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Für eine Europäische Kapitalmarktunion - Stabilität sichern, Fragmentierung überwinden

Abschlussrede von Yves Mersch, Mitglied des Direktoriums der EZB,
Zeit Konferenz »Banken & Wirtschaft«,
IHK Frankfurt am Main, 10. September 2014

Sehr geehrter Herr Dr. Esser [Geschäftsführer ZEIT Verlagsgruppe],

Sehr geehrter Herr Dr. Raettig [Vizepräsident IHK Frankfurt am Main],

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte mich zunächst für die Einladung bedanken, die Abschlussrede dieser hochkarätig besetzten Konferenz zu halten.

Ich würde den beiden vorangegangenen Podiumsdiskussionen nicht gerecht werden, wenn ich den Versuch einer Zusammenfassung des Tages wagen würde. Stattdessen möchte ich zum Abschluss einen Bogen spannen von der Finanzmarktpolitik, die heute schon ausführlich diskutiert wurde, über unsere eigene Geldpolitik bis hin zum großen Ganzen des Funktionierens der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion.

Eine gemeinsame Währung in einem Staatenverbund wie der Europäischen Union kann langfristig nur funktionieren, wenn Finanzmarktpolitik, Wirtschaftspolitik und Haushaltspolitik auf der europäischen Ebene und in den Mitgliedsstaaten im Rahmen gemeinsamer Regeln ineinandergreifen. Damit wird der unabhängigen Zentralbank die Möglichkeit gegeben, ihrem geldpolitischen Mandat gerecht zu werden. Leider sind wir von diesem Idealzustand noch ein ganzes Stück entfernt.

Die Krise hat uns vor Augen geführt, wie sehr die verschiedenen Politikbereiche sich gegenseitig beeinflussen. Sie hat gezeigt, wie leicht sich schlechte Haushaltsführung, Übertreibungen an den Finanzmärkten und der stete Verlust von Wettbewerbsfähigkeit gegenseitig verstärken können.

Ich bin überzeugt, dass Europa dies verstanden hat. Ich bin allerdings nicht sicher, ob es schon bereit ist, alle notwendigen Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen.

Ohne Frage hat sich seit Beginn der Krise einiges zum Besseren verändert: Die Mehrheit der Mitgliedsstaaten und insbesondere die Programmländer haben erhebliche Anstrengungen unternommen, um ihre Haushalte in Ordnung zu bringen und um in Sachen Wettbewerbsfähigkeit Boden gut zu machen. Mit der Bankenunion machen wir nun auf der europäischen Ebene einen entscheidenden Schritt. Sie wird die Stabilität des Bankensystems im Euroraum erhöhen und die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler in Zukunft effektiver vor teuren Bankenrettungen schützen, indem in Zukunft Risiko und Haftung verstärkt Hand in Hand gehen.

Allerdings lässt die wirtschaftliche Erholung noch auf sich warten: Im vergangenen Quartal stagnierte die Wirtschaft im Euroraum. Die Arbeitslosigkeit liegt noch immer bei 11,5 Prozent. Die Preise stiegen im August nur noch um 0,3 Prozent, auch wenn die Inflationserwartungen weiterhin verankert sind.

Alles in allem sollten uns diese Zahlen Anlass zur Sorge geben. Sie weisen darauf hin, dass Europa noch lange nicht über den Berg ist. Der Patient ist gewissermaßen immer noch stark geschwächt und Rückfälle können leider nicht ausgeschlossen werden.

Finanzmarktpolitik, Haushaltspolitik und Wirtschaftspolitik harmonieren eben noch immer nicht ausreichend, auch weil allzu oft der politische Mut fehlt, die erforderlichen aber mitunter unpopulären Maßnahmen gegen Widerstände durchzusetzen. Ich bin überzeugt, dass darin eine wichtige Ursache für die aktuelle wirtschaftliche Schwäche liegt. In Folge dessen kann auch die Geldpolitik der EZB ihren Auftrag nicht optimal erfüllen. Damit sich das ändert, müssen wir die Funktionsweise der Wirtschafts- und Währungsunion weiter verbessern. Das hieße, die richtigen Konsequenzen aus der Krise zu ziehen.

Alle drei genannten Politikbereiche – Finanzmarktpolitik, Haushaltspolitik und Wirtschaftspolitik – sind dabei von essentieller Bedeutung. Ambitionierte Strukturreformen sind ebenso elementar wie gute Haushaltsführung. Aber da wir heute über Finanzmarktpolitik diskutieren, möchte ich mich heute auf die Vollendung des europäischen Binnenmarktes für Kapital konzentrieren. Wir sollten nicht bei der Bankenunion stehenbleiben. Sie ist ein wichtiger Schritt. Doch die derzeitige Lage im Euroraum verlangt, dass wir uns noch stärker als bisher mit der Frage befassen, wie Finanzierungskanäle gerade für Kleine und Mittelständische Unternehmen (KMUs) auch jenseits des Bankensystems geöffnet werden können. Das würde auch der Umsetzung unserer Geldpolitik zugutekommen. Deshalb möchte ich heute dafür werben, die Bankenunion zu einer umfassenden Kapitalmarktunion weiterzuentwickeln.

Geldpolitik in Zeiten von Unsicherheit und Fragmentierung

Eine solche Kapitalmarktunion wäre ein wichtiger Schritt hin zu einer besseren Kapitalallokation im Euroraum und damit zu mehr Wachstum und Beschäftigung in Europa. Um zu verstehen, wie ein solcher Schritt den Aufschwung im Euroraum unterstützen könnte, empfiehlt es sich jedoch, mit einer Betrachtung unserer eigenen Geldpolitik zu beginnen.

Das derzeitige wirtschaftliche Umfeld macht geldpolitisches Handeln ohne Frage sehr schwierig. Niedriges Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit und sehr geringe Preissteigerungsraten verlangen nach einer sehr akkommodierenden Geldpolitik, um Preisstabilität auf mittlere Frist zu gewährleisten. Dem kommt die EZB seit geraumer Zeit nach.

Ich habe Verständnis, dass Anleger hierzulande diese Politik mit Blick auf ihr Sparkonto kritisch hinterfragen. Aber auch für Sparer gilt: Zu niedrige Inflation über einen zu langen Zeitraum wäre schädlich für die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum und damit für die Erträge auf Erspartes.

Außerdem nehmen die Verträge die EZB in die Pflicht, Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten – und dies gilt in beide Richtungen: Der Bürger in der Eurozone soll sowohl gegen beschleunigte Inflation als auch gegen Deflation geschützt werden.

Die EZB hat vor über einer Dekade Preisstabilität als jährliche Preissteigerungsraten von unter, aber nahe zwei Prozent in der mittleren Frist definiert. Für dieses Jahr können wir allerdings nur 0,6 Prozent Preissteigerung erwarten, für 2015 nur 1,1 Prozent und für 2016 immer noch nur 1,4 Prozent. Das zeigt deutlich, wieso unsere derzeitige sehr akkommodierende Geldpolitik nicht nur ökonomisch angemessen, sondern auch eine gebotene Maßnahme zur Erfüllung unserer vertraglichen Verpflichtung ist. Der EZB-Rat vertritt einhellig diese Einschätzung.

Kernstück dieser Akkommodationsstrategie ist fraglos die Tatsache, dass die EZB in den vergangenen Jahren den Zins für Hauptfinanzierungsgeschäfte kontinuierlich bis zu ihrem niedrigst möglichen Punkt gesenkt hat. Allerdings behindern die noch immer bestehenden Funktionsdefizite der Finanzmärkte eine optimale Übertragung der geldpolitischen Signale, die von diesem sehr niedrigen Zinsniveau ausgehen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen spüren noch zu wenig von der geldpolitischen Akkommodation. Wir sprechen von einem gestörten Transmissionsmechanismus.

Deshalb hat der EZB-Rat bereits im Juni einhellig eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, die die Übertragung unserer Geldpolitik verbessern werden: Zum ersten haben wir beschlossen, unsere Hauptrefinanzierungsgeschäfte bis mindestens Dezember 2016 als Mengentender mit Vollzuteilung zu tätigen – Banken werden also so viel Liquidität erhalten, wie sie benötigen, solange sie angemessene Sicherheiten vorweisen können. Zum zweiten haben wir den Zinssatz der Einlagefazilität erstmalig unter null gesenkt und ihn vergangene Woche noch weiter reduziert.

Damit wollen wir übrigens nicht die Banken bestrafen, wie ich oft lesen musste. Vielmehr geben wir ihnen einen Anreiz, Liquidität nicht bei der Zentralbank zu parken, sondern sie produktiv an die Realwirtschaft weiterzugeben. Gerade in einem Umfeld, in dem es für Unternehmen ohnehin schwierig ist, an Kapital für eigene Investitionen zu gelangen, ist es wichtig, dass Banken auch ausreichend Mittel für rentable Projekte bereitstellen.

Drittens haben wir uns entschlossen, im Rahmen von insgesamt acht gezielten längerfristigen Refinanzierungsgeschäften Banken langfristige Liquidität für einen Zeitraum bis 2018 zur Verfügung zu stellen – und zwar proportional zu ihrem Kreditvolumen gegenüber der Realwirtschaft. Damit werden Banken ermutigt, Unternehmen im Euroraum mit Krediten zu versorgen. Gleichzeitig wird die Unsicherheit über die Liquiditätssituation der Banken gesenkt, sodass sich die Banken auch untereinander wieder verstärkt Geld leihen können, insbesondere auch über die Grenzen der Mitgliedsstaaten hinweg.

Der realwirtschaftliche Fokus dieses Instruments wird besonders dadurch deutlich, dass nicht nur in einem ersten Schritt der bestehende Kreditbestand für die Zuteilung der Liquidität maßgeblich ist, sondern in einem zweiten Schritt auch der Trend über den Zeitraum des Geschäftes berücksichtigt werden wird. Damit werden Banken dazu angehalten, in den kommenden Monaten und Jahren ihr Kreditvolumen gegenüber Unternehmen und Haushalten weiter auszudehnen.

Um diese Maßnahmen zu verstärken, hat der EZB-Rat letzte Woche beschlossen, im Oktober mit dem Ankauf von besicherten Kreditverbriefungen – kurz ABS – und von Covered Bonds, also zum Beispiel Pfandbriefen, zu beginnen. Die Details dieser beiden Programme werden nach der Sitzung des Rates Anfang Oktober bekannt gegeben werden.

Die Entscheidung, mit dem Ankauf von ABS zu beginnen, ist das erste Ergebnis eines intensiven Vorbereitungsprozesses, der noch immer weiterläuft. Für mich ist dabei klar, dass diese Maßnahmen auf den geldpolitischen Transmissionskanal zielen. Sie sind weder gleichzusetzen mit einem breit angelegten Programm der quantitativen Lockerung oder „Quantitative Easing“ (QE) noch stellen sie die Ouvertüre dazu dar.

Weder ist die ökonomische Logik der angelsächsischen QE-Programme Eins zu Eins auf ein bankenfinanziertes Wirtschaftssystem wie den Euroraum übertragbar. Noch wäre die Effektivität derzeit gesichert angesichts der stark abgeschmolzenen Renditeniveaus marktfähiger Papiere. Die Hausse an den Märkten für Zinspapiere würde zudem die Risikotragfähigkeit unserer Bilanz strapazieren, sollten wir in einem solchen Umfeld in großem Umfang Ankäufe tätigen. Und dass der Ankauf von Staatsanleihen nicht unerhebliche institutionelle, instrumentelle sowie rechtliche Fragen aufwerfen würde, versteht sich fast schon von selbst.

Auch wenn manche augenscheinlich in diese Richtung drängen, käme dies nur unter zwei Bedingungen in Frage:

  1. falls die Preisentwicklung auf dem derzeitigen sehr niedrigen Niveau zu lange verharrt

  2. unter der strikten Einhaltung unseres währungspolitischen Mandats.

Aber zurück zum Markt für ABS. Mit diesem haben wir uns bereits seit geraumer Zeit genauer beschäftigt. Wir sind der Meinung, dass dieser ein wichtiger Kanal für eine vermehrte Kreditvergabe an kleinere und mittlere Unternehmen sein könnte.

Aufgrund ihrer geringen Größe können KMUs in der Regel selbst keine Anleihen begeben. Wenn Banken nun die Möglichkeiten bekommen, Kredite an KMUs zu verbriefen, und an andere Investoren zu verkaufen, nimmt man ihnen ein erhebliches Hemmnis für eine langfristige Kreditvergabe an diese Unternehmen, nämlich die Unsicherheit, in schwierigeren Zeiten dem Ausfallrisiko und der niedrigen Liquidität dieser Kredite ausgesetzt zu sein.

Ein funktionierender ABS-Markt kann also einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass unsere Geldpolitik die Realwirtschaft in ihrer vollen Breite erreicht.

Damit komme ich auf meine Ausgangsthese zurück, dass die Geldpolitik im Euroraum besser funktionieren kann, wenn die anderen Politikbereiche ihren Beitrag leisten. Denn die Dynamik des ABS-Marktes ist erheblich vom regulatorischen Rahmen geprägt. Und hier liegt einiges im Argen.

Lassen sie mich aber ganz deutlich sagen: Niemand will die intransparenten komplexen Produkte der Vorkrisenjahre zurückhaben. Auch Verbriefungen der Verbriefungen der Verbriefungen einer x-ten Tranche eines Finanzderivates sollten der Vergangenheit angehören.

Es will auch niemand eine bestimmte Produktklasse um ihrer selbst willen fördern. Und ganz sicher haben verbriefte Ramschhypotheken in den USA einen unrühmlichen Beitrag zur Entstehung der Finanzkrise geleistet. Aber der Regulierungsrahmen sollte dem tatsächlichen Risiko gerecht werden. Und hier gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Verbriefungen der Vergangenheit sowie der Erfahrungen in USA und Europa.

Seit dem Beginn der Finanzkrise 2007/08 lagen die Ausfallraten europäischer ABS im Mittel zwischen 0,6-1,5 Prozent. In den USA lagen sie im gleichen Zeitraum im Durchschnitt bei 9,3 bis 18,4 Prozent. Europäische KMU-ABS liegen sogar noch weiter unter diesen Ausfallraten, mit Ausfällen von etwa 0,1 Prozent.

Die derzeitigen Regeln scheren die Produktklasse „Verbriefungen“ jedoch über einen Kamm und sind bei weitem zu konservativ. Sie stellen damit praktisch ihre Existenz in Frage.

Einfache, transparente, und auf realen Gegenwerten aufbauende Kreditverbriefungen haben es unter den derzeitigen regulatorischen Gegebenheiten fast genauso schwer wie weitaus komplexere Finanzprodukte. Die EZB hat deshalb in Zusammenarbeit mit der Bank von England eine Reihe von Vorschlägen gemacht, wie eine zukunftsorientierte Regulierung des ABS-Marktes aussehen könnte. Dass dieser Ansatz grundsätzlich auch bei den Regierungen der Mitgliedstaaten Anklang findet, belegt das gemeinsame Arbeitspapier der Finanzministerien in Berlin und Paris.

Diese leiten sich mitunter von den Qualitäts- und Transparenzanforderungen ab, die die Zentralbanken an Verbriefungen stellen, die als Pfand bei den geldpolitischen Geschäften hinterlegt werden können. Und da wir als Notenbank unsere Bilanz schützen müssen, sind diese Anforderungen von je her sehr hoch. Der ABS-Markt ist also ein gutes Beispiel, wie die Finanzmarktpolitik sowohl unsere Geldpolitik begünstigen als auch zum Aufschwung im Euroraum beitragen kann. Damit sind zwei Ziele guter Finanzmarktpolitik im europäischen Kontext schon benannt: Sie sollte wachstumsfreundlich sein und sie sollte eine erfolgreiche Implementierung der Geldpolitik unterstützen. Dazu kommt selbstverständlich noch ein drittes, nicht erst seit der Finanzkrise zentrales Ziel: Die Wahrung von Finanzstabilität zu wahren und systemischer Risiken einzudämmen.

Von der Bankenunion zur Kapitalmarktunion

Für den Bankensektor wurde dieser Dreiklang bereits verstanden und zu einem Gutteil umgesetzt, auch wenn einige Baustellen verbleiben. Die Bankenunion mit der gemeinsamen Bankenaufsicht bei der EZB ist ein Meilenstein in der Geschichte der europäischen Integration. Unsere umfassende Bilanzbewertung und unser Stresstest werden für mehr Transparenz und ein gesunderes Bankensystem im Euroraum sorgen. Der einheitliche Abwicklungsmechanismus SRM wird seinen Teil dazu beitragen. Er wird die Gefahr mildern, dass die Steuerzahler in Zukunft die Rechnung für die Rettung in Schieflage geratener Banken begleichen müssen. Darüber hinaus wird er die Fragmentierung weiter zurückdrängen, in dem er die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Banken und Staaten nachhaltig verringern wird.

Gleichzeitig bestätigt sich derzeit beim Aufbau der einheitlichen Bankenaufsicht, dass die Bankenunion eben auch kein in sich geschlossenes System ist. Vielmehr ist eine europäische Bankenaufsicht auch auf möglichst einheitliche und transparente Standards in anderen Bereichen angewiesen. Einigen von Ihnen dürfte die Diskussion über die Definition sogenannter „fauler Kredite“ im Rahmen der umfassenden Bilanzbewertung bekannt sein. Eine Bankenaufsicht, die auf Dauer mit 18 verschiedenen nationalen Regelungen arbeiten muss, ist weder besonders wirtschaftlich, noch kann sie langfristig das Ziel über Grenzen hinweg vergleichbarer Bankbilanzen erreichen.

Schon im Bereich des Bankensektors stellt sich also die Frage, inwieweit wir in Zukunft über die Bankenunion hinausdenken müssen um einen funktionierenden Binnenmarkt für Finanzdienstleistungen zu erreichen. Bei der Beantwortung dieser Frage spielen meiner Ansicht nach drei Dimensionen eine Rolle. Die erste Dimension ist die Marktöffnung an sich. In dieser Beziehung haben wir innerhalb der EU schon sehr viel erreicht. Die zweite Dimension ist die Einführung gemeinsamer einheitlicher Regulierungsstandards für den Binnenfinanzmarkt. Die dritte Dimension sind gemeinsame Institutionen, die diese Regulierungsstandards durchsetzen. Wie viel Integration benötigen wir also jenseits des Bankensystems: Ist es beispielsweise nicht einseitig, Fragmentierung nur in Bezug auf das Bankensystem zurückzudrängen, und wie gehen wir mit den Schattenbanken in diesem Zusammenhang um? Wenn die Bankenaufsicht europäisch wird, können dann Zahlungssysteme weiterhin national überwacht werden? Wie schaffen wir es, kleinen und mittleren Unternehmen Zugänge zu Kapitalmärkten jenseits der Banken zu ermöglichen, wenn diese zersplittert und uneinheitlich reguliert sind?

All diese Fragen verlangen eine konsistente Antwort. Ich meine, diese Antwort könnte die Weiterentwicklung der Bankenunion und der kleinteiligen Regulierung des Finanzsystems zu einer echten Kapitalmarktunion auf europäischer Ebene sein

Finanzmärkte sind komplex, und eine Kapitalmarktunion hätte Auswirkungen auf eine ganze Reihe verschiedener Bereiche. Lassen Sie mich deshalb zum Schluss nur drei Komplexe näher beleuchten:

Erstens müssen wir sicherstellen, dass eine stringente Regulierung des Bankensystems nicht zur Abwanderung schlechter Risiken in den Nicht-Banken-Bereichen führt, ohne dass sichergestellt wäre, dass diese dort nicht doch noch systemischen Schaden anrichten können. Abgesehen davon, dass der Begriff „Schattenbanken“ reichlich unglücklich gewählt ist, halte ich hier Transparenz für besonders wichtig. Zugleich sollten nur die Bereiche reguliert werden, von denen tatsächlich Systemrisiken ausgehen. Innovationen im Finanzsektor sollen nicht per se verhindert werden.

Zweitens sind viele Finanzinstrumente nicht einheitlich europäisch und manchmal überhaupt unzureichend vergleichbar, weil Standards fehlen und es an Transparenz mangelt. Ich habe bereits das Problem der besicherten Kreditverbriefungen angesprochen. Das Fehlen angemessener Informationen in diesem Bereich ist ein Problem für den Zugang von KMUs zu Krediten. Hier und in Bezug auf viele weitere Finanzinstrumente kann regulatorisches Handeln marktunterstützend wirken. Wie schon angesprochen kann der gemeinsame Bericht der Bank von England und der EZB hier eine gute Basis bieten.

Drittens gibt es auf dem Gebiet des Zahlungsverkehrs und der Wertpapierabwicklung ebenfalls Herausforderungen, die eine Kapitalmarktunion angehen muss: Trotz vieler Fortschritte, die im letzten Jahrzehnt im Zahlungsverkehr bereits gemacht wurden, ist die Wertpapierabwicklung im Euroraum heute nach wie vor fragmentiert, ineffizient und nicht sehr kundenfreundlich. Das ist nicht nur ein Problem gerade für kleinere Unternehmen, für die die Anpassung an die verschiedenen Gegebenheiten in den Mitgliedsstaaten häufig mit hohen Kosten verbunden ist, sondern so auch für das Zusammenwachsen und Funktionieren des Binnenmarktes insgesamt. Zu den möglichen Lösungen gehören harmonisierte europäische Marktinfrastrukturen für Massen- und Großbetragszahlungsverkehr und die Abwicklung von Wertpapiertransaktionen, sowie eine koordinierte und stärker harmonisierte Überwachung kritischer Marktinfrastrukturen. Auf alle diesen Gebieten, auf denen das Eurosystem kompetent ist, wurden die entsprechenden Initiativen bereits vor einigen Jahren eingeleitet und konnten bereits erhebliche Fortschritte erzielt. Im Massenzahlungsverkehr zum Beispiel gibt es seit August 2014 keinen Unterschied mehr zwischen nationalen und grenzüberschreitenden Überweisungen und Lastschriften von Unternehmen und Bürgern. Dies und die Tatsache, dass die IBAN inzwischen ein Teil unseres täglichen Lebens geworden ist, zeigt, wie weit wir im Bereich der Massenzahlungen vorangekommen sind. Der einheitliche Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA ist ein wichtiges europäisches Integrationsprojekt, von dem alle Unternehmen und Bürger in Europa direkt profitieren.

Einen vergleichbaren Grad an Integration wäre auch für Kartenzahlungen erstrebenswert, damit auch dieser Zahlungskanal innerhalb Europas nicht durch virtuelle Schlagbäume diskriminiert wird. Langfristig sollte es überhaupt keine „Roaming-Gebüren“ innerhalb des europäischen Zahlungsverkehrs geben.

Während bereits Fortschritte erzielt wurden, bleiben doch viele Herausforderungen, um den Euroraum in einen „einheitlichen Euro-Zahlungs- und Abwicklungsraum“ zu machen. Dazu zählen insbesondere allerlei Hemmnisse, die aus unterschiedlichen Marktusancen und -standards sowie Steuer-, Rechnungslegungs- und Rechtssystemen in den Mitgliedsländern resultieren. Der Abbau dieser Hemmnisse übersteigt die Kompetenz des Eurosystems. Andere Akteure müssen ebenfalls handeln, um die Kapitalmarktunion Wirklichkeit werden zu lassen.

Dies sind nur drei Beispiele, doch eine echte Kapitalmarktunion könnte selbstverständlich weit darüber hinausgehen. Unterschiede in all diesen Bereichen leisten Fragmentierung Vorschub und könnten im Rahmen des Projektes Kapitalmarktunion angegangen werden. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, welche Akteure dabei eine Rolle spielen könnten. Welche Funktion könnten beispielsweise die Europäischen Aufsichtsbehörden EBA, ESMA und EIOPA übernehmen? Deren Tätigkeit und Aufgaben wird gerade in Brüssel überprüft. Nicht zuletzt müssen wir unterscheiden, in welchen Bereich die EU von sich aus tätig werden kann und an welchen Stellen die Mitgliedstaaten gefragt sind.

Mir ist sehr bewusst, dass dies ambitionierte Vorschläge sind, die sich nicht von heute auf morgen werden umsetzen lassen. Doch nicht zuletzt die Tatsache, dass der künftige Präsident der Europäischen Kommission die Idee bereits aufgegriffen hat, stimmt mich optimistisch. Die Herausforderung der nächsten Monate wird nun darin bestehen, politisches Bewusstsein für die enorme wirtschaftspolitische Relevanz dieses sehr technischen Bereiches zu schaffen.

Meine Damen und Herren,

Ende letzten Jahres äußerte der Herausgeber der ZEIT und frühere Bundeskanzler, Helmut Schmidt, es stehe in keiner Bibel geschrieben, dass die Europäische Union in ihrer heutigen Gestalt das Ende des 21. Jahrhunderts erleben werde. Er sagte das aus Sorge, aber in der Hoffnung, er möge nicht Recht behalten.

Diese Logik funktioniert aber auch umgekehrt: Gerade weil sich das globale Umfeld, in dem wir uns bewegen, sich radikal verändert hat und gerade weil Europa heute auf den Weltmärkten ganz anders herausgefordert ist, als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren, muss sich auch die Union kontinuierlich verändern. Es ist gut, dass die ZEIT uns heute hier im Sinne Schmidts zusammengebracht hat, um genau diese Weiterentwicklungen im Bereich der Finanzmarktpolitik zu diskutieren. Und ich bin überzeugt, dass die Kapitalmarktunion ein wichtiger Beitrag sein könnte, Europa für eben die globalen Herausforderungen fit zu machen, die Helmut Schmidt seit vielen Jahren beschreibt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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