Der Euro und die Währungen der neuen EU-Länder

Dr. Gertrude Tumpel-Gugerell
Mitglied des Direktoriums
Europäische Zentralbank
Oberstdorfer Wirtschaftsforum
Oberstdorf, 11. März 2005

Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich, heute am Oberstdorfer Wirtschaftforum teilnehmen zu können und möchte mich sehr herzlich für die Einladung bedanken. Da Oberstdorf infolge der jüngsten Erweiterung geographisch fast ins Zentrum der Europäischen Union (EU) gerückt ist, bietet es sich an, die EU-Erweiterung zum Thema der heutigen Veranstaltung zu machen.

Europa hat vor nun knapp einem Jahr ein Ereignis von großer historischer Bedeutung erlebt. Am 1. Mai 2004 sind 10 neue Mitgliedstaaten der Europäischen Union beigetreten.

Noch vor anderthalb Jahrzehnten befanden sich die meisten der neuen Mitgliedstaaten jenseits des Eisernen Vorhangs. Mit der jüngsten Erweiterungsrunde ist Europa nun ein großes Stück weiter zusammengewachsen.

Mit dem Beitritt zur EU haben sich die neuen Mitgliedstaaten zugleich verpflichtet, mittelfristig an der Europäischen Währungsunion (WWU) teilzunehmen. Konkret bedeutet dies, dass der Euro in naher Zukunft auch in den neuen Mitgliedstaaten als offizielles Zahlungsmittel zirkulieren wird. Es ist anzunehmen, dass dadurch auch der Euro als internationale Währung weiter an Bedeutung gewinnen wird.

Nach der Erweiterungsrunde 2004 betrachtet die Europäische Union vier weitere Europäische Länder als Beitrittskandidaten: Rumänien, Bulgarien, Kroatien und die Türkei.

In meinem Vortrag heute möchte ich mich vor allem auf drei Aspekte konzentrieren, nämlich:

  1. die wirtschaftlichen Auswirkungen der Erweiterung für die alten und neuen Mitgliedstaaten;

  2. die nächsten Schritte der neuen Mitgliedstaaten auf ihrem Weg zur Einführung des Euro; und schließlich möchte ich kurz über

  3. die Bedeutung des Euro als internationale Währung sprechen.

Ökonomische Aspekte der EU Erweiterung

Die jüngste Erweiterungsrunde der EU war in vielfacher Hinsicht bedeutsam. Lassen Sie mich dies anhand einiger Indikatoren kurz verdeutlichen: Mit dem Beitritt von 10 neuen Ländern ist die Europäische Union nun auf 25 Mitgliedstaaten angewachsen. Die Bevölkerung der neuen Mitgliedstaaten beträgt zusammengenommen knapp 75 Millionen.

Dies entspricht einer Zunahme der gesamten Bevölkerung in der EU um circa 16%.

Im Vergleich zur Bevölkerungszunahme fällt die Zunahme der Wirtschaftsleistung der EU infolge der Erweiterung jedoch geringer aus. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der neuen Mitgliedstaaten liegt derzeit bei lediglich 4,5% des BIP der erweiterten Europäischen Union.

Das relativ geringe wirtschaftliche Gewicht der neuen Mitgliedstaaten verdeutlicht, dass trotz ihres kräftigen Wachstums in den letzten Jahren das Pro-Kopf-Einkommen in den meisten neuen Mitgliedstaaten immer noch sehr niedrig ist. Ausgedrückt in Kaufkraftparität liegt es derzeit bei etwas mehr als 50% des EU-Durchschnitts.

Lassen Sie mich an dieser Stelle jedoch betonen, dass dies zugleich Aufschluss über das enorme Wachstumspotential insbesondere der mittel- und osteuropäischen Länder gibt. Betrug das durchschnittliche Wirtschaftswachstum der neuen EU-Staaten zwischen 1995 und 1999 noch 4,0%, so konnte dies auf 5,4% im Jahr 2004 gesteigert werden.[1] Vergleicht man damit das Wachstum des Euroraums, das letztes Jahr bei 2,0% lag, so kann von einer Annäherung der Pro-Kopf-Einkommen innerhalb der EU ausgegangen werden. Die Erfahrungen anderer EU Staaten, wie zum Beispiel Spaniens, Irlands oder Portugals, verdeutlichen dies.

Mit der jüngsten Erweiterungsrunde sind die Wirtschaftstrukturen in der Europäischen Union insgesamt heterogener geworden. Dies ist auch nicht weiter verwunderlich, bedenkt man welch enorme wirtschaftliche, gesellschaftliche und institutionelle Umwandlungen die meisten der neuen Mitgliedstaaten in den letzten Jahren vorgenommen haben bzw. noch weiter vornehmen. Unterschiede zwischen den neuen Mitgliedsländern und den EU-15 Ländern bestehen beispielsweise hinsichtlich der relativen Bedeutung der einzelnen Produktionssektoren. So ist etwa der Anteil des Agrarsektors in den neuen Mitgliedsländern im Durchschnitt noch höher als in den EU-15 Ländern. Zudem weisen die neuen Mitgliedsländer im Durchschnitt eine deutlich höhere Arbeitslosenquote auf. In Polen lag die Arbeitslosenquote im Jahr 2004 etwa bei 18,8%, in der Slowakei bei 18,0%. Dies spiegelt zum großen Teil die zuvor erwähnten wirtschaftlichen Umstrukturierungen wider. Es gibt aber auch Länder wie etwa Ungarn (5,9%) oder Slowenien (6,0%), die eine Arbeitslosenquote haben, die deutlich unter dem Niveau der Europäischen Union liegt.

Welche Auswirkungen hat die Erweiterung für die EU insgesamt? Meiner Ansicht nach werden letztlich alle 25 Mitgliedstaaten von der Erweiterung profitieren. Die EU-Erweiterung ist kein Null-Summen-Spiel, in dem die einen nur auf Kosten der anderen gewinnen können. Vielmehr ist davon auszugehen, dass auch die EU-15 Länder von dem zu erwartenden Aufholprozess in den neuen Mitgliedstaaten profitieren werden. Lassen Sie mich dies etwas näher erläutern.

Die neuen Mitgliedstaaten sind zumeist kleine, sehr offene Volkswirtschaften, in denen der Außenhandel eine zentrale Rolle spielt. Ein Problem, das einige neue EU-Staaten haben, ist ein relativ großes Leistungsbilanzdefizit. In Polen und der Slowakei ist eine deutliche Reduktion gelungen.

Seit Beginn der neunziger Jahre hat die Handelsverflechtung zwischen den neuen Mitgliedstaaten und den EU-15 Ländern, bzw. dem Euroraum kontinuierlich – und in beide Richtungen - zugenommen. Durch dieses Wachstum haben die neuen Mitgliedstaaten für den Euroraum handelspolitisch zunehmend an Bedeutung gewonnen.

Der Anteil der Exporte des Euroraums in die neuen Mitgliedstaaten lag 2003 bei etwas über 11% der gesamten Exporte.

Die neuen Mitgliedstaaten als Gruppe betrachtet sind damit ein größerer Handelspartner des Euroraums als beispielsweise Japan, auf das 3% des Gesamtexports entfallen.

Betrachtet man die großen Wirtschaftsregionen, so sind Asien und die USA für den Export des Euroraums etwa gleichbedeutend. Der Euroraum importiert jedoch mehr aus den USA (17%) als aus Asien (14%).

Mit dem Beitritt zur EU unterliegen die neuen Mitgliedstaaten nun auch den Binnenmarktregeln, was sich positiv auf die Wettbewerbssituation innerhalb der erweiterten EU auswirken dürfte.

Die neuen Mitgliedsländer profitieren damit unter anderem vom Prinzip der Freizügigkeit des Waren- und Dienstleistungsverkehrs. Zölle und Einfuhrbeschränkungen, die bislang in einigen Bereichen den Wettbewerb reduziert haben, sind nun aufgehoben. Zwar gelten vereinzelt noch Übergangsregelungen, vor allem im Bereich der Freizügigkeit der Arbeitnehmer, und nicht alle Binnenmarktregeln sind bereits vollständig in nationales Recht eingeflossen. Insgesamt liegen jedoch weitestgehend gleiche Wettbewerbsbedingungen in den 25 Mitgliedstaaten vor.

Es ist zu hoffen, dass durch mehr Wettbewerb die dringend notwendigen Strukturreformen in der erweiterten EU vorangetrieben werden. Zudem führt mehr Wettbewerb auch zu einer stärkeren Innovationstätigkeit bei den Unternehmen. Daraus ergeben sich wiederum wichtige positive Impulse für die Produktivitätsentwicklung und das Wachstumspotential innerhalb der gesamten Europäischen Union.

Perspektiven der monetären Integration

Lassen Sie mich nun zum zweiten Teil meines Vortrages kommen, nämlich zu der monetären Integration und der Frage, wann die neuen Mitgliedstaaten den Euro als ihre eigene Währung einführen können.

Mit dem Beitritt zur EU haben sich die neuen Mitgliedstaaten unter anderem verpflichtet, ihre Wechselkurspolitik als eine Angelegenheit von gemeinsamem Interesse zu betrachten. Zudem gehören die nationalen Zentralbanken der neuen Mitgliedstaaten dem Europäischen System der Zentralbanken an. Damit sind sie auch dem primären Ziel verschrieben, Preisstabilität zu gewährleisten.

Gemäß den Bestimmungen des EU Vertrages haben die neuen Mitgliedstaaten mit ihrem Beitritt zur EU automatisch dem Ziel der Einführung des Euro als gemeinsamer Währung zugestimmt. Ausnahmeregelungen wie sie seinerzeit im Fall von Großbritannien oder Dänemark vereinbart wurden, sind folglich ausgeschlossen. Wie Sie wissen, bedeutet die EU Mitgliedschaft jedoch nicht eine sofortige Übernahme der Gemeinschaftswährung. Vielmehr sieht der EU Vertrag vor, dass die Länder, nachdem sie der EU beigetreten sind, eine nachhaltige Konvergenz – sprich Annäherung – nachweisen müssen, bevor sie den Euro als letzten Schritt der monetären Integration einführen können. Konkret bedeutet dies einen hohen Grad an Preisstabilität, eine auf Dauer tragfähige Finanzlage der öffentlichen Haushalte, Teilnahme am Europäischen Wechselkurssystems (WKM II) - für mindestens zwei Jahre - und ohne starke Wechselkursspannungen, und schließlich eine ausreichende Konvergenz der langfristigen Kapitalmarktzinsen. Ich möchte betonen, dass dies genau die gleichen Kriterien sind wie diejenigen, die seinerzeit bei den heutigen Mitgliedern des Eurogebietes angewendet worden sind.

Die Fortschritte bei der Erzielung nachhaltiger Konvergenz werden laut EU Vertrag mindestens alle zwei Jahre überprüft oder auf Verlangen der betroffenen Mitgliedstaaten. In diesem Zusammenhang erstellen sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die Europäische Kommission jeweils sogenannte Konvergenzberichte - zuletzt wurden diese im Oktober letzten Jahres veröffentlicht. Darin wurden zum ersten Mal auch die Konvergenzfortschritte der neuen Mitgliedstaaten untersucht. Keinem der untersuchten Mitgliedstaaten wurde eine ausreichend nachhaltige Konvergenz bescheinigt.

Mit welchen Problemen sind die neuen Mitgliedstaaten bei ihrem Bemühen um wirtschaftliche Konvergenz konfrontiert? Was ist erforderlich, um sich für den Euro zu qualifizieren?

a) Öffentliche Finanzen

Im Jahr 2004 lag in sechs von den zehn neuen Mitgliedstaaten der EU das öffentliche Defizit teilweise deutlich über der 3%-Grenze. Polen hatte mit 6,0% das höchste Budgetdefizit der neuen Mitgliedstaaten, gefolgt von der Tschechischen Republik (5,9%), Malta (5,9%), Ungarn (4,9%), Zypern (4,6%) und der Slowakei (4,1%).

Zypern (74,6% des BIP) und Malta (73,9% des BIP) haben darüber hinaus auch noch das Problem relativ hoher Schuldenstände. Die Niveaus in den anderen neuen Mitgliedstaaten liegen zwar unter dem Referenzwert von 60% des BIP, weisen aber steigende Tendenz auf.

Das Tempo der Fiskalkonsolidierung fiel in den neuen Mitgliedstaaten deutlich niedriger aus, als man dies aufgrund des Wirtschaftswachstums erwarten hätte können. In Ungarn wurde etwa bei einem Wachstum, das höher ausfiel als erwartet, sowohl das ursprüngliche (4,6% des BIP) als auch das revidierte Defizitziel (5,3%) verfehlt. Auch in Polen konnte das Defizit im Jahr 2004 trotz des höchsten Wirtschaftswachstums seit 1997 nicht maßgeblich gesenkt werden.

Eine weitere Herausforderung für die öffentlichen Finanzen stellt die Alterung der Bevölkerung dar. Auf der Graphik sehen Sie die Entwicklung der Bevölkerung im Euroraum. Ab dem Jahr 2020 werden wir einen Rückgang der Bevölkerung beobachten. Gleichzeitig wird der Anteil der Rentner im Euroraum immer größer. Im Jahr 2050 werden auf zwei Beschäftigte ein Rentner kommen, heute ist das Verhältnis 3 zu 1. Auch in den neuen Mitgliedstaaten ist das Phänomen einer alternden Bevölkerung zu beobachten.

b) Preisstabilität

In den vergangenen zwei Jahren war die Inflationsrate in den meisten neuen EU-Ländern verhältnismäßig niedrig. Lag der gewichtete Durchschnitt der Inflationsraten (HVPI) in diesen Ländern Anfang 1997 noch bei annähernd 10%, so ging er bis Mitte 2002 auf rund 2% zurück, wo er bis Anfang 2004 blieb. In den letzten Monaten hat sich die Preissteigerung gemessen am HVPI jedoch wieder deutlich beschleunigt. Ausschlaggebend hierfür waren die Erhöhung der indirekten Steuern und administrierten Preise im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt, die schnell wachsende Binnennachfrage sowie steigende Energiepreise. Die in jüngster Zeit verzeichnete hohe inländische Nachfrage sowie die Lohnentwicklungen dürften in vielen Ländern in naher Zukunft anhaltende Preissteigerungen zur Folge haben. Daher haben die Zentralbanken in einigen Ländern ihre Leitzinsen erhöht, um den steigenden Inflationsrisiken entgegenzuwirken.

Die Inflationsrate lag 2004 in der Slowakei mit 8,4% am höchsten, gefolgt von Ungarn (6,5%) und Lettland (4,9%).

Während sich die Lohnsteigerungen in den neuen Mitgliedstaaten durchschnittlich verringerten, ist das Wachstum der Lohnstückkosten in fast allen Ländern nach wie vor hoch und hat in vielen Fällen in den letzten Jahren sogar zugenommen.

c) Wechselkursstabilität

Während alle Länder, die den Euro einführen wollen, am Ende nachhaltige Konvergenz vorweisen müssen, ist nicht vorgesehen, dass die potentiellen Euro-Anwärter vor ihrer Mitgliedschaft am Europäischen Wechselkursmechanismus (WKM-II) ein bestimmtes Wechselkursregime verfolgen müssen. Sie sind relativ frei in ihrer Entscheidung, wie sie das Ziel stabiler Wechselkurse innerhalb des WKM II erreichen. Bei der Wahl der Wechselkurssysteme gibt es demnach zwischen den neuen Mitgliedstaaten sehr große Unterschiede.

Einige Länder, wie zum Beispiel Estland und Litauen haben ein Currency-Board – also ein Fixkurssystem mit fester Wechselkursanbindung an den Euro, während andere Länder, wie etwa Slowenien oder Ungarn ihren Wechselkurs in gewissen Bandbreiten kontrollieren, und Polen derzeit sogar vollkommen flexible Wechselkurse hat.

Der WKM II selbst basiert auf einem Regime fester, aber anpassungsfähiger Wechselkurse. Entscheidungen über den jeweiligen Leitkurs gegenüber dem Euro werden im gegenseitigen Einverständnis getroffen. Die Standard-Schwankungsbandbreite beträgt ±15 Prozent. Grundsätzlich kann ein Land auch ein Wechselkursregime mit geringeren Bandbreiten oder einer festen Wechselkursbindung beibehalten. Allerdings handelt es sich dabei in der Regel um eine einseitige Bindung von Seiten des Mitgliedslandes. Auch die Dauer der Teilnahme am WKM II ist flexibel, abgesehen von der bereits erwähnten Mindestdauer von zwei Jahren als eine der Voraussetzungen für die Erfüllung der Konvergenzkriterien.

Wie zu erwarten, ist das Tempo der monetären Integration von Land zu Land sehr unterschiedlich. Am 27. Juni 2004 sind die ersten drei der neuen Mitgliedstaaten, nämlich Estland, Litauen und Slowenien, dem Europäischen Wechselkursmechanismus beigetreten. Alle drei Länder sind mit einem Leitkurs gegenüber dem Euro mit der Standard-Schwankungsbandbreite von ±15 Prozent beigetreten, wobei Estland und Litauen jeweils ihr Currency-Board System auf Euro-Basis als einseitige Bindung innerhalb des WKM II beibehalten haben.

Bislang verlief die Teilnahme dieser drei Länder ohne Komplikationen. Einige der neuen Mitgliedsstaaten, insbesondere diejenigen mit hohen Haushaltsdefiziten, planen hingegen, dem WKM II erst zu einem späteren Zeitpunkt beizutreten. Für sie mag es von Vorteil sein, solange vom Anpassungsinstrument flexibler Wechselkurse Gebrauch zu machen, bis deutliche Fortschritte bei der Fiskalpolitik erreicht worden sind.

d) Langfristige Zinsen

In den Jahren 2001 und 2002 waren die langfristigen Zinssätze in neun von den zehn neuen EU-Mitgliedstaaten (d. h. in der Tschechischen Republik, Zypern, Lettland, Litauen, Ungarn, Malta, Polen, Slowenien und der Slowakei) allgemein rückläufig und näherten sich dem Zinsniveau des Euro-Währungsgebiets deutlich an. Hinter dieser Entwicklung standen vor allem ein niedrigerer Inflationsdruck, die Einschätzung des Marktes bezüglich der Mitgliedschaft in der EU und der Teilnahme am Euro-Währungsgebiet sowie in einigen der neuen Mitgliedstaaten auch die besondere Glaubwürdigkeit der Geldpolitik.

Die Entwicklung der langfristigen Zinsen kehrte sich in den folgenden zwei Jahren wieder um und der Abstand zum Niveau des Euroraums vergrößerte sich neuerlich ein wenig.

e) Zeitpunkt des Eurobeitritts

Die neuen EU-Mitgliedstaaten verfolgen unterschiedliche Zeitpläne bei der geplanten Einführung des Euro. Litauen, das dem Wechselkursmechanismus bereits im Juni des vergangenen Jahres beigetreten ist, plant, den Euro bereits Mitte 2006 einzuführen. Die meisten anderen Staaten sehen 2007 bis 2009 für den Zeitpunkt der Einführung der gemeinsamen Währung in ihrem Land. Ungarn plant, den Euro 2010 einzuführen.

Ich möchte an dieser Stelle jedoch noch einmal betonen, dass die Grundvoraussetzung für die tatsächliche Einführung des Euro die nachhaltige Erfüllung aller Konvergenzkriterien ist. Danach wird sich der endgültige Zeitplan richten.

Der Euro als internationale Währung

Lassen Sie mich nun über die Grenzen der erweiterten EU hinausschauen und auf die internationale Rolle des Euro näher eingehen. Die internationale Rolle des Euro ist seit 1999 schrittweise stärker geworden. Dies betrifft vor allem den internationalen Anleihemarkt und die Nachfrage nach dem Euro als internationaler Emissionswährung.

In den letzten fünf Jahren ist der Anteil des Euro am gesamten Bestand internationaler Schuldtitel um rund 10 Prozentpunkte auf knapp 31% gewachsen.

Anzeichen einer wachsenden Bedeutung der internationalen Rolle des Euro sind auch in seiner Verwendung als internationale Transaktions- und Verrechnungswährung zu erkennen. So wird der Euro seit der Bargeldeinführung verstärkt im internationalen Handel von Ländern des Eurogebietes genutzt. Konkret stieg der Anteil des Euro als Rechnungs- bzw. Transaktionswährung bei Warenexporten von Ländern des Eurogebietes in Länder außerhalb des Eurogebietes in den letzten Jahren deutlich an. Insbesondere in den neuen Mitgliedstaaten und den beitrittswilligen Ländern Südosteuropas nahm die Verwendung des Euro als internationales Zahlungsmittel weiter zu.

An den Devisenmärkten hat sich dagegen die Verwendung des Euro stabilisiert. Ähnliches ist auch bezüglich der Verwendung des Euro als Anker- und Reservewährung festzustellen. Hier zeigt sich vor allem ein zweites zentrales Merkmal der internationalen Rolle des Euro, nämlich dass diese Rolle besonders stark in den Nachbarstaaten des Eurogebietes zu beobachten ist. Konkret verwenden rund 50 Länder den Euro als Anker- oder Referenzwährung. Diese sind unter anderem die:

  • EU-Mitgliedsstaaten, die nicht dem Eurogebiet angehören, und hier insbesondere diejenigen Länder, die am WKM II teilnehmen;

  • Länder, die in den EU-benachbarten Regionen liegen, insbesondere die EU-Beitrittskandidaten bzw. die Länder mit einer Beitrittsperspektive in Südosteuropa; und

  • Länder, die mit der EU oder einzelnen EU-Mitgliedstaaten in besonderer Weise institutionell verbunden sind, wie etwa die Länder der CFA-Franc-Zone in West- und Zentralafrika.

Dagegen ist die Rolle des Euro als Reserve- oder Interventionswährung in Ländern, in denen vor allem der US-Dollar als Ankerwährung genutzt wird, z.B. in Asien und Lateinamerika, weniger stark entwickelt und in den vergangenen Jahren auch nur wenig gewachsen.

Ende 2003 waren knapp 20% der weltweit von Zentralbanken gehaltenen Währungsreserven in Euro denominiert, ein Anstieg von ca. 2,5 Prozentpunkten gegenüber dem Jahr 2000.

Auch an den Kapitalmärkten ist die starke geographische Komponente der internationalen Rolle des Euro erkennbar.

So wurde der Euro als Emissionswährung stark von Kreditnehmern in Nachbarländern des Eurogebietes genutzt. Dies gilt in besonderer Weise für die neuen EU-Mitgliedstaaten. Im Gegensatz hierzu begeben Schuldner in Asien, Lateinamerika sowie dem Nahen und Mittleren Osten weiterhin nur einen kleinen Teil ihrer internationalen Anleihen in Euro.

Lassen Sie mich abschließend erwähnen, dass das Eurosystem die Internationalisierung des Euro als einen weitgehend marktbestimmten Prozess ansieht. Folglich stellt die internationale Rolle des Euro für uns auch kein Politikziel dar, d.h. wir unternehmen keine aktiven Schritte und Maßnahmen, die die internationale Rolle des Euro fördern oder behindern. Aber Vertrauen und Preisstabilität sind entscheidende Voraussetzungen für die internationale Verwendung einer Währung. Damit unterstützt unsere stabilitätsorientierte Geldpolitik die internationale Rolle des Euro.

Schlussbemerkung

Lassen Sie mich kurz zusammenfassen:

Meiner Meinung nach ist die jüngste EU Erweiterung sehr erfolgreich verlaufen. Die positiven Wachstumsimpulse, die sich infolge der Erweiterung für die EU insgesamt ergeben, werden jedoch erst nach einiger Zeit in ihrem vollen Ausmaß zu erkennen sein. Der Erfolg des Beitritts hängt auch wesentlich davon ab, in welchem Maße die Chancen und Herausforderungen der Erweiterung in den alten und neuen Mitgliedstaaten angenommen werden. Ich denke hier vor allem an notwendige Strukturanpassungen und die Lösung der Arbeitsmarktprobleme. Dies wiederum würde sich positiv auf das Wachstumspotential in der erweiterten EU auswirken.

Früher oder später werden die neuen Mitgliedsländer Teil des Eurogebietes sein. Um sich für den Euro zu qualifizieren, müssen sie zuvor allerdings eine nachhaltige Erfüllung der Konvergenzkriterien erzielen. Angesichts der unterschiedlichen Ausgangssituationen dürfte der genaue Zeitpunkt des Beitritts von Land zu Land sehr unterschiedlich sein.

Abschließend habe ich versucht, zu zeigen, dass der Euro international als Währung zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dies ist nicht zuletzt auf das große Vertrauen zurückzuführen, das die Menschen in die neue gemeinsame Währung gefasst haben.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



[1] Quelle: IWF.

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