- INTERVIEW
Interview mit Die Zeit
Interview von Isabel Schnabel, Direktoriumsmitglied der EZB, geführt von Mark Schieritz und Kolja Rudzio am 19. Juni 2026
25. Juni 2026
Im Nahen Osten gilt jetzt eine Waffenruhe, und der Ölpreis ist gesunken. Was heißt das für die Wirtschaft in Europa und speziell in Deutschland?
Das ist eine gute Nachricht für Europa und die Weltwirtschaft. Der Krieg hat das Wachstum gebremst, und sein Ende könnte jetzt wieder für mehr Schwung sorgen. Uns bei der EZB treibt natürlich in erster Linie die gestiegene Inflation um. Diese wurde in den vergangenen Monaten maßgeblich von den hohen Energiepreisen getrieben, und die sind aufgrund des vorläufigen Friedensabkommens stark gefallen.
Sie meinen, dass zum Beispiel die Preise an den Tankstellen gesunken sind? Heißt das, wir haben bei der Inflation das Schlimmste hinter uns?
Das kann man so nicht sagen. Die Energiepreise sind gefallen, aber sie liegen noch immer deutlich höher als vor dem Krieg. Wir schauen besonders auf die Energiepreise für Lieferungen in den nächsten Jahren. Und diese bleiben erhöht. Kurzfristig sieht die Lage jetzt zwar besser aus, als wir erwartet hatten, aber die Waffenruhe ist kein Grund zur Entwarnung für die Geldpolitik.
Warum gehen die mittelfristigen Energiepreise, von denen Sie sprechen, nicht stärker zurück?
Dafür gibt es viele Gründe: Es ist unklar, wie nachhaltig das Friedensabkommen wirklich ist. Es kann zudem Monate dauern, bis der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus und die globalen Lieferketten wiederhergestellt sind. Der Transport könnte dauerhaft teurer sein, etwa durch höhere Versicherungsprämien für die Golfregion. Man kommt also wahrscheinlich nicht einfach in die Vorkriegssituation zurück. Es wurde ja auch Energieinfrastruktur beschädigt. Gleichzeitig müssen die strategischen Ölreserven, die in dieser Krise genutzt wurden, wieder aufgefüllt werden. In Europa kommt hinzu, dass auch die Gasspeicher ziemlich leer sind und vor dem Winter gefüllt werden müssen. Das alles hat Einfluss auf die Energiepreise, und die Unsicherheit bleibt hoch.
Hängt die weitere Entwicklung der Inflation allein von den Energiepreisen ab?
Keineswegs. Schon in den Inflationsdaten vom Mai kann man sehen, dass sich der Energiepreisschock ausgebreitet hat. Die Inflation für Nicht-Energiegüter und für Dienstleistungen ist bereits angestiegen, und das dürfte zumindest teilweise eine Folge des Krieges sein. Zuerst haben die Preise von Gütern reagiert, die direkt von der Blockade und den Energiepreisen betroffen sind – wie Diesel, Flugbenzin oder Düngemittel. Umfragen zeigen, dass auch die Hersteller anderer Güter planen, einen Teil der deutlich gestiegenen Produktionskosten auf die Verbraucherpreise zu überwälzen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit sogenannter Zweitrundeneffekte, also insbesondere eines steigenden Lohnwachstums infolge steigender Inflation. Bisher sehen wir allerdings noch keinen Hinweis darauf, dass sich das Lohnwachstum beschleunigt oder die Menschen eine langfristig höhere Inflation erwarten. Aber die Erinnerung an die Hochinflationsphase ist noch frisch, daher muss man davon ausgehen, dass die Erwartungen heute stärker auf einen Inflationsanstieg reagieren.
Ist das denn realistisch, dass die Gewerkschaften in der aktuell schwierigen Wirtschaftslage in Deutschland und anderen europäischen Ländern überzogene Lohnforderungen durchsetzen?
Wir sehen, dass die Wirtschaft trotz des großen Energiepreisschocks relativ resilient ist. Die Wachstumseinbußen sind laut unseren Projektionen nicht so stark, wie man es hätte erwarten können. Das hat auch damit zu tun, dass der Iran-Krieg vom KI-Boom überlagert wird, der die globale Wirtschaft stützt. Gleichzeitig gibt der Staat in vielen Ländern Geld aus, um den Energiepreisschock für die Bürger abzufedern. Und gerade in Deutschland fließt viel Geld in die Erneuerung der Infrastruktur und in die Verteidigung. Dazu kommt, dass der jetzt fallende Ölpreis es für die Unternehmen sogar leichter machen dürfte, ihre zuvor gestiegenen Kosten auf die Verbraucherpreise zu überwälzen, weil jetzt die Nachfrage wieder stärker anspringen dürfte. Das alles kann die Inflation auf mittlere Sicht anheizen.
Und die Löhne?
Was mit den Löhnen passiert, sieht man erst deutlich später, aber wir dürfen es gar nicht so weit kommen lassen, dass sich Preise und Löhne gegenseitig aufschaukeln.
Vor eineinhalb Wochen haben Sie die Zinsen angehoben. Dann kam die Waffenruhe. War dieser Zinsschritt im Nachhinein betrachtet nicht voreilig, da er ja auch die Wirtschaft belastet?
Nein, diese Zinsentscheidung war aus Sicht aller von uns betrachteten Szenarien richtig – einschließlich eines milderen Szenarios, in dem sich die Ölpreise schnell normalisieren. Sie war nötig, um zu verhindern, dass die mittelfristig erhöhten Energiepreise zu Zweitrundeneffekten und noch mehr Inflation führen. Dabei fließt auch das Wirtschaftswachstum in unsere Überlegungen ein. Ohne diesen Schritt würde die Inflation auf mittlere Sicht oberhalb unseres Zielwerts von zwei Prozent liegen. Das wäre nicht im Einklang mit unserem Mandat, für Preisstabilität zu sorgen. Und die Menschen haben ja in den vergangenen Jahren erlebt, wie schmerzhaft es ist, wenn die Inflation jahrelang oberhalb des Zielwertes liegt.
Planen Sie weitere Zinserhöhungen?
Um die Inflation mittelfristig wieder auf unseren Zielwert von zwei Prozent zurückzubringen, werden wir aus heutiger Sicht die Zinsen weiter anheben müssen. Das Ausmaß und der Zeitpunkt weiterer Maßnahmen hängen jedoch davon ab, wie sich der Konflikt, die Wirtschaft und die Inflation entwickeln.
Vielen Menschen ist wahrscheinlich nicht klar, wie genau eine Zinserhöhung zu einer niedrigeren Inflation führt. Können Sie das einfach erklären?
Im Kern funktioniert das so: Der Energiepreisschock hat dazu geführt, dass die Kosten der Unternehmen deutlich angestiegen sind. Dies wird dadurch verschärft, dass es sich um einen globalen Schock handelt, der sich durch Lieferketten auf die gesamte Welt überträgt. Die Unternehmen stehen jetzt vor der Frage, ob sie diese Kosten selbst tragen und sich ihre Gewinne entsprechend verringern oder ob sie die höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben können. Diese Abwägung hängt davon ab, wie stark die Nachfrage ist. Hier kommt die Geldpolitik ins Spiel: Mit höheren Zinsen sorgen wir für eine geringere Nachfrage. Die Unternehmen haben dadurch weniger Spielraum, höhere Preise durchzusetzen.
Mal ganz konkret: Wenn Sie die Zinsen anheben und es sich jemand dann nicht mehr leisten kann, ein Haus zu bauen, dann wäre das der gewünschte Effekt? Es gäbe etwas weniger Nachfrage bei Baumaterialien, Handwerkern und Architekten?
Zinserhöhungen dämpfen die wirtschaftliche Aktivität. Allerdings ist die bisherige Erhöhung der Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte gering, und die Zinsen sind noch nicht restriktiv. Aber selbst nach der Pandemie, als wir die Zinsen um 4,5 Prozentpunkte angehoben haben, hat sich die Wirtschaft als resilient erwiesen.
Nun gibt die deutsche Regierung gerade sehr viel Geld aus, unter anderem für die Sanierung der Infrastruktur und für die Verteidigung. Sorgt sie damit nicht für mehr Nachfrage, gibt sie also Gas, während Sie bremsen?
Sofern die staatliche Nachfrage inflationär wirkt, müssen wir dem mit der Geldpolitik entgegenwirken. Das ist auch der Grund, warum wir betonen, dass staatliche Maßnahmen in Reaktion auf den Energiepreisschock bestimmte Bedingungen erfüllen müssen. Sie sollten vorübergehend sein, die Preise möglichst wenig verzerren und sich gezielt nur auf Personen oder Unternehmen richten, die Unterstützung wirklich benötigen.
Wie würden Sie da den Tankrabatt einordnen, der jetzt auslaufen soll?
Vorübergehend ist er bislang, zielgerichtet eher nicht, und er geht mit einer gewissen Verzerrung der Preisanreize einher.
Er war also nicht gut?
Es steht mir in meiner Position nicht zu, die Maßnahmen der Bundesregierung zu bewerten.
Dann lassen Sie uns über die wirtschaftliche Lage sprechen. Es gibt in Deutschland ja gerade umfassende Reformbemühungen, die auch Auswirkungen für die Geldpolitik haben können. Wie beurteilen Sie die Entwicklung in Deutschland?
Wir haben das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität und die Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse begrüßt. Jetzt kommt es darauf an, dass dies effizient umgesetzt und von Reformen begleitet wird. Bei dem Sondervermögen ist wichtig, dass das Geld tatsächlich in zusätzliche Investitionen fließt. Daran sind Zweifel laut geworden, und es wäre wichtig, diese auszuräumen. Im Moment wird das Wachstum in Deutschland in erster Linie vom fiskalischen Impuls gestützt. Aber es reicht nicht, mehr Geld auszugeben, es braucht auch Reformen. Das ist auch wichtig für Europa. Deutschland ist ein großer Teil der Wirtschaft im Euroraum, doch die deutsche Wirtschaft stagniert seit 2019. Das hat zu einem erheblichen Teil mit strukturellen Faktoren zu tun, die das langfristige Wachstum senken.
Welche Faktoren meinen Sie?
Zum einen ist es die Demografie. Wenn die Erwerbsbevölkerung schrumpft, sinkt das Wachstumspotenzial, der Fachkräftemangel verschärft sich, und die Belastung der Sozialsysteme steigt. Das zweite Problem ist die sinkende Wettbewerbsfähigkeit. Dabei spielen die Energiepreise eine Rolle, vor allem aber die schärfere Konkurrenz aus China, das Deutschland inzwischen im Bereich der Hochtechnologie Marktanteile streitig macht. Und dann geht es um Innovation, vor allem um die künstliche Intelligenz. Diese technologische Revolution darf Europa nicht verpassen. Da spielt auch der Staat eine Rolle, weil es dafür eine funktionierende Infrastruktur braucht, Datenzentren, bezahlbare Energie, schnelle Genehmigungsverfahren und vieles mehr.
Das ist eine lange Liste an Problemen, die Sie aufzählen.
Ich bleibe da optimistisch. Deutschland ist nach wie vor ein starkes Land mit starken Unternehmen und klugen Köpfen. Das Potenzial ist da.
Was muss man denn tun, um das auszuschöpfen? Deutschland und eigentlich ganz Europa hinken ja beim Wachstum den USA hinterher.
Die Rezepte liegen spätestens seit dem Draghi-Report auf dem Tisch. Ich sehe drei Prioritäten, die sich Europa setzen sollte: Innovation, Integration und Souveränität.
Was genau meinen Sie damit?
Innovation ist die Grundlage jedes Produktivitätswachstums. Wir brauchen bessere Rahmenbedingungen für Bildung und Forschung, wobei gezielt Zukunftsbereiche gefördert werden sollten wie zum Beispiel das Quantencomputing. Ideen müssen aber auch in wirtschaftlichen Erfolg umgesetzt werden. Start-ups in Europa muss es erleichtert werden zu wachsen, zum Beispiel durch das von der Europäischen Kommission vorgeschlagene „28. Regime“, das eine europäische Unternehmensform vorsieht. Wir müssen die Flut nationaler Regulierungen verringern und Vorschriften vereinheitlichen, die vor allem innovativen Unternehmen das Leben schwermachen. Das stärkt die Integration und hilft auch bei der Mobilisierung von Risikokapital. Und das dritte Thema, die Souveränität, dreht sich um die unzähligen Abhängigkeiten, in die wir uns in den vergangenen Jahrzehnten begeben haben. Sie machen uns gegenüber geopolitischen Schocks verletzlich. Da geht es um Verteidigung, Technologie, Energie, kritische Rohstoffe und auch um das Zahlungssystem. Das Letztere ist einer der Gründe für die Einführung des digitalen Euro.
Da Sie die Abhängigkeit der europäischen Wirtschaft von Technologie aus dem Ausland ansprechen: Die amerikanische Regierung hat gerade entschieden, dass Bürger und Unternehmen anderer Länder nicht auf zwei der neuesten KI-Modelle zugreifen dürfen. Wie hart trifft diese Entscheidung aus Ihrer Sicht Europa?
Das ist ein erneuter Weckruf, der zeigt, dass wir in zentralen Bereichen von anderen Ländern abhängig sind. Man muss hier eine Strategie entwickeln. Die Lösung ist sicher nicht völlige Autarkie. Aber man muss sich Gedanken machen, was unsere eigenen Drohpunkte sein könnten, und gleichzeitig eigene Technologien aufbauen.
Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal zu den Zinserhöhungen kommen. Wie weit können höhere Zinsen zu einem Problem für die hoch verschuldeten Staaten in der Eurozone werden?
Die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzen ist ein wichtiges Thema, das aber im Bereich der Politik liegt. Wir orientieren uns an unserem Mandat der Preisstabilität. Am wichtigsten ist für die Staatsfinanzen das Wirtschaftswachstum. Ein Land mit starkem Wirtschaftswachstum kann auch mit höheren Zinsen umgehen.
Sie machen sich da also keine Sorgen? Auch wenn jetzt sogar Deutschland immer mehr Schulden aufnimmt?
Der deutsche Schuldenstand ist unbedenklich. Was mir Sorgen bereitet, ist das niedrige Wachstumspotenzial. Ohne Reformen geht Deutschlands Wachstum gegen null, vor allem wegen der Demografie. Das schränkt die Möglichkeiten ein, zusätzliche staatliche Leistungen zu finanzieren oder Schulden aufzunehmen. Ich hoffe, das ist allen in der Politik bewusst.
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