Lehren aus der Finanzkrise

Rede von Jean-Claude Trichet, Präsident der EZB
auf dem „Wirtschaftstag 2009“ der Volksbanken und Raiffeisenbanken,
Frankfurt am Main, 15. Oktober 2009

I. Einführung

Sehr geehrter Herr Präsident Weinkauf,

sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für Ihre Einladung. Ich freue mich sehr, heute hier zu sein.

Der Wirtschaftstag mit über 2.500 hier im Saal anwesenden Unternehmern ist eine wichtige Veranstaltung. Er versammelt den deutschen Mittelstand, der zu Recht als das Rückgrat der Wirtschaft bezeichnet wird. Die zentrale Rolle des Mittelstands ist ein Wesensmerkmal der deutschen und der europäischen Wirtschaft. Dessen sind wir uns bei der Europäischen Zentralbank sehr bewusst. Wir wissen, dass vor allem der Mittelstand auf die Kreditversorgung durch Banken angewiesen ist, und unsere Maßnahmen im letzten Jahr zielen nicht zuletzt darauf ab, den Banken auch in der Krise die Kreditvergabe zu ermöglichen.

Dem Mittelstand wohnt eine Eigenschaft inne, die ich besonders schätze: die Orientierung an der langen Frist.

Innovationsfreude gepaart mit der Geduld, auf die Früchte der Investition zu warten, bildet die Quelle unseres Wohlstands. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass diese langfristige Sicht leider nicht in allen Sektoren und Ländern gleich gut verankert war.

Die Krise hat sich – einem starken Erdbeben gleich – in der ganzen Welt verbreitet und vor keinem Sektor haltgemacht. Das Epizentrum lag weit entfernt, aber die Schockwellen waren stark genug, um die Menschen im Eurogebiet zu erreichen. Hier und anderswo sank die Wirtschaftsleistung so stark wie nie seit dem 2. Weltkrieg.

Meine Rede möchte ich drei Themen widmen: erstens den aktuellen Kreditbedingungen im Euroraum, zweitens den Maßnahmen der EZB zur Unterstützung der Kreditvergabe und drittens den internationalen Bemühungen, die Krise einzudämmen und das Finanzsystem robuster zu machen.

* * *

Zu Beginn werde ich also ein Thema behandeln, das Ihnen sicherlich am Herzen liegt – nämlich welchen Zugang kleine und mittlere Unternehmen zum Zwecke der Geschäftsentwicklung zu Finanzmitteln haben. Um besser zu verstehen, wie sich die Lage in diesem Kernbereich der Wirtschaft darstellt, führten wir vor kurzem gemeinsam mit der Europäischen Kommission eine neue Umfrage durch. Im Juni und Juli dieses Jahres wurden mehr als 6.000 Unternehmen im Eurogebiet zu ihrer Situation befragt. Möglicherweise haben auch einige von Ihnen an dieser Umfrage teilgenommen.

Die Ergebnisse zeichnen ein Bild, das Ihnen bekannt sein wird. Die befragten Unternehmen meldeten, dass sie Schwierigkeiten hatten, Neukunden zu gewinnen, dass ihr Umsatz sowie ihre Gewinne zurückgegangen sind und es schwerer geworden ist, Bankkredite zu erhalten. Die Umfrage deutet auch darauf hin, dass die Krise die kleinen und mittleren Unternehmen mindestens ebenso hart getroffen hat wie die großen.

Die Umfrageergebnisse scheinen mit unserer allgemeinen Einschätzung der Kreditbedingungen im Eurogebiet im Einklang zu stehen. Besonders hervorzuheben ist, dass etwa drei von fünf kleinen und mittleren Unternehmen, die in der ersten Jahreshälfte 2009 einen Bankkredit beantragt hatten, den gesamten angeforderten Betrag erhielten. Rund einem von fünf Unternehmen wurde ein Teil der gewünschten Summe bewilligt. Und nur etwa einer von zehn Kreditanträgen wurde abgelehnt. [1]

Diese Ergebnisse deuten nicht auf eine gravierende Kreditrationierung hin, obwohl sowohl die oben genannte Umfrage als auch Bankumfragen eine Verschärfung der Kreditrichtlinien anzeigen.

Wir verfolgen sehr genau, wie sich der Zugang von kleinen und mittleren Unternehmen zu Finanzmitteln entwickelt. Auch wiederholen wir die Umfrage alle sechs Monate, um sicherzustellen, dass die Geschäftsbedingungen, mit denen Sie konfrontiert sind, kontinuierlich beobachtet werden.

Nun möchte ich darauf zu sprechen kommen, wie die EZB auf die Krise reagiert hat.

II. Die Antwort der EZB auf die Krise

Notfälle ― wie das finanzielle „Erdbeben“ nach dem Zusammenbruch einer großen Bank in den Vereinigten Staaten im letzten Herbst ― erfordern rasches und entschiedenes Handeln der zuständigen Stellen. Als am 9. August 2007 erstmals Probleme an den Finanzmärkten auftraten, stellte die EZB ihre Reaktionsfähigkeit noch am selben Tag unter Beweis. Sie war die erste Zentralbank, die agierte – und zwar innerhalb von wenigen Stunden.

An dieser Stelle mag es sinnvoll sein, Ihnen die Aufgaben der EZB noch einmal vor Augen zu führen. Unser vorrangiger Auftrag ist die Gewährleistung von Preisstabilität auf mittlere Sicht. So wurde es im Vertrag über die Europäische Union festgelegt, der 1992 von den europäischen Staats- und Regierungschefs in Maastricht unterzeichnet wurde. Der EZB-Rat verfolgt das Ziel, die Preissteigerung mittelfristig unter, aber nahe 2 % zu halten.

Unsere sämtlichen geldpolitischen Beschlüsse der letzten elf Jahre zielten darauf ab, mittelfristig Preisstabilität sicherzustellen.

  • Nach der Verschärfung der Krise Mitte September 2008 beschlossen wir – bei nachlassendem Inflationsdruck und in voller Übereinstimmung mit unserem Auftrag –, zwischen Oktober 2008 und Mai 2009 unsere Leitzinsen in rascher Folge zu verringern. Wir refinanzieren Banken derzeit zu einem Zinssatz von 1 %, ein derart niedriges Zinsniveau wurde in den Ländern des Eurogebiets in der jüngeren Geschichte zu keiner Zeit verzeichnet.

  • Wir sind zudem über den üblichen geldpolitischen Ansatz, d. h. Änderungen der Zinssätze vorzunehmen, hinausgegangen. Wir haben mehrere Sondermaßnahmen ergriffen, so beispielsweise die sogenannten „erweiterten Maßnahmen zur Unterstützung der Kreditvergabe“. Diese sollten sicherstellen, dass unsere Zinssenkungen trotz der Probleme im Finanzsektor an die Wirtschaft insgesamt weitergegeben werden. Insbesondere sollten Banken in die Lage versetzt werden, privaten Haushalten und Unternehmen weiterhin Kredite zu gewähren.

  • Aus diesem Grund haben wir die Banken seit Oktober 2008 zu festen Zinssätzen mit so viel Liquidität versorgt, wie von diesen nachgefragt wurde. Zudem haben wir das bereits umfangreiche Verzeichnis der Sicherheiten, die bei diesen Geschäften akzeptiert werden, ausgeweitet. Ferner haben wir Liquidität für längere Zeiträume bereitgestellt, als dies in der Vergangenheit der Fall gewesen war.

  • Im Juni dieses Jahres haben wir das erste Geschäft mit zwölfmonatiger Laufzeit durchgeführt, bei dem wir Banken zu einem Zinssatz von 1 % Liquidität für den Zeitraum von einem Jahr zur Verfügung stellen. Bei diesem Geschäft wurde eine Rekordzuteilung von 442 Mrd € verzeichnet. Vor einigen Wochen, Ende September, stellten wir Banken in einem zweiten solchen Geschäft 75 Mrd € zur Verfügung, auch wieder zu einem Zinssatz von 1 % für ein Jahr.

  • In Zusammenarbeit mit anderen Zentralbanken haben wir des Weiteren Liquidität in Fremdwährung, insbesondere in US-Dollar, bereitgestellt. Grund hierfür war, dass sich die Banken im Eurogebiet bei der Beschaffung der benötigten Fremdwährung Schwierigkeiten gegenübersahen.

  • All diese Maßnahmen können als eine Ausweitung unserer üblichen Marktgeschäfte mit Banken gesehen werden. Darüber hinaus haben wir seit Juli des laufenden Jahres mit dem Ankauf gedeckter Schuldverschreibungen direkt in den längerfristigen Laufzeitsegmenten der Finanzmärkte interveniert. Der Zweck dieser Ankäufe bestand darin, einen Markt wiederzubeleben, der eine wichtige Finanzierungsquelle für Banken dargestellt hatte.

Die von uns ergriffenen Maßnahmen haben sich auf Banken konzentriert. Sie fragen sich möglicherweise, warum wir uns so sehr darum bemühen, die Banken zu unterstützen.

Im Euroraum spielen die Banken eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung und Ausweitung der Kreditvergabe an alle sonstigen Wirtschaftssektoren. Aus der eben erwähnten Umfrage geht sogar hervor, dass kleinere Unternehmen im Eurogebiet bei der Finanzierung noch stärker auf Banken angewiesen sind als größere Unternehmen.

Daher war es für uns von entscheidender Bedeutung, die Banken im Euroraum auf angemessene Weise mit Liquidität zu versorgen.

Insgesamt sind wir mit den Resultaten der von uns ergriffenen Sondermaßnahmen zufrieden. Unsere Zins- und Liquiditätsbeschlüsse wurden trotz der Krise recht gut auf die übrige Wirtschaft übertragen.

Die Kreditvergabe entwickelte sich in letzter Zeit verhalten. Im Vergleich mit den Kreditbedingungen, die während vorangegangener Abschwünge herrschten, scheint diese Entwicklung aber nicht ungewöhnlich. Es dürfte nicht überraschen, dass Unternehmen und private Haushalte während eines Konjunkturabschwungs weniger neue Kredite nachfragen. Die jüngste Entwicklung der Kreditvergabe lässt sich tatsächlich großteils auf die schwache Nachfrage zurückführen. Angebotsseitige Faktoren haben aber auch eine Rolle gespielt.

Damit eine anhaltende Erholung der Kreditvergabe einsetzen kann, müssen Banken ihre Bilanzen sanieren. Im Namen des EZB-Rats habe ich daher immer wieder betont, dass Banken angemessene Maßnahmen ergreifen sollten, um ihre Eigenkapitalbasis zu stärken. Falls noch Bedarf besteht, sollten Banken außerdem die staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung des Finanzsektors in vollem Umfang in Anspruch nehmen.

Ein Jahr nach der dramatischen Verschärfung der Finanzkrise im September 2008 sind mehr und mehr Anzeichen einer wirtschaftlichen Stabilisierung im Eurogebiet zu erkennen. Wir haben den freien Fall der Wirtschaft, der um die Jahreswende herum zu beobachten war, stoppen können. Einiges deutet darauf hin, dass eine allmähliche Erholung vor uns liegt. Die Unsicherheit, mit der diese Aussichten behaftet sind, ist jedoch nach wie vor groß.

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Außergewöhnliche Zeiten haben außergewöhnliche Maßnahmen erforderlich gemacht. Wenn sich die Lage wieder normalisiert, müssen wir diese Sondermaßnahmen allmählich zurückfahren und die umfangreichen Impulse zurücknehmen.

Bei der EZB hatten wir unsere außerordentlichen Maßnahmen von Anfang an mit Blick auf eine Ausstiegsstrategie entwickelt. Es wäre noch verfrüht, zu behaupten, dass die Finanzkrise vorbei ist. Aber wenn der Zeitpunkt gekommen ist, können Sie sich auf die Ausstiegsstrategie der EZB verlassen. In der Tat werden die meisten unserer außerordentlichen Maßnahmen von selbst auslaufen. Ferner haben wir einen klar definierten Auftrag und sind völlig unabhängig, wodurch sichergestellt ist, dass wir dann handeln können, wenn wir es für richtig halten.

In den letzten zehn Jahren haben wir eindeutig unter Beweis gestellt, dass wir unabhängig, zeitnah und in vollem Einklang mit unserem Auftrag zur Gewährleistung von Preisstabilität handeln.

Aber nicht nur Zentralbanken, sondern auch Regierungen benötigen eine glaubwürdige Ausstiegsstrategie. Die Reaktion der Regierungen hat entscheidend dazu beigetragen, dass ein Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert wurde und der starke Rückgang der Wirtschaftstätigkeit gebremst werden konnte. Diese Reaktion war aber mit erheblichen Kosten verbunden. Die Schulden und Haushaltsdefizite haben in einer Reihe von Euro-Ländern besorgniserregende Ausmaße angenommen. Aus diesem Grund besteht ein zunehmend dringender Bedarf an ehrgeizigen und realistischen Ausstiegs- und Konsolidierungsstrategien für die Finanzpolitik.

III. Die Antwort der Weltgemeinschaft auf die Finanzkrise

Nun möchte ich mich der globalen Antwort auf die Krise zuwenden. Ich bin der Meinung, dass sich drei wichtige Lehren aus der Finanzkrise ziehen lassen:

  • erstens muss ein robuster und solider Aufbau im Finanzsektor erreicht werden,

  • zweitens müssen Lösungen weltweit umgesetzt werden und

  • drittens müssen alle politischen Entscheidungsträger zur Finanzstabilität, Makrostabilität und Preisstabilität auf mittlere und längere Sicht beitragen.

Zu Beginn sollte die fundamentale Rolle anerkannt werden, die der Finanzsektor im Hinblick auf das Funktionieren unserer Volkswirtschaften hat. Er ist zentraler Bestandteil des Dienstleistungssektors, also der Infrastruktur, die es uns ermöglicht, unseren Tätigkeiten nachzugehen und unsere Geschäfte effizient und effektiv zu führen.

Die grundlegende Rolle des Finanzsektors besteht darin, Finanzmittel von Sparern an Anleger und von Kreditgebern an Kreditnehmer weiterzuleiten. Dies fördert eine effiziente Ressourcenallokation und Risikodiversifizierung sowohl innerhalb einer Volkswirtschaft als auch über Grenzen hinweg.

Blickt man zurück auf die Jahre vor dem Ausbruch der Krise, so kann man jedoch feststellen, dass in großen Teilen des Finanzsektors eine dramatische Verschiebung des Schwerpunktes stattgefunden hat – weg von der Erleichterung der Geschäftstätigkeit, des Handels und der Realinvestitionen hin zu ungehinderter Spekulation und riskanten Finanzgeschäften.

Die Liberalisierung und Deregulierung der Finanzmärkte sowie Finanzinnovationen haben das Potenzial, unsere Volkswirtschaften produktiver und widerstandsfähiger zu machen. Wenn Finanzinnovationen aber schlecht konzipiert und undurchsichtig sind, können sie eingesetzt werden, um die tatsächlichen Risiken von Finanzprodukten und -instrumenten zu verbergen.

Zu der gegenwärtigen Krise kam es, weil einzelne Risiken im Finanzsektor unterbewertet und systemische Risiken unterschätzt wurden. Mehrere öffentliche Stellen, einschließlich einiger Zentralbanken, hatten davor gewarnt, dass es zu einer abrupten Neubewertung im Finanzsektor kommen könnte. Diese Warnungen reichen bis in das Jahr 2006 zurück. Ein Unwetter schien sich zusammenzubrauen, man wusste aber nicht genau, wodurch es ausgelöst werden würde.

Mit Blick auf die Zukunft lässt sich feststellen, dass der Finanzsektor zu seiner traditionellen Rolle als Dienstleister der Realwirtschaft zurückkehren muss. Hierfür ist vor allem eine Änderung der Mentalität in der Finanzbranche erforderlich.

Konkreter bedeutet dies, dass der Finanzsektor die Transparenz erhöhen, sein Liquiditäts- und Risikomanagement verstärken und seine Geschäftsmodelle robuster gestalten muss. Auch müssen Anreize für seine Mitarbeiter stärker an den längerfristigen Erfolg und nicht an kurzfristige Profite gebunden werden. Unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger werden keine Rückkehr zu übermäßiger Risikobereitschaft auf Kosten der Steuerzahler dulden.

Finanzmarktregulierung und -aufsicht werden erheblich verbessert werden. Die Finanzmarktregulierung wird sich darauf konzentrieren müssen, die Eigenkapitalpolster der Banken zu stärken, die Entgelte an den langfristigen Erfolg zu koppeln und die Transparenz der Finanzinstrumente zu verbessern. Ein Aufgabenschwerpunkt der Finanzmarktaufsicht wird es sein müssen, Entwicklungen im Finanzsektor aufzuspüren, die letztlich zu systemischen Krisen führen könnten.

Dies bringt mich zum zweiten Punkt, nämlich zu der unbedingten Notwendigkeit, Reformen auf globaler Ebene zeitgleich und homogen umzusetzen. Die Krise hat gezeigt, dass kein Land den Schockwellen einer finanziellen Kernschmelze entkommen kann. Dementsprechend werden sich alle Reformbemühungen, die an nationalen Grenzen enden, als wirkungslos erweisen.

Für uns in Europa hat die internationale Zusammenarbeit im Bereich der Finanzreform zwei Dimensionen: erstens die Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union und zweitens die weltweite Kooperation.

Die institutionelle Reform innerhalb der Europäischen Union verfolgt einen zweigleisigen Ansatz. Zum einen wurde das Europäische System für Finanzaufsicht geschaffen. Es zielt auf eine bessere Koordinierung unter den nationalen Behörden ab, die für die Finanzmarktregulierung zuständig sind, und zwar insbesondere im Hinblick auf die Art und Weise der Koordinierung der grenzüberschreitenden Aktivitäten europäischer Finanzinstitute.

Zweitens wurde der Europäische Ausschuss für Systemrisiken errichtet. Er soll Frühwarnungen aussprechen und Empfehlungen geben, die dazu beitragen werden, einen erneuten Aufbau von übermäßigem Risiko im Finanzsystem insgesamt zu verhindern.

Die EZB und die nationalen Zentralbanken in der EU werden eine zentrale Rolle in diesem neuen institutionellen Rahmenwerk spielen. Aber eine intensive Zusammenarbeit muss nicht an den Grenzen Europas enden. Angesichts der engen Verflechtungen der Finanzzentren ist ein globaler Ansatz unerlässlich.

* * *

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Global Economic Governance, d. h. das multilaterale, regelgestützte Management der Weltwirtschaft, erheblich weiterentwickelt. Zur Zeit der ersten Ölkrise Mitte der 1970er Jahre sahen die großen Industrieländer Bedarf für eine internationale Einrichtung, die einen regelmäßigen Informationsaustausch zwischen den wichtigsten Volkswirtschaften ermöglichen würde. Dies ebnete den Weg für die Schaffung der G 7. In diesem Forum sind die sieben Volkswirtschaften vertreten, die damals im Hinblick auf die weltweite Produktion und den internationalen Handel führend waren. Gemeinsam mit drei nationalen Zentralbanken vertritt die EZB in der G 7 das Eurosystem.

Der G 7 kommt auch weiterhin eine wichtige Rolle zu, die Finanzkrise hat aber gezeigt, dass es erforderlich ist, Global Economic Governance auf Ebene einer umfassenderen und informellen internationalen Gruppe zu stärken, die die bedeutendsten Länder und globalen Institutionen vereint. Vor drei Wochen wurde beim Gipfel in Pittsburgh beschlossen, dass die G 20 das wichtigste Forum für internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit werden soll.

Ich selbst war in den letzten 22 Jahren in unterschiedlichen Funktionen an den G-7-Gesprächen beteiligt. Die G 7 bleibt ein nützliches Forum für den Austausch zwischen den großen Industrieländern, die schließlich eine erhebliche Verantwortung für das Entstehen der jüngsten Krise tragen.

Ich war auch Zeuge der Gründung der G 20 nach der Asienkrise Ende der 1990er Jahre. Es war ein bedeutsamer Schritt, die aufstrebenden Volkswirtschaften stärker in den Prozess der Global Economic Governance einzubinden. Und ich bin daher, angesichts der derzeit gegebenen äußerst schwierigen Umstände, mit der wichtigeren Rolle der G 20 voll und ganz einverstanden.

Was mich im Hinblick auf dieses neue globale Forum am meisten beeindruckt, ist die praktisch universale Übereinstimmung in globalen Wirtschaftsfragen, die erreicht worden ist. Es gibt auf Ebene der G 20 einen breiten Konsens bei der Diagnose der Krise. Weiter besteht ein breiter Konsens hinsichtlich der angemessenen Reaktion auf die Krise. Und es gibt einen breiten Konsens über die Richtung der Reformen des Finanzsektors sowie über die wesentlichen Konzepte, die ich soeben dargelegt habe.

Man ist sich zudem darüber einig, dass die gesamtwirtschaftliche Politik auf inländischer Ebene mit dem Ziel von globaler Finanz- und Wirtschaftsstabilität im Einklang stehen muss. Globale gesamtwirtschaftliche Ungleichgewichte zählen zu den eigentlichen Ursachen der Finanzkrise.

Für die Zukunft muss das Kurzfristdenken bei gesamtwirtschaftlichem Handeln überwunden und durch eine mittelfristige Orientierung, die die Stabilität verbessert, ersetzt werden. Dieser Fokus auf die mittlere Sicht, die ein Kernbestandteil der geldpolitischen Strategie der EZB ist, hat unsere Aufgabe der Gewährleistung von Preisstabilität im Eurogebiet erheblich erleichtert, und zwar sowohl in Zeiten höheren Inflationsdrucks als auch in Zeiten deflationärer Risiken aufgrund von finanziellen Spannungen. Ich bin davon überzeugt, dass sich ein klares Bekenntnis zur mittelfristigen Ausrichtung günstig auf alle Politikbereiche und alle Regionen der Welt auswirken wird.

All diese Bemühungen werden dazu beitragen, ein Umfeld zu schaffen, das der Finanzstabilität förderlich ist. Aber der Erfolg hängt zuallererst von einer deutlichen Änderung des Verhaltens und des Risikomanagements im Finanzsektor selbst ab. Die politischen Entscheidungsträger, Aufsichtsinstanzen und Regulierungsbehörden auf der ganzen Welt müssen sicherstellen, dass der Finanzsektor wirklich die entsprechenden Lehren aus der Krise zieht.

IV. Schlussfolgerungen

Ich habe über die Lehren, die aus der Finanzkrise zu ziehen sind, und über die bisherigen Fortschritte bei der Reparatur des globalen Finanzsystems gesprochen. Die Zentralbanken und Regierungen weltweit haben mutig gehandelt. Dieses Handeln hat Früchte getragen und wiederhergestellt, was mir noch vor wenigen Monaten eine sehr seltene Ressource zu sein schien: das Vertrauen in die Zukunft.

Es muss aber noch mehr getan werden. Das Programm für Finanzreformen, das kürzlich von der G 20 vereinbart wurde, muss entschlossen umgesetzt werden. Der Finanzsektor muss sich grundlegend ändern. Er muss einen größeren Schwerpunkt auf robuste Geschäftsmodelle, solide Bilanzen und ein deutlich besseres Liquiditäts- und Risikomanagement legen.

Auf der ganzen Welt müssen wirtschaftspolitische Entscheidungsträger ihr Bekenntnis zu mittelfristiger Stabilität erneuern.

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Notwendigkeit struktureller Reformen über den Finanzsektor hinaus dringender ist als je zuvor. Strukturelle Schwachstellen sind durch die Finanz- und Wirtschaftskrise noch deutlicher zutage getreten. Die Finanzkrise hat die Notwendigkeit struktureller Reformen in anderen Bereichen nicht beseitigt; sie hat sie lediglich aus den Schlagzeilen verdrängt. Reformen, die darauf abzielen, die Auswirkungen der Bevölkerungsalterung zu bewältigen und das Potenzial Europas für künftiges Produktionswachstum zu erhöhen, bleiben für Entscheidungsträger im Eurogebiet klare Priorität.

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Erlauben Sie mir zum Schluss, einige Worte zur Rolle des Euro zu sagen. Die letzten zwei Jahre haben uns seinen Wert vor Augen geführt. Der Euro ist keineswegs nur eine Schönwetterwährung. Er hat sich als Stabilitätsanker in stürmischer See erwiesen. Das wichtigste Beschlussorgan für den Euro ist der EZB-Rat, in dem wir – die Direktoriumsmitglieder der EZB und die Präsidenten der nationalen Zentralbanken im Eurogebiet – unsere Entscheidungen kollegial treffen. Da ich hier in Deutschland spreche, möchte ich meine EZB-Ratskollegen Jürgen Stark und Axel Weber erwähnen. In der Vergangenheit haben Mitglieder wie Hans Tietmeyer und Otmar Issing entscheidende Beiträge geleistet.

Ohne den Euro wären Spannungen zwischen den Ländern im Eurogebiet nicht auszuschließen gewesen. Dies hätte unseren Unternehmen zusätzlich zu schaffen gemacht.

Im Rückblick kann man die Einführung des Euro vor knapp elf Jahren als eine weise und vorausschauende Antwort Europas auf die Herausforderungen von heute sehen.

Sie und alle 330 Millionen Bürgerinnen und Bürger des Eurogebiets können sich darauf verlassen: Die EZB wird ihre Verantwortung für eine stabile europäische Währung auch weiterhin wahrnehmen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



[1] In die verbleibende Gruppe fällt die Kategorie „weiß nicht“.

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