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Der Mut ein Europa zu schaffen, das Bestand hat
Rede von Christine Lagarde, Präsidentin der EZB, im Rahmen des Dinners vor der Verleihung des Karlspreises in Aachen, Deutschland
Aachen, 13. Mai 2026
Es ist mir eine besondere Freude, hier in Aachen – der Stadt von Karl dem Großen – zu sein, um unseren lieben Freund Mario Draghi zu ehren.
Von Karl dem Großen zu sprechen, bedeutet fast unausweichlich, von der Idee eines geeinten Europas zu sprechen.
Diese Assoziation ergibt sich ganz von selbst. Karl der Große war eine einzigartige Führungspersönlichkeit. Sein Reich erstreckte sich über Ländereien, die heute zu verschiedenen Staaten Europas gehören.
In dieser Tradition steht auch Mario.
Ich hatte das Glück, ihn über viele Jahre hinweg aus nächster Nähe beobachten zu können: in unterschiedlichen Institutionen, unter verschiedenen Umständen und in Drucksituationen, denen so nur wenige Menschen jemals ausgesetzt sind.
Mich hat stets beeindruckt, wie beständig sein Handeln von einer einzigen Überzeugung geleitet ist: dass Europa stärker ist, wenn es gemeinsam etwas erbaut, als wenn es sich abkapselt.
Aber es gibt noch eine andere, weniger bekannte Seite des Vermächtnisses von Karl dem Großen.
Nur wenige Menschen würden Karl den Großen mit Zersplitterung in Verbindung bringen. Doch das Reich, das er geschaffen hatte, überdauerte ihn nicht lange. Was ein Moment europäischer Einheit zu sein schien, erwies sich historisch gesehen als eben dies: ein Moment.
Die Errungenschaften Karls des Großen hingen in außerordentlich hohem Maße von ihm selbst ab. Die Institutionen dahinter waren nicht stark genug, um den Schock seiner Abwesenheit zu überstehen.
Aus diesen Geschehnissen können wir zwei Lehren ziehen.
Die erste betrifft die Bedeutung von außergewöhnlichen Personen. Es gibt Momente, in denen Geschichte nicht durch den Beschluss eines Komitees gemacht wird. Genau in diesen Momenten spielen Mut und Entschlossenheit die entscheidende Rolle.
Die zweite Lehre ist jedoch, dass Führungsstärke nicht ausreicht. Die Aufgabe staatsmännischen Handelns ist es, aus entscheidenden Momenten Institutionen entstehen zu lassen, die Bestand haben.
Nur wenige Personen des öffentlichen Lebens in Europa haben diese beiden Lehren so gründlich verstanden wie Mario.
Europa aufbauen
Er hat diese Lehren verstanden, da er auf Nachkriegseuropa zurückblickte und erkannte, was dessen größte Führungspersönlichkeiten auszeichnete.
Die Generation der Gründer wusste, dass die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs die alte Ordnung in Verruf gebracht hatten – und dass es an ihnen war, etwas Besseres aufzubauen. Nur Wenige erkannten dies so deutlich wie Jean Monnet und Robert Schuman.
Sie riefen die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl ins Leben und stellten so die Industrien, die Europa während der Kriege mit Waffen versorgt hatten, unter eine gemeinsame Verantwortung. Dadurch schufen Sie einen Präzedenzfall, der alles Folgende prägen sollte: Staaten sicherten ihre Zukunft, indem sie durch gemeinsame Institutionen ihre Autorität teilten.
Es war dieses neue und selbstbewusstere Europa, das Marios Generation prägte: ein Europa, das wusste wofür es stand und das stolz auf die Werte war, die es zu verteidigen beschloss.
Jacques Delors übertrug diese Tradition in ein anderes Zeitalter.
Als er in Brüssel erschien, hatte Europa an Dynamik verloren. Im Prinzip gab es einen gemeinsamen Markt, in der Praxis wurde dieser jedoch nach wie vor durch Hemmnisse und nationale Ausnahmeregelungen blockiert.
Delors begriff, dass Europa ein Projekt benötigte, das dem Moment gerecht wurde: den Binnenmarkt. Doch er verstand auch, wohin die Logik der Integration führen würde. Ein Europa, das seine Märkte zusammenführen wollte, würde sich früher oder später mit der Instabilität auseinandersetzen müssen, die sich aus getrennten Währungen und einer unterschiedlichen Geld- und Währungspolitik ergab. Der Binnenmarkt ebnete den Weg für die Währungsunion.
Und genau an diesem Punkt betrat Mario die europäische Bühne: Er half bei der Schaffung unserer gemeinsamen Währung, des Euro.
Als Generaldirektor des italienischen Finanzministeriums leitete er die italienische Delegation bei den Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht. Er war dabei, als Europa das Fundament für den Euro legte. Und später stand er als EZB-Präsident an der Spitze der Institution, die zum Schutz dieser Währung ins Leben gerufen worden war.
Doch als die Staatsschuldenkrise hereinbrach, zeigte sich, dass dieses Fundament unvollständig war. Europa hatte eine Währung geschaffen, aber noch nicht alle Instrumente, um diese in stürmischen Zeiten zu schützen.
Wieder einmal wendete sich Europas Schicksal, weil ein Einzelner bereit war zu handeln. Und es war Mario, der auf den Plan trat.
Sein Zusage, innerhalb des Mandats der EZB alles Notwendige zu tun, um den Euro zu erhalten, wurde zum Wendepunkt der Krise. Es war ein Akt institutioneller Führung: der Punkt, an dem die Zentralbank klar machte, dass der Euro eine unwiderrufliche Verpflichtung darstellt.
Doch es war auch ein Akt persönlicher Führungsstärke.
In der Rückschau mag diese Entscheidung nahezu unvermeidlich erscheinen. Doch das war sie nicht. Für diejenigen, die diese Krise miterlebt haben – und ich erinnere mich aus meiner Zeit als französische Finanzministerin und geschäftsführende Direktorin des IWF lebhaft daran – stand durchaus nicht fest, wie es weitergehen sollte.
Doch Mario begriff, dass auch Untätigkeit eine politische Entscheidung darstellt. Und wenn Untätigkeit das einer Institution übertragene Mandat gefährdet, wird sie zu einer Entscheidung mit sehr weitreichenden Folgen.
Sein Eingreifen markierte den Beginn einer Evolution für die EZB. Darüber hinaus verschaffte es Europa Zeit: Zeit, seine finanzpolitischen Regeln zu stärken, neue Mechanismen zur Krisenbewältigung zu entwickeln und die Bankenunion ins Leben zu rufen.
Und auch hier agierte Mario erneut wie ein wahrer europäischer Staatsmann: Er sprang in die Bresche, als es darauf ankam, und schuf die Voraussetzungen dafür, dass Europa mit gestärkten Institutionen aus der Krise hervorgehen konnte.
Das unvollendete Werk
Dies bringt uns zu der Welt, der Europa sich heute gegenübersieht.
Die eigentliche Lehre aus unserer Geschichte lautet, dass die Arbeit an der Stärkung Europas nie abgeschlossen ist. Jede Generation stellt unter dem Druck neuer Herausforderungen fest, wo das Projekt Europa noch unvollendet ist – und wo es gestärkt werden muss, damit es Bestand hat.
Als ich Präsidentin der EZB wurde, machte Mario eine Bemerkung, die mir im Gedächtnis geblieben ist: Keine Sorge, die Krisenjahre sind vorüber; nun dürften ruhigere Gewässer vor uns liegen.
Das hat sich nicht ganz bestätigt. Auf die ruhigeren Gewässer warte ich bis heute, Mario. Innerhalb nur weniger Jahre hat sich die Welt um uns herum in atemberaubendem Tempo verändert.
Die Pandemie machte die Anfälligkeit globaler Lieferketten sichtbar. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine brachte den Krieg auf unseren Kontinent zurück und legte schonungslos offen, wie verwundbar die Energieversorgung Europas geworden war.
Die Vereinigten Staaten und China haben ein neues Zeitalter des industriellen und geopolitischen Wettstreits eröffnet, das durch die Zollstreitigkeiten und den Kampf um seltene Erden noch verschärft wird. Und all das inmitten der schwersten Energiekrise der Geschichte.
Europa findet sich nun in einer Welt wieder, die Lücken in der institutionellen Architektur nicht mehr so leicht verzeiht. Institutionen, die für ein früheres Zeitalter geschaffen wurden, müssen nun Anforderungen standhalten, für die sie nicht wirklich ausgelegt waren.
Es kam daher nicht überraschend, dass Kommissionspräsidentin von der Leyen sich an Mario wandte und ihn um eine Diagnose bat, wo es in Europa haperte und was notwendig war, um uns in dieser neuen Welt handlungsfähig zu machen.
Die Wahrheit stand bei Marios Beurteilung seit jeher im Mittelpunkt. Wer ihm eine ernsthafte Frage stellt, erhält eine ernsthafte Antwort – klar und nicht immer angenehm.
In seinem Bericht über die europäische Wettbewerbsfähigkeit – für den er diesen Preis erhält – werden die Schwächen Europas mit schonungsloser Präzision benannt: der Binnenmarkt noch unvollständig, die Energiemärkte zu fragmentiert, die Kapitalmärkte zu zersplittert, die Verteidigungsgüterindustrie weiterhin entlang nationaler Grenzen aufgespalten.
Doch der Bericht ging weit über eine bloße Diagnose hinaus. Mario zeigte auf, dass Wettbewerbsfähigkeit nicht einfach eine wirtschaftliche Frage ist. Sie entscheidet darüber, ob Europa in der heutigen Welt seinen Wohlstand erhalten und auch künftig selbst über sein Schicksal entscheiden kann.
Seit dem Erscheinen dieses Berichts hat Mario weiterhin das getan, was seine gesamte Laufbahn prägt: die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche lenken und darauf drängen, dass Europa sich ohne Umschweife mit der Größenordnung seiner Aufgaben auseinandersetzt.
Das ist es, was ein Einzelner mit herausragenden Fähigkeiten leisten kann. Aber darin erschöpft sich unsere Aufgabe nicht.
Mario kann das Problem diagnostizieren. Er kann seine Autorität einsetzen, um eine selbstzufriedene Haltung aufzubrechen. Aber er kann nicht von außen, ohne Amt, die Institutionen schaffen, die Europa fehlen.
Diese Verantwortung liegt bei Europas politischer Führung. Sie ist es, die ausgehend von Marios Diagnose handeln muss. Sie muss darüber entscheiden, ob dieser Moment zu einer verpassten Gelegenheit oder zu einem weiteren Schritt im Aufbau Europas wird.
Das hat Tradition: Jede Führungsgeneration in Europa musste ihre Bewährungsprobe bestehen. Monnet und Schuman meisterten die Situation nach dem Krieg. Delors brachte ein stockendes Europa wieder in Gang. Und Mario blieb Herr der Lage, als der Euro in Gefahr war.
Nun müssen sich die heutigen Lenker Europas bewähren und etwas aufbauen, das Bestand hat. Was sie brauchen, ist Mut zum Handeln. Und wenn sie dafür ein Beispiel suchen, dann haben sie es in Mario bereits gefunden.
Herzlichen Glückwunsch zum Karlspreis, Mario.
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