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Die Europäische Währungsunion vor dem Start

Vortrag des Präsidenten der Europäischen Zentralbank,Dr. Willem F. Duisenbergam Luxembourg Finance Market Forumam 14. Oktober 1998 in Luxemburg

Sehr geehrte Damen und Herren!

Gerne bin ich Ihrer Einladung zum Luxemburg Finanzmarkt-Forum gefolgt. Ich möchte Ihnen aus diesem Anlaß eine Situationsbeschreibung der "Europäischen Währungsunion vor dem Start" geben. Die wirtschaftliche Lage im Euro-Währungsgebiet und der Stand der Vorbereitungen für die Einführung des Euro und die einheitliche Geldpolitik sollen die Schwerpunkte meiner heutigen Ausführungen sein. Hierbei werde ich vor allem auf die besonders wichtigen Entscheidungen eingehen, die der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) gestern zur geldpolitischen Strategie getroffen hat.

Vierzig Jahre nach den ersten Plänen für eine gemeinsame Währung in Europa steht dieses historische Projekt unmittelbar vor seinem Start. Am 1. Januar 1999, in nur 78 Tagen also, beginnt die dritte Stufe der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Ein einzigartiges Unterfangen, das in seiner Dynamik auch das Potential hat, die Europäische Integration auf dem Weg in das neue Jahrtausend entscheidend voranzubringen und zu festigen.

Wenn am 1.1.1999 der Euro vorerst in elf Mitgliedstaaten der Europäischen Union eingeführt wird, dann startet die Währungsunion insgesamt auf einem guten Fundament. In einem mehrjährigen Prozeß mit deutlichen Fortschritten in der Konvergenz der wirtschaftlichen Daten der teilnehmenden Länder wurde eine vertretbare gemeinsame Basis für den Start der Wirtschafts- und Währungsunion geschaffen.

Potentielle Risiken wurden durch verschiedene Regelungen im Maastricht-Vertrag und im Statut der Europäischen Zentralbank, die beide völkerrechtlich verbindlichen Charakter haben, begrenzt. Einen zusätzlichen Schutz bietet der Stabilitäts- und Wachstumspakt sowie die Selbstverpflichtung der Finanzminister zur Haushaltskonsolidierung vom 1. Mai 1998.

Für die Bürger der Europäischen Union bedeutet die Einführung des Euro, von etwas Vertrautem, Altbewährten wie der heimischen Währung Abschied zu nehmen und sich auf etwas Neues und weitgehend Unbekanntes einzulassen. Doch je näher wir dem Start der Währungsunion rücken, je mehr Entscheidungen getroffen werden und je mehr Klarheit damit geschaffen wird, desto breiter wird die Unterstützung der Bevölkerung für die Währungsunion und den Euro. Zahlreiche Meinungsumfragen bestätigen diese Entwicklung.

Von seiten des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) laufen die Vorbereitungen für den Start der Währungsunion auf Hochtouren, um rechtzeitig zum 1.1.1999 die volle Funktionsfähigkeit der einheitlichen Geldpolitik gewährleisten zu können. Trotz des enormen Arbeitspensums und des erheblichen Zeitdrucks der Mitarbeiter der EZB und der beteiligten nationalen Zentralbanken, bin ich zuversichtlich, daß uns dies gelingen wird.

Lassen Sie mich nun auf das gegenwärtige wirtschaftiche Umfeld der Geldpolitik zu sprechen kommen. Die globale wirtschaftliche und finanzielle Lage hat sich in letzter Zeit merklich eingetrübt. Die Finanzmarktkrise in Rußland, die Krise in Asien und ein negatives Wachstum in Japan haben zu starken Schwankungen und Korrekturen auf den Aktienmärkten geführt. Zumindest teilweise sind dies jedoch vermutlich Reaktionen auf vergangene übertreibungen. Nichtsdestoweniger ist es gegenwärtig schwierig zu beurteilen, wie groß die dämpfenden Auswirkungen dieser Turbulenzen auf Preise und Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone sein werden. Angesichts des relativ geringen Aushandelsanteil der EU11-Staaten mit den Krisenregionen läßt sich vermuten, daß die direkten negativen Folgen für das Gebiet der zukünftigen Währungsunion und die Europäische Union begrenzt bleiben. Wir müssen uns aber auch bewußt sein, daß die mit den gegenwärtigen weltweiten Entwicklungen einhergehenden Risiken über die Auswirkungen hinausgehen können, die wir derzeit unmittelbar messen können. Hier mag man zum Beispiel an die indirekten Einflüsse denken, die ein verändertes Vertrauensklima und Spar- und Ausgabenverhalten im Euro-Währungsgebiet haben könnte. Vor dem Hintergrund "gesunder" wirtschaftlicher Fundamentaldaten für Europa sind allerdings nüchtern betrachtet wenig Gründe für einen spürbaren Vertrauensverlust in Sicht.

Nach Ansicht des EZB-Rates ist es als Reaktion auf die jüngsten wirtschaftlichen Entwicklungen und die aktuellen Marktbedingungen unabdinglich, daß von politischem Aktionismus geprägte Lösungen, die der Komplexität der Fragen nicht ausreichend Rechnung tragen, vermieden werden. Dies würde nur dazu beitragen, daß den der derzeitigen Volatilität an den weltweiten Finanzmärkten zugrunde liegenden Unsicherheiten neue Nahrung gegeben wird. Allerdings ist der EZB-Rat auch der Ansicht, daß die Vorschläge, wieder über Kapitalverkehrskontrollen nachzudenken, keine akzeptable politische Lösung darstellen und daß die jüngsten Rufe nach weltweiten, einheitlichen Zinssenkungen unangemessen sind. Beide Vorschläge gehen den eigentlichen Problemen nicht auf den Grund. Vielmehr angezeigt, sind Strukturverbesserungen auf weltweiter Ebene. Diese sollten insbesondere darauf ausgerichtet sein, erstens die Transparenz sowohl des staatlichen als auch des privaten Sektors zu erhöhen, zweitens die inländischen Bankensysteme, insbesondere in Schwellen- und Reformländern, zu stärken und drittens die Prävention und Bewältigung von Finanzkrisen vor allem durch eine größere Beteiligung des privaten Sektors zu verbessern. Zu diesen Themen wurde bereits eine Reihe von Vorschlägen gemacht, die nun endgültig ausgearbeitet werden sollten, damit sie frühzeitig und effektiv umgesetzt werden können.

Die jüngsten makroökonomischen Daten zeigen, daß der wirtschaftliche Aufschwung in der Euro-Zone, trotz Verschlechterung der Umfeldbedingungen, zwar etwas gebremst, insgesamt jedoch nicht unterbrochen wurde. Die Binnennachfrage ist weiterhin lebhaft, während der Wachstumsbeitrag der Nettoausfuhren zurückgegangen ist.

In bezug auf die jüngsten Preisentwicklungen ist der am harmonisierten Verbraucherpreisindex (HICP) gemessene Preisanstieg im gesamten Euro-Währungsgebiet im August auf 1,2% gefallen, nachdem er von Mai bis Juli bei 1,4 % lag. Sowohl heimische als auch externe Faktoren erscheinen günstig für die künftige Preisentwicklung im Euro-Währungsgebiet. Ein wichtiger externer Faktor ist der starke Rückgang der Energiepreise, die im August fast 4 % unter ihrem Vorjahresniveau lagen, und anderer Rohstoffpreise wider. Ferner halten sich interne inflationsbegünstigende Faktoren im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktlage und der Kapazitätsauslastung gegenwärtig ebenfalls in Grenzen. Auch die gegenwärtigen monetären und finanziellen Entwicklungen stehen im Einklang mit diesen positiven Aussichten für die Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet.

Das Umfeld erheblicher Schwankungen und Korrekturen bei den internationalen Aktienkursen und den Wechselkursen der Krisenregionen scheint wesentlich zum jüngsten Rückgang der langfristigen Zinsen im Euro-Währungsgebiet auf historische Tiefstände beigetragen zu haben. Trotz eines leichten Anstiegs in jüngster Zeit, sind die Zinssätze für 10-jährige Anleihen in der Euro-Zone seit Dezember 1997 um etwa einen Prozentpunkt gesunken. Die Anleger waren offensichtlich bestrebt, sich gegen die erhöhten globalen Risiken abzusichern. Die Renditekurve im Euro-Währungsgebiet hat sich gegenüber der vor einigen Monaten herrschenden Situation abgeflacht, was bis zu einem gewissen Grad auf eine weitere Abschwächung der langfristigen Inflationserwartungen der Finanzmärkte für das Euro-Gebiet insgesamt hindeutet. Für die konjunkturelle Lage in der Euro-Zone sind die relativ niedrigen kurzfristigen Zinsen ebenfalls von wichtiger Bedeutung.

Gleichzeitig müssen wir aber die finanzpolitischen Vorhaben der Mitgliedstaaten des Euro-Währungsgebietes, die im Laufe des Herbstes besser zu überschauen sein werden, im Auge behalten. Wenn die Regierungen lediglich an den für 1999 gesteckten Zielvorgaben für das Defizit festhalten, würden sich die strukturellen Haushaltspositionen in einer Reihe von Ländern effektiv verschlechtern. Dies würde bedeuten, daß sie sich von den Anforderungen des Stabilitäts- und Wachstumspaktes, der einen nahezu ausgeglichenen oder einen überschuß ausweisenden Haushalt vorschreibt, weiter entfernen würden, statt sich ihnen anzunähern.

Mit dem Herannahen der dritten Stufe der Währungsunion werden wir weiterhin die wirtschaftlichen, monetären und finanziellen Entwicklungen des Euro-Währungsgebietes, einschließlich der Auswirkungen der weltwirtschaftlichen Entwicklung, genau beobachten und analysieren müssen. Auf dieser Grundlage werden wir dann den für den gesamten Euro-Raum geltenden Zinssatz festlegen. Dabei werden wir uns strikt an dem vom Vertrag vorgegebenen Ziel der Preisstabilität in der Euro-Zone als Ganzes orientieren.

Angesichts bisweilen geäußerter Befürchtungen, daß der EZB-Rat zu Beginn der Währungsunion mit überhöhten Zinsen versuchen könnte, den Aufbau von Glaubwürdigkeit zu unterstützen, möchte ich noch einmal klar feststellen: Wir werden die Geldpolitik so ausrichten, daß Preisstabilität bestmöglich erhalten werden kann. Es gibt keinen Grund restriktiver zu sein, als es dieses Ziel erfordert. Nicht nur Inflation, auch Deflation ist unvereinbar mit Preisstabilität. Die Geldpolitik muß stets wachsam sein und die monetäre und wirtschaftliche Lage vorausschauend beurteilen um rechtzeitig auf relevante neue Entwicklungen reagieren zu können. Falls sich zukünftige Abweichungen von der Preisstabilität im Euro-Raum abzeichnen sollten, wird die Geldpolitik nicht zögern präventiv zu handeln.

Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, daß die gegenwärtige Konvergenz der Zinsen innerhalb Europas bereits eine Lockerung des geldpolitischen Kurses in der Euro-Zone mit sich bringt. Eine Reihe dem Euro-Währungsgebiet angehörender Zentralbanken hat kürzlich Zinssenkungen vorgenommen. Dieser Schritt wurde vom EZB-Rat sehr begrüßt. Die Anpassungen in verschiedenen Ländern bewegen sich damit alle in eine Richtung und tragen zu einer spürbaren Reduzierung des durchschnittlichen Zinsniveaus in Europa bei.

Ein wichtige Weichenstellung am Weg zur Europäischen Währungsunion war die Errichtung der Europäischen Zentralbank (EZB) am 1. Juni dieses Jahres. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden die Vorbereitungen für die einheitliche europäische Geldpolitik vom Europäischen Währungsinstitut vorangetrieben. Entscheidungen im Zusammenhang mit den geldpolitischen Vorbereitungen konnten jedoch gemäß Maastricht-Vertrag und dem dort verankerten Statut der Europäischen Zentralbank nur vom EZB-Rat selbst getroffen werden. Dieser hat seit der Aufnahme seiner Geschäftstätigkeit zahlreiche wichtige Entscheidungen gefällt. Lassen Sie mich einige dieser Beschlüsse etwas näher erläutern.

Wie Sie heute vielleicht schon den Pressemeldungen entnehmen konnten, hat der EZB-Rat gestern besonders wichtige Entscheidungen getroffen. Wir haben die Hauptelemente einer stabilitätsorientierten geldpolitischen Strategie für das ESZB festgelegt.

Diese Elemente betreffen:

  • die quantitative Festlegung des vorrangigen Ziels der einheitlichen Geldpolitik, der Preisstabilität

  • eine herausragende Rolle der Geldmenge mit einem Referenzwert für das Wachstum eines monetären Aggregates und

  • eine auf breiter Grundlage erfolgende Beurteilung der Aussichten für die künftige Preisentwicklung.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wie im Maastricht Vertrag vorgeschrieben, wird die Gewährleistung der Preisstabilität selbstverständlich das vorrangige Ziel des ESZB sein. Die geldpolitische Strategie des ESZB wird sich strikt an diesem Ziel ausrichten. Der EZB-Rat definiert Preisstabilität als Anstieg des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) für das Euro-Währungsgebiet von unter 2% gegenüber dem Vorjahr. Preisstabilität muß mittelfristig beibehalten werden.

Die derzeitige Preissteigerungsrate gemessen am HVPI im Euro-Währungsgebiet steht im Einklang mit diesem Ziel. In diesem Zusammenhang möchte ich hervorheben, daß der EZB-Rat mir den Worten "für das ganze Währungsgebiet" bewußt eine eindeutige Ausrichtung seiner Politik auf den gesamten Euro-Raum signalisiert. Daraus ist klar ersichtlich, daß der EZB-Rat seine Entscheidungen auf die monetäre, wirtschaftliche und finanzielle Entwicklung im gesamten Euro-Währungsgebiet stützen wird und die einheitliche Geldpolitik nicht auf bestimmte regionale oder nationale Entwicklungen reagieren wird. Die Betonung auf die mittelfristige Perspektive dieser Zieldefinition spiegelt wider, daß die Geldpolitik eine vorausschauende, mittelfristige Orientierung haben muß. Auch kurzfristige Preisschwankungen, die von der Geldpolitik nicht gesteuert werden können, kann und muß die EZB nicht reagieren.

Um dieses vorrangige Ziel der Beibehaltung der Preisstabilität zu gewährleisten, hat sich der EZB-Rat auf eine geldpolitische Strategie verständigt, die aus zwei Hauptelementen bestehen wird.

  • Die Geldmenge wird eine herausragende Rolle spielen. Diese Rolle wird in der Ankündigung eines quantitativen Referenzwertes für das Wachstum eines breiten monetären Aggregates zum Ausdruck kommen. Dieser Referenzwert wird in einer Weise abgeleitet, die mit dem Ziel der Preisstabilität vereinbar ist und der Erreichung dieses Ziels dient.

  • Abweichungen des aktuellen monetären Wachstums vom Referenzwert würden - unter normalen Bedingungen - Risiken für die Preisstabilität anzeigen. Das Konzept eines Referenzwertes bedeutet jedoch keine Verpflichtung zu einer mechanistischen Korrektur von Abweichungen auf kurze Frist. Das Verhältnis zwischen tatsächlichem monetären Wachstum und dem vorab bekannt gegebenen Referenzwert wird vom EZB-Rat regelmäßig und sorgfältig analysiert; das Ergebnis dieser Analyse und seine Beduetung für die geldpolitischen Entscheidungen werden der öffentlichkeit erläutert. Die genaue Abgrenzung des Referenzaggregats und der konkrete quantitative Referenzwert für das Geldmengenwachstum werden im Dezember 1998 vom EZB-Rat bekannt gegeben.

  • Parallel zur Analyse des Geldmengenwachstums in Relation zum Referenzwert wird eine auf breiter Basis erfolgende Beurteilung der Aussichten für die Preisentwicklung und der Risiken für die Preisstabilität im Euro-Währungsgebiet in der Strategie des ESZB eine wichtige Rolle spielen. Für diese Beurteilung wird ein breites Spektrum wirtschaftlicher und finanzieller Größen als Indikatoren der künftigen Preisentwicklung herangezogen.

Diese Strategie, meine Damen und Herren, unterstreicht die strikte Ausrichtung des EZB-Rates an seinem vorrangigen Ziel und sollte die Erfüllung dieser übergeordneten Aufgabe erleichtern. Sie wird außerdem die Transparenz der Entscheidungfindung des ESZB und seine öffentliche Kontrolle gewährleisten. Gestützt auf seine Strategie wird der EZB-Rat die öffentlichkeit regelmäßig und ausführlich über seine Einschätzung der monetären, wirtschaftlichen und finanziellen Lage im Euro-Währungsgebiet sowie über die Gründe für seine konkreten Beschlüsse informieren.

Schon in der Septembersitzung des EZB-Rates einigte man sich über verschiedene Fragen, die den geldpolitischen Rahmen in der dritten Stufe betreffen. Den Mittelpunkt dieses Rahmens bildet der am 18. September 1998 veröffentlichte Bericht mit dem Titel "Die einheitliche Geldpolitik in Stufe 3: Allgemeine Regelungen für die geldpolitischen Instrumente und Verfahren des ESZB". Er enthält eine ausführliche Beschreibung der geldpolitischen Instrumente und Verfahren, die vom ESZB in der dritten Stufe angewandt werden. Er versorgt die Kreditinstitute mit der nötigen Information um sich für die Teilnahme an den geldpolitischen Operation zu Beginn 1999 vorzubereiten.

Der Bericht beschreibt und erläutert unter anderem

  • die Kriterien, die Kreditinstitute erfüllen müssen, um als Geschäftspartner bei den geldpolitischen Operationen des ESZB zugelassen zu werden;

  • die geldpolitischen Instrumente und Verfahren;

  • die Auswahlkriterien und die Maßnahmen zur Risikokontrolle für die als Sicherheiten zugelassenen Wertpapiere;

  • das Mindestreservesystem des ESZB und

  • die Anwendung der geldpolitischen Instumente und Verfahren des ESZB im übergang zu Stufe III.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen kurz das dem ESZB zur Verfügung stehende Instrumentarium skizzieren. Das ESZB wird hauptsächlich mit Offenmarktinstrumenten in Form von befristeten Transaktionen, sogenannten Repos, agieren. Sie haben sich mittlerweile bei allen nationalen Zentralbanken als marktgerechtes und effektives Instrument durchgesetzt. Das Hauptgeschäft wird in wöchentlichem Abstand mit einer Laufzeit von jeweils zwei Wochen abgeschlossen werden.

Daneben wird das ESZB längerfristige Repos mit einer Laufzeit von drei Monaten anbieten.

Um unerwarteten Liquiditäts- und damit auch Zinsschwankungen angemessen begegnen zu können, kann das ESZB auch auf ein breites Spektrum von Feinsteuerungsoperationen, wie etwa befristete Transaktionen oder Devisenswaps, zurückgreifen.

Zudem hat das ESZB zwei sogenannte "ständige" Fazilitäten zur Verfügung, deren Inanspruchnahme auf Initiative der Geschäftspartner erfolgt. Es wird eine Spitzenrefinanzierungsfazilität und eine Einlagenfazilität geben. Die Spitzenrefinanzierungsfazilität entspricht dabei weitgehend dem deutschen Lombard. Sie ist in erster Linie ein Sicherheitsventil bei kurzfristigen Liquiditätsengpässen im Bankensystem und begrenzt damit die Ausschläge der Geldmarktsätze nach oben. Gewissermaßen das Gegenstück ist die kurzfristige Einlagenfazilität, die kurzfristige Liquiditätsüberschüsse abfangen soll und die Untergrenze für die Geldmarktsätze bildet.

Das geldpolitische Instrumentarium sieht weiterhin die Einführung einer europäischen Mindestreserve vor. Es war dem EZB-Rat bei seiner Entscheidung durchaus bewußt, daß dieses Instrument nicht von allen Marktteilnehmern gleichermaßen willkommen geheißen wird. In einigen Ländern war die Mindestreservepflicht in der Vergangenheit deutlich reduziert oder überhaupt abgeschafft worden.

Bei der Ausgestaltung des europäischen Mindestreservesystems wurde darauf geachtet, die geldpolitischen Funktionen der Mindestreserve zu nützen, gleichzeitig aber die potentielle Belastung für den privaten Sektor und die möglichen Auswirkungen auf die Wettbewerbssituation der Kreditinstitute in der Euro-Zone so gering als möglich zu halten.

Die Mindestreservepflicht ist für den Durchschnitt eines Monats definiert. Dies bedeutet, daß die Kreditinstitute kurzfristige Liquiditätsschwankungen über ihr Mindestreservekonto ausgleichen können, ohne den Geldmarkt in Anspruch nehmen zu müssen. Die Mindestreserve wird damit zur Vermeidung unnötiger Schwankungen der kurzfristigen Zinsen beitragen und die Häufigkeit von Feinsteuerungsmaßnahmen reduzieren.

Gestern hat der EZB-Rat die letzten Entscheidungen über die Ausgestaltung der Mindestreservesystems getroffen. Der Mindestreservesatz wird 2% betragen. Dieser Satz erscheint - zur Zeit - hoch genug, um Volatilitäten der Geldmarktsätze zu vermeiden und die Nachfrage nach Zentralbankgeld ausreichend zu erhöhen. Außerdem wird die Mindestreserve zu Beginn der Währungsunion voll, d.h. zum Reposatz des ESZB, verzinst.Ebenfalls gestern beschlossen wurde ein pauschaler Freibetrag von 100.000 Euro, der vom Mindestreservesoll eines Kreditinstitutes abgezogen wird. Daher werden viele sehr kleine Kreditinstitute keine Mindestreserve halten müssen.

In Kürze wird eine EZB-Verordnung über Mindestreserven veröffentlicht werden, in der die Merkmale des ESZB-Mindestreservesystems in rechtsverbindlicher Weise dargelegt werden.

Weiterhin finden sich in den "Allgemeinen Regelungen" eine Liste ausgewählter Wertpapierabwicklungssysteme, die nach sorgfältiger Beurteilung als für die Kreditgeschäfte des ESZB geeignet erkannt wurden.

Auch in der Wechselkurspolitik gab es weitere Weichenstellungen. In seiner Septembersitzung genehmigte der erweiterte Rat der EZB den Text eines Abkommens zwischen EZB und den nicht dem Euro-Währungsgebiet angehörenden Zentralbanken. In diesem Abkommen wurde die Funktionsweise eines Wechselkursmechanismus in der dritten Stufe (der sogenannte WKM II) festgelegt. Im Juni vergangenen Jahres hat der Europäische Rat in Amsterdam die Errichtung eines solchen Wechselkursmechanismus beschlossen, der das bisherige Europäische Währungssystem (EWS) ablösen soll. Der WKM II soll sicherstellen, daß die vorerst nicht an der EWU teilnehmenden Staaten eine stabilitätsorientierte Politik betreiben. Darüberhinaus soll die Teilnahme am Wechselkursmechanismus den Konvergenzprozeß dieser Länder unterstützen und die zukünftige Einführung des Euro erleichtern. Dieses Abkommen wurde nun von mir als EZB-Präsident im Namen des EZB-Rates und den Präsidenten der vier nicht dem Euro-Währungsgebiet angehörenden nationalen Zentralbanken unterzeichnet. Mit ihrer Unterschrift bestätigen diese nationalen Zentralbanken ihr Einverständnis mit der Funktionsweise des WKM II, nicht jedoch ihre Teilnahme.

Wie Ihnen sicherlich bekannt ist, haben Dänemark und Griechenland am 26. September dieses Jahres ihre Teilnahme am WKM II bereits angekündigt. Der EZB-Rat hat diese Entscheidung willkommen geheißen. Auch wenn die genauen Teilnahmebedingungen erst festgelegt werden können, sobald die bilateralen Leitkurse feststehen, kam man überein, daß Dänemark mit einem engen Band von ± 2,25%, Griechenland mit einem Band von ± 15% teilnehmen werden.

Bezüglich der Euro-Banknoten bestätigte der EZB-Rat (in Einklang mit vorhergegangenen Empfehlungen des EWI), daß sieben Banknotenstückelungen ausgegeben werden: von Euro 5 bis Euro 500. Ferner hat der Rat beschlossen, daß die Euro-Banknoten keine nationalen Merkmale aufweisen werden. Diese Entscheidung hat, wenn auch mit erheblicher Verzögerung, für ein bemerkenswertes Medienecho gesorgt; allerdings in erster Linie außerhalb der Euro-Zone.

Wie Sie wissen, werden die Euro-Banknoten am 1. Januar 2002 in Umlauf gegeben. Bis zu ihrer Einführung sind es also noch weniger als 800 Arbeitstage. Der EZB-Rat hat zur Kenntnis genommen, daß die technischen Vorbereitungen für die Euro-Banknoten plangemäß verlaufen. Die drucktechnische Umsetzung (d.h. das Verfahren zur Umwandlung der Entwürfe in Banknoten) wurde nunmehr erfolgreich abgeschlossen. Im Herbst wird eine Nullserienproduktion durchgeführt, bis Anfang 1999 dann die zur Produktion bestimmten Banknoten beginnt.

Bis zum 1. Januar 2002 werden in den 11 teilnehmenden Mitgliedsstaaten 13 Milliarden Euro-Banknoten gedruckt sein. Diese Schätzung, die wiederrum in Schätzungen für jedes einzelne Land unterteilt ist, wird jährlich aktualisiert. Die nationalen Zentralbanken werden nun auf der Grundlage dieser Schätzung ihre Druckaufträge erteilen.

Weitere Beschlüsse zu den Euro-Banknoten betreffen die Errichtung einer Falschgeldstelle zur Untersuchung gefälschter Euro-Banknoten durch die EZB. Die entsprechenden statistischen und technischen Daten werden in einer Datenbank gespeichert, die auch die entsprechenden daten zu gefälschten Euro-Münzen enthält. Der Inhalt dieser Datenbank wird allen nationalen Zentralbanken der EU-Staaten und den entsprechenden Strafverfolgungsbehörden, die in der Falschgeldbekämpfung tätig sind, zugänglich gemacht.

Damit meine sehr geehrten Damen und Herren, komme ich zum Schluß meiner heutigen Ausführungen. Wir alle sehen, daß die künftige Währungsunion gerade dabei ist, ihre erste Belastungsprobe zu bestehen. Während wir in vielen Regionen der Welt krisenhafte Entwicklungen beobachten, hat sich die künftige Euro-Zone bisher als stabiler Pol erwiesen. Mehr noch als bisher wird für die öffentlichkeit die Bedeutung des Projektes Europäische Währungsunion sichtbar.

Es muß uns allerdings klar sein, daß wir in Europa noch längst nicht alle notwendigen Aufgaben erledigt haben. Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt erst. Sie erfordert weiterhin harte Arbeit, um die eingegangenen Stabilitätsverpflichtungen einzulösen und die Märkte anpassungsfähiger zu machen. Wir müssen Konvergenz und Stabilität dauerhaft sichern. Hierzu darf kein Land in Europa in seinen Anstrengungen nachlassen, sein eigenes Haus in Ordnung zu bringen, insbesondere nicht in der Haushaltspolitik und bei den Strukturreformen. Ich bin überzeugt, daß diese Verantwortung erkannt wurde und die Politik danach handeln wird. In bezug auf die Geldpolitik kann ich Ihnen auf jeden Fall versichern, daß der EZB-Rat alles in seiner Macht stehende tun wird, die EWU zu einem Erfolg werden zu lassen.

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