Europa und die USA – Clash of Cultures?

Rede von Dr. Gertrude Tumpel-Gugerell, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank, Redebeitrag zur Podiumsdiskussion "The Alpbach Economic Symposium" European Forum Alpbach 2003. Alpbach, 29. August 2003

Sehr geehrte Damen und Herren,

"Die amerikanische Herausforderung ist im Grunde weder eine industrielle noch eine finanzielle. Sie ist vor allem eine Herausforderung unserer intellektuellen Kreativität und unserer Fähigkeit, Ideen in die Praxis umzusetzen. Unsere Kultur wird dadurch zurück gedrängt.

Amerika heute ähnelt Europa noch – mit einem Vorsprung von 15 Jahren. Es gehört zur gleichen Industriegesellschaft. Aber im Jahre 1980 werden die USA in eine andere Welt eingetreten sein. Wenn wir es nicht schaffen, aufzuholen, werden die Amerikaner ein Monopol an Know How, wissenschaftlichen Erkenntnissen und Macht haben."

Geschrieben wurde das 1967 unter dem Titel "die amerikanische Herausforderung" von Jean-Jacques Servan-Schreiber und es ist ein Buch, das mich in meiner Jugend sehr beeindruckt hat. Was ist nun wahr geworden von diesen Einschätzung von vor 35 Jahren?

Um die Beziehungen zwischen Europa und den USA zu verstehen, muss man zuerst definieren, was sich dies- und jenseits des Atlantiks verändert hat.

In Europa hat die Integration beträchtliche Fortschritte gemacht. Dies gilt v.a. für die wirtschaftliche Integration. Auf die "amerikanische Herausforderung" der 60er Jahre folgten Währungsturbulenzen und Inflation in den 70er Jahren. Die Phase der Selbstbezichtigungen unter dem Titel, "Eurosclerosis" Anfang der 80er Jahre wurde 1986 mit dem Binnenmarktprojekt, Anfang der 90er Jahre mit dem Maastrichtvertrag – einer Vertiefung der Union – und v.a. mit dem Projekt der Währungsunion beantwortet.

Zu Anfang des 21. Jahrhunderts stehen wir vor einem weiteren Integrationsschritt – der größten Erweiterungsrunde, gemessen an der Anzahl der beitretenden Länder, seit Beginn der Europäischen Union. Wir befinden uns mitten in einer Phase der Strukturreformen – ich nenne hier nur den Lissabon Prozess – und kommen immer näher zu dem Punkt, wo die EU eine Wirtschaft mit zunehmend größerer Außenwirksamkeit erlangt – z.B. in der Wettbewerbspolitik, in Außenwirtschaftsfragen, durch Abstimmung von Positionen in den internationalen Organisationen und wo das Fehlen der politischen Union als Mangel umso bewusster wird.

Was hat sich in den USA verändert?

Änderungen, die wir wahrnehmen im außenpolitischen Bereich möchte ich hier ausklammern. Die USA haben die Liberalisierungs- und Globalisierungswelle vor rund 20 Jahren eingeleitet und auch die großen Internationalen Organisationen wie IMF, Weltbank und OECD damit geprägt.

Wer heute die führenden Universitäten der USA oder die Managementschulen besucht, bekommt eine Vorstellung von der intensiven Vernetzung, aber auch der starken Stellung der USA in diesen Netzwerken der Wissensproduktion und Wissensvermittlung.

Das Ende des kalten Krieges hat dem Transatlantischen Bündnis den gemeinsamen Feind genommen, Instrumente und Wege bei der Bekämpfung der neuen Feinde sind bisweilen kontroversiell.

Driften die beiden Kontinente deswegen auseinander?

Die EU hat viel Energie für die Stärkung der europäischen Identität, das Funktionieren der bisweilen komplexen Entscheidungsstrukturen, die Akzeptanz der Union nach innen - verwendet. Es ist Zeit, nach außen zu schauen – in den Nachbarländern einer bereits erweiterten EU mit 25 Mitgliedern leben 339 Millionen Menschen, deren durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen weniger als 1/3 von jenem der EU 25 beträgt. Dies ist eine Riesenherausforderung – wirtschaftlich, sozial und politisch. Menschen in China wie in Lateinamerika haben mir gesagt, dass sie große Erwartungen an Europa haben – wie wir die Beziehungen zu ihnen gestalten, was sie von uns lernen können und was wir von ihnen annehmen können.

Wir sind ein multikultureller Kontinent und wollen es auch bleiben und dennoch haben wir in den letzten 50 Jahren auch etwas Gemeinsames geschaffen – das europäische Modell mit vielen Stärken und auch Schwächen.

In diesen Sinne driften wir auseinander – nicht der Clash unser Kulturen könnte zum Problem werden, aber die mangelnde Kommunikation und dann mit der Zeit das mangelnde Verständnis füreinander. Mehrere 1000 amerikanische Bücher werden jedes Jahr in europäische Sprachen übersetzt, umgekehrt ist das viel seltener der Fall. Hat das mit Interesse oder einfach nur mit der Struktur des immer konzentrierteren Buchhandelsmarkts zu tun, der lieber auf die sicheren Erfolge setzt?

Wir sehen in der Wirtschaft zweifellos eine immer engere Verflechtung, besonderes in der Finanzwelt und die Abhängigkeiten voneinander bzw. die wechselseitigen Einflüsse erleben wir jeden Tag auf den Devisen– und Aktienmärkten.

Diese fortschreitende Integration zwischen der Wirtschaft der USA und Europas kommt auch in den Direktinvestitionen zum Ausdruck. Im Durchschnitt der zweiten Hälfte der 90er Jahre wurden etwa zehn mal so viele Direktinvestitionen von den USA in Europa getätigt als noch zu Beginn der 80er Jahre. Ähnliches gilt für europäische Investitionen in den USA. Diese stärkere wirtschaftliche Verflechtung erhöht auch den Druck in Richtung einer Harmonisierung der Normen bzw. der wechselseitigen Anerkennung unterschiedlicher Normen. Ich denke nur an das Beispiel der Normen im Finanzbereich.

Auch wenn es in der jüngeren Vergangenheit zu politischen Debatten gekommen ist – Geschäfte und Investitionen wurden dadurch wenig beeinträchtigt. Neben der wirtschaftlichen Verflechtung möchte ich auch die Kooperation der Institutionen unterstreichen.

Auch abgesehen vom 11. September ist es bei uns selbstverständlich, dass regelmäßige Kontakte – mit den Kollegen der US Notenbank und Japans, aber auch mit den anderen Notenbanken in der Welt stattfinden. Auch wenn es in der Welt zu Spannungen zwischen den verschiedenen Kulturen kommt – das Finanzsystem ist rund um die Uhr geöffnet und seine Teilnehmer sprechen eine Sprache.

Ich denke, dass für eine erfolgreiche Zukunft Europas vor allem zwei Dinge von großer Bedeutung sein werden:

  1. Europa muss sich auf seine Stärken konzentrieren und im Bewusstsein seiner Unterschiedlichkeit zu den USA eine intensive Kooperation suchen, die von Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt getragen ist.

  2. Europa muss große Anstrengungen unternehmen, um im Bereich der höheren Ausbildung und der Forschung und Entwicklung wieder interessante Angebote an die Jugend und die Wirtschaft machen zu können.

Was würde ich mir also wünschen von Europa?

Mehr Augen und Ohren für die Welt außerhalb unserer Grenzen, auch wenn wir diese weiter nach außen verschieben. Mehr Augenmerk für die Rolle der Erziehung und Bildung als Träger von Kultur und als Brückenschlag zu neuen Kulturen.

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