The Two-Speed Economy – Strategien für eine bipolare Welt

Keynote von Jörg Asmussen, Mitglied des Direktoriums der EZB,
The Boston Consulting Group 79. Kronberger Strategiekonferenz,
Kronberg, 26. Oktober 2012

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung heute Vormittag hier in Kronberg zu Ihnen zu sprechen.

Im 14. Jahrhundert wurde hier die Schlacht von Kronberg zwischen Kronberger Rittern und der Reichstadt Frankfurt ausgetragen. Eigentlich schienen die Kräfteverhältnisse eindeutig: die Frankfurter Truppe war zahlenmäßig klar überlegen. Dennoch trugen die adligen Berufssoldaten den Sieg für Kronberg und seine Verbündeten davon. War das nur Glück oder hatten die Kronberger vielleicht die bessere Strategie?

Im Einleitungstext zur heutigen Veranstaltung ist die Rede von niedrigem Wachstum und hohen Schulden im Westen versus rasanter Expansion in den aufstrebenden Regionen im Süden und Osten. Auch das klingt nach einem klaren Kräfteverhältnis. Aber sollten wir davon auf eindeutige Gewinner und Verlierer schließen? Oder was ist in dieser Situation die beste Strategie?

Ich möchte gerne drei Thesen diskutieren:

  • Erstens, es gibt keine klaren Gewinner und Verlierer der „two-speed economy“

  • Zweitens, trotz Krise ist Europa auf gutem Weg

  • Drittens, entscheidend ist die langfristige Strategie

Lassen Sie mich das genauer erklären.

1. Es gibt keine klaren Gewinner und Verlierer der „two-speed economy“

Zur ersten These: es gibt keine klaren Gewinner und Verlierer der „two-speed economy“.

Höhere Wachstumsraten in den asiatischen Schwellenländern

Es stimmt, die asiatischen Schwellenländer haben höhere Wachstumsraten als beispielsweise die USA oder Europa. Aber auch diese Länder wachsen nicht mehr ganz so schnell.

Der Internationale Währungsfond (IWF) hat kürzlich weltweit die Wachstumsprognosen gesenkt. Für die sogenannten „Emerging Markets and Developing Economies“ hat der IWF seine Prognosen für nächstes Jahr von 5,8 auf 5,6 Prozent gesenkt. Für Indien, beispielsweise, rechnet der Fond dieses Jahr nur noch mit einem Wachstum von 4,9 Prozent. Im Juli ging er noch von 6,2 Prozent aus. Für Brasilien wird 4,0 prognostiziert statt vorher 4,7 Prozent.

Dennoch sind die Wachstumsraten in vielen asiatischen Ländern sehr viel höher, als bei uns. Für die Eurozone sagt der IWF derzeit ein Wachstum von 0,2 Prozent für das nächste Jahr voraus.

Ich sehe in dem „Aufstreben“ der Schwellenländer, das Sie in Ihrem Einleitungstext ansprechen, allerdings auch inhärente Herausforderungen. Beispielsweise hat China die Krise vor allem aufgrund umfangreicher öffentlicher Investitionen bisher relativ unbeschadet überstanden.

Die Kredite, die die öffentliche Hand dafür aufgenommen hat, müssen aber auch wieder zurückgezahlt werden. Und das wird zunehmend zum Problem. Inzwischen stehen die ersten chinesischen Städte kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.

Exzessive Investitionen, sowie eine begrenzte Aufnahmefähigkeit einiger Länder für zunehmende Kapitalflüsse können zu einem Überhitzen der Wirtschaft und zu Blasenbildung führen.

Darüber hinaus macht eine zu starke Orientierung auf Nettoexporte anfällig gegenüber Wirtschaftsschwankungen in den jeweiligen Exportmärkten.

Nachhaltigkeit des Wachstums in den Schwellenländern

Es stellt sich also die Frage der Nachhaltigkeit des Wachstums in den Schwellenländern. Wir müssen gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen in Einklang bringen, damit wirtschaftlicher Erfolg nachhaltig ist. Eine Herausforderung in diesem Zusammenhang sehe ich im demographischen Wandel in China.

Oder in der staatlichen Subventionspolitik, die in einigen Ländern in Kritik geraten ist, weil vor allem die reichsten Haushalte davon profitieren und damit die wachsende Ungleichheit in der Bevölkerung noch weiter unterstützt wird.

Laut Asian Development Bank (ADB) wachsen die Einkommensunterschiede in der Region drastisch an. Die reichsten 1 Prozent aller Haushalte besitzen derzeit zwischen 6 Prozent und 8 Prozent des gesamten Einkommens. In den meisten Ländern geht beinahe 20 Prozent des Gesamteinkommens an die wohlhabendsten fünf Prozent der Bevölkerung.

Entsprechend steht der diesjährige Development Outlook [1] der ADB auch unter dem Titel “Asia's Increasing Rich-Poor Divide Undermining Growth”.

In den letzten 20 Jahren ist der Gini-Koeffizient – eine Maßzahl für Ungleichheit zwischen 0 und 1, wobei 0 Gleichheit und 1 größtmögliche Ungleichheit bedeutet – in den größten Wirtschafsnationen Asiens merklich angestiegen. In China ist er nach OECD Berechnungen zwischen den frühen 1990er Jahren und 2010 von 0,33 auf 0,41 gestiegen, manche Berechnungen gehen sogar von noch höheren Werten aus. In Indien stieg der Gini von 0,32 auf 0,38. [2] In der kompletten Region sprang der Gini in den letzten zwanzig Jahren von 0,39 auf 0,46. Zum Vergleich: in den meisten EU Ländern für die Daten vorliegen, ist der Gini unter 0,3.

Mit größerem Wohlstand in den asiatischen Schwellenländern hat sich die Ungleichheit dort also verschärft.

Forschungen des IWF belegen, dass Einkommensungleichheit Wachstum verlangsamt, zu Finanzkrisen führen kann und die Nachfrage schwächt. [3]

Eine Erklärung für diesen Zusammenhang ist, dass arme Leute häufig nicht die Mittel haben, in ihre Ausbildung zu investieren. Weniger Investitionen in Humankapital führen zu geringerer aggregierter Nachfrage und schwächerem Wirtschaftswachstum. Außerdem können starke Einkommensunterschiede das Risiko von politischer Instabilität erhöhen. Politische Instabilität ihrerseits verringert die Anreize, in das betroffene Land zu investieren. Und das führt wiederum zu geringerem Wachstum. Im Bericht der Asian

Development Bank heißt es, das schnelle Wachstum in der Region hätte weitere 240 Millionen Menschen aus der extremen Armut befreien können, hätte sich die Einkommensverteilung in den asiatischen Schwellenländern in den letzten 20 Jahren nicht so schlecht entwickelt.

Können wir also von klaren Gewinnern der „two-speed economy“ sprechen?

2. Trotz Krise ist Europa auf gutem Weg

Zur zweiten These: trotz Krise ist Europa auf gutem Weg.

Ich möchte die aktuelle Situation nicht schön reden: Die Folgen der globalen Finanzkrise sind in Europa besonders stark zu spüren. Während viele asiatische Länder relativ unbeschadet durch die Krise gekommen sind, sieht sich das Eurogebiet weiterhin inmitten einer Schuldenkrise.

Die Haushaltslage bleibt in vielen Euroländern schwach.

Der IWF sagt für nächstes Jahr für vier Euroländer Schuldenstände über 100% des Bruttoinlandprodukts voraus. Es handelt sich dabei um Italien, Griechenland, Irland und Portugal.

Für die folgenden acht Länder geht er von mehr als 70% des Bruttoinlandprodukts aus: Frankreich, Belgien, Spanien, Zypern, Deutschland, Österreich, Malta und die Niederlande.

Nur fünf Länder, nämlich Slowenien, Finnland, Slowakei, Luxemburg und Estland werden voraussichtlich unter den angepeilten 60% des

Bruttoinlandprodukts liegen. Nicht zuletzt um die Vorgaben des neuen Fiskalpakts zu erreichen, werden also einige Länder in den nächsten Jahren sehr sparsam haushalten müssen.

Auch wenn der Schuldenstand in vielen Ländern hoch ist, gibt es aber durchaus positive Entwicklungen mit Blick auf den Defizitabbau. Die Sparbemühungen der öffentlichen Hand sind beachtlich. Die meisten Länder sind auf gutem Weg dahin, ihr Haushaltsdefizit bis Ende nächsten Jahres unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken.

Im internationalen Vergleich mit anderen westlichen Ländern steht der Euroraum nicht schlecht da. Laut IWF-Prognosen liegt das Defizit im Euroraum dieses Jahr bei 3,3 Prozent des

Bruttoinlandsprodukts. In den Vereinigten Staaten, hingegen, bei etwa 8,7 Prozent und in Japan bei fast 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Für nächstes Jahr wird für den gesamten Euroraum ein Schuldenstand von 94,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts prognostiziert. Für die USA rechnet der IWF mit einem Schuldenstand von 111,7 Prozent und für Japan von 245 Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Fortschritte in den Programmländern

Insbesondere in den Programmländern sind wichtige Fortschritte in Richtung von mehr Wettbewerbsfähigkeit erzielt worden. Ich denke hier konkret an die Korrektur der nominalen Lohnstückkosten, einer wichtigen Kennzahl für die

Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Seit 2008 sind diese Kosten etwa in Griechenland um 6 Prozentpunkte relativ zum Durchschnitt im Euroraum gesunken.

Derartige Verbesserungen der Wettbewerbsfähigkeit schlagen sich auch messbar in der Entwicklung der Leistungsbilanz nieder. In Portugal ist das Leistungsbilanzdefizit seit 2008 um 10,2 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts gesunken. Und Griechenland konnte im Juli erstmals seit zwei Jahren einen Handelsbilanzüberschuss verzeichnen. Selbstverständlich sind weitere entschlossene Reformen der Güter- und Arbeitsmärkte erforderlich, um die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder und ihre Anpassungsfähigkeit weiter verbessern.

Vielleicht fragen Sie sich nun: wenn diese Entwicklungen so positiv verlaufen, warum hat die EZB dann ein neues Anleihekaufprogramm beschlossen?

Das möchte ich gerne erklären.

Fehlfunktionen im geldpolitischen Transmissionsmechanismus

Aufgabe der EZB ist es, die Preise im Euroraum stabil zu halten. Das Hauptinstrument, das wir dabei zur Verfügung haben, ist der Leitzins. Wenn wir die Zinsen senken, zu denen sich Geschäftsbanken bei uns Geld leihen können, geben die Banken diese günstigeren Konditionen normalerweise in Form von zinsgünstigen Krediten, an ihre Kunden weiter.

Als wir diesen Sommer den Leitzins gesenkt haben, kam dieses Signal in den einzelnen Ländern der Eurozone allerdings sehr unterschiedlich an. So bezahlte im August dieses Jahres ein kleines Unternehmen in Spanien für einen Kredit bis zu 
1 Millionen Euro mit einer Laufzeit zwischen ein und fünf Jahren 6,6% Zinsen – so viel wie noch nie seit 2008. In Italien 5,83%. Und in Deutschland war ein vergleichbarer Unternehmenskredit für rund 3,8% Zinsen zu haben. Und das, obwohl in allen drei Ländern derselbe Leitzins gilt.

Woher kommen diese Unterschiede? Unsere Analysen zeigen, dass die ungewöhnlich hohen Zinsen für Staatsanleihen einiger Länder hinter dieser Entwicklung stehen. Das Vertrauen in Banken ist stark an die Entwicklungen in ihren jeweiligen Heimatländern gebunden. Investoren leihen den Banken in den betroffenen Ländern nur gegen sehr viel höhere Zinsen Geld.

Das wiederum führt zu höheren Kreditzinsen für Unternehmen und private Haushalte. Unser niedriger Leitzins wird also nicht an die Bankkunden weitergereicht.

Der geldpolitische Transmissionsmechanismus ist also gestört. Unsere konventionellen geldpolitischen Signale kommen in der Realwirtschaft sehr uneinheitlich an. Die Höhe der Kreditzinsen bestimmt sich vor allem durch den Standort des Kreditnehmers. Und nicht – wie es eigentlich sein sollte – durch seine Kreditwürdigkeit.

Diese Entwicklung drohte sich zu verselbständigen. In den betroffenen Ländern gingen höhere Zinsen mit strengerer Kreditvergabe einher. Bezahlbare Kredite sind aber für wachstumsfördernde Investitionen unabdingbar.

Verlangsamtes Wirtschaftswachstum, hat sich negativ auf die Haushaltslage ausgewirkt. Und das hat wiederum zu höheren Zinsen auf Staatsanleihen geführt.

Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen. Es gilt zu vermeiden, dass unsere einheitliche Geldpolitik in Frage gestellt wird. Nur so können wir für Preisstabilität im gesamten Euroraum sorgen.

Gründe für außergewöhnlich hohe Risikoprämien

Wir sehen zwei Gründe, warum die Risikoprämien auf Staatsanleihen in einigen Ländern des Euroraums so ungewöhnlich hoch sind.

Ein Grund sind wirtschaftliche Fundamentaldaten: die Konsequenzen unzureichender Haushaltsdisziplin, geringe Wettbewerbsfähigkeit und Schwachstellen im Finanzsektor. Es ist Sache der Regierungen, diese Fehlentwicklungen zu korrigieren.

Der zweite Grund hat aber gar nichts mit Fundamentaldaten zu tun. Einige Investoren verlangen extrem hohe Risikoaufschläge, weil sie implizit ein Wechselkursrisiko einpreisen, das es in einer Währungsunion eigentlich gar nicht geben dürfte.

Solchen irrationalen Ängsten, die nicht nur die Zinsen in einigen Ländern in die Höhe treiben, sondern auch die Wirksamkeit unserer Geldpolitik beeinträchtigen, gilt es entschlossen gegenzusteuern. Die einheitliche Geldpolitik darf nicht in Frage gestellt werden.

Die Antwort der EZB

Deshalb hat sich die EZB im September für ein neues Anleihekaufprogramm entschieden, die sogenannten „Outright Monetary Transactions“ (OMT). Der mögliche Ankauf von Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit zielt darauf ab, irrationale Sorgen über den Zerfall der Eurozone abzubauen. Die Zinsen auf Staatsanleihen sollten künftig wieder maßgeblich an die Solvenz eines Staates gekoppelt sein.

Der Ankauf von Staatsanleihen ist deshalb ein sehr effektives Instrument, weil es direkt an der Ursache des gestörten geldpolitischen Mechanismus ansetzt. Die EZB bewegt sich damit klar innerhalb ihres Mandats.

Bedenken gegenüber der EZB-Entscheidung

Mir ist aber durchaus bewusst, dass es auch Bedenken gegenüber dem neuen Anleihekaufprogramm gibt. Der ein oder andere von Ihnen fragt sich vielleicht, wo eigentlich genau die Trennlinie zwischen Geld- und Fiskalpolitik verläuft. Zumal ja ein Antrag beim Rettungsschirm ESM unter Beteiligung des IWF Voraussetzung dafür ist, dass die EZB unter dem neuen Programm tätig wird.

Eins möchte ich ganz klar sagen: Es handelt sich beim OMT-Programm nicht um Staatsfinanzierung. Wir kaufen die Anleihen ausschließlich am Sekundärmarkt, so wie es in unserem Statut vorgesehen ist. Das bedeutet, wir kaufen von Investoren, nicht von Regierungen.

Und auch die Bedingung, dass zunächst Hilfen beim ESM unter Beteiligung des IWF beantragt werden müssen, ändert nichts daran, dass es sich beim Anleihekaufprogramm um ein geldpolitisches Instrument handelt. Gestörte geldpolitische Mechanismen können nur repariert werden, wenn auch die zugrunde liegenden makroökonomischen Ungleichgewichte angegangen werden.

Deshalb ist ein Antrag beim Rettungsschirm ESM und die Verpflichtung, die damit verbundenen Auflagen einzuhalten, Grundvoraussetzung dafür, dass die EZB unter dem neuen Anleihekaufprogramm tätig wird.

Aber es gibt keinen Automatismus. Der Antrag beim ESM ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für unser Tätigwerden. Der EZB-Rat wird in jedem Einzelfall unabhängig darüber entscheiden, ob, in welchem Umfang und für wie lange eine Intervention aus geldpolitischen Gründen erforderlich ist.

Es wurden auch Befürchtungen laut, der Ankauf von Staatsanleihen könnte zu höherer Inflation führen.

Ich kann Ihnen versichern: Staatsanleihenkäufe werden keine inflationären Folgen haben. Die “Notenpresse” wird nicht angekurbelt. Es geht auch nicht um die Monetisierung von Schulden, wie einige Kommentatoren behaupten. Das Geld, das dem Markt mit den Ankäufen zugeführt wird, wird an anderer Stelle wieder abgezogen. Im Fachjargon reden wir vom „Sterilisieren“ der Anleihekäufe.

Von Inflation oder Geldentwertung in Deutschland kann auch deshalb keine Rede sein, weil die Inflationserwartungen im Euroraum solide verankert sind.

Umfragedaten [4] zufolge wird in den nächsten 12 Monaten eine Inflationsrate von 1,91 Prozent für Deutschland erwartet; sie ist aber auch im Zeitraum bis 5 Jahre und im Intervall sechs bis zehn Jahren fest verankert um einen Wert von zwei Prozent. Im Euroraum findet Anpassung nicht über den scheinbar einfachen Weg der Inflation statt, sondern über den harten Weg von Reformen. Diese liegen in der Verantwortung der Regierungen.

Die EZB tut ihren Teil, um gestörte geldpolitische Mechanismen wieder funktionsfähig zu machen.

Damit es wirtschaftlich voran geht in Europa, müssen die Regierungen ihre Haushalte in Ordnung bringen und Strukturreformen entschlossen umsetzen.

Maßnahmen zur Krisenbewältigung können Zeit kaufen und Brücken bauen. Aber sie dürfen keine Brücken ins Nirgendwo sein. Wir brauchen eine langfristige Strategie für eine stabilere gemeinsame Wirtschafts- und Währungsunion. Es ist an der Zeit, die Konstruktionsfehler der Währungsunion zu beheben.

Und das führt mich zur dritten These: entscheidend ist die langfristige Strategie.

3. Die langfristige Vision für Europa

Meiner Meinung nach, ist eine stärkere Integration in Europa die einzige Chance, um gegenüber aufstrebenden Schwellenländern zu bestehen.

Es geht dabei nicht nur um wirtschaftliche Macht, sondern auch um eine Wertegemeinschaft. Nur wenn wir die Gesellschaft zusammenhalten, können wir auch wirtschaftlich nachhaltig wachsen. Das Erfolgsmodell der Europäischen Integration der Nachkriegszeit verbindet dynamisches Wirtschaftswachstum mit sozialer Kohäsion und politischer Teilhabe.

Die Auszeichnung der EU mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ist nicht nur Zeichen der Wertschätzung der gemeinsamen Errungenschaften Europas über die letzten 60 Jahre und Symbol für die Bedeutung dieses Projekts, sondern ebenfalls Ansporn aus ihr gemeinsam gestärkt hervorzugehen.

Nur wenn es Europa insgesamt gut geht, können wir auch in jedem einzelnen Mitgliedsland nachhaltig von einer soliden wirtschaftlichen Lage profitieren. Eine Wohlstandsinsel in einem schwachen Umfeld sein zu wollen, ist keine nachhaltige Erfolgsstrategie. Die langfristige Strategie ist entscheidend.

Das Grundkonzept dieser langfristigen Strategie steht bereits. Letzte Woche haben die Staats- und Regierungschefs bei ihrem Gipfeltreffen den Zwischenbericht der Präsidenten des Europäischen Rats, der Eurogruppe, der Europäischen Kommission und der EZB zur Vollendung der Währungsunion angenommen. Der Bericht benennt vier Bausteine – Finanzmarktunion, Fiskalunion, Wirtschaftsunion und eine demokratisch

legitimierte politische Union. Diese vier Bausteine sind gleichermaßen wichtig und müssen parallel angegangen werden.

Lassen Sie mich die einzelnen Elemente dieser langfristigen Vision kurz erläutern.

Finanzmarktunion

Auf ihrem Gipfeltreffen letzte Woche haben die Staats- und Regierungschefs die Gesetzesvorschläge zur Bankenaufsicht diskutiert. Damit ist ein erster Schritt hin zu einer Finanzmarktunion in die Wege geleitet. Zu einer funktionierenden Finanzmarktunion gehört meiner Ansicht nach darüber hinaus eine zentrale Abwicklungseinrichtung mit einem Fonds, der durch eine Bankenabgabe gespeist wird und zumindest langfristig auch eine auf europäischer Ebene harmonisierte Einlagensicherung.

Fiskalunion

Die Vollendung der Währungsunion erfordert außerdem eine besser integrierte Haushaltspolitik. Fahrlässige Haushaltsführung in einem Mitgliedstaat darf künftig nicht mehr andere Mitgliedstaaten in Mitleidenschaft ziehen. Finanzminister Schäuble hat in diesem Zusammenhang einen wichtigen Vorschlag in den Raum gestellt – die Stärkung des Währungskommissars und stärke Durchgriffsrechte für Brüssel. Konkret geht es um die Möglichkeit, einen Haushaltsentwurf zurückzuweisen zu können.

Ich denke allerdings, dass ein Haushalt nur in Gänze abgelehnt werden dürfte. Wie ein Haushalt gegebenenfalls zu korrigieren ist, sollte in der Kompetenz des jeweiligen Mitgliedsstaates bleiben.

Wirtschaftsunion

Seit 1999 hat sich die Wettbewerbsfähigkeit der Euroländer sehr unterschiedlich entwickelt. Der Zwischenbericht, den die Staats- und Regierungschefs letzte Woche diskutiert haben, schlägt vor, dass sich die Mitgliedstaaten individuell in Form eines bilateralen Vertrages mit der Europäischen Ebene auf bestimmte Reformen verpflichteten. Dabei sind auch finanzielle Anreize angedacht. Das ist ein interessanter Vorschlag, der weiter entwickelt werden sollte.

Politische Union

Persönlich ist mir eins sehr wichtig: das Gegenstück zu vertiefter Integration ist eine stärkere demokratische Legitimation und Kontrolle. Dort, wo auf europäischer Ebene neue Kompetenzen geschaffen werden, muss auch eine adäquate Willensbildung und eine ausführliche demokratische Kontrolle stattfinden. Darum geht es, wenn wir von einer demokratisch legitimierten politischen Union sprechen. Wenn die Mitgliedstaaten künftig versuchen, ihre Politik noch besser aufeinander abzustimmen, um gemeinsam stärker zu werden, bedeutet das auch, dass jeder ein Stück weit auf seine Unabhängigkeit verzichtet. Wenn wir mehr Kompetenzen mit Europa teilen, müssen wir auch die Demokratie auf dieser Ebene stärken.

4. Fazit

Diese Verantwortung gegenüber der Gesellschaft sehe ich auch als wichtige Aufgabe für Sie als Unternehmer. Im Einleitungstext zur diesjährigen Strategiekonferenz steht, Unternehmensführer seien gefordert, „die Errungenschaften und Erfahrungen der reifen Heimatmärkte mit den Energien und Möglichkeiten der schnell wachsenden Regionen zu verknüpfen“.

Ich kann Sie nur ermuntern, die Errungenschaften Europas, die Einbindung der Gesellschaft, nicht zu vergessen. Was Europa auszeichnet, ist die Verbindung einer wachsenden Wirtschaft, die genügend Freiraum für Unternehmergeist bietet, mit sozialer Kohäsion und politischer Teilhabe. Der Gründer von BCG Deutschland, und langjährige Leiter der Kronberger Strategiegespräche, Bolko von Oetinger, hat einmal gesagt:

„Ich mag den Kapitalismus, deswegen will ich ihn ja retten. Ihm ist nur etwas abhanden gekommen – die Einbindung in die Gesellschaft“

Ich möchte jetzt aber keinen Vortrag zur Rolle der Unternehmen anschließen. Sie haben sich ja in Kronberg zur Klausurtagung eingetroffen, um Strategien zu diskutieren. Auf diese gemeinsame Diskussion freue ich mich.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.



[1]The Asian Development Outlook 2012 http://www.adb.org/publications/asian-development-outlook-2012-confronting-rising-inequality-asia

[2]Quelle: OECD (2001) Divided We Stand: Why Inequality Keeps Rising. Special Focus: Inequality in Emerging Economies http://www.oecd.org/els/socialpoliciesanddata/49170475.pdf

[3]Berg, Andrew, and Jonathan D. Ostry, 2011, “Inequality and Unsustainable Growth: Two Sides of the Same Coin?” IMF Staff Discussion Note 11/08; Berg, Andrew, and Jonathan D. Ostry, 2011, “Equality and Efficiency” Finance & Development, 48 (3).

[4]Quelle: Consensus survey, Daten vom Oktober 2012.

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