Zusammenfassung des Vortrags vor dem Club der Wirtschaftspublizisten, Wien

Rede von Gertrude Tumpel-Gugerell, Mitglied des Direktoriums der EZB,
Club der Wirtschaftspublizisten
Wien, am 12. November 2004.

  • Die EZB erwartet für den Euroraum anhaltendes Wirtschaftswachstum für dieses und nächstes Jahr, wenn auch die Dynamik zuletzt etwas nachgelassen hat. Der Einstieg in das Jahr 2004 war sehr positiv, das reale BIP Wachstum betrug 0,7% im ersten und 0,5% im zweiten Quartal 2004. In den EZB Herbst-Projektionen wurden BIP-Wachstumsraten für den Euroraum von 1,6 – 2,2% (2004) und 1,8 – 2,8% (2005) angenommen. Die Werte für die Inflation betrugen 2,1 – 2,3% (2004) und 1,3 – 2,3% (2005). Im Dezember werden die neuen Wirtschaftsprojektionen der EZB veröffentlicht.

  • Die Exporte stützen das Wachstum, aber auch bei den Investitionen ist eine Belebung zu verzeichnen, was u.a. auf die sehr günstigen Finanzierungsbedingungen zurückzuführen ist. Die Stimmung in der Industrie ist laut Umfragedaten der Europäischen Kommission relativ positiv. Die Entwicklung des privaten Konsums ist nach wie vor verhalten. Die Einschätzung der Wirtschaftslage durch die Konsumenten ist weiterhin gedämpft.

  • Die Inflation im Euroraum, gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex, stieg im Oktober 2004 nach ersten Schätzungen von Eurostat auf 2,5% (nach 2,1% im September). Ausschlaggebend für diesen Anstieg ist die Entwicklung der Energiepreise, v.a. des Ölpreises. Die Preise für unverarbeitete Nahrungsmittel trugen hingegen zu einer Entlastung des Preisdrucks bei.

  • Die Ölpreise haben mit USD 52,- pro Fass Rohöl Ende Oktober einen Höhepunkt erreicht. Heute stehen die Preise für ein Fass Rohöl der Marke „Brent“ bei USD 42,-. Eine erste Entlastung ist also zu verzeichnen. Die Auswirkungen der gestiegenen Ölpreise auf die Wirtschaft im Euroraum sind spürbar, aber halten sich bisher in Grenzen. Ein anhaltend hoher Ölpreis würde sich negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken und könnte das Risiko von Sekundäreffekten erhöhen. Allerdings, die europäische Wirtschaft ist heute im Vergleich zu den 1970er und 1980er Jahren wesentlich weniger abhängig von Erdöl und Sekundäreffekte sind bisher nicht feststellbar.

  • Nicht zuletzt wegen der hohen Ölpreise haben die Risiken für das Wirtschaftswachstum sowie die Inflation zugenommen. Die Produzentenpreise zeigten in jüngster Zeit einen beschleunigten Anstieg. Bisher ist jedoch kein Aufbau stärkeren Preisdrucks erkennbar, da die Lohnerhöhungen moderat ausfielen und im Umfeld moderaten Wirtschaftswachstums und schwacher Arbeitsmärkte wohl begrenzt bleiben werden.

  • Die monetäre Analyse spricht allerdings für eine besondere Wachsamkeit mit Blick auf die Preisrisiken.

  • Vor diesem Hintergrund und der Einschätzung, dass die Inflationsrate auf mittlere Sicht unter 2% liegen wird, hat der EZB-Rat bei seiner letzten Sitzung am 4. November 2004 entschieden, den Mindestrefinanzierungssatz unverändert bei 2,0% zu belassen.

  • Wechselkurs: Die EZB ist der Auffassung, dass brutale Veränderungen im Wechselkurs nicht willkommen sind.

  • Die Liquiditäts- und Finanzierungsbedingungen sind angesichts niedriger Zinsen und stabiler Erwartungen über die künftigen Preisveränderungen günstig. Wie aus dem Bank Lending Survey der EZB zu entnehmen ist, wurden die Standards der Banken für die Vergabe von Krediten im dritten Quartal 2004 (gegenüber dem zweiten Quartal) etwas gelockert, was sich auch in einer gestiegenen Kreditnachfrage bei Haushalten (v.a. Wohnbaukredite) und Unternehmen widerspiegelt.

  • Eine gemeinsame Währung erfordert Spielregeln für die Haushaltspolitik der Mitgliedsländer der EU. Die vorhandenen Regeln sollten besser umgesetzt werden.

  • Die im Lissabon-Programm definierten Ziele für Reformen der Wirtschaftsstruktur sollten wirksamer verfolgt werden und Priorität erhalten.

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