Finanzwesen im Entstehen begriffen ist, sondern was in Europa daraus entstehen wird: ein integrierter und wettbewerbsfähiger Markt oder aber ein Flickenteppich isolierter technologischer Lösungen, die weder die erforderliche Größe erreichen noch im globalen Wettbewerb bestehen können.

Die Ziele des Eurosystems sind klar. Wir wollen die Abwicklung von DLT-Transaktionen in Zentralbankgeld ermöglichen und damit einen sicheren Vermögenswert sowie einen monetären Anker bereitstellen, auf deren Grundlage das tokenisierte Finanzwesen wachsen kann. Wir wollen ein integriertes, wettbewerbsfähiges und innovatives europäisches Ökosystem für den Zahlungsverkehr und den Wertpapiermarkt fördern, das zugleich die internationale Attraktivität des Euro stärken würde. Und wir wollen die Resilienz Europas und seine strategische Autonomie bewahren.[9]

Die Fortschritte: von der Erprobung zur Umsetzung

Vor zwei Jahren habe ich die Auffassung vertreten, dass öffentliche Stellen frühzeitig handeln müssen, bevor sich die Fragmentierung verfestigt.

Wir haben gehandelt und sind zügig vorangekommen.

Die EU-Gesetzgeber erörtern den Gesetzesvorschlag zur Ausweitung und Weiterentwicklung der DLT-Pilotregelung. Gleichzeitig hat die Europäische Kommission ein Konsultationsverfahren eingeleitet, um zu beurteilen, ob und wie die Verordnung über Märkte für Kryptowerte feinjustiert werden sollte. Dabei wird auf die Erfahrungen während der ersten Jahre ihrer Anwendung zurückgegriffen.

Auch das Eurosystem macht rasche Fortschritte. Sein erster Schritt bestand darin, die Bedürfnisse des Marktes zu bewerten und mögliche technologische Lösungen zu testen.

Im Jahr 2024 brachten wir 64 Marktteilnehmer in mehr als 50 Tests und praktischen Versuchen zusammen. Diese Arbeiten haben gezeigt, dass sich Zentralbankgeld zur Abwicklung von auf DLT-Plattformen durchgeführten Transaktionen einsetzen lässt. Zugleich hat sich bestätigt, dass der Zugang zu Zentralbankgeld für den Markt nicht von nachrangiger Bedeutung ist. Er stellt vielmehr eine der Voraussetzungen dafür dar, dass sich das tokenisierte Finanzwesen sicher und in großem Maßstab entwickeln kann.[10]

Diese Erkenntnisse haben wir in eine kohärente Strategie überführt, die wir nun mit zwei sich ergänzenden Projekten umsetzen: Pontes und Appia.

Mit Pontes setzen wir unsere Zusage, Zentralbankgeld für die Abwicklung tokenisierter Transaktionen bereitzustellen, in die Praxis um.

Pontes wird DLT-Plattformen des Marktes mit den TARGET-Services des Eurosystems verbinden. Die endgültige Abwicklung der Geldseite erfolgt dabei in Zentralbankgeld. Die Synchronisierung ermöglicht Transaktionen auf Basis von Lieferung gegen Zahlung (Delivery versus Payment) sowie andere Transaktionen, die nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip abgewickelt werden müssen.

2024 haben wir deutlich gemacht, dass tokenisierte Märkte Zugang zu Zentralbankgeld benötigen. In diesem Jahr wollen wir den Worten Taten folgen lassen und Pontes in Betrieb nehmen. Um eine frühzeitige Nutzung zu fördern, werden wir attraktive Preiskonditionen anbieten und bei der Einführung von Pontes lediglich einmalige Aufnahmegebühren erheben.[11]

Anschließend werden wir den Dienst schrittweise erweitern, indem wir die Betriebszeiten auf 22,5 Stunden je Geschäftstag ausdehnen und auf der DLT-Plattform des Eurosystems die sofortige Abwicklungsfinalität ermöglichen.[12] Ab Mitte 2028 wollen wir einen Rund-um-die-Uhr-Betrieb sowie erweiterte Programmierbarkeit, Resilienz auf dem neuesten Stand der Technik und die Fähigkeit zur Abwicklung in mehreren Währungen anbieten.

Pontes ist von zentraler Bedeutung, denn Vertrauen in ein Settlement Asset lässt sich nicht durch Technologie schaffen. Zentralbankgeld birgt weder Kredit- noch Liquiditätsrisiken. Darüber hinaus dient es dem gesamten Finanzsystem als gemeinsamer Anker für die Abwicklung.

Pontes macht Zentralbankgeld für DLT-basierte Transaktionen verfügbar und bringt Zentralbankgeld auf die Blockchain. So schafft es für die Marktteilnehmer eine verlässlichere Grundlage für Investitionen, Innovationen und weiteres Wachstum. Zugleich wird es wertvolle operative Erfahrungen liefern, die bei der Gestaltung des langfristigen Ökosystems berücksichtigt werden können.

Die Bereitstellung von Zentralbankgeld ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für die Ausweitung und Integration des digitalen Finanzwesens in Europa.

Deshalb haben wir Appia ins Leben gerufen.

Appia adressiert die übergeordnete Architektur sowie die Standards und Governance eines europäischen tokenisierten Finanzökosystems. Die im März veröffentlichte Roadmap verbindet analytische Arbeiten mit praktischen Versuchen und einer engen Zusammenarbeit zwischen Marktteilnehmern und öffentlichen Stellen.

Bei den Arbeiten im Rahmen dieser Roadmap geht es um Fragen der Interoperabilität und Standardisierung von Vermögenswerten, die Umsetzung der Geldpolitik und das Sicherheitenmanagement, die künftige Infrastruktur für tokenisiertes Zentralbankgeld, grenzüberschreitende Transaktionen sowie den rechtlichen und regulatorischen Rahmen und die Grundlagen der Resilienz. Ziel ist es, im Jahr 2028 eine Blaupause für ein integriertes europäisches tokenisiertes Finanzökosystem vorzulegen.[13]

Vereinfacht ausgedrückt schlägt Pontes Brücken: Es stellt dem digitalen Finanzwesen ein sicheres Settlement Asset zur Verfügung und macht private Settlement Assets untereinander konvertierbar. Dadurch wird es beispielsweise möglich, tokenisierte Einlagen zwischen Banken zu übertragen oder Stablecoins direkt über DLT in Zentralbank- bzw. Fiatgeld abzuwickeln.

Appia ebnet den Weg zu einem einheitlichen europäischen Markt für tokenisierte Vermögenswerte. Wie die zugrunde liegende Architektur konkret aussehen wird, haben wir jedoch nicht vorher festgelegt.

Einerseits würde ein gemeinsames europäisches Netzwerk eine Fragmentierung vermeiden und Infrastrukturkosten vergemeinschaften. Andererseits würden mehrere untereinander verbundene Netzwerke Innovation und Resilienz auf der Infrastrukturebene fördern. Voraussetzung hierfür wäre allerdings ein hohes Maß an Interoperabilität, um eine Fragmentierung der Vermögenswerte und der Liquidität zu vermeiden. Auch Mischformen dieser Ansätze wären möglich.

Appia wird die verschiedenen Optionen daher anhand unserer Ziele beurteilen: Integration, Wettbewerb, Resilienz, Innovation, Governance, strategische Autonomie sowie die Fähigkeit des Eurosystems, die für Zentralbankgeld geltenden Regeln festzulegen und durchzusetzen.

Pontes und Appia sollten nicht als separate Projekte verstanden werden, sondern als zwei Bausteine ein und derselben Strategie.

Die im Rahmen von Appia gewonnenen Erkenntnisse werden in die schrittweise Weiterentwicklung von Pontes einfließen. Gleichzeitig werden die operativen Erfahrungen aus Pontes als Grundlage für die im Rahmen von Appia zu treffenden Entscheidungen dienen.

Wir verknüpfen die kurzfristige Umsetzung mit langfristigen Zielsetzungen. Wir lernen durch praktisches Handeln und stellen zugleich sicher, dass uns jeder operative Schritt einem dynamischen, integrierten und wettbewerbsfähigen europäischen Markt näherbringt.

Der Weg zur breiten Anwendung: Voraussetzungen für den Erfolg

Damit komme ich zu den Voraussetzungen für den Erfolg.

Interoperabilität auf der Grundlage gemeinsamer Standards und Regeln

Die erste Voraussetzung ist die Interoperabilität aller DLT-Plattformen auf der Grundlage von gemeinsamen Standards und Regeln. So könnten Anleger Zugang zum überwiegenden Teil der tokenisierten Vermögenswerte und Dienstleistungen erhalten, indem sie nur an einem oder wenigen DLT-Netzwerken teilnehmen. Aus diesem Grund fordert die von der Kommission vorgeschlagene überarbeitete DLT-Pilotregelung von der Branche, technische Standards zu erstellen, die die Interoperabilität zwischen DLT-Marktinfrastrukturen unterstützen.

Um Interoperabilität zu erreichen, genügt es nicht, zwei Ledgersysteme miteinander zu verbinden. Die Vermögenswerte müssen in beiden Ledgersystemen dieselbe Bedeutung haben, die mit ihnen verbundenen Rechte müssen weiterhin durchsetzbar sein, die von den Emittenten festgelegten Regeln müssen weiterhin gelten und Übertragungen müssen rechtliche und operative Endgültigkeit erlangen.

Ein wirklich integriertes tokenisiertes Ökosystem muss daher über fünf Fähigkeiten verfügen.

Die Systeme müssen interoperabel sein, damit sie vertrauenswürdige Anweisungen und Transaktionsstatus austauschen und verstehen können.

Vermögenswerte müssen übertragbar sein, wobei eine wirksame Autorisierung, die Einhaltung regulatorischer Vorgaben und die Abwicklungsfinalität gewährleistet sein müssen.

Darüber hinaus müssen sie „portabel“ sein, und ihre Identität, die mit ihnen verbundenen Rechte und Pflichten sowie ihre Historie müssen erhalten bleiben, wenn sie zwischen Plattformen übertragen werden.

Sie müssen kontrollierbar bleiben, damit Emittenten und öffentliche Stellen die auf regulierten Märkten erforderlichen Befugnisse ausüben können.

Schließlich sollten sie programmierbar sein, damit sich Automatisierung innerhalb eines sicheren, rechtsgültigen und steuerbaren Rahmens entfalten kann.

Um diese Eigenschaften zu erreichen, bedarf es mehr als technischer Protokolle. Es erfordert Koordinierung in den Bereichen Infrastruktur, Identität, Daten, Abbildung von Vermögenswerten, Transaktionsmechanismen, Governance, Risikokontrollen und Aufsicht.

Die Erfahrungen Europas mit SEPA und den TARGET-Services zeigen, dass Integration gemeinsame Standards, harmonisierte Verfahren und einheitliche Regeln erfordert.

Wo ausgereifte Branchenstandards und internationale Standards bereits existieren, sollten wir auf diesen aufbauen, anstatt sie zu duplizieren. Zugleich müssen wir sicherstellen, dass sie konsistent angewandt und bestehende Lücken geschlossen werden.

Zu unseren unmittelbaren Prioritäten sollten Mechanismen für die Übertragung von Geld- und Wertpapier-Token zwischen Plattformen, kompatible Standards für die Abbildung dieser Token sowie gemeinsame Referenzdaten gehören, die es ermöglichen, Vermögenswerte und Ereignisse während ihres Lebenszyklus einheitlich zu interpretieren.

Dies bedeutet nicht, dem Markt eine Einheitslösung aufzuzwingen. Vielmehr geht es darum sicherzustellen, dass unterschiedliche Lösungen innerhalb desselben Marktes miteinander interagieren und im Wettbewerb stehen können. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass das tokenisierte Finanzwesen die erforderliche Größenordnung erreicht und breite Anwendung findet, so wie dies einst bei der Elektrifizierung der Fall war. Deren Effizienzgewinne hingen maßgeblich von den Regulierungs- und Standardisierungsentscheidungen ab, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts getroffen wurden.[14]

Wettbewerb sollte bei Dienstleistungen, Qualität und Preis stattfinden, nicht durch inkompatible Standards oder abgeschottete Systeme.

Öffentlich-private Partnerschaft zur Förderung der Verbreitung

Die zweite Voraussetzung ist eine Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor, die eine koordinierte Anwendung ermöglicht.

Die Tokenisierung ist eine Innovation, die das gesamte Finanzsystem betrifft. Ihr volles Potenzial kann sie nur entfalten, wenn sich Emission, Handel, Abwicklung, Verwahrung, Sicherheitenmanagement und Asset-Servicing gemeinsam weiterentwickeln.

Emittenten brauchen Anleger und liquide Sekundärmärkte. Anleger brauchen sichere Verwahrung, Abwicklung und zuverlässiges Asset-Servicing. Market-Maker benötigen wirksame Repo- und Sicherheitenstrukturen. Und alle Beteiligten brauchen Rechtssicherheit und Zugang zu einem vertrauenswürdigen Settlement Asset.

Wenn alle Beteiligten darauf warten, dass die anderen ihren Beitrag leisten, könnte die Tokenisierung auf erfolgreiche, aber isolierte Pilotprojekte beschränkt bleiben.

Der öffentliche Sektor kann den monetären Anker bereitstellen und einen unterstützenden europäischen Regulierungsrahmen schaffen. Der Markt muss jedoch die Vermögenswerte, die Dienstleistungen und die Innovationen bereitstellen.

Gemeinsam sollten wir nicht nur praktische Versuche koordinieren, sondern die Voraussetzungen für eine breite Annahme schaffen, damit die wechselseitigen Komplementäreffekte zwischen Investoren, Emittenten und Intermediären genutzt werden können und der Markt die erforderliche Größenordnung erreicht.

Dies ist eine Gemeinschaftsaufgabe, an der Marktteilnehmer, öffentliche Stellen und die Wissenschaft beteiligt sind. Im Rahmen von Appia werden wir gemeinsam gezielte praktische Versuche durchführen, Standards entwickeln und erproben sowie konkrete Arbeiten zur Übertragung von Vermögenswerten und zur Mobilität von Sicherheiten vorantreiben. Während des gesamten Prozesses werden wir kontinuierlich das Feedback der Pontes-Nutzer einholen.

Ein integrierter Rechtsrahmen

Die dritte Voraussetzung ist ein Rechtsrahmen, der zu unseren technologischen Ambitionen passt.

Fortschrittliche Technologie kann ein fragmentiertes Rechtssystem nicht wettmachen.

Wenn ein Vermögenswert zwar technisch von einer Plattform auf eine andere übertragen werden kann, sein Eigentumsstatus dabei aber unklar wird, ist er nicht wirklich „portabel“.

Wenn eine Transaktion zwar im Code synchronisiert ist, ihre Endgültigkeit jedoch nicht in allen Rechtsordnungen anerkannt wird, ist sie nicht wirklich abgewickelt.

Technische Interoperabilität ohne rechtliche Kompatibilität bleibt unvollständig, und Fragmentierung wird dadurch nicht überwunden. Obgleich die weiterentwickelte DLT-Pilotregelung Standards zur Sicherstellung der technischen Interoperabilität erfordert und den Markt für neue Akteure öffnen soll, müssen wir die rechtliche Grundlage dafür schaffen, dass tokenisierte Vermögenswerte in der gesamten EU emittiert, gehalten und reibungslos übertragen werden können.

Europa braucht daher mehr Klarheit und Harmonisierung in Bezug auf den rechtlichen Status tokenisierter Vermögenswerte, die Eigentumsrechte, die Abwicklungsfinalität, die Haftung, die Verwahrung, das Asset-Servicing und die Durchsetzbarkeit der Ergebnisse von Smart Contracts. Andernfalls laufen wir Gefahr, hochentwickelte digitale Infrastrukturen auf einem fragmentierten rechtlichen Fundament zu errichten.

Die drei Voraussetzungen, die ich beschrieben habe, hängen eng miteinander zusammen. Gemeinsame Standards machen Interoperabilität möglich. Durch die Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor wird aus Interoperabilität tatsächliche Anwendung. Und Rechtssicherheit sorgt dafür, dass die Anwendung sicher ist und grenzüberschreitend erfolgen kann.

Schlussbemerkungen

Lassen Sie mich nun zum Schluss kommen.

Vor zwei Jahren habe ich die Auffassung vertreten, dass Europa die nie dagewesene Chance habe, von Anfang an einen integrierten Kapitalmarkt für digitale Vermögenswerte aufzubauen.

Heute setzen wir diese Vision in die Tat um.

Mit Pontes wird die Abwicklung tokenisierter Transaktionen in Zentralbankgeld zur operativen Realität. Mit Appia wird aus einer langfristigen Zielsetzung eine öffentlich-private Roadmap.

Der nächste Schritt wird jedoch entscheidend sein. Es gilt, technologische Vernetzung in echte Marktintegration umzumünzen. Dafür braucht es gemeinsame Standards, interoperable Vermögenswerte, einen offenen Zugang, eine wirksame Governance und Rechtssicherheit. Um diese Voraussetzungen zu schaffen, müssen öffentliche Stellen und Marktteilnehmer zusammenarbeiten.

Wenn wir zu lange warten, bevor wir handeln, kann sich die Fragmentierung verfestigen. Wenn wir jetzt handeln, können wir weit mehr erreichen als eine bloße Modernisierung der Abwicklung. Wir können den technologischen Wandel nutzen, um etwas voranzubringen, wonach Europa seit Jahrzehnten strebt: einen tieferen, innovativeren und wettbewerbsfähigeren Kapitalmarkt.

Die Vision ist klar. Die Grundlagen werden gerade geschaffen. Und auf diesen Grundlagen können wir die Zukunft des europäischen Finanzwesens aufbauen. Gemeinsam.

Vielen Dank.

  1. Ich danke Jean-Francois Jamet für seine Hilfe beim Verfassen dieser Rede sowie Thomas Vlassopoulos und Alessandro Speciale für ihre Kommentare.

  2. Cipollone, P., Der Weg zu einer digitalen Kapitalmarktunion, Grundsatzrede beim Zahlungsverkehrssymposium der Deutschen Bundesbank zur Zukunft des Zahlungsverkehrs, Frankfurt am Main, 7. Oktober 2024.

  3. EZB, Financial integration and structure in the euro area, 7. Mai 2026 und Lagarde, C.,Die Ersparnisse in Europa für Investitionen und Innovationen nutzbar machen, Rede anlässlich des 34. Europäischen Bankenkongresses zum Thema „Out of the Comfort Zone: Europe and the New World Order“, 22. November 2024.

  4. Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde, ESMA Statistics on securities and markets, 12. Dezember 2025.

  5. Hanssens, B., Sandín de Vega, D. und Sowa, H.F., Weiterentwicklung der Kapitalmarktunion in Europa: Fahrplan zur Harmonisierung des Nachhandels von Wertpapieren, EZB, Wirtschaftsbericht 4/2025.

  6. Anstieg von 4,7 Mrd. € zum Ende des ersten Quartals 2025 auf 23,3 Mrd. € zum Ende des ersten Quartals 2026.

  7. Das über die Distributed-Ledger-Repo (DLR)-Plattform von Broadridge abgewickelte Volumen entspricht rund 7 % des täglichen Repo-Volumens in den Vereinigten Staaten. Bei der Interpretation dieses Vergleichs ist allerdings Vorsicht geboten. Die Aktivität auf der DLR-Plattform von Broadridge beinhaltet auch untertägige Transaktionen, sodass die Umsatzgeschwindigkeit dort höher ist als in herkömmlichen Repostatistiken.

  8. EZB, EZB ebnet Weg für Zulassung von DLT-basierten Vermögenswerten als notenbankfähige Sicherheiten des Eurosystems, Pressemitteilung vom 27. Januar 2026.

  9. EZB, Appia – paving the way for a future-ready, integrated financial ecosystem leveraging tokenisation and DLT, 11. März 2026.

  10. EZB, Bridging innovation and stability: the Eurosystem’s exploratory work on new technologies for wholesale central bank money settlement, Juni 2025.

  11. EZB, Pontes Pricing Guide, 19. August 2029.

  12. Zunächst wird eine Transaktion als endgültig abgewickelt gelten, wenn die entsprechende Geldbewegung in T2 erfasst worden ist.

  13. EZB, Appia – paving the way for a future-ready, integrated financial ecosystem leveraging tokenisation and DLT, 11. März 2026.

  14. Cipollone, P., Sparking the transformation of finance: tokenisation and the role of central banks, Keynote-Rede beim 24. Jahressymposium „Building the Financial System of the 21st Century: an Agenda for Europe and the United States”, veranstaltet von der Harvard Law School und dem Program on International Financial Systems, Washington DC, 15. April 2025.

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