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Wirtschaftliche Perspektiven für den Euroraum im Jahr 2010

Rede von Jürgen Stark, Mitglied des Direktoriums der EZB
20. IIR Jahresauftaktkongress der Immobilienwirtschaft CIMMIT 2010
Frankfurt am Main, 26. Januar 2010

Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es freut mich, hier bei Ihnen zu sein, um über die Wirtschaftslage des Euroraums und die Aussichten für 2010 zu sprechen. Als Fachleute des Immobilienmarktes waren Sie von den Marktturbulenzen der letzten Zeit besonders betroffen.

Lassen Sie mich damit beginnen die momentane Konjunkturentwicklung und danach, auf dieser Basis, die Aussichten für 2010 näher zu beleuchten. Anschließend werde ich unseren geldpolitischen Kurs erläutern.

Konjunkturelle Entwicklungen: Der Stand der Dinge

Die Rezession, die den Euroraum im Jahr 2008 erreichte ist beispiellos, sowohl was die Geschwindigkeit, als auch die Tiefe des Abschwungs angeht. Die Wirtschaft im Eurogebiet befand sich um die Jahreswende 2008/2009 im freien Fall. Das reale BIP des Euroraums sank in der Talsohle (jeweils gegenüber dem Vorquartal) im letzten Quartal 2008 um 1,9% und im ersten Quartal 2009 um 2,4%. Dieser Einbruch ist weit tiefer als bei früheren Abschwüngen (-1,4% im 4. Quartal 1974, -0,4% im 2. Quartal 1980 und -1,0% im 1. Quartal 1993). Das BIP-Wachstum des Euroraums insgesamt ging über fünf Quartale zurück, ehe es im 3. Quartal 2009 wieder positiv wurde. Infolge dieses starken Rückgangs kletterte die Arbeitslosenquote zwischen März 2008 und November 2009 von 7,2% auf 10,0%.

Die Rezession beschränkte sich aber nicht auf den Euroraum. Sie geschah im Umfeld eines globalen Abschwungs.

Welches waren die Hauptursachen der Rezession? Und warum war sie stärker als frühere Rezessionen? Ich halte drei Faktoren für die Hauptursachen der Rezession.

Der erste Faktor, der zu der besonderen Stärke der Rezession beitrug, war die Kreditblase an den Finanzmärkten und ihr Platzen. Zwar begann das Problem in den USA, doch zeigte sich rasch, dass das Finanzsystem des Euroraums stark mit dem Finanzsystem der USA verflochten und daher ebenfalls hohen Risiken ausgesetzt war.

Der zweite Faktor war die Korrektur des Immobilienbooms, besonders in den USA, aber auch in einigen Ländern des Euroraums. Im Euroraum insgesamt stiegen die Preise für Wohnimmobilien 2008 um weniger als 2%. Zwischen den einzelnen Ländern bestehen aber erhebliche Unterschiede. In Irland und Spanien, wo die Preise für Wohnimmobilien von 1999 bis 2005 jährlich um 12,2% bzw. 13,8% gestiegen waren, sind nun starke Korrekturen zu erkennen: Im 3. Quartal 2009 waren die Preise um 12,9% bzw. 8,0% niedriger als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig blieb das Wachstum der Wohnimmobilienpreise in Österreich und Deutschland schwach. Über den gesamten Zeitraum von 1999 bis 2005 änderten sich die Preise jährlich um 0,7% bzw. -0,9%. Auch in jüngster Zeit blieben sie recht stabil (2008: 1,3% bzw. 0,2% gegenüber dem Vorjahr).

Ein dritter Faktor, der zur Stärke der Rezession beitrug, waren die Ölpreise, die Mitte 2008 auf historische Höchstwerte gestiegen waren und die Konjunktur entsprechend dämpften.

Konjunkturelle Entwicklungen: Wie es weitergeht

Nun zum Ausblick für 2010. Der Ausblick für 2010 ist noch immer von hoher Unsicherheit umgeben. Diese ist weitgehend auf die früheren Übertreibungen an den Finanzmärkten zurückzuführen.

Aus der Realwirtschaft kommen jedoch ermutigende Daten. In der zweiten Jahreshälfte 2009 wurde das Wachstum durch Verbesserungen des weltweiten Wirtschaftswachstums, den akkommodierenden geld- und haushaltspolitischen Kurs sowie zyklische Ausweitungen der Lagerbestände unterstützt.

Einige Faktoren, die den beginnenden Aufschwung unterstützen, sind jedoch vorübergehender Natur. Insbesondere wird sich die Wirkung staatlicher Konjunkturpakete 2010 abschwächen. Gleichzeitig wird der Prozess der Bilanzkorrekturen im Finanzsektor wie auch in anderen Sektoren innerhalb und außerhalb des Euroraums weitergehen. Wir erwarten daher für 2010 ein nur moderates Wachstum im Euroraum mit einer möglicherweise holprigen Erholung. Prognosen aus dem öffentlichen und dem privaten Sektor sehen für den Euroraum ein reales BIP-Wachstum von etwa 1% voraus – deutlich unterhalb der durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten von rund 2%, die seit 1995 verzeichnet wurden. Zudem ist die Bandbreite der Prognosen relativ groß – ein Zeichen für das hohe Maß an Unsicherheit.

Ein zentraler Faktor dieses relativ schwachen Ausblicks sind ungewisse Aussichten für die Arbeitsmärkte. Das Beschäftigungswachstum folgt Konjunkturbewegungen im Regelfall mit einer gewissen Verzögerung. Sobald Programme für Kurzarbeit auslaufen, kann es noch immer zu Arbeitsplatzverlusten kommen, zumal mit tief greifenden strukturellen Veränderungen in unseren Volkswirtschaften zu rechnen ist. Dies kann sich negativ auf das Vertrauen und die Konsumausgaben der Privathaushalte auswirken.

Darüber hinaus wird eine zurückhaltende Investitionstätigkeit der Unternehmen erwartet, infolge niedriger Kapazitätsauslastung, schwacher Nachfrage, hoher Unsicherheit und gedrückter Gewinne.

Was die Entwicklung der Preise betrifft, so dürfte die Inflation über den für die Geldpolitik relevanten Horizont moderat bleiben, wie es einer langsamen Erholung der Nachfrage im Euroraum und weltweit entspricht. Die neuesten Projektionen des privaten und des öffentlichen Sektors ergeben für den Euroraum im Jahr 2010 eine HVPI-Inflation um 1 bis 1½%. Auf mittlere bis lange Sicht sind die Inflationserwartungen fest verankert geblieben.

Von der graduellen wirtschaftlichen Erholung im Eurogebiet – das zeigt unsere wirtschaftliche Analyse – gehen derzeit keine erkennbaren Risiken für die Preisstabilität aus. Auch aus Perspektive der monetären Analyse sehen wir, gegeben die zuletzt leicht negativen Zuwachsraten insbesondere beim breiten Geldmengenaggregat M3, keine Gefahren für die Preisstabilität über die mittlere bis lange Frist. Allerdings werden wir die Effekte der weiteren Rohstoffpreisentwicklung sehr genau beobachten. Ein stärkeres Wachstum der Weltwirtschaft birgt das Risiko steigender Rohstoffpreise. Auch die Haushaltspolitiken sind im Auge zu behalten, wenn es um das Erkennen möglicher langfristiger Inflationsrisiken geht.

Insgesamt würde ich keine rasche Rückkehr zu kräftigem Wachstum erwarten. Ebenso wenig ist zu erwarten, dass sich das Wirtschaftswachstum im Eurogebiet auch nur annähernd wieder so abschwächen könnte, wie wir es in den letzten beiden Jahren erlebt haben.

Das zu erwartende Tempo der Erholung hängt entscheidend davon ab, ob politische Herausforderungen bewältigt werden. Diese Herausforderungen betreffen die Haushaltspolitik, Strukturreformen und Reformen des Finanzsystems.

Wir sind ernstlich besorgt über den prognostizierten starken Anstieg der Staatsdefizite und der Verschuldung der Länder im Euroraum. Von den 16 Mitgliedstaaten des Euroraums sind nun 13 mit einem Verfahren bei einem übermäßigen Defizit nach dem Stabilitäts- und Wachstumspakt konfrontiert, da ihr Haushaltsdefizit die im Vertrag von Maastricht definierte Obergrenze von 3% übersteigt. In einigen Ländern werden für 2009 zweistellige Defizite erwartet. Damit lässt sich eine weitere Herabstufung von Länderratings und weitere negative Reaktionen der Finanzmärkte nicht ausschließen. Allerdings ist das öffentliche Haushaltsdefizit für das Eurogebiet insgesamt signifikant niedriger als in den USA.

Haushaltspolitische Maßnahmen haben dazu beigetragen, die Konjunktur zu stabilisieren. Doch ohne eine fiskalpolitische Wende wird die Staatsverschuldung im Euroraum rasch über 100% des BIP steigen. Dies würde dem Vertrauen der Öffentlichkeit in die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen schaden. Dadurch würden die langfristigen Zinsen weiter steigen und die Folgeschäden der aktuellen Krise verstärkt.

Die Staatsfinanzen müssen nach Maßgabe des Stabilitäts- und Wachstumspakts konsolidiert werden. Der ECOFIN-Rat hat am 2. Dezember letzten Jahres beschlossen, dass die meisten Länder des Euroraums ihr übermäßiges Defizit bis 2013 korrigieren sollen. Viele Länder müssen erhebliche Konsolidierungsanstrengungen unternehmen, um den Schwellenwert für das Defizit von 3% des BIP unterschreiten zu können.

Zusätzlich zu den fiskalischen Korrekturen müssen die Staaten ihre Strukturreformen intensivieren, um den Folgewirkungen der Krise zu begegnen, d.h. um das Potenzialwachstum zu stärken und eine nachhaltige, dauerhafte Erholung sicherzustellen. Die europäischen Arbeits- und Gütermärkte von bestehenden Rigiditäten zu befreien, war seit Einführung der Strategie von Lissabon im März 2000 ein zentrales politisches Ziel, und tatsächlich konnte Bemerkenswertes erreicht werden.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat diese Effekte jedoch teilweise zunichte gemacht und die noch verbliebenen Schwächen verschlimmert. Um dem globalen Abschwung erfolgreich zu begegnen, ist insbesondere die Förderung von Produktivität und Innovation eine entscheidende Herausforderung, der sich die Länder stellen müssen. Eine dauerhafte Erholung in Europa ist nur zu erreichen, wenn Wachstum auf Bildung, Wissen und Innovation beruht.

Mehr Forschung und Entwicklung ist erforderlich, um langfristige Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit durch Innovationen anzuregen. Des Weiteren sollten Markteintrittsbarrieren und regulatorische Hürden für Unternehmensgründungen teilweise oder ganz abgebaut werden, um die Neustrukturierung des Unternehmenssektors durch die Entstehung neuer, innovativer Firmen zu erleichtern. Außerdem erfordern Innovationen angemessene Finanzierungen durch Beteiligungskapital.

Die Erholung der Wirtschaft muss ohne eine strukturelle Verschlechterung bei der Arbeitslosenquote und verringerte längerfristige Erwerbsbeteiligung in Gang kommen. Insbesondere sollten Maßnahmen ergriffen werden, um moderates Lohnwachstum und Lohndifferenzierung zu unterstützen. Die (Wieder-)Beschäftigung muss durch Reformen gefördert werden, die die Effektivität und Effizienz der Arbeitsmarktpolitiken steigern.

Insofern bietet die jetzige Krise auch die Chance notwendige Strukturreformen anzupacken und so eine rasche und nachhaltige Erholung der Wirtschaft zu gewährleisten.

Schließlich muss die Regulierung und Beaufsichtigung des Finanzsystems gestärkt werden. Das System muss insbesondere transparenter gemacht werden, damit Marktteilnehmer informierte Entscheidungen treffen können.

Nun zur Geldpolitik.

Geldpolitischer Kurs: Der Stand der Dinge

Wie Sie alle wissen, hat die EZB auf die aktuelle Finanzkrise mit geldpolitischen Maßnahmen reagiert, für die es keine Präzedenzfälle gab. In einem Umfeld deutlich verringerten Aufwärtsdrucks auf die Preise hat die EZB die Leitzinsen erheblich gesenkt. Dies geschah in vollem Einklang mit dem Auftrag, die Preisstabilität zu gewährleisten. Seit Oktober 2008 wurde unser Leitzinssatz um 325 Basispunkte gesenkt; er steht seit Mai 2008 bei 1% für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte.

Des Weiteren können Banken seit Oktober 2008 gegen angemessene Sicherheiten unbegrenzt Liquidität zu einem festen Zinssatz von der EZB erhalten.

Seit mehreren Monaten verbessern sich nun die Bedingungen an den Finanzmärkten. Ein Beispiel hierfür sind die engeren Zinsspannen am Geldmarkt, wie auch die rückläufige Volatilität an den Finanzmärkten insgesamt.

Die Stützungsmaßnahmen der EZB sind daher nicht mehr im gleichen Maße wie zuvor nötig. Inzwischen haben wir deshalb begonnen, sie schrittweise zurückzunehmen. Dabei behalten wir allerdings im Auge, weiterhin die Kreditvergabe der Banken an die Wirtschaft des Euroraums zu unterstützen.

Lassen Sie mich diese Ausstiegsstrategie kurz erklären.

Als Ausgangspunkt sei daran erinnert, dass die Durchführung der Geldpolitik der EZB immer sehr breit und robust angelegt war. Damit meine ich die Kombination aus relativ umfangreichen Refinanzierungsgeschäften, einer relativ hohen Zahl von Kontrahenten und einer relativ breiten Palette von Sicherheiten, die bei den Refinanzierungsgeschäften eingesetzt werden können. Mit diesen Merkmalen ist die EZB während der gesamten Finanzkrise gut gefahren. Erst als sich die Krise im September 2008 zuspitzte, musste das geldpolitische Instrumentarium stärker angepasst werden, um die Banken in ihrer Funktion zu unterstützen, die Wirtschaft mit Kredit zu versorgen.

Die Sondermaßnahmen, mit denen wir auf die Krise reagiert haben, sind nur vorübergehender Natur. Unsere außergewöhnliche Unterstützung des Bankensektors im Euroraum ist vielleicht am besten als eine Strategie der „Hilfe zur Selbsthilfe“ für die Banken zu sehen. Damit diese Strategie funktioniert, bedarf es auch richtiger Anreize für Banken, die notwendigen Korrekturen ihrer Geschäftsmodelle und Bilanzen vorzunehmen.

Die niedrigen Leitzinsen und außergewöhnlichen Liquiditätshilfen zu lange aufrecht zu erhalten, würde solchen Anreizen gerade entgegenwirken. Es besteht das Risiko, dass Banken sich zu sehr auf unsere Operationen verlassen. Unbegrenzte Refinanzierungsmöglichkeiten bei der Zentralbank zu äußerst günstigen Kondition ist allerdings keine Basis eines nachhaltigen Geschäftsmodells. Auf Dauer würde die Kombination von unbegrenzter Verfügbarkeit von Zentralbankgeld, äußerst niedrigen Zinsen – und ich würde hier auch die Staatsgarantien für die Banken mit ins Blickfeld nehmen – wohl kaum zu einer effizienten Verwendung finanzieller Ressourcen führen. Dies würde langfristig negative Folgen für das Wirtschaftswachstum haben und möglicherweise eine neuerliche Fehlentwicklung bei den Vermögenspreisen einleiten.

Eine Sorge, die oft geäußert wird ist, dass die reichliche Liquiditätsversorgung durch die EZB letztlich zu höherer Inflation führen wird. Derzeit deutet allerdings nichts darauf hin, dass die reichliche Liquidität an den Geldmärkten des Euroraums Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität mit sich brächte.

Auf theoretischer Ebene ist zu unterscheiden zwischen Liquidität an den Geldmärkten und Liquidität, die für die Preisentwicklungen relevant ist. Das Maß der Geldmarktliquidität resultiert aus dem Umfang von Refinanzierungsgeschäften der Zentralbank im Verhältnis zum Liquiditätsbedarf von Banken. Die für Preisentwicklungen relevante Liquidität spiegelt sich in weit gefassten Geldmengenaggregaten wie M3 wider. Letzteres ist die für die Preisentwicklung maßgebliche Größe. Erst sie zeigt über welche Mittel die Privathaushalte und Unternehmen verfügen und die letztlich ausgegeben werden können.

Zwischen dem Umfang der Refinanzierungsgeschäfte der Zentralbank und den für die Inflationsentwicklung relevanten weit gefassten Geldmengenaggregaten gibt es keine mechanische Verbindung. Der Umfang unserer Bilanz hat erheblich zugenommen. Unsere Liquiditätshilfe hat dazu beigetragen, den Banken die Refinanzierung von Verbindlichkeiten zu ermöglichen, die über den Geldmarkt nicht mehr möglich war, weil die Banken sich gegenseitig nicht mehr vertrauten.

Die Jahreswachstumsrate des weit gefassten Geldmengenaggregats M3 hingegen ist vor kurzem, wie schon erwähnt, leicht in den negativen Bereich gesunken, was angesichts der tiefen Rezession, die wir erleben, nicht verwunderlich ist. Es besteht also keinerlei Grund aus den Stützungsmaßnahmen der EZB Gefahren für die Preisstabilität abzuleiten.

Dank unserer Maßnahmen sind die Konditionen der Banken im Euroraum für Kredite an Privathaushalte und Firmen wesentlich günstiger geworden. Die durchschnittlichen langfristigen Hypothekenzinsen für Haushalte im Euroraum sind z.B. gegenüber ihrem Höchststand Ende 2008 um 64 Basispunkte zurückgegangen, und die kurzfristigen Hypothekenzinsen stehen mit derzeit 2,72% sogar auf einem historischen Tief. Niedrige Zinssätze für Bankkredit implizieren allerdings weder dass er leicht erhältlich noch dass er stark nachgefragt ist.

Tatsächlich könnten Banken es in einem Umfeld niedriger Kreditnachfrage und noch immer relativ hoher Ausfallrisiken attraktiver finden, ihre Bilanzen zu konsolidieren und in Finanzanlagen zu investieren, die leicht über das Eurosystem zu refinanzieren sind. Dies kann sich allerdings ändern. Die Kombination aus niedrigen Zinsen und leichtem Zugang zu Zentralbankrefinanzierung wird dazu führen, dass Banken ihre Kreditvergabe erweitern, besonders in einem Umfeld kräftiger Verbesserung des Geschäftsklimas, denn dies führt im Normalfall zu steigender Kreditnachfrage von Privathaushalten und Unternehmen.

Unsere Maßnahmen sind an die Bedingung gebunden, keine falschen Anreize zu schaffen und nicht unseren primären Auftrag zu gefährden: die Gewährleistung der Preisstabilität im Euroraum.

Bildlich gesprochen können die Maßnahmen zur verstärkten Unterstützung der Kreditvergabe als eine Arznei gesehen werden, die bedauerlicherweise in vielen Fällen Nebenwirkungen hat. Sie sollte in der richtigen Dosierung angewendet werden, denn sonst würde dem Patienten – im weitesten Sinne der Finanzsektor – ein anderes Übel zugefügt. Und sie sollte nicht zu lange angewendet werden, denn sonst liefe der Patient Gefahr, zu abhängig von ihr zu werden. In unserem Fall gibt es tatsächlich zwei solche „Übel“, die ausgelöst werden könnten: Aufwärtsrisiken für die Preisstabilität und Verzerrungen der Marktzinsen.

Um von der Analyse zu konkretem Handeln zu kommen: Die EZB hat deutlich gemacht, dass die Sondermaßnahmen schrittweise zurückgenommen werden. Natürlich werden die Zeitpunkte und das Tempo der Schritte stets mit den jeweils herrschenden Inflationsaussichten im Allgemeinen und den Bedingungen an den Finanzmärkten im Besonderen abgestimmt werden.

Geldpolitischer Kurs: Wie es weitergeht

Nun zu dem, was m.E. in der Geldpolitik im Allgemeinen und ihrer Durchführung im Besonderen vor uns liegt. Generell und als leitendes Prinzip sollte es das Ziel sein, zur Normalität zurückzukehren, sobald die herrschenden Bedingungen es erlauben. Was aber heißt normal? Ist es eine „alte Normalität“ oder eine „neue Normalität“? Meine Antwort lautet: Beides. Lassen Sie mich das erklären.

Wie bereits erläutert, hat sich das bestehende geldpolitische Instrumentarium der EZB als robust und geeignet erwiesen, Geldmarktspannungen zu begegnen. Es war aber auch flexibel genug, um rasch weiter reichende Maßnahmen zur Unterstützung des Bankensystems im Euroraum einzubeziehen. Meiner Ansicht nach bietet der Status quo ante somit einen wichtigen Bezugspunkt, an dem wir uns bei dem graduellen Ausstieg aus den Refinanzierungshilfen für Banken orientieren sollten.

Die Krise hat uns auch einiges darüber gelehrt, welche Rolle die Vermögenspreise für die Durchführung der Geldpolitik spielen. Es ist kaum zu bezweifeln, dass einige Zentralbanken der Welt im Vorfeld der Krise, d.h. vor August 2007, ihre Zinsen zu lange zu niedrig gehalten haben. Etwas höhere Zinsen hätten das Aufblähen der Vermögenspreisblase schon in einem früheren Stadium bremsen können, z.B. im Fall der Immobilienblase in entwickelten Volkswirtschaften, deren Platzen sich schließlich als äußerst kostspielig für die Weltwirtschaft erwiesen hat.

In der Theorie ist dies unwiderlegbar eindeutig. In der Praxis ist das Entstehen und die Größe einer Blase dagegen nicht eindeutig ex ante zu identifizieren. Dies wurde als ein Hauptargument dafür vorgebracht, Vermögenspreise bei der geldpolitischen Entscheidungsfindung nicht zu berücksichtigen. Letztlich, denke ich, hat diese Krise die Kritiker widerlegt: Eine Vermögenspreisblase zu ignorieren und sich erst im Nachhinein mit den Konsequenzen ihres Platzens zu befassen hat sich volkswirtschaftlich als viel zu teuer erwiesen.

Vermögenspreisblasen zu identifizieren bleibt allerdings eine Herausforderung, denn dazu wäre es erforderlich, den einem Vermögenspreis zugrunde liegenden Fundamentalwert zu kennen. Kritiker bemängeln außerdem, Zentralbankleitzinsen seien ein zu „stumpfes“ Instrument gegen Vermögenspreisblasen. Diese Kritik übersieht allerdings den erheblichen Einfluss der Zinsen auf die Rentabilität von Banken und somit deren Kreditschöpfungsfähigkeit, was ja Voraussetzung für die Entstehung von Vermögenspreisblasen ist. Außerdem übersieht die Kritik die Signalwirkung, die von Änderungen der Leitzinsen ausgeht. Dies gibt Zentralbanken die Möglichkeit die Vermögenspreisentwicklungen über ganz verschiedene Anlageklassen hinweg zu beeinflussen, einen massenhaften Einstieg von Anlegern in bestimmte Vermögenswerte einzudämmen und somit das Anwachsen einer Blase zu verhindern.

Die EZB ist gut gerüstet, diesen Herausforderungen zu begegnen. Die EZB fasst ihre geldpolitischen Beschlüsse auf der Basis aller relevanten Informationen, die sie von den zwei Säulen ihrer geldpolitischen Strategie erhält: der wirtschaftlichen und der monetären Analyse.

Die Signale von der monetären Analyse liefern nützliche Informationen über die Risiken für die Preisstabilität auf mittlere bis lange Sicht, während die Signale von der wirtschaftlichen Analyse solche Risiken am besten für kurz- bis mittelfristige Horizonte aufzeigen.

Die EZB nutzt diese beiden Informationsquellen systematisch und gleicht die Signale, die sie von beiden Quellen erhält, gegeneinander ab. Gerade diese Prüfung der Signale von der monetären Analyse gegen die der wirtschaftlichen Analyse kann helfen bei der Entstehung von Vermögenspreisblasen rechtzeitig gegenzustueren. Allen Blasen gehen Kreditentwicklungen voraus, die nicht nachhaltig sind. Und dies wird durch die monetäre Analyse abgedeckt.

Eine Lektion aus der Finanzkrise ist, dass unser geldpolitisches Instrumentarium gute Dienste geleistet hat und geeignet ist, Risiken für die Preisstabilität infolge von Entwicklungen der Vermögenspreise aufzuzeigen. Die EZB investiert erhebliche Ressourcen, um ihre monetäre Analyse zu verbessern, sie weiter zu verfeinern und sie den Marktteilnehmern sowie der breiten Öffentlichkeit zu kommunizieren.

Schlussbemerkungen

Insgesamt sind Voraussagen über das Tempo der Erholung in diesem Jahr mit großer Unsicherheit verbunden. Seit dem Ausbruch der Finanzmarktturbulenzen sind zweieinhalb Jahre vergangen. Die volkswirtschaftlichen Kosten sind enorm. Das Schlimmste scheinen wir hinter uns zu haben, doch sind wir noch immer mit erheblicher Unsicherheit konfrontiert.

Die Finanzkrise hat uns alle auf die Probe gestellt – Marktteilnehmer, politische Entscheidungsträger und Zentralbanken. Wie rasch sich Wirtschaftswachstum und Beschäftigung im Euroraum wieder erholen, hängt u.a. davon ab, wie schnell und effizient das Finanzsystem stabilisiert, die Staatsverschuldung zurückgeführt und Strukturreformen vorangetrieben werden.

Unsere geldpolitische Strategie mit ihrer mittelfristigen Orientierung, das Festhalten an Prinzipien solider Geldpolitik, unser klarer Auftrag und unsere Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme haben sich bewährt. Diese sind entscheidend für die erfolgreiche Bewältigung der Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind.

Die EZB hat schnell und angemessen auf die Krise reagiert. Es liegt nun in der Hand von Regierungen, Banken und Finanzmarktakteuren die Voraussetzungen für nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu schaffen.